Merkur Nr.677/678, Sept./Okt. 2005

Sichtbarkeit der Zeit
Skizze für ein Museum der Transformationsperiode

von Karl Schlögel

 

Das mittlere und östliche Europa nach 1989 war der Hauptschauplatz dessen, was man im Wissenschaftsjargon als Übergangs- oder Transformationsperiode zu nennen sich angewöhnt hat. Mit nicht geringem personellen und finanziellen Aufwand ist ein regelrechter Forschungszweig neu etabliert worden. Transformationsstudien, »studies in transition«, Transitologie waren Boomsparten der neunziger Jahre. Aber wenn wir uns ein Bild von dieser turbulenten Zeit, die Europa verändert hat, machen wollen, dann wären wir verloren, wenn wir uns auf die Arbeiten der Transformationsforschung verlassen würden. Ihre Aufgabe war es, den Überblick zu behalten über die fast spontan-naturwüchsigen und chaotischen Vorgänge der achtziger und neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die in das Auseinanderfallen der Sowjetunion, den Kollaps des sozialistischen Systems und das Verschwinden des ehemaligen Ostblocks einmündeten. Sie sollten als Experten in Ökonomie, Soziologie, Politik gewisse Hauptlinien, »Entwicklungspfade« herauspräparieren und den politischen Eliten mit ihrer Expertise zur Seite stehen, Kommentare liefern und Entscheidungen begründen. Ihre Arbeit kreiste um die großen Fragen »beschleunigten gesellschaftlichen Wandels«: Entstaatung der Volkswirtschaft, Privatisierung von Eigentum, Aufbau von Institutionen der Selbstverwaltung, Entwicklung von politischen Strukturen, Entstehung von Parteien usf.

Was diese Studien und Forschungen an Erkenntnis und praktisch relevanten Handreichungen gebracht haben, ist umstritten. Das systembezogene Denken hat sich mit den Phänomenen der osteuropäischen Wirklichkeit immer schwer getan, und es ist kein Wunder, daß es gänzlich vom Kollaps »des Systems« überrumpelt worden ist. Zu einer tiefgehenden Krise und Selbstreflexion der Systemforschung und Sozialismusanalyse ist es nach 1989 entgegen manchen Ankündigungen nicht wirklich gekommen. Die Systemdenker waren denkbar schlecht gerüstet, und mancherorts konnte man nach dem Ende der Systeme fast so etwas wie Phantomschmerzen und Entzugserscheinungen bemerken. Einer hochgerüsteten und hochdotierten Wissenschaft war der Feind, der so wohlvertraute Feind, abhanden gekommen. Die Systemkritik kam in der Regel ohne Ortsangaben aus, jetzt aber waren konkrete Orte und Räume wieder da. Systeme wurden in Modellen gefaßt, in denen es eigentlich keine Zeit gab. Nun aber war die Zeit wieder losgelassen, und die Zeiten stießen heftig aufeinander.

Die retrospektiven Einschätzungen darüber, welchen Einfluß theoretische Modelle für die »Steuerung des Transformationsprozesses« gehabt haben könnten, gehen weit auseinander. Sie reichen von der Vorstellung, die Modelle seien ausschlaggebend gewesen für Tempo, Erfolg oder Mißerfolg bis zu der These, daß es sich im Grunde um nicht mehr als ein Ornament des akademischen Betriebes, eine weitere Schleife der Selbstreferentialität, eine Arabeske im Diskurs gehandelt habe. Darüber wird uns eines Tages eine Wissenschaftsgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts Auskunft geben. Unbestritten ist freilich, daß der Rede von der Übergangsgesellschaft, von Transition und Transformation ein eigentümlicher Zug inhärent ist. Die Rede vom Übergang suggeriert, daß wir es bei den Erscheinungen der Gegenwart eigentlich mit Erscheinungen minderer Qualität zu tun haben. Erfahrungen und Wirklichkeit sind gleichsam in eine Klammer gerückt. Die Gegenwart, die Wirklichkeit steht unter Rechtfertigungszwang. Sie ist nur von Belang, sofern sie eine Rückständigkeit oder eben die Überwindung dieser Rückständigkeit anzeigt. Die Erscheinungen der Gegenwart sind allesamt dazu verurteilt, vorübergehend zu sein, ersetzt und abgelöst zu werden von etwas anderem, Zukünftigem.

