Merkur, Nr. 140, Oktober 1959

Aus einer deutschen Diaspora

von Ludwig Marcuse

 

Am Ostersonntag 1939 kamen wir auf dem „Präsident Harding“ in New York an. Ich hatte keine Ahnung, wer Präsident Harding gewesen war . . . und von New York wußte ich nur, daß es dort Wolkenkratzer gibt. Der Steward hatte uns immerzu „turkey“ (Truthahn) angeboten — und wir hatten immer abgelehnt. Was sollten wir mit der Türkei?

Die erste Frage, die ich auf amerikanischem Boden stellte, lautete: sind 500 Dollar viel oder wenig? Soviel genau stand zwischen mir und dem Hunger. Glaubte ich. Aber da stand am Peer: mein amerikanischer Agent, ein gebürtiger Holländer, mit einem Scheckbuch in Bereitschaft. Da stand — grau verhärmt, ich erkannte ihn kaum wieder — Ernst Toller und bot mir Hilfe an. Da war ein Mitglied des „Institut für Sozialwissenschaft“ und teilte mir mit, daß ein Zimmer für mich reserviert sei. Das hatte bereits mein Freund Manfred Georg getan, der als Journalist auf dem Lotsenboot dem „Präsident Harding“ entgegengefahren war und, mitten auf dem Hudson, mich für den New-Yorker „Aufbau“ interviewte, der damals noch so klein war, daß man ihn in die Westentasche stecken konnte, so man eine hatte. Ich fühlte mich gerettet.

Der Mai war schlimm. Schlechte Nachrichten kamen übers Meer. In New York war schon jetzt, im Frühling, eine feuchte Hitze, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Noch um zwölf Uhr nachts, am Ufer des Hudson sitzend, atmete man schwer; und das Hemd war naß. Der Mai ist — abgesehen davon, daß Winterstürme dem Wonnemond weichen — in mancher Beziehung keine Wonne; zum Beispiel (nach der Statistik) der Monat, in dem die meisten Selbstmorde stattfinden. Ernst Toller war in einem schlimmen Zustand, das war schon auf den ersten Blick zu sehen. Seine Frau, die Schauspielerin Christiane Grautoff, hatte ihn verlassen. Sein guter Stern hatte ihn verlassen. Arbeiten konnte er kaum. Sein Kurs war im Sinken. Wenn ihn ein amerikanischer Journalist, der ihm vor einem Jahr nachgelaufen war, auf der Straße nur lässig grüßte, wurde Toller wild vor Schmerz. Dies Spiegelbild seines Abstiegs peinigte ihn sehr.

Ende Mai war er zum Essen bei uns. Wir machten einen Spaziergang, den Fluß entlang, und sprachen über unseren gemeinsamen Freund Joseph Roth. „So möchte ich schreiben können“, sagte Toller niedergeschlagen. Mehr als alles andere zermürbte ihn das Mißverhältnis zwischen seinem Weltruhm und seiner Begabung. Es ist noch nicht genügend beachtet worden, wie viele Selbstmorde zurückgehen auf die Unfähigkeit, sich selbst Genüge zu tun.

Der andere Druck, der auf seinen letzten Tagen lastete, war der Verdacht, der damals erst herumgeisterte: ein Pakt zwischen Hitler und Stalin, auf der Basis einer Teilung Polens. Alle Intellektuellen, auch die anti-stalinistischsten, dachten immer noch innerhalb des Koordinaten-Systems Rechts und Links, fortschrittlich und reaktionär. Wie verleidet ihnen auch der russische „Fortschritt“ war, an dieser seltsamsten Fortschrittlichkeit zerbrach dies Ordnungs-Schema noch nicht. Jetzt kam zum ersten Mal in Sicht, was für unmöglich gehalten worden war, obwohl schon vor Jahren Nationalsozialisten und Kommunisten gelegentlich zusammengearbeitet hatten: eine Allianz der feindlichsten Feinde. Für Toller bedeutete diese Möglichkeit, in jenem Mai virulent geworden durch eine Unzahl von Gerüchten: das Ende politischer Orientierung. Das traf ihn noch schwerer als die Überzeugung, daß die französischen und englischen Gegner Hitlers ihm nicht gewachsen waren. Toller konnte sich eine lebenswerte Zukunft nicht einmal mehr vorstellen. Ich habe selten eine solche Hoffnungslosigkeit gesehen — damals sehr repräsentativ für das, was viele von uns spürten.

Während des Abendessens sprachen wir (ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam) über Selbstmörder. Ich verteidigte sie — in der Überzeugung, daß es sehr kranke und sehr gesunde gibt. . . und daß beiden nichts vorgeworfen werden kann; und daß es eine Schande ist, wenn selbst ein Pessimist wie Schopenhauer sich kleinbürgerlich entrüstete. Toller griff meine Verteidigung leidenschaftlich an. Heute verstehe ich seinen heftigen Ausbruch. Damals war ich taub. Er wehrte sich gegen den Trieb der Selbstzerstörung, der übermächtig wühlte.

Am nächsten Morgen unterhandelte er am Telefon lange mit einem Agenten; es handelte sich um die Differenz von einem halben Prozent. Etwas später nahm er die Kordel seines Morgenrocks und erhängte sich im Badezimmer. Es war nicht der erste Versuch gewesen; diesmal glückte er. Er hinterließ keinen Brief. Die Tat war ganz offenbar ungeplant. Wer reif ist, weiß es vielleicht noch nicht fünf Minuten vorher, daß er es tun wird.

In Paris las Roth noch die schlimme Nachricht, im Café de la Poste, dem kleinen Bistro neben dem Luxembourg, in dem er jetzt wohnte. Er schrie: „Das hättest du nicht tun sollen!“ Einige Stunden später war auch er tot. Der zweite Selbstmord in diesem Mai 1939, der mich hart traf. Er ist eine langsamere, subtilere, weniger wütende, passivere Selbstzerstörung gewesen: durch Absinth. Die Diagnose ist in beiden Fällen dieselbe: sie gingen aus Mangel an Zukunft zugrunde. Denn auch der Poet lebt nicht vom Märchen allein. Und die Gegenwart war so aufdringlich, daß sie nicht mehr eine Flucht in die Hoffnung zuließ. Roths und Tollers Ausweichen in den Tod zeigte an, wo wir hingekommen waren.

Es gibt ein Wort, das heißt: „exterritorial“. So ist die französische Botschaft in London — französisches Gebiet, unter französischen Gesetzen. Man könnte dies „Exterritorial“ erweitern und mit ihm das Leben aller bezeichnen, die im Ausland nisten — zwar nicht gemäß den Gesetzen des Landes ihrer früheren Jahre, aber doch gemäß den Sitten, Ideen und Reaktionen, die ihnen eingepflanzt worden waren. Man weiß, daß es vor allem im Einwanderer-Land Amerika (besonders in New York) italienische, deutsche, jüdische, norwegische Einsprengsel gibt . . . kleine Abbilder der Heimat. Weniger wird beachtet, weil es weniger sichtbar ist, daß Einzelne „exterritorial“ leben — nach den vielen winzigen Gesetzen, nach denen sie vor Jahrzehnten (zum Beispiel in Berlin N.W. 23, Hansa-Viertel) angetreten waren. Das sind die winzigsten Enklaven. Eine von ihnen bin ich geworden.

New York war mir nach sechs Wochen verleidet. Ich erkannte: ich bin zu klein dafür — und sehnte mich fort. Ein Freund, der Mitleid mit mir hatte, nahm mich heraus. Er fuhr zufällig nach Los Angeles; deshalb bin ich seit zwanzig Jahren in dieser Stadt. Eine seltsame Siedlung.

Man ist gewohnt, sich alles Amerikanische ganz jung vorzustellen; es scheint eher so zu sein: auch das Alte hat hier auffallend oft ein Baby- Gesicht — zum Beispiel Los Angeles. Juan Rodrigez Gabrillo entdeckte den Los-Angeles-Hafen am 8. Oktober 1542 — aber man sieht dem greisen Säugling seine Jahre nicht an. Auch die anderen Staaten Amerikas denken von Kalifornien: es soll erst einmal in die Jahre kommen. Als ich das erste Mal mit der Bahn nach New York zurückfuhr, sagte eine Kalifornierin zu mir: „Sobald wir Kalifornien verlassen, kommen wir in die Vereinigten Staaten.“

Innerhalb des Staates spielt Los Angeles die Rolle des Wildfangs: es hört nicht auf. Ich sah einmal eine Kabarettszene: der Nordpol und gleich daneben ein Schild „Grenze von Groß-Los Angeles“. Innerhalb dieser überlebensgroßen Siedlung gibt es viel freies Land und etwas mehr oder etwas weniger als 100 Ortschaften — unter ihnen das selbständige Städtchen Beverly Hills: vielleicht die reichste Gemeinde der Welt, bewohnt von Gangstern, Filmstars und mir, der ich immer an der Grenze lebe . . . um doch wenigstens die elegante Adresse zu haben. Einmal ging die Trennungslinie durch unser kleines Appartement (zwei Zimmer und Küche), so daß ich in Beverly Hills schlief, meine Frau in Los Angeles; wäre ein Feuer ausgebrochen, so hätte die eine Feuerwehr vor dem Vordereingang gehalten, die andere hinten — gelöscht hätte niemand, weil das eine Beeinträchtigung der Rechte des Nachbarn gewesen wäre.

Jetzt leben wir in einem dörflichen Tal, unser Poststempel ist Beverly Hills, die Grundsteuer entrichten wir nach Los Angeles. Es ist gar keine Stadt, sondern eine Koexistenz von Unregelmäßigkeiten. Eines der Zentren des vornehmsten Hollywood (wie man für den ganzen Komplex sagt, obwohl dieser Name nur einem kleinen Stadtteilchen gehört) ist Niemandsland. Wenn hier einmal ein Mord geschieht, wird es vor Kompetenzstreit nicht zum Hängen kommen, weil man gar nicht erst suchen kann. Es ist nicht selten, daß eine Straße ihre Fortsetzung erst um zwei Ecken herum hat. Auch heißt dieselbe manchmal zuerst A, dann B, und dann wieder A. Unsere Hausnummer ist 1870, unser Nachbar ist 1900. Diese Zahlen sind winzig klein — und außerdem noch so angebracht, daß man sie nicht finden kann. Die Philosophie des liebenswertesten Amerikaners lautete so ähnlich: „Lieber Chaos in alle Ewigkeit als die Ordnung eines philosophischen Geheges.“

Als ich vor zwanzig Jahren herkam, sagte man noch: Los Angeles habe ein Klima, welches der Herrgott vergeude an ein Gesindel, das es ganz und gar nicht verdiene. Das waren noch Zeiten! Inzwischen hat der Herrgott ein Einsehen gehabt und dem Gesindel den sogenannten „Smog“ geschickt, eine Mischung aus üblen Dünsten und Nebel. Hollywood ist außerdem noch die Stadt, welcher die größten Beleidigungen zugedacht werden. So heißt es: hier sei nichts echt, nicht einmal der schlechte Geschmack. Die Touristen importieren diese Weisheit — und lassen es sich gut gehen. So kommen deutsche Journalisten, Filmleute und Radiokommentatoren ins Haus und erzählen uns, daß die kalifornischen Früchte ebenso riesenhaft wie ohne jeden Geschmack wären. Ich flehe meine Frau seit langem an, das ausfindig zu machen, was die deutschen Gäste vorzufinden erwarten. Bis zu diesem Tage sucht sie vergeblich.

Aber kommen wird der Tag, an dem Los Angeles Mittelpunkt der westlichen Welt sein wird, wie es vor ihm war: Rom und dann Paris und dann London und dann New York. Gerade eben kam eine prophetische Statistik heraus, nach der in zwanzig Jahren hier zehn Millionen leben werden. Schon 1965, sagen die wissenschaftlichen Weissager, wird Kalifornien der bevölkertste unter den fünfzig Staaten sein. Dann werde ich, hoffentlich, nicht mehr hier sein. Heute lebe ich noch, mitten in Los Angeles — in einem Tal mit einer Birke, keiner Palme und einer Rehfamilie, die unseren Hügel herunterkommt, sobald wir in unserem Gärtchen Toscanini-Platten auflegen. Am meisten entzückt ist Vater, Mutter und Kind von Brahms D-Dur-Violinkonzert. Dann spitzen sie die Ohren. Und danach fressen sie uns in Seelenruhe alle neuen und alten Pflanzen ab.

1939, als ich zum ersten Mal durch diese Stadt fuhr, wirkte sie auf mich, wie der Anglese Aldous Huxley sie (auch 1939) in seinem Roman „After many a Summer dies the Swan“ geschildert hat: eine langgezogene Häufung von Gebäuden, wo Buden, Hütten, Einfamilienhäuser und stattliche Paläste einander folgen, ohne daß man versteht: weshalb eigentlich? Ich aber blieb hier nicht, weil mir das gefiel, oder weil ich hier was zu suchen hatte — eher wie eine Kugel verharrt, wenn die Triebkraft, mit der sie geschleudert wurde, verbraucht ist.

Wäre es allerdings irgendein Ort in Texas gewesen, so hätte ich trotz des Gesetzes der Trägheit mich weiterbewegt. Hier aber saß ich mitten in der Weimarer Republik: mit Reinhardt, Massary, Jessner, Kortner, Deutsch, Granach und vielen anderen mir bekannten und befreundeten Theaterleuten; mit Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Bertold Viertel und vielen anderen mir bekannten und befreundeten Schriftstellern. Man ist nicht so sehr Fremdling mit befreundeten Fremdlingen rundum. Und ein Weilchen später fand ich auch heraus, daß ein Armer in Hollywood nicht so arm ist wie ein Armer in New York.

Als der Hitler-Stalin-Pakt zustande kam, verließen wir, am äußersten Rande der westlichen Zivilisation, energisch die Wirklichkeit. Damals war hier große Mode ein Gesellschaftsspiel, das man „Indication“ nannte. Die Gesellschaft teilt sich in zwei Parteien, die eine spielt ein Sprichwort der zweiten vor, welche es zu erraten hat. Als Franz Werfel, noch verstört von der Flucht aus Frankreich, in Hollywood ankam und die Tür zum Häuschen Bruno Franks aufmachte, trat ich gerade in der „Hamlet“-Sentenz: „Wie? Was? Eine Ratte? Tot! Ich wett ein Geldstück, tot!“ — als Ratte auf. Und flitzte besessen auf Händen und Knien durchs Zimmer. Meine Partei lachte schallend, die andere war hochrot vor Nachdenken. Werfel erschrak so sehr, daß er auf die Straße zurückstürzte. So schützten wir uns davor, Tag und Nacht am Radio zu sitzen.

Selbst die beste Darstellung einer Ratte konnte einen nicht ernähren. Einige hatten eine Stellung beim Film; viel, viel mehr lebten davon, daß ein Filmfonds gegründet wurde, der zehn Dollar die Woche verschenkte. Ich wagte damals nicht, Geld für eine Morgenzeitung auszugeben. Aber wir waren viel eingeladen bei Freunden mit Butler und Swimming Pool, dachten ununterbrochen über Hitlers nächsten Zug nach . . . und die Frauen verdienten ein bißchen. Sie bewährten sich sehr. Sie arbeiteten irgend etwas. Sie schnappten auch irgendwie amerikanischen Slang auf. Während Gelehrte, Schriftsteller, Schauspieler nicht dazu zu bringen waren, nur „irgend etwas“ zu arbeiten und Englisch — „aufzuschnappen“.

Dann war der Herbst da — und der Krieg. Man war sowohl verzweifelt als auch hoffnungsvoll. Die Amerikaner lebten noch im Frieden. Uns, friedlos seit sechs Jahren, war es schon lange versagt; von uns waren schon viele „gefallen“ — längst vor der ersten Kriegserklärung. Ich aber lernte Amerika nicht kennen, weil ich nichts als den europäischen Kriegslärm hörte. Die dümmste deutsche Wendung nach dem Krieg lautete: wir hätten in einer Loge gesessen und mit dem Opernglas das ferne Schauspiel genossen. Es war eher so, daß die Älteren schon ihren Krieg hinter sich hatten, als er zwischen den Völkern begann. Die Jüngeren aber (zum Beispiel Klaus Mann) fochten mit der Waffe gegen den Feind der Welt — auch Deutschlands Feind.

September 1939 bis September 1940. Die Zeit der ununterbrochenen Einschläge. Im ersten Kriegsjahr brach Europa zusammen. Es sah so aus, als ob die Unterwelt in den Himmel wachsen sollte.

Der große Rat der deutschen Emigration, Abteilung für schwerverwendbare Professionen, beschloß: ich sollte Vorträge in deutscher Sprache halten. Der Besuch von sogenannten „Lectures“ gehört in Amerika zu den beliebtesten gesellschaftlichen Passivitäten (in unmittelbarer Nähe zu Committee-Sitzungen); viele verdienen ihren Lebensunterhalt als Wander-Redner, noch mehr betreiben dies Unternehmen im Nebenberuf. Diese Leute (eine Mischung von Rhetoren und Akteuren; der Propaganda nach immer „Experten“) haben die Funktion, einer Gruppe von Zuhörern das Gefühl zu geben, daß sie unterhaltend belehrt werden; es kann schließlich nicht immer Karten gespielt werden. Der Redner muß das Renomme haben, ein Eingeweihter zu sein; diesen Glorien-Schein verschafft ihm der Agent. Außerdem muß der Vortragende noch so tun, als ob er amüsant sei; zu diesem Zweck legt er sich eine Vorratskammer von Anekdoten an.

Mein Publikum war von ganz anderer Art. Es bestand aus Menschen, die man — als Publikum betrachtet! — vom Auftreten, vom gesellschaftlichen Sich-zeigen, vom Gehören zu einer Elite ausgeschlossen hatte. Nun spielten wir alle miteinander ein bißchen Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Wir inszenierten Society — und ahmten wenigstens nach, was uns versagt war. Außerdem waren meine Vorträge auch Ferien von den Radio-Nachrichten. Es kamen viele.

Die Karten wurden an wohlhabende Emigranten zwangsweise verkauft und von ihnen weiterverschenkt an Leute, die etwas hören (oder reden) wollten über die Themen: wieweit die Menschheit sich zurückerinnern könne, ob das eine lange oder kurze Zeit zu nennen sei, was in dieser Spanne an Fortschrittlichem geschah — und ob es wirklich einen Fortschritt gäbe oder vielleicht nur ein Bündel Fortschritte? Die andere Vortrags-Reihe brachte Referate über Bücher, die in der Vergangenheit versucht hatten, besser als die Zeitungsüberschriften des Tages unsere Tage zu fassen: Heines „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“, Lenins „Karl Marx“, Herzls „Judenstaat“, Roosevelts „Public Papers and Addresses“. Die Atmosphäre war explosiv: es brannte lichterloh, wenn Worte wie Arier, Juden, Deutsche aufklangen; der Marxismus war in dieser Stunde und in diesem Kreis eher ein akademisches Thema. Bisweilen arbeitete ich mit den Übersensitivitäten meiner Zuhörer, um eine gewünschte theoretische Reaktion hervorzurufen — und erhielt dann eine, die weder theoretisch noch erwünscht war. Einmal wurde es sehr schlimm.

Ich hatte vor, jenen Begriff von „Vernunft“ zu klären, der frei von moralischen Elementen ist — und definierte sie: als das geeignetste Mittel . . . zu welchem Zweck auch immer. In diesem Sinne, so illustrierte ich, „herrscht heute in Deutschland die höchste Vernunft“. Das war provokatorisch gesagt zu einem rein begrifflichen Ende; ich hatte gedacht, auf diese Weise eine klare Vorstellung eines wertfreien Vernunft-Begriffs zu erzwingen.

Die Wirkung war furchtbar — das Gegenteil von dem, was ich beabsichtigt hatte: nicht Klärung, fast ein Progrom. In der ersten Reihe saßen die besten Freunde: Liesl Frank und Erika Mann. Sie fletschten die Zähne, fauchten raubtierhaft, krümmten die Finger — ich fühlte die Krallen bereits am Hals. Hier vorne stand ich nun stellvertretend für den Feind aller Feinde — und war in die Hände der Verfolgten gegeben. Man nahm nicht für selbstverständlich, daß ich kein Preislied auf das Dritte Reich gesungen haben konnte; man erlaubte mir auch nicht, das mit soviel Seligkeit beladene Wort „Vernunft“ in Verbindung zu bringen mit der Verkörperung des Bösen. Ich war wütend — und auf ihrer Seite.

Es kamen mehr und mehr deutsche Flüchtlinge in Hollywood an, aus allen Ländern Europas, die Hitler bedroht oder schon erobert hatte … vor allem auch Schriftsteller. Die Hollywood-Studios hatten einigen von ihnen Jahres-Verträge gegeben, um dem State Department zu ermöglichen, die rettenden Visen auszustellen . . . und so saßen Alfred Döblin, Leonhard Frank, Wilhelm Speyer, Walter Mehring und viele mehr in den Film-Betrieben, ohne Englisch zu können, ohne das Filmmachen zu kennen, voller Verachtung für dies Gewerbe — und auch ohne eingeladen zu werden, etwas Ernstliches zu unternehmen. Man zeigte Döblin den Stoff zur „Mrs. Minniver“ (später einer der größten Filmerfolge im Kriege), sagte ihm, daß man daraus eine pro-englische Story machen wolle, bat ihn um einen Vorschlag . . . und erhielt die groteske Antwort, das Material gäbe eine Chapliniade her. Dabei hatten diese deutschen Geschichten-Schreiber — Döblin voran — eine so fruchtbare Phantasie, daß Hollywood davon hätte üppig leben können. Aber die Deutschen waren nicht imstande, mit den Film-Zaren zu sprechen . . . und die wiederum wußten nur von sehr ferne, daß da einige Flüchtlinge herumhockten, denen man (dem State Department zuliebe) ein paar Pfennige jede Woche auszahlte. Die Blut-Armut, an der Hollywood in den Fünfzigern zugrunde ging, hätte durch Blut-Transfusion in den Vierzigern vielleicht behoben werden können.

An dem Tag, an dem Amerika in den Krieg eintrat, gab man mir den Rat, meine Vorträge in Englisch fortzusetzen. Das kam für mich nicht in Frage. Ein gut Teil der deutschen Emigranten sind Snobs — was das Englisch der Mit-Emigranten angeht; es ist ihnen nichts recht zu machen: nicht das „th“, nicht das „r“ und nicht das „l“. Auch verlangen sie, daß ein leiser fremder vornehmer Accent durchkommt — etwas Oxford-Englisch. Es drückt sich in dieser Empfindlichkeit wohl ein Selbst-Haß gegen die eigene Verstellung aus, der sich verirrt in den Hohn gegen den, der im selben Boot sitzt. Es ist noch etwas anderes. Freud entdeckte die Abstoßung zwischen den kleinen Differenzen. Die Rede eines russischen Amerikaners ist nicht so unangenehm wie die eines deutschbürtigen — für einen deutschbürtigen.

Auch ausgebürgerte Deutsche wurden nun enemy aliens, feindliche Ausländer. Obwohl ich namentlich und nachweisbar vom Deutschen Reich expatriiert worden war, machte mich Amerika, das nun mit Deutschland im Krieg lag, zum „Deutschen“ — zum Angehörigen der feindlichen Nation; man hatte mich wieder nicht gefragt, ob ich ein Deutscher bin oder nicht. Das Wort „feindlicher Ausländer“ klang recht gefährlich. Auch erbitterte mich dies Unrecht sehr. So holte ich zu zwei Briefen aus: einen an die Frau des amerikanischen Präsidenten, Mrs. Roosevelt, und einen anderen an Thomas Mann, der, wenige Kilometer von mir entfernt, als tschechoslowakischer Bürger hochgeehrt lebte. Beide hatten tiefes Mitgefühl und konnten nichts ändern.

Thomas Mann spielte während des amerikanischen Exils eine Rolle, die er nie gesucht hatte: er war Kaiser aller deutschen Emigranten, ganz besonders Schutzherr des Stamms der Schriftsteller. Von ihm wurde alles erwartet, ihm wurde alles verdankt, er wurde für alles verantwortlich gemacht. Auf ihn konzentrierte sich alle Devotion, gegen ihn ging alle Rebellion. Robert Musil schrieb damals in einem Brief aus Genf: er habe an Thomas Mann wegen einer Auswanderung aus Europa nicht geschrieben, so gut ständen sie nicht miteinander. Dann fuhr er fort: „An Amerika denke ich oft, aber es geht nicht ohne ihn und nicht mit ihm.“ Daß in Amerika nichts ohne Thomas Mann ginge, war die Meinung aller deutschen Exilierten. Musil hatte nur darin unrecht: Thomas Mann hätte etwas gegen ihn gehabt. Auch pflegte dieser Mann von seinen Antipathien nie Gebrauch zu machen.

