Merkur, Nr. 26, April 1950

Israel-Chronik

Von Max Brod

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ — diesen Satz als Grenzscheide zwischen Judentum und Christentum zu fixieren, ist ein oft versuchter, aber unexakter Schritt. Denn Weltflucht, Weltentsagung hat auch innerhalb der jüdischen Geistesentwicklung zuweilen ihre Stätte gehabt (worüber in Prof. G. Sholems umfassendem Buch „Major Trends in Jewish Mysticism“ im Hinblick auf die asketischen Neigungen einer gewissen jüdischen Geschichtsepoche Genaueres nachzulesen ist). Freilich waren diese Neigungen nie zentral, — und staatsbildend konnten sie ihrem Wesen nach ebensowenig sein wie die nach absoluter Reinheit verlangenden Bemühungen der essäischen Sekte, die einiges mit den Ursprüngen des Christentums zu tun haben. Doch schon als in der Makkabäerzeit der jüdische Staat neu errichtet wurde, erhob sich sofort der Widerstand mitten aus dem Volk gegen die „Verwandlung Judäas in einen gewöhnlichen militärisch-politischen Organismus“ (vgl. Dubnow „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“, Band II, S. 134).

Das Problem der oft verkannten Pharisäer von damals war jenem analog, das heute so viele Köpfe unseres Landes und die gewissenhaftesten Herzen bewegt. Man kann es geradezu in den Worten ausdrücken, die Dubnow für jene längst versunkene (doch heute so überraschend lebensvoll wieder auferstandene) Geschichtsperiode formuliert: „Sollte das zu einem selbständigen Staate gewordene Judäa zu einem gewöhnlichen Staatswesen werden, das gleich jedem andern regen Anteil an dem Getriebe der internationalen Politik nimmt, Krieg führt, Bündnisse schließt und die Erweiterung seiner Einflußsphäre anstrebt? Oder aber sollte es als eine geistignationale Organisation, als eine ,,civitas Dei“ die errungene Unabhängigkeit nur zur Vervollkommnung des inneren Lebens nützen . . . (zum Aufbau) einer friedlichen geistigen Republik, einer eigenartigen gesellschaftlichen Ordnung, der Vorherrschaft des religiös-sittlichen Prinzips im Gemeinwesen?“

Das Problem ist da, das stürmische Ringen um seine Lösung kann man fast täglich am Pegel der laufenden Zeitungsberichte ablesen; und jedenfalls irren jene ausländischen Beobachter, die ein paar Symptome aufraffen, um von „neuen Göttern“ in Israel zu reden, — das heißt: von den international gewordenen Normalgottheiten der Rücksichtslosigkeit, Härte, diplomatischen Lüge und List, die das Weltbild unserer Zeit beherrschen, die es immer weiter abziehen von jenem „Königtum Gottes“, in dem wir mit Martin Buber den Zielpunkt des Judentums einst wie heute erblicken. Unter dem Namen „Diesseitswunder“ habe ich diesen Zielpunkt in meinem Buch näher zu umschreiben und abzugrenzen gesucht. Ich muß für alle Details auf dieses Buch wie auf Bubers ganzes Schaffen (vor allem sein letztes Buch „Moses“) verweisen, da es nicht möglich ist, im Rahmen eines kleinen Aufsatzes die theoretische Grundlage zu dem, was heute hier vorgeht, also gewissermaßen einen neuen, von dem Werk Spinozas allerdings grundverschiedenen „theologisch-politischen Traktat“ zu geben.

Praktisch sollte eigentlich der Hinweis auf die Kollektivsiedlungen in Israel genügen, um dem Gerede von den „neuen Göttern“ (oder gar dem „Einbruch einer Nazi-Mentalität“ in die jüdische Seele, wie manche Beobachter ebenso liebenswürdig wie paradox phantasieren) ein Ende zu machen. In diesen Siedlungen, deren Zahl seit Gründung des Staates sich mehr als verdoppelt hat und die vom „Jüdischen Nationalfonds“ Woche um Woche um neue Punkte vermehrt erscheinen, wird die Wüste und der Sumpf urbar gemacht, es wird Land gewonnen, das niemandem genommen wird — und das geschieht in der Form eines Sozialismus, der frei von Zwang ist, der das Individuum achtet und die geistige Freiheit, die offene Diskussion als kostbares Gut nicht vergewaltigt. Hier ist, wie einige Kritiker schon recht gut bemerkt haben, ein Experiment im Weltmaßstab unterwegs, das vielleicht die von den Besten ersehnte Synthese zwischen Kollektiv und Individuum in großen praktischen Beispielen ausarbeitet, — wesentlich nicht bloß für das Wohl der engeren Heimat, sondern der ganzen Menschheit. Damit wäre dann auch die von Dubnow (und vielen anderen) gestellte Frage, ob der jüdische Staat nur partikulär-nationale oder universalgeschichtliche Bedeutung hat, im letzteren Sinn gelöst und zugleich die religiöse Anknüpfung an das von den großen Propheten der Bibel verkündete pazifistische und sozial-gerechte Programm angebahnt.

Von der Gegenwart zur auch nur andeutungsweisen Verwirklichung solcher Hoffnungen ist freilich ein weiter Weg. Denn zunächst wurde der junge Staat von fünf arabischen Staaten angegriffen, die es für selbstverständlich hielten, daß sie binnen 14 Tagen die miserabel oder gar nicht bewaffneten Verteidiger „ins Meer werfen“ würden, wie sie wiederholt verkündeten. Erst jetzt wurde offiziell hier bekanntgegeben, daß die Luftflotte Israels zu Beginn der Kämpfe aus drei alten Flugzeugen bestand. Analog war es um die andern Waffengattungen bestellt. Was damals folgte, war ein Thermopylä — jedoch diesmal mit glücklichem Ausgang für die Verteidiger der Kultur. Indessen ist der Frieden nicht geschlossen, es herrscht ein prekäres Zwielicht, Waffenstillstand. Und während die Staatsmänner Israels in jeder Kundgebung betonen, daß sie keine Eroberungen wollen, nichts als friedliches Einverständnis mit den Nachbarn wünschen, ist in arabischen Reden sehr oft von einer „zweiten Runde“ die Rede. Wie um diesen Revanchedrohungen einen noch dunkleren Hintergrund zu stellen, ist Ägypten vor kurzem im Rat der Arabischen Liga (Oktobertagung 1949 in Kairo) mit dem Antrag hervorgetreten, die Rüstungspläne der sieben arabischen Länder zu koordinieren, im Frieden ein Heer von zusammen 250000 Mann und im Kriege von 1 Million Mann aufzustellen. Der Wahlsieg der Wafd-Partei in Ägypten hat die kriegerische Drohung nicht vermehrt, aber auch nicht vermindert. Hingegen hat der ohnehin völlig undurchführbare Beschluß der UNO, Jerusalem zu internationalisieren, Unruhe und Spannung im Mittleren Osten nur noch fühlbarer gemacht.

Der jüdische Staat hat indessen ganz andere und unmittelbare Sorgen: die Einordnung der Neueinwanderer, deren Zahl seit der Staatsgründung bereits 300000 erreicht hat. Einem Exposé des Generaldirektors im Finanzministerium, David Horowitz, entnehme ich, daß die Landesbevölkerung jährlich um 28 Prozent wächst, während diese Quote in Neuseeland, dessen Bevölkerungszuwachs bisher unter allen Ländern der Erde der stärkste war, nur 4 Prozent beträgt. Nahezu jeder dritte Einwohner Israels ist somit ein Neueinwanderer. Es handelt sich um ein ganz außergewöhnliches historisches Geschehen, das, laut dem zitierten Exposé, drei große Aufgaben für den Staat in den Brennpunkt stellt: Aufrechterhaltung der internationalen Zahlungsbalance, Bekämpfung der Inflation und Absorption der Einwanderung. Horowitz gibt an, daß bis Ende Juli Kapitalgüter im Werte von 60 Millionen Israel-Pfund importiert wurden und daß Israels Wirtschaft zu 80 Prozent selbsterhaltend ist (bei einem Nationaleinkommen von jährlich 220 Millionen Israel-Pfund). Doch all dies reicht gegenüber den drängenden Schwierigkeiten, vor allem der Wohnungsnot und den Problemen der kulturellen und beruflichen Einordnung der „Neuen“ nicht aus. Man hat sich den Zustrom der Neueinwanderer nicht so stürmisch gedacht, — und dabei sind in Osteuropa Zehntausende, vielleicht Hunderttausende vorläufig nicht imstande, die große Wanderung, den Aufbruch, der an die Zeit gesteigerter messianischer Hoffnungen erinnert, in vollem Ausmaß zu unternehmen. Zunächst wurden die Insassen der Lager (,,displaced persons„) in Deutschland, Italien, Österreich, fast zur Gänze nach Israel überführt. Kaum aber begann die Einwanderungsbewegung sich ein wenig zu verlangsamen, da entwickelten sich in Marokko und andern Ländern Nordafrikas unerwartete Zentren von Flüchtlingswellen. Die Bildung neuer souveräner moslemischer Staaten stellte in den Augen der ortsansässigen Juden eine Gefahr dar, der man entfliehen mußte. Und gerade die Oktobertage des letzten Jahres brachten Meldungen aus dem Irak, die alle ängstliche Voraussicht bekräftigen. Auch jetzt, im Vorfrühling 1950, geht die Einwanderung im großen Tempo weiter, und einzelne Zentren der jüdischen Diaspora, z. B. Jemen, sind in gänzlicher Liquidierung begriffen.