In »starken« Übergangstheorien wird sogar von einer Richtung oder Gerichtetheit, vielleicht sogar von einer Machbarkeit von Geschichte und Gesellschaft ausgegangen, von einer Logik, die dem Prozeß innewohne. In der sogenannten Transitologie wird der Schritt zu einer »Logik des Transformationsprozesses« nahegelegt. Mit anderen Worten, sie hat einen unübersehbaren und kräftigen teleologischen Zug. Nicht von ungefähr ist sie die Hauswissenschaft der Politikberatung und von allerlei Consultingfirmen, die angeblich wissen − heute muß man sagen: die angeblich wußten −, wohin die Reise gehen sollte.

Transitologie ist konstitutionell desinteressiert an der Gegenwart, sie gewinnt ihre (falschen) Sicherheiten aus normativen Annahmen über das, was war, und das, was werden soll: vom Sozialismus zum Kapitalismus, von der Diktatur zur Demokratie, vom Staats- zum Privateigentum, vom Plan zum Markt. Sie hat einen Blick für reine und polare Formen, Idealtypen, Modelle. Das große Problem jeder Analyse, eine Sprache für die Gegenwart – Ernst Blochs »Dunkel des gelebten Augenblicks« − zu finden, ist nicht ihr Problem. Sie fühlt sich zuständig nicht für die Welt der Erscheinungen, sondern für das Wesen, manchmal sogar für deren Gesetze und Logik. Die Erscheinungen sind das, was bleibt zwischen Ausgangs- und Zielpunkt. Anstatt die Aufmerksamkeit für die Phänomene zu schärfen, wird sie mit Verweis auf deren transitorischen Charakter entwertet, gemindert. Bilder der Wirklichkeit werden so zu einem Rest, eingezwängt zwischen zwei Polen: diffus, grau, unscharf, auch unsauber.

Es muß mit dieser Konstitution von Theoriebildung, von Modellbildnerei zu tun haben − und auch mit der Konstitution der Theoretiker −, wenn die Wirklichkeit des mittleren und östlichen Europa, die jeden ansprang, der sich dort aufhielt, nicht vorkommt. In diesen Analysen war kein Platz für den rapiden Wandel im Äußeren der Städte. Es gab darin nicht jene Ex-Komsomolführer, die sich als Unternehmer neuen Typs profilierten. Im Modell gab es keinen Platz für die Riesenbasare, die in den großen Städten, meist aber außerhalb der Städte, auf der grünen Wiese, sich gebildet hatten. Die Bewegung der Hunderttausende von Shopping-Touristen, die zwischen Kiew und Istanbul, zwischen Riga und Stockholm, zwischen Tallinn und Helsinki, zwischen dem russischen Fernen Osten und Japan pendelten – die Ameisenhändler waren im Modell nicht vorgesehen. Eigentlich reagierte die Akademie auf diese Erscheinungen erst, als diese bereits im Begriff waren, wieder zu verschwinden und den »normalen Formen« von Handel und Geschäft zu weichen. Es geht hier nicht um den Vorwurf mangelnder Anschaulichkeit, daß es der Wissenschaft hier am nötigen Kolorit fehle oder um die unterentwickelte Fähigkeit, sich »verständlich« auszudrücken, sondern es geht um den Ausschluß der Wirklichkeit selbst, nicht mehr und nicht weniger.