In meinem Falle behielt er recht: wir wurden nicht so heiß gegessen, wie das schlimme Wort „feindlicher Ausländer“ gedroht hatte. Die Härte der Kategorie kam überhaupt nur darin zum Ausdruck, daß wir um sieben Uhr abends im Hause zu sein hatten. Und das war schließlich nur deshalb ärgerlich, weil (nach der Konstruktion des State Department) die Österreicher, die Landsleute Hitlers, keine Feinde waren, sondern unschuldige Opfer . . . so daß ich Hausarrest hatte, während Alfred Polgar, so ihn die Lust dazu anwandelte, auf den nächtlichen Straßen unseres Städtchens Beverly Hills auf und ab promenieren konnte.

Man erzählt, daß im ersten Weltkrieg hier eine starke anti-deutsche Stimmung herrschte. Auch 1942 begannen Artikel und Bücher zu erscheinen, welche Fichte, Hegel und Nietzsche verantwortlich machten; verzeihlich, da „Die Reden an die deutsche Nation“ und „Der Wille zur Macht“ noch heute und nicht nur außerhalb Deutschlands Bücher mit sieben Siegeln sind. Im übrigen erlebte ich in den Jahren zwischen 1942 und 1945 nur einen einzigen feindlichen Ausbruch — er traf uns zu Recht. Alfred Döblin, Bruno Frank und ich saßen eines Nachmittags in einer Konditorei und sprachen deutsch. Unsere heftigen Temperamente und lauten Stimmen gingen auf hohe Touren. Wir gaben ganz enorm an, im Streiten und im Lachen. Keinen anderen Gast gab es zu dieser Stunde. Da kam eine vergrämte Kellnerin und forderte uns sehr feindselig auf, entweder englisch zu sprechen oder zu gehen. Wir gingen — gekränkt, sehr zu unrecht. Wir hätten daran denken sollen, daß jedes Volk, welches die Seinen im Krieg verliert, die Schonung verdient, nicht die Sprache des Feindes hören zu müssen.

Wenn wir aber immer weiter deutsch sprachen, so hing das damit zusammen, daß wir zwar Englisch zur Verfügung hatten, aber nur deutsch dachten und fühlten. Es wird viel hergemacht von dem erstenTraum in der anderen Sprache; wir hatten alle schon unseren ersten englischen Traum hinter uns. Aber — und darauf allein kommt es an: hatten wir träumend eine Liebeserklärung amerikanisch geflüstert oder nur dieses „Let’s have lunch together“ nachgeplappert? Ich zweifle daran, daß viele Emigranten, die über Dreißig waren, als sie ins Land kamen, wagten, eine Amerikanerin auf einer Bank im Central Park anzusprechen, weil sie ihnen sehr gefiel. . . und ihr das auf amerikanisch zu sagen. Auf keinen Fall anspruchsvollere Liebhaber.

Die Situation: als Deutscher, von Deutschland abgeschüttelt, in einem Land zu leben, das einen als feindlichen Deutschen deklariert (wenn auch nicht behandelt), scheint von besonderer Problematik zu sein, wenn man obendrein noch zum freiwilligen Kriegsdienst aufgerufen wird. In meinem Fall lautete die Frage: soll ich für das Office of War Information Skripte schreiben, die nach Deutschland gesendet werden? Vielleicht kann mancher daraus eine fünfaktige Tragödie machen, für mich war die Entscheidung ganz undramatisch. Ich schrieb in diesen Sendungen dasselbe, was ich in Deutschland im „Tagebuch“ und in der „Weltbühne“, in Paris im „Tageblatt“, im „Neuen Tagebuch“, in den „Cahiers Bleus“, in Amsterdam für „Die Sammlung“, in Prag für die „Europäischen Hefte“ geschrieben hatte. Alles dies war übrigens sehr milde — gemessen an Hölderlins und Nietzsches Deutschland-Kritik.

Die amerikanische Dienststelle stellte keine Bedingungen. Verlangte nicht, daß für Amerika Propaganda gemacht werde. Verlangte nicht, daß Hitlers Lehre variiert werde: in der Form, daß unter Beibehaltung seiner Rassen-Theorie anstatt Jude — Deutscher gesetzt wird. Sie wollte Reden an — und nicht gegen die deutsche Nation. In New York verkündete einmal ein sehr populärer deutscher Schriftsteller ex cathedra: Preußen habe noch nie einen großen Mann hervorgebracht; und als ihm „Kant“ entgegengeschrien wurde, versuchte er nachzuweisen, daß Kant nicht preußischer Herkunft gewesen sei. Das gab es auch. Es war nicht charakteristisch für die Emigration und ganz und gar nicht für die Aufklärung, die gen Deutschland gesendet wurde. In der Zeit, da wir nicht mehr Zeitungen und Zeitschriften hatten, waren die Radio-Sendungen die letzten Botschaften, die wir noch durchbrachten.

Vaterland wird ein Problem nur für den, der mit ihm in Konflikt geraten ist. Mit wem aber gerät man eigentlich in Konflikt? Immer nur mit einigen Gruppen, die es gerade usurpieren. Daneben gibt es viel mehr, mit dem man sich gar nicht verfeinden kann, weil es einem angewachsen ist; weil man es mitschleppt, wohin man auch geht: teure Erinnerungen, die daheim beheimatet sind; Gewohnheiten, im Vaterland erworben und nicht wieder loszuwerden; vor allem die Sprache, der spirituellste und zugleich saftigste Boden eines Lebens. Auch wenn man einen anderen Wortschatz „beherrscht“ und „gebraucht“ (wie man sich häßlich, aber exakt ausdrückt), ist es immer noch die mit-geborene Rede, die (maskiert) weiterlebt; allerdings nicht in den täglichen Formeln, die abrollen, ohne daß man beteiligt ist.

Es gibt viele Worte für den rätselhaften Prozeß, in dem eine zweite Heimat die erste überwächst: Eingewöhnen, Sich-einleben. Diese Begriffe sind zu undifferenziert. Man vergißt, man führt nicht ein einziges Leben, so gibt es auch nicht dieses kompakte Sich-einleben. Man lebt sich in Einiges sehr ein, in Anderes weniger, in Manches gar nicht. Es hängt von der Anpassungsfähigkeit ab; aber auch davon, an was man sich anpaßt. Es gibt nicht nur anpassungsfähigere Menschen — auch manches, an das man sich leichter anpaßt.