Man würde aber irregehen, wollte man das junge Staatsleben als völlig ausgefüllt von solchen bevölkerungs- und finanztechnischen Sorgen ansehen. Im Gegenteil: das tägliche Leben scheint Hindernisse nicht zu kennen. Überall Elan, Aufstieg, neue Schöpfung. Die kulturelle Entwicklung, die auch in den Tagen nicht einen Augenblick stillstand, in denen Tel Aviv beschossen und bombardiert wurde, hat gerade in der Zeitspanne von der Staatsgründung an neue Akzente gewonnen. Die „Habima“, das erste hebräische Theater, trat in ihre erfolgreichste Saison ein, — sie brachte außer dem „Sommernachtstraum“ (mit einem englischen Regisseur) das Revolutionsdrama „Montserrat“ des Franzosen Robles, das jetzt von Paris aus auch andere europäische und amerikanische Bühnen erobert, — die „Habima“ (Inszenierung eines amerikanischen Gastes) schritt mit diesem Erfolgsstück voran und brachte außerdem die Regie eines hervorragenden Israel-Künstlers (Finkel) in zwei Stücken von Israel-Dramatikern, Mossinson und Max Zweig. — Die andern Theater (Ohel, Kammertheater, Matate) wetteifern mit der „Habima“. Dem Theater und Musikwesen des Landes in einer knappen Übersicht gerecht zu werden, ist unmöglich. Erwähnt sei nur noch das von Huberman und Toscanini gegründete, berühmte Philharmonische Orchester, das bereits einen Namen in der Welt errungen hat und sich für diese Spielzeit und eine Reihe weiterer, vergrößert und reorganisiert, unter die Leitung des großen Pariser Dirigenten Paul Paray (vom Colonne-Orchester) gestellt hat. Eine Amerikaturnee ist geplant. — Es gibt eine moderne Literatur in hebräischer Sprache, die seit den großen Schöpfungen des Erneuerers und Propheten Bialik und Tschernichowskis, des Hellenen unter den jüdischen Dichtern, zur Nachschaffung aller Meisterwerke der Weltliteratur (Kants „Kritik der reinen Vernunft“ inklusive) wie zum Ausdruck ureigenster Visionen sich befähigt erweist. Selbstverständlich werden an den Bühnen alle Stücke, auch Shakespeare, Shaw, Capek, Bert Brecht, Zuckmayer u. a. in hebräischer Sprache aufgeführt, — ich erwähne das, weil ich bei Auslandsreisen oft gerade in diesem Punkt skeptischen Fragen begegnet bin. Und die neuhebräische Erzählerkunst Agnons und Fichmans, die Lyrik von Shimoni, Sh. Shalom, Shlonski, Greenberg u. a., die Dramatik Shamirs, Ashmans beginnt jetzt auch in europäischen Übersetzungen bekannt zu werden und Freunde zu gewinnen.

Die Malerei hat, um nur eine einzige Gruppe herauszugreifen, in dem alten Kabbalistennest Safed seltsame Variationen von Greco-Stimmungen und Landschaftsfarben eigener Struktur entdeckt. Und vor allem geht und tanzt die Israelmusik (Boscovits, Ben-Ckajim u. a.) ihre neuen Wege, indem sie dem allgemeinen Musikschaffen eine bisher unbekannte, deutlich umschriebene Provinz yemenitischer Volksmusik und ihrer thematischen Weiterbildung hinzufügt, weit entfernt von all dem, was man bisher mit dem verschwommenen Terminus „orientalisch“ bezeichnet hat. All dies ist in den Zentren heutiger Kunst noch viel zu wenig, meist nur in ungefähren Umrissen bekannt, und die Kraft des jungen Staates reicht vorläufig nicht hin, die große Welt auf die originalen Schöpfungen, die hier entstehen, gebührend aufmerksam zu machen.