Wer sich ein Bild von den neunziger Jahren machen möchte, wird in der bibliothekenfüllenden Literatur der Transformationsforschung wenig Bilder finden. Sie war zu schwerfällig, ja immobil, um auf die unvermuteten und überraschenden Bewegungen reagieren zu können. Sie klebte zu sehr an den Statistiken, die doch die doppelte Wirklichkeit gar nicht mehr abbildeten. Sie schrieb ihre Bücher auf der Grundlage von Büchern, die aus einer Vorzeit stammten, in der die neuen Tatsachen und Formen noch nicht einmal spruchreif gewesen waren. Anstatt hinauszugehen in die rasend sich verändernde Welt, anstatt den Fuß auf das Terrain zu setzen, in dem sich dies alles abspielte, klammerte sich die Forschung an die alten Wissensbestände. In einer Zeit, in der sich eine ganze Staatenwelt auflöste, Gesellschaften und Lebensformen aus den Fugen gingen, scheute sie das Risiko, das man eingehen muß, wenn ein neuer Kontinent zu entdecken ist.

 

 

Die Transitionsforschung hielt sich eher an bewährte Rezepte als an ein »Denken ohne Geländer«. Sie war auf den Umsturz der Welt nicht vorbereitet: Sie kannte zwar die Akteure der Welt von gestern, die Direktoren der Institute und Akademien, die Verhandlungsführer der internationalen Konferenzen und Kommissionen, nicht jedoch jene, die, aus dem Nichts aufgetaucht, von nun an die Spielregeln definierten. Die etablierte Forschung, die immer schon einen Horror vor allem hat, was nicht dazugehört, empfand einen regelrechten Ekel vor der neuen Wirklichkeit. Sie trieb sich lieber wie bisher auf den internationalen Konferenzen herum, wo jeder jeden kennt, als in einer Wirklichkeit, die noch der Erkundung und Aufklärung bedurfte. Wie sehr entsinne ich mich der Gespräche mit Experten der Transitionsforschung, die es seltsam fanden, wenn sich jemand auf den Basaren oder Grenzübergängen des neuen Europa umsah. Sie fanden Berichte aus dieser Wirklichkeit immerhin »interessant« und »exotisch«.

Die Wirklichkeit überließ man den Journalisten. Sie waren die schnelle Truppe, die Task Force der Wirklichkeitssichtung und Wirklichkeitssicherung. Die Kameras der Fernsehteams vor Ort fingen die Bilder ein, die ein Ende besiegelt oder einen Neuanfang irreversibel markiert hatten. Die Mikrofone hielten den neuen Tonfall fest, in dem fortan über die Welt gesprochen wurde. Man hielt sich als gewöhnlicher Fernsehzuschauer auf dem laufenden, während man für sich, epistemologisch, Konsequenzen zu ziehen nicht bereit war.

 

Zeitmessungen, Ortsbesichtigungen

Eine Analytik, die sich auf die Wirklichkeit einläßt, hat ihre Untersuchungsfelder, ihre Anlaufstellen, ihre Meßpunkte. Man kann sie in regelmäßigen Abständen und in einer bestimmen Abfolge aufsuchen, und man findet dann etwas heraus über Tempi, Durchschlagskraft, Oberflächlichkeit von sozialen Umwälzungen. Man kann sich vertraut machen mit der »histoire événementielle« und der »longue durée«. Man kann in solchen Langzeitbeobachtungen seinen Blick schärfen und Urteilskraft gewinnen. Bilder und Eindrücke sind wesentlich, nicht bloßer »Impressionismus«. Wenn Moskau seine Skyline fast in halbjährlichem Rhythmus ändert, dann sagt dies etwas aus über den Druck von Investitionen auf die russische Hauptstadt. Wenn Petersburg noch immer darauf wartet, wieder in Fahrt zu kommen, wie ein Tanker, der auf der Sandbank der Zeit gestrandet ist, dann besagt dies etwas über die Kräfte, die nötig sein werden, um die Hauptstadt des Russischen Reiches wieder in Form zu bringen. Und wenn man in Nischni Nowgorod eine eindrucksvolle Bautätigkeit vorfindet, die ganz spezifische lokale Bauformen wieder aufnimmt, dann besagt dies etwas über den Grad der Selbständigkeit von Städten draußen in der »Provinz«, die sich aus der Fixierung auf die Hauptstadt gelöst und zu sich selbst zurückgefunden haben.