Es ist einfach, wenn man sich nicht widersetzen will: den Anderen nicht so oft die Hand zu schütteln, als es der Deutsche zu tun pflegt; oder das Fleisch in einem Zug zu zerkleinern und beim Essen nur die Gabel zu benutzen; oder weniger spazieren und mehr fischen zu gehen; oder jedem Weihnachtsgrüße zu schicken, dem man je in irgendeinem Fahrstuhl begegnet ist; oder „well adjusted“ zu sein (um die beliebteste Phrase zu gebrauchen), das heißt: die üblichen Verkehrsregeln im Umgang mit Zeitgenossen zu beachten.

Etwas anderes ist es (zum Beispiel), die Wendung „well adjusted“ und tausend verwandte Fertig-Sätze täglich vom Stapel zu lassen; das ist schon eine Prozedur, die tiefer ins Fleisch (d. h. in die Seele) schneidet. Denn die wirkliche, tief eingreifende Anpassung, das heißt: die Selbst-Aufgabe — beginnt meist mit der Sprache. Ich sah manchen Emigranten von den konfektionierten Sätzen des fremden Idioms überwältigt werden — und sich dann auch so benehmen, wie er sprach. Man erlebt die Dampfwalzen-Funktion der Sprache am unmittelbarsten in der Stief-mutter-Sprache; man erlebt hier am stärksten, wie die Gleichschaltung des Einzelnen zum guten Teil durch fix und fertig gelieferte Sentenzen erfolgt. Erst redet man so daher; und dann benimmt man sich auch noch so, wie man redet. Ich habe das in meinem Deutsch nie so realisiert; wahrscheinlich, weil ich hier nie dem Prozeß der Übermächtigung zuguckte. In der eigenen Sprache liegt sie in der Vergangenheit; man kann sie höchstens nachträglich rückgängig machen. Das ist die Aufgabe der besten Schriftsteller.

Ein amerikanischer Soziologe, der es gut mit mir meinte und mich ob meiner Unangepaßtheit bedauerte, beschwor mich eines Tages: for heaven’s sake, gebrauchen Sie nie das Wort „Elite“. Aber wenn man erst das Wort tabuiert, löscht man schließlich auch aus, wofür es steht. Ich habe erlebt, wie sich ehemalige Europäer, die einmal bessere Tage gesehen haben, bekreuzigten, als Shaw’s (gegen Lincoln gerichtete) Sätze: „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“ erwähnt wurden. In Amerika gab es nur eine kurze Episode, in welcher die Idee einer geistigen Elite innerhalb der Demokratie propagiert wurde. Es war der Kreis um Mencken (der junge Theodore Dreiser gehörte dazu), die Idee schlug keine Wurzeln im fremden Boden — und viele amerikanische Europäer passen sich an die Elite-Feindschaft an. Es war diese Praxis von „Demokratie“, an die ich, ein leidenschaftlicher (aber ungemütlicher) Demokrat, mich nicht gewöhnen konnte.

Spricht man von Anpassung oder Nicht-Anpassung an die zweite Heimat, so nennt man am besten die winzige Stelle, an der es glückte oder nicht; denn man paßt sich ja nicht an das Abstraktum an, sondern an eines der hundert Amerikas, in das man gerade eingebettet ist. Bis 1945 lebte ich noch in Deutschland, wenn auch meine Adresse Beverly Hills, Kalifornien, war. Dann schluckte mich das große Land — allerdings nicht mit Haut und Haar; machte nur Anstalten, mich zu schlucken. Ich kam an die University of Southern California im Jahre 1945. Der Präsident sagte von mir, nach meinem höchst informellen Antrittsbesuch: „Ich habe mich gut mit ihm unterhalten; aber warum kann dieser Mann, um Gottes willen, nicht zum Friseur gehen!“ Ich ging. Bis dahin hielt man mich für einen Musiker, der langen Haare wegen. Nun sah ich schon eher wie ein Professor aus — wenn man nicht so genau hinsah.

Es war nun auch unumgänglich für mich, Englisch zu lernen; ich lernte es, indem ich in englischer Sprache lehrte. Aber da ich ein Schriftsteller bin, sprach ich nicht die Sätze nach, die einem gebrauchsfertig eingehändigt werden, sondern bildete meine eigenen, bisweilen mit nagelneuen Worten, was die Studenten schrecklich amüsierte. Die größten Schwierigkeiten bereiteten mir die deutschen Emigranten unter den Studenten. Sie fanden, erstens, daß mein Englisch nicht genug von jenen Sentenzen enthielt, die sie spielend gelernt hatten. Vor allem aber, daß ich nicht anti-deutsch genug war und (man sollte es nicht glauben!) begeistert von Novalis sprach; denn sie hatten gehört, daß die deutsche Romantik schuld war — sowohl an Wilhelm II. als auch an Hitler. Ich erinnere mich an ein Seminar, in dem ich die Aphorismen-Sammlung „Der König und die Königin“ eingehend und sympathisierend interpretierte. Einige ausgezeichnete Studenten, Deutsche im Exil, nannten mich „reaktionär“. Ich versuchte, ihnen klarzumachen, daß es eine reaktionäre und eine progressive Romantik gegeben hat; sie hielten mich für einen All-Deutschen. Sie dachten schon so wie die amerikanischen Autoren, die im Krieg sogar gegen Goethe — vom „demokratischen“ Standpunkt aus geschrieben hatten. Selbst der verehrte Thomas Mann unterlag so sehr diesem Vulgär-Demokratismus (wie man in Parallele zum Vulgär-Marxismus sagen sollte), daß er schließlich Nietzsche, den Leitstern seines Lebens, preisgab. Soweit lebte ich mich allerdings nicht ein.

Ich lebte mich auch philosophisch nicht so recht ein; nicht in den theologischen Hegelianismus, der in Amerika noch am Leben ist, und nicht in den Bezirk, den man die amerikanische Erweiterung des Wiener Kreises, den amerikanischen Neo-Positivismus, nennen könnte. Ich war noch nicht lange im Department of Philosophy, als der Direktor mich um einen öffentlichen Vortrag über Lotze bat. Ich sagte nur: Wie, bitte? Dann fand ich aus, daß Lotze einer der berühmtesten deutschen Denker unter amerikanischenn Philosophie-Professoren ist, weil viele ihrer Vorgänger im neunzehnten Jahrhundert in Göttingen studiert hatten und von ihm etwas herleiteten, was man am auffälligsten einen monotheistischen Pantheismus nennen könnte. Er wurde eine Philosophen-Schule im „Personalismus“, der damals an meiner Universität herrschte. Inzwischen ist dieser fromme „Personalismus“, der im Namen vor allem die Gott-Person meint, abgelöst von der sogenannten wissenschaftlichen Philosophie. Beide Richtungen sind verknüpft mit einer Ethik, die (wie fast jede amerikanische Moral-Philosophie) als Bibeltext die Präambel zur Declaration of Independence benutzt. Das wird gebildet zusammengefaßt im Wort: „Theory of Values“.

Viel konkreter als in den akademisch-theoretischen Predigten sah ich im praktischen Leben der Universität dieser Demokratie ins Auge. Die demokratische Vorstellung, welche viele Universitäts-Professoren beherrscht, ist: dies ist unsere, Universität. In vielen, vielen Committees wird für sie ernst und zeitraubend gearbeitet. Als gelernter Europäer bin ich der Methode verhaftet: an ihren Konflikten, an ihren Grenz-Situationen sollt Ihr sie erkennen. Zum Beispiel! Zum Abschluß eines akademischen Jahres pflegen die großen Universitäten große Bürger einzuladen: Kabinetts-Mitglieder oder Senatoren oder Generäle. Ein Universitäts-Präsident lud einen Gouverneur vom Süden ein, von dem bekannt war, daß er gesagt hatte: er werde dafür sorgen, daß nie ein schwarzer Junge neben einem weißen Mädchen zu sitzen hat. Protest-Aufzüge der Studenten. Proteste der Professoren. Der Präsident wurde sehr demokratisch vor den Senat der Fakultät geladen. Es wurde sehr demokratisch verhandelt. Keine Rede von Diktatur . . . Und dann hielt der Süd-Gouverneur seine Rede wie geplant. Professoren, die protestiert hatten, erschienen zur Feier. Die Studenten mucksten nicht. Die Zeitungen kritisierten nicht. Ich fragte meine Freunde: ist das Demokratie? Sie sagten: Ja! Und das war keine Redensart. Die Demokratie wächst sehr stark von unten in die Höhe. Dann, an einem bestimmten Punkt, wird sie abgefangen. Der Präsident wird nicht von der Fakultät gewählt, sondern von oben bestimmt. Er ist nicht der Fakultät verantwortlich, sondern einem Gremium, das mit ihr nicht viel zu tun hat. Auf halber Höhe wird der demokratische Prozeß abgeschnitten. „Aber die halbe Höhe ist besser als gar keine; denn aus der Hälfte kann noch das Ganze werden“: so denken meine demokratischen Freunde.

Daß nicht die Fakultät im Mittelpunkt des akademischen Lebens ist, sondern die Verwaltung, ist entscheidend für das Leben der amerikanischen Universität. Am angesehensten sind meist die Professoren, die gute Verwalter sind: die organisieren, an Committees teilnehmen, an den vielen Unternehmungen der Universität, die nicht gerade akademisch sind. Bei Bewerbungen um Beförderung kann man oft sehen, daß die Kandidaten ungeheuer viel getan haben — außer auf dem Gebiet gelehrter Veröffentlichungen. Das bürgerliche Leben spielt auf dem Campus eine größere Rolle als das akademische, wenn auch in verschiedenem Maße an den verschiedenen Stätten.

Zum Einleben gehört auch eine Intimität mit der Geschichte des Landes, das einen adoptiert hat. Ich las viel und verstand wenig: die Geschichte der Kolonien, die Wirtschaftsgeschichte der Staaten, die Geschichte der beiden Parteien sagte mir ebensowenig wie die europäische

Kriegsgeschichte; und als Kulturgeschichte wird die amerikanische nie gesehen — auch von Amerikanern nicht. Es gibt zwar ein paar berühmte Bücher, die es versuchten; aber es gibt keine nicht-politischen Figuren, die den Amerikanern so lebendig sind als Präger der Nation, wie den Deutschen Schiller und Fichte und Hölderlin und Novalis und Nietzsche. „Geschichte ist Mumpitz“, hat Henry Ford gesagt. Sagen wir es nüchterner: sie leuchtet in diesem Lande nicht.

Die Dörfer, die Städte, die Flüsse sind ziemlich nackt, geschichtslos. Deshalb ist das Reisen in Amerika nie eine Fahrt in die Vergangenheit: die Natur ist großartig — und fremd. Der junge Hegel sagte einmal, gelangweilt, vom Berner Oberland: es künde ihm nur das öde „Es ist so“.

Das scheint mir eine falsche Aussage über die vermenschlichte Natur Europas zu sein. Es scheint mir richtig zu sein, bezieht man es auf die Vereinigten Staaten. Hier gibt es in größtem Reichtum alle Naturen, die der Schöpfer geschaffen — und wenige, wie sie der Mensch gemodelt hat nach seinem Bilde. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich in meinen zwanzig Jahren Amerika so wenig im Land herum gereist bin . . . und so viel nach Europa. Es war nicht nur die Sehnsucht nach alten Freunden, Menschen, Städten und Gärten, die mich trieb. Ich fragte mich oft: Weshalb hänge ich an der Grande Corniche und nicht an der ebenso herrlichen Straße, die von Los Angeles am Meer entlang nach San Francisco führt? Mich begeistern, auf der Fahrt am Mittelmeer entlang, römische Bögen, maurische Schlößchen, unvergeßlich-verwitterte Dörfer; auf der Fahrt am Stillen Ozean gibt es nur Landschaften, die Gott geschaffen hat. Was er gemacht, ist mir zu fern; nur wo sich der Mensch eingemischt hat, wird die Schöpfung nah. Man soll ganz gewiß eine Schönheit nicht gegen die andere ausspielen, es ist engherzig; aber darf man sich nicht klarwerden, weshalb man in die eine verliebt ist, in die andere aber nicht? An einem einzigen Tage, auf der Fahrt von Ascona nach München, komme ich durch viele Menschen-Jahrhunderte und einen großen Teil unserer vielfarbigen Erde. In Amerika herrscht (nicht nur auf der Fahrt durch Texas) die Monotonie der Unendlichkeit, in vollendeter Großartigkeit. Es ist die Welt vor der Schöpfung des Menschen. Die europäische Natur ist durchformt, ist nie nichts als Natur. Die amerikanische Natur füllt den ganzen Raum, wenn man von den paar winzigen Siedlungen absieht; der Mensch verliert sich im Unermeßlichen. Das ist mir fremd.