*

Der messianische Glaube Israels ist seinem zentralen Gehalt nach das Ausgerichtetsein auf die Erfüllung des Verhältnisses zwischen Gott und Welt“, sagt Martin Buber in seinem grundlegenden Werk ,,Königtum Gottes“ (1932), und er präzisiert diese „Erfüllung“ als einen Zustand der Menschheit, in dem Gott allein als König herrscht. Die Gebote der reinsten Ethik müssen daher auch für das Leben des Staates gelten, so wie jeder einzelne, der rechtschaffen ist, ein Brennen in seinem Herzen fühlt, solange er diesem obersten Gesetz nicht in allem Genüge getan hat. Die Proklamation eines ewigen Königtums Gottes greift über die religiöse Ebene hinaus in die politische Existenz des Volkstums. Auch politisch gibt es keine Ausrede; Politik und Ethik müssen in eins gesetzt werden, widrigenfalls die Menschheit zu elendem Untergang (man sieht ihn heute deutlicher denn je: zur Atombombe) verurteilt ist. In seinem neuen Buch über „Moses“ hat Buber die große Konzeption der Rettung an der Figur eines heroischen Staatsmanns exemplifiziert.

Nun ist etwas ungeheuer Wichtiges in der Realität geschehen: Israel hat von neuem seine Staatlichkeit gewonnen. Und die künftigen Jahrzehnte müssen zeigen, ob dieser Staat in den Spuren des prophetischen Ideals sich entwickeln oder die Mißbräuche des allgemeinen Machiavellismus mitmachen wird, in dem der Gegenpol eines solchen Ideals die Weltherrschaft behauptet und eigentlich nie ernstlich bestritten worden ist, seit den Zeiten Ägyptens, Babels, Roms, Napoleons nicht. Bricht nun etwas Neues an, neu nicht nur für Israel, das die Exilfesseln abstreift, neu auch für den Weltrund, der des Neuen so jammervoll bedürftig ist? — Auf diese große Frage soll hier keine Antwort versucht werden, die heute ohnehin unmöglich ist, — es mag nur vor zwei Mißverständnissen gewarnt werden, die leicht die Sicht trüben können. Erstlich: Es darf, da Eschatologie auf ein anderes Blatt gehört, ein solcher Umschwung nicht sofort, auch nicht sehr bald erwartet werden, — dazu sind die Anfangsschwierigkeiten des neuen Staates zu groß. Er wird also zunächst Mühe haben und vieler Hilfe, auch seitens der Diaspora, bedürfen, um überhaupt nur da zu sein. Und zum zweiten: Solch ein Neues ist nicht ganz neu — es kündigt sich vielleicht in manchen Erscheinungen schon heute an, wie zum Beispiel in der aufopferungsvollen Arbeit der erwähnten Kollektive, der „Kibbuzim“ — oder in dem Plan, den der Ministerpräsident Ben Gurion bei Eröffnung der zweiten Session des Parlaments soeben vorgelegt bat und der die Anpflanzung von vielen Millionen Bäumen in der Wüste vorsieht. Aber man versteht einen solchen gleichsam anspielungsmäßigen Wink der Historie nur dann, wenn man ihn mit Erscheinungen der älteren jüdischen Geschichte zusammenbringt, so mit dem Kampf der Sadduzäer, der Machiavellisten vor 2000 Jahren, gegen die Pharisäer, die auch den Staat wollten, aber noch etwas anderes mit dazu, etwas Großes, etwas, was schon einen Teil von jenem „Königtum Gottes“ darstellte, in der Beleuchtung jener uns entfernten Tage.

Das an Wichtigkeit unübertroffene Gebet um „Erneuerung der Tage von einst“ gewinnt bei solcher Betrachtung heute einen höchst aktuellen Sinn. Und es ist gewiß kein Zufall, daß dieses Gebet bis heute eine besonders wichtige Stelle (jedesmal nach Vorlesung aus dem Gesetz) in der Liturgie behauptet. In der Diaspora ist das Theorie, deren Wichtigkeit für die ideologische Weiterbewegung der Gemeinschaft nicht zu unterschätzen ist, — hier im Lande aber soll es Praxis werden. Ein entscheidender Punkt in der Entwicklung, auf die man wohl neugierig sein kann.

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