Fast überall sind es die nämlichen Indikatoren, aus denen man seine Schlüsse zieht. Das Auge hält sich an das, was man »auf den ersten Blick« zu sehen bekommt. Wie sich ein Stadtbild seit dem letzten Besuch verändert hat, ob eine Stadt städtischer oder provinzieller geworden ist, wie sich die Menschen kleiden und bewegen. Alle Details sind bedeutsam: der Inseratenteil der Zeitungen, besonders die Immobilienanzeigen, welche Filme in den Kinos gezeigt werden, das Tempo, mit dem man im Supermarkt abgefertigt wird, der Zustand der Bahnhofshalle und die Routiniertheit, mit der das Ticket ausgestellt wird.

Untrügliche Indikatoren, wohin die Entwicklung geht, sind die Prozeduren beim Grenzübertritt, die Schnelligkeit und Höflichkeit, mit der man an der Rezeption eines Hotels bedient und abgefertigt wird. Um den Zustand einer Stadt beurteilen zu können, kann die Zahl von Straßencafés aufschlußreich sein. Wenn die Basare und Kioske aus der Innenstadt verschwunden sind, dann ist das ein Zeichen dafür, daß sich das Wirtschaftsleben normalisiert hat, und wenn nicht mehr so viele Leute in Trainingsanzügen und Reebokschuhen herumlaufen, dann kann das bedeuten, daß die ursprüngliche Akkumulation abgeschlossen und eine neue Runde in Selbstbewußtsein und Selbstdarstellung eröffnet ist. Der Zustand an Bahnhöfen sagt etwas darüber, ob die Routinen intakt sind, und die Gelassenheit, mit der Leute auf ihren Bus warten, bedeutet, daß er kommt.

Eine große Zeit des Vergessens ist angebrochen: Die einst allgegenwärtigen Schlangen sind den Jungen schon kein Begriff mehr. Die Vorstellung, daß man außerhalb der großen weiten Welt sein könnte, kommt schon nicht mehr auf bei denen, die inzwischen in Berlin, Wien oder Istanbul waren. Pendelbewegungen zwischen Sankt Petersburg und Helsinki oder zwischen Posen und Berlin haben aus Einheimischen Europäer gemacht, für die die Grenzüberschreitung Routinesache geworden ist. Manche Horrorszenarien haben sich nicht bewahrheitet: Die Wogen des Konsum- und Verpackungsmülls, die nach der Wende über den Ostblock hereingebrochen waren, sind mittlerweile gebändigt. Andere Entwicklungen wiederum haben die düstersten Befürchtungen übertroffen: In den Greueln auf dem Balkan und im Nordkaukasus war nach einem halben Jahrhundert der wirkliche Krieg, nicht der Krieg als Simulation, nach Europa zurückgekehrt.

Man hat inzwischen gelernt, sich auf neue soziale Phänotypen einzustellen: auf Leute, die in schwarzen Limousinen mit schwarz getönten Scheiben gefahren werden und denen die Tür geöffnet wird von glatzköpfigen jungen Männern mit Earphones, deren Schnüre im Nacken verschwinden. Alles besagt etwas: die Preissteigerung für Metro, Busse und Züge, die mit Metallstreifen versehenen neuen Bücher, das Design eines neuen Restaurants. Man findet Indizien dafür, ob die Modernisierung nur ein punktuelles Ereignis ist oder sich ausbreitet und von Dauer ist. Ein Blick auf die Fassaden sagt uns etwas über die Inwertsetzung von Innenstädten, über die Privatisierung des Wohnungsmarktes. Der Triumph von IKEA klärt uns darüber auf, daß eine ganze Gesellschaft sich neu möbliert und das Mobiliar einer zu Ende gegangenen Epoche auf den Abfallhaufen der Geschichte wandert.