So flog ich im letzten Jahrzehnt siebenmal zwischen Kalifornien und Europa hin und her — etwa 80 000 Meilen: was nicht sehr viel ist (an der Zeit gemessen), aber sehr teuer (mißt man es an einem Professoren-Gehalt). Das erste Mal fuhr ich Neunundvierzig zurück; es war (mir fällt nur das englische Wort ein) der große thrill meiner jüngsten Vergangenheit. Weshalb?

Zwischen 1933 und 1945 hielt ich es für möglich, einmal Alaska zu sehen oder das östliche Rußland oder das innerste China oder das unbekannteste Afrika — nicht aber: Deutschland. Ich hatte es gründlich tabuiert, aus Angst; offenbar, weil es mir gefährlicher schien, dort zu sein, als unter tödlichem Frost, Löwen und Menschenfressern. Die Vorstellung, Deutschland wiederzusehen, war mir ferner als die fernste Möglichkeit. Mehr als ein Jahrzehnt wurde ich von demselben unsensationellen Traum heimgesucht: ich wanderte deutsche Straßen entlang, neben SS, SA, Menschen mit allen Insignien des Dritten Reichs, es geschah mir nichts, niemand beachtete mich — und mich quälte unerträglich die bohrende Frage: Weshalb bist Du zurückgekommen? Wie kann ich wieder heraus? Das erklärt die gewaltige Sensation, die ich 1949, im Coupe beim Fahren über die Grenze, erlebte. Glück, Haß, Wehmut kamen erst viel, viel später und in sehr zivilisierten Dosen.

Als ich 1949 in München ankam, dachte ich, der Zug wäre aus Versehen in irgendeinem Nest vor der Stadt stehengeblieben. Als ich durch die Straßen ging, sah ich Kortner auf der Spitze einer Ruine, zu der er, schien mir, hinaufgeflogen sein mußte. In meiner Geburtsstadt Berlin wurde ich ganz besonders herzlich empfangen, ich fand mich nicht zurecht — nicht in den Straßen und nicht in den Menschen. Selbst einen Skeptiker wie mich warf es um, als die Polizei meine Vorträge gegen den Andrang der Masse absperren mußte. War ich Ernst Jünger? Nachdem ich zu Ende war, brauste immer die Vergangenheit heran; meist weht sie nur, hier aber „brauste“ sie. Ein feiner, alter, weißhaariger Herr sagte im mildesten Diskant: „Kennen Sie mich noch? Mein Name ist Müller.“ Ich war verzweifelt, er war sehr sympathisch. Er machte eine weiche Streichbewegung mit dem rechten Arm, krümmte die Finger der linken Hand, sah mich fragend an. Ich schrie vor Freude: „Doppelkonzert von Bach“. Ich wußte, es ist nur ein Müller in meinem Leben gewesen. Als ich Primaner war, gab er mir ein paar Jahre Violin-Stunden. In der letzten hatte ich die zweite Violine im Doppelkonzert elend gekratzt. Nach solchen Begegnungen war ich sehr glücklich. Jahrzehnte kamen zu mir zurück und umfingen mich zärtlich.

Gar nicht vergnügt war ich, wenn dicke, alte Damen mich umarmten, „Jungchen“ und „du“ zu mir sagten und behaupteten, ich hätte ihnen 1910 nach den Tanzstunden im Institut Linke Liebesbriefe geschrieben und einmal sogar, am Englischen Ufer, einen Kuß gestohlen. Wollten sie ihn sich jetzt zurückholen? Ich rief meine Frau zu Hilfe und bat sie, die Konversation abzulenken. Weshalb bin ich, ein alter Mann, der sehr an der Vergangenheit hängt, so allergisch gegen ihre süßesten Stunden?

Mir scheint, falls der Leser diesen Sprung mit mir mitspringen kann, aus demselben Grund, weshalb es mich im Tiergarten am Großen Stern so traf, daß die Siegessäule dort aufgestellt ist. Sie gehört nicht dahin, sie zerstört einen Teil meiner inneren Welt, weil sie an einem ihr fremden Ort steht. Ebensowenig gehört jene dicke Dame zu dem Namen Friedel Berg; denn die ist noch heute, nach fast 50 Jahren, eine junge Göttin, von der ich brennend gern wüßte, ob das Herz, das sie auf den Deckel ihres Schulheftes malte (anno 1910), ihr Herz war mit den nur unsichtbaren Buchstaben L. M. Unsere Vergangenheit verträgt alles — nur nicht den Augenschein von dem, was aus ihr geworden ist. Mich haben sogar die Champs-Elysees peinlich berührt, als ich sie nach zehn Jahren wiedersah — mit dem neuen amerikanischen Raumgefühl in der Brust. Werden wir der Vergangenheit materiell ansichtig (außer in Reliquien, die Gottseidank nicht lebend sich entfalten), so ist sie schon vernichtet. Das geschieht nicht, wenn sie in steter Nähe mit einem alt wird. Aber als ich 1949 wieder nach Deutschland kam, hatte ich Freunde, Bekannte, Städte und Wiesen siebzehn Jahre, zwanzig, dreißig nicht gesehen . . . und war überwältigt — nicht vom Neuen, sondern vom Verfall dessen, was in mir, unabhängig von der Zeit, in alter Frische weitergelebt hatte.

Als ich nach Amerika zurückflog, 1949, 1952, 1954,1956, 1957, zweimal 1958 . . ., dachte ich jedes Mal darüber nach: Wo ist eigentlich —Zurück? Amerika? Deutschland? Ich verstehe so gut den alten James, Vater des Philosophen William und des Dichters Henry: er sehnte sich auf jedem der beiden Kontinente nach dem andern; und wollte immer — zurück.

 

 

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