Merkur, Nr. 365, Oktober 1978

Unsere Agni. Ein ethnologisches Vexierbild

von Michael Rutschky

 

Man kennt das zur Genüge, es hat sich immer wieder herausgestellt: die Berichte, die Ethnologen über »Wilde«, »Primitive«, »Naturvölker« vorlegen — inzwischen gibt es kaum noch ein Prädikat, das man ohne Skrupel niederschreiben könnte — diese Berichte erweisen sich oft genug als Projektionen. Die Ethnologen haben nicht die fremde Kultur beschrieben, sondern ihre eigene, wie sie sich auf dem Projektionsschirm der fremden abzeichnet. Das gilt erst recht für die Theorien, die anhand dieser Berichte aufgestellt worden sind. Wenn diese Kulturen zum Anlaß genommen wurden, über das Funktionieren von Kultur überhaupt nachzudenken, dann konnte man sicher sein, daß da einer ein Rorschachbild ausfüllte, auf dem sich seine eigenen Orientierungen abzeichneten; und je sorgfältiger er das machte, um so deutlicher erschien ein Bild der Kultur, aus der der Theoretiker stammte.

Um den Sachverhalt zu illustrieren: Freuds Untersuchungen über »Totem und Tabu« (1913), die »einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker« nachweisen sollten, enthalten höchst eindrucksvolle Darstellungen aus dem Seelenleben mitteleuropäischer Neurotiker — an amerikanischen Colleges muß es lange wie ein Sport betrieben worden sein: nachzuweisen, daß Freuds Untersuchungen kein wahres Wort über das Seelenleben der »Wilden« enthalten, daß diese »Wilden« nichts anderes sind als verkleidete Neurotiker aus der Wiener Bourgeoisie um 1900.

Ich will der Lust, das Fremde gegen den theoretischen Zugriff, der es als Vorstufe oder Variation der eigenen Lebensform erweisen will, als Fremdes zu restituieren — ich will dieser Lust hier nicht nachgehen, wie eindringlich sie sich heute auch kundgibt: in den Bemühungen von Claude Levi-Strauss etwa, das »wilde Denken« gegen das europäische zu rehabilitieren, oder in denen von Michel Foucault, den »Wahnsinn« aus den Definitionsversuchen der »Vernunft« zu befreien — Bemühungen, die ebenso viel Zustimmung gefunden haben wie heftige Reaktionen der europäischen Vernunft. Mich interessiert ein anderer Punkt. Gut, Freuds ethnologische Spekulationen sagen wenig über die Kultur der australischen »Aborigines« und viel über die alteuropäische Kultur, deren Figuren er als »Wilde« verkleidet hat. Das heißt aber doch auch: Wenn man die Kostümierung beseitigt, erhält man gültige Bilder der Originalfiguren. Nach diesem Muster jedenfalls möchte ich zwei ethnologische Untersuchungen über zwei westafrikanische Stämme lesen, die in den 60er Jahren vorgenommen worden sind. Und ich will gleich sagen, daß sich — wie schwierig das auch zu erklären ist — die Originalfiguren für diese Untersuchungen erst in den 70er Jahren enthüllen.

 

Die Dogon. Die Agni

1960 hat der Zürcher Psychoanalytiker Paul Parin gemeinsam mit seiner Frau Goldy Parin-Matthey und seinem Kollegen Fritz Morgenthaler eine Expedition zum Volk der Dogon unternommen, das in der schwer zugänglichen Bergwelt am Abfall des Niger lebt, in kleinen Dörfern, die als Nester auf bizarren Felsen angesiedelt sind. In diese Gegend hat sich das Volk der Dogon wohl schon vor Jahrhunderten geflüchtet, vor feindlichen anderen Völkern wie vor den europäischen Kolonisatoren. Die Unzugänglichkeit des Ortes ist eine wesentliche Voraussetzung dafür gewesen, daß sich die Dogon mit ihrer eigenen Kultur haben erhalten können — nicht die einzige Voraussetzung, wie die Parin-Gruppe erklärt, aber eine wesentliche. In dieser Form überleben die Dogon anscheinend weiterhin: ich habe nicht ohne Befriedigung gelesen, daß die von Willy Brandt geleitete UNO-Kommission kürzlich in der armen Republik Mali auch die Dogon besucht und als ein ebenso armes wie lebensfähiges Volk bewundert hat. Denn tatsächlich macht die Darstellung der Dogon, wie sie die Parin-Gruppe gegeben hat, diese Kultur außerordentlich liebens- und bewunderungswürdig.