Man kann die Beschleunigung der Zeit in den osteuropäischen Metropolen ebenso messen wie deren Verlangsamung draußen in der Provinz, den Eintritt ins »digital age« ebenso wie die Regression in die Subsistenzökonomie der Vormoderne. Das Geräusch, das die Reifen auf den Pflasterstraßen und Alleen erzeugt haben, verstummt und weicht dem Geräusch, das glatter Asphalt hervorruft − so geht der Sound einer Epoche zu Ende. Gerüche verschwinden: der beißende Geschmack der Marke Belomor oder der Geruch verderblicher Lebensmittel. Was früher Fiskultura war, heißt jetzt Fitness, und was einmal eine Turbasa war, nennt sich jetzt Wellness-Center. Die Zahl der neuen Hochhäuser in Warschau, die gläsernen Türme von Tallinn oder am Potsdamer Platz sind alle gebaute Dementis einer einmal spektakulären These vom »Ende der Geschichte«.

Die Zeit, die einmal festgestellt war, ist losgelassen. Das einzige, wovon der Ostblock im Überfluß hatte − Zeit −, ist nun knapp geworden. Die Abfertigungsprozedur an den Flughäfen verrät, daß die nationalen Zeiten Anschluß gefunden haben an die Weltzeit. Jede Reise in die Region im letzten Jahrzehnt war eine Reise in das Auseinanderfallen der alten Zeit und die Homogenisierung der Zeit der neuen Räume. Herstellung von neuen Zeiträumen, Verfertigung von neuen Erfahrungs- und Lebenshorizonten. Ortsbesichtigungen, wenn sie nicht bloß den Sehenswürdigkeiten gelten, sondern dem Lebensprozeß, sind Formen von Zeitdiagnose. Sie kann an der Metamorphose öffentlicher Plätze Verfallszeiten und Inkubationszeiten ablesen. Es ist jene Situation, in der Zeitgenossen zu Historikern und Historiker zu Zeitgenossen werden.

Die Experten, die die Bilder zusammenstellen könnten, in denen die Zeit des Übergangs geronnen ist, die Kuratoren, die eine Ausstellung der Transformationsperiode betreuen könnten, sind vermutlich nicht die berufsmäßigen Beobachter und Kommentatoren, also die Intellektuellen und Schriftsteller. Sie waren noch in der Übergangszeit vor allem zuständig für die Träume von Europa und für die Kritik einer Realität, die das Pech hatte, von diesen Träumen abzuweichen. Oh, hätte es doch Leute vom Format Georg Simmels gegeben, die in den Zentren des neuen Europa − in Budapest, Warschau oder Petersburg − ihre Antennen aufgestellt und den Bildungsprozeß der neuen Gesellschaft aus der Nähe beobachtet und analysiert hätten!

Und doch gibt es eine neue Schicht, kenntnisreich und beweglich, die die Bilder vom veränderten Europa zusammentragen wird. Das sind vielleicht die Logistiker und Spediteure, die die neuen Routen ausgearbeitet haben; sie alle sind Spezialisten für die Erkundung der kürzesten Wege in einem erweiterten Europa. Dazu gehören vielleicht auch die diversen Händler und Schmuggler − Waffen, Menschen, Drogen −, deren aggressive Intelligenz stärker ist als die Strategen, die sich einbilden, die Herren des Verfahrens zu sein. Es sind vielleicht eher die Ingenieure, die neue Brücken und Korridore errichten, als jene Visionäre, die immerzu vom Bau des »europäischen Hauses« sprechen. Man erfährt unendlich viel Neues, wenn man einem Banker zuhört, der neue Stützpunkte der Geld- und Kapitalzirkulation errichtet und sich aus eigener Anschauung ein Urteil über die »Ökonomik der Transformationsperiode« bildet. Wieviel aufschlußreicher sind die Erzählungen von Grenzbeamten, die Tag für Tag mit den Grenzgängern zu tun haben. Eine neue Klasse von »transnationals« und »expatriates« hat sich herausgebildet, sie läßt sich, je nach wirtschaftlicher oder politischer Konjunktur, von einem Ort zum anderen treiben: heute Prag, morgen Budapest, später vielleicht Bukarest oder Kiew. Europa hat auch seine geistigen Ameisenhändler.

 

Bilder einer Ausstellung im Museum der Übergangsperiode

Vielleicht ist jetzt die Zeit für eine Ausstellung gekommen, zu der wir im Moment des Geschehens nicht die Muße hatten. Jede Zeit hat ihren spezifischen Blick. Eine Spätzeit wahrscheinlich einen der Gelassenheit, des Ins-Auge-Sehens, fatalistisch-ruhig, auch melancholisch. Aufbruchszeiten sind noch zu nahe an den Ereignissen, nervös, hektisch. Vielleicht stellt sich jetzt das Mittlere ein. Die veränderte Welt gab sich zu erkennen. Der Dogmatismus des alteingesessenen, wohlanständigen und allzu selbstsicheren Europa ist dabei sich aufzulösen. Die Zeiten, wo man das Neue als exotisch abtun konnte, sind vorbei. Es hat allzulange gedauert, bis man wieder anfing, den eigenen Augen zu trauen.

Eine post festum arrangierte Ausstellung der Übergangsperiode würde die Bilder zusammenbringen, die uns die Transitionsforschung vorenthalten hat. Es sind die Bilder, die einmal den Zeithorizont der Generation ausmachen und die in der familialen Erzählung weitergegeben werden. Es sind vor allem Farbbilder, Kodak und Fuji, oder sogar Videobilder, jedenfalls nicht mehr in Schwarzweiß, der Farbe der Vorkriegs- und der Nachkriegszeit. Im Katalog dieser Ausstellung wären nicht so sehr die historischen Augenblicke festgehalten, die wir alle kennen − die Evakuierung Ceaușescus, die Öffnung der Berliner Mauer, Sacharows Auftritt vor dem Obersten Sowjet −, sondern die sich verändernde Umgebung, die molekularen Prozesse und kapillaren Verästelungen.

Man kann darauf die weiß-blau-rot gestreiften Polyäthylentaschen sehen, abgestellt auf Bahnsteigen und an Omnibusbahnhöfen, an Grenzübergängen und auf Fähren, gleichsam die Farbe der Grenzdiffusion, der Subversion der Warenzirkulation, die Bagage einer ganzen Generation von Ameisen- und Kleinhändlern, die Europa von einem zum anderen Ende durchfahren und zu ihrem Handels- und Erfahrungsort gemacht haben. Dort würde man Bilder von der Hagia Sophia, von der Pier Salonikis oder Palermos im Hintergrund finden, wo Touristen an Land gegangen sind, aber nicht des Tourismus wegen. Das Album enthielte Bilder einer neuen Welterfahrung: Nun sind die türkische Riviera oder Spanien oder Italien dabei. Der Reisebüroprospekt ist nicht nur ein Reklamezettel, sondern das ästhetische Zeugnis einer großen Go-West-Wanderung, vergleichbar nur dem, was Westeuropa in den fünfziger und sechziger Jahren hinter sich gebracht hatte. Das Album zeigte Städte, die bisher eher im Abseits gelegen hatten und nun aus der Versenkung aufgetaucht sind.

Man würde in dieser Ausstellung die charakteristischen Objekte der materiellen Kultur des Übergangs wiederfinden: Getränke und Säfte in allen Farben und in Plastikflaschen abgefüllt; Snickers, aus der Türkei herbeigeschafft; Baumarktinventar zum Datschenausbau; Plastikstühle, mit denen die ersten Straßencafés renommierten; Alu- und PVC-Fenster- und Türrahmen als Zeichen von »Euroremont«, der großen Renovierung; gepolsterte Türen, die endlich ausrangiert werden; Kinderbücher, die man nun nicht mehr aufbewahren und an die nächste Generation, die es lieber mit Videospielen hält, weitergeben will; sozialistische Orden, Auszeichnungen, Urkunden, die ihren Weg auf die Ramschtische der Touristenzentren gefunden haben; Denkmäler, die gestürzt sind und nun entsorgt werden müssen; ausgemusterte Bibliotheken von Schulen und Kulturzentren, für die kein Lehrplan noch eine Verwendung hat; ausgeräumtes Mobiliar − das Gehäuse einer Epoche und die Bilder einer Lebensform, die untergegangen ist.

 

 

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