Die Ethnologen haben ein ungewöhnliches Verfahren praktiziert: sie suchten sich unter den Dogon Informanten, mit denen sie während ihres Aufenthaltes regelmäßig einstündige Gespräche führten, die der Technik der Psychoanalyse nachgebildet sind. Der Informant sagt, was ihm einfällt, der Ethnologe hört zu und gibt von Zeit zu Zeit Interpretationen, die das Erzählte strukturieren. Aus dem Material dieser Gespräche haben die Autoren, wie es der Analytiker in der analytischen Situation zu tun pflegt, die Psyche der Dogon zu rekonstruieren versucht: in ihrem Triebleben, in ihren Abwehrmechanismen, in ihrer Ich-Struktur.

Beginnen wir mit der Ich-Struktur. Bei den Dogon gibt es eigentlich keine Individuen im europäischen Sinne, keine fest abgegrenzte und um ihre Abgrenzung kontinuierlich besorgte Subjektivität. Die Dogon leben mit einem »Gruppen-Ich«, das familiale wie aktuelle Sozialbeziehungen ad hoc zu verknoten, sich außerordentlich rasch und schmerzlos umzuorientieren, vielfältige und widersprüchliche Erwartungen konfliktlos zu verarbeiten vermag. Entsprechend gibt es kein individuelles Über-Ich, sondern ein »Clan-Gewissen«, das gleichsam kasuistisch mit vielen Präzedenzfällen operiert und niemals auf die Durchsetzung eines einzigen Prinzips dringt. Nichts liegt den Dogon ferner als moralischer Rigorismus.

Die Dogon verfügen über flexible Abwehrmechanismen, ganz anders als die Mitteleuropäer, denen man vor allem die Kultivierung eines Abwehrmechanismus nachgesagt hat, der Reaktionsbildung: ›Ich liebe nicht den Schmutz, sondern die Sauberkeit‹, ›ich bin nicht verschwenderisch, sondern sparsam‹, ›ich bin nicht chaotisch und unordentlich, sondern sorgsam und genau‹ — das ist der Geist des Protestantismus. Demgegenüber können die Dogon, eben weil sie über vielfältige Identifikationsmöglichkeiten und entsprechend flexible Abwehrmechanismen verfügen, eine Vielzahl von Triebtendenzen zulassen, ohne unter Triebdruck zu geraten. Nicht daß sie aggressionsfrei wären: aber die Aggression bleibt häufig in der Phantasie, dringt kaum in die Handlung vor, wo sie sich, wenn sie bis dorthin gelangt, leicht an symbolischen Gesten befriedigt.

Ich will es gleich sagen: diesem Buch, das Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Goldy Parin-Mattèy 1963 über die Dogon publiziert haben — »Die Weißen denken zuviel« (Adantis, Zürich, als Kindler-Taschenbuch wiederaufgelegt) — lassen sich viele, vielleicht alle Elemente der Utopie von einem neuen, glücklicheren, friedlicheren Menschen entnehmen, wie sie die Protestbewegung wenige Jahre später leidenschaftlich und ausführlich zu entwickeln begonnen hat. Das kann schon eine einzige Geschichte illustrieren: Die Dogon haben, bis sie unter Kolonialherrschaft gerieten, ihre Landwirtschaft kollektiv betrieben; die Kolonialherren auferlegten ihnen Kopfsteuer. Um sie entrichten zu können, legten die Dogon viele einzelne Felder an, auf denen Zwiebeln angebaut wurden; mit dem Verkaufserlös bezahlten sie die Kopfsteuer.

Klar, denkt melancholisch der marxistisch geschulte Kulturtheoretiker: Die Kolonialherren auferlegten den Dogon das Privateigentum und den Individualismus, der, weil ökonomisch begründet, die einheimische Kultur zerstören wird. Aber so ist es nicht gekommen. Wenn die »individuellen« Zwiebelfelder eine gewisse Größe erreicht hatten, wurden sie von den Dogon wieder in Kollektiveigentum überführt. So praktizierten sie einen Primat der Psycho- und Sozialpolitik, von dem sich die Protestbewegung die Revolutionierung des Kapitalismus versprach.

*

1966 hat die Parin-Gruppe einen zweiten westafrikanischen Stamm besucht: die Agni, die im Gebiet der Republik Elfenbeinküste leben, also nicht wie die Dogon in einer hellen, trockenen, armen Landschaft, sondern im Urwald, in einer üppigen Vegetation auf fruchtbarem Boden, mit dem sie in großen Plantagen Kaffee für den Weltmarkt produzieren und für deren Bewirtschaftung sie ein Heer von Gastarbeitern angestellt haben.

Ich will es gleich sagen: diesem Buch, das Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Goldy Parin- Mattèy 1971 über die Agni publiziert haben — »Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst* (Suhrkamp) — lassen sich viele, vielleicht alle Züge der Subkultur ablesen, die das Scheitern, der Zerfall, die Auflösung der Protestbewegung hervorgebracht hat. Genauer: in dem von der Parin-Gruppe gezeichneten Bild der Agni läßt sich diese Subkultur in ihren einheitlichen Zügen dechiffrieren, so überraschend das ist.

Um mit einem besonders krassen Detail zu beginnen: die Agni sind außerstande, Subjekt und Objekt, Person und Sache genau zu unterscheiden; manchmal werden Sachen wie Personen, manchmal Personen wie Sachen behandelt. Das kommt einem doch bekannt vor, nicht wahr? ›Gewalt gegen Sachen: ja — Gewalt gegen Personen: nein‹, lautete die Parole. Inzwischen wird die Gewalt gegen Personen bis zum Mord praktiziert, mit einer kaum nachfühlbaren Kaltblütigkeit. Vielleicht deshalb, weil die Praktiker den Mord gar nicht als Gewalt gegen Personen, sondern als Gewalt gegen Sachen erleben?

In der Zeitschrift »Autonomie« (Heft 1/1978, München) wird in einer komplizierten Argumentation nachzuweisen versucht, daß Hanns Martin Schleyer sich als kapitalistischer »Sozialingenieur« zu einer »Unperson« gemacht hatte, die von der Logik, der sie ihr Leben lang gefolgt ist, am Ende liquidiert wurde. »Der Mensch Schleyer ist tot«, heißt es am Anfang des Aufsatzes, »er muß auch irgendwo Subjekt gewesen sein, wenn wir auch nicht wissen wo, das zeigen die fast schon staatsfeindlichen Trauergesten seiner Anverwandten. Reden wir über die Unperson, an der eine abenteuerliche Abstraktheit und Kälte über das Funktionieren als Charaktermaske des Kapitals hinausgetrieben worden ist. Es geht uns dabei nicht um ein psychologisierendes Nachzeichnen des Entwicklungsgangs eines Menschen zur entäußerten Repräsentation der Macht. Wir wollen uns mit ein paar historischen Skizzen darüber begnügen, wie die Kontinuität des ›Modells Deutschland‹ einen Menschen fortschreitend ausleert und schließlich aus dem Weg geräumt hat.«

Die folgende Argumentation, die Schleyers Rolle im ökonomischen Apparat des Nationalsozialismus und dann in der Bundesrepublik nachzeichnet, ist eindrucksvoll ›sachlich‹ — man könnte an Schleyer ja auch notieren, daß er seine Rolle mit einer Lebensfülle gespielt hat, die man nur noch aus Berichten über die Zeiten des Frühkapitalismus kennt. Am Ende des Aufsatzes heißt es, immer noch in diesem sachlichem Gestus, als würden physikalische Vorgänge beschrieben: »Einige Zirkel hofften, die Einkreisung [der Linken] zu sprengen, indem sie anfingen, den Terrorismus der Sozialingenieure auf diese selbst anzuwenden. Dabei begaben sie sich von vornherein in einen aussichtslosen Clinch. Sie pokerten mit dem ›Krisenstab‹ der herrschenden Macht in der Überzeugung, daß er seine eigene Kontrolle über die Körper der Isolationsgefangenen zurücknehmen würde, um die Person Schleyer zu retten. Aber Personen und Körper bedeuten den Sozialingenieuren nichts, auch und gerade die, die zu Hüllen der Macht geworden sind. Was wäre geschehen, wenn die Entführer die Person Schleyer freigelassen hätten? Befangen in der Imitation der von ihnen angegriffenen Macht, hatten sie diese Größe nicht. Sie haben die Unperson zurückgegeben [deren Bedeutung voll in dem Staatsbegräbnis realisiert wurde], indem sie die Person vernichteten. Sie haben ihre Niederlage selbst vollstreckt.«

Wohlgemerkt: dies ist keine Rechtfertigung des Terrorismus oder gar der Ermordung Schleyers — und die Argumentation ist mit einer Kohärenz durchgeführt, die den Schriften unserer Agni gewöhnlich fehlt. Aber die Argumentation beeindruckt eben vor allem durch eine Perspektive, der politisch-soziale Vorgänge wie physikalische erscheinen. Ein Wort wie »Größe« wirkt wie ein theatralisches Zitat aus einem anderen, fremden, abgelebten Sprachgebrauch.

 

»Beziehungsprobleme«

Die Agni, berichtet die Parin-Gruppe, anerkennen die Sexualität als Lebensgenuß. Es gibt keine Sexualmoral, die ihnen gebieten würde, den Geschlechtsverkehr als eine eigentlich lästige, von der menschlichen Natur auferlegte Notwendigkeit auszuführen. Das gilt auch für unsere Agni. Nichts liegt ihnen ferner als die puritanische Sexualmoral, ein Verzicht auf Sexualbefriedigung im Dienst von Arbeit, Kultur, Sublimierung. Die Protestbewegung hat diese, gewiß schon weit früher einsetzende, Tendenz mächtig gefördert; die breite Rezeption der Schriften Wilhelm Reichs mit ihrer geradezu mystischen Propaganda des Orgasmus ist dafür ein Indiz.

Aber die Agni, berichtet die Parin-Gruppe, sind außerstande, ihre eigene lustfreundliche Sexualmoral zu leben. Der Geschlechtsverkehr ist eine Quelle von Leiden und Enttäuschungen, wie Liebesbeziehungen überhaupt. Die Agni haben, um ein Lieblingswort unserer Agni zu verwenden, »Beziehungsprobleme«. Zwar gibt es die Institution der Ehe, aber jeder Mann und jede Frau ist von einem Satellitenring anderer Liebesobjekte umgeben, zwischen denen es andauernd Krisen und Konflikte gibt, so daß das Zusammenleben der Geschlechter eine Quelle kontinuierlich fließenden Unglücks ist.

Besonders zu leiden haben die jungen Männer. Sie sind der Triebentwicklung in der Pubertät nicht gewachsen, ihre psychische Struktur bricht unter dem Triebdruck zusammen. Auch unter den Anforderungen der Mädchen, die, nachdem sie zum ersten Mal menstruiert haben, sich offiziell als Sexualpartner anbieten, also die Annäherung der jungen Männer erwarten. Die suchen aber, so lange es geht, in der Horde von ihresgleichen zu bleiben. Die Horde kultiviert vor allem ein Laster: den Alkoholismus. Manchmal macht ihnen der Schnaps genug Mut, sich den Mädchen zu nähern. Auch später, wenn sie sich ein wenig stabilisiert haben, bleibt der Zusammenhang von Sexualität und Alkohol vielfach erhalten. Der Zusammenhang ist in den Heiratsbräuchen kodifiziert: wenn ein Mann eine Frau heiraten will, muß er ins Haus der Eltern drei Flaschen Gin mitbringen.

Unter den Broschüren, die man in den Buchhandlungen unserer Agni kaufen kann, findet man im Augenblick auch eine mit dem Titel »Ausgerissen« von einem »Udo Untergrund« (Selbstverlag, Kassel 1976). Der jugendliche Erzähler berichtet, wie er aus der Bundeswehr desertiert und nach Schweden flüchtet. Unter den Szenen, die er berichtet, findet sich die folgende in ihren Grundzügen regelmäßig wieder: »Ich saß auf einer Mauer am Pier und ließ die Beine runterbaumeln, unter mir ölig schwappendes Wasser. Was tun. Ein Mädchen mit langen Beinen. Ich hatte mich nach ihr umgedreht. Sie kam und fragte nach einer Zigarette und warum ich so in das Wasser sehe. Ich erzählte ihr, daß ich ein Deserteur sei und überhaupt die ganze Geschichte, und ich kam mir vor wie ein Abenteurer. Sie holte eine Flasche Wein aus der Tasche, und ich drückte mit dem Daumen den Korken runter. Bald war das Mädchen besoffen und hing schief in meinen Armen. Die zweite Flasche war halb leer, als sie ihr aus den Fingern glitt und in tausend Stücke zersprang. Dann wollte sie zu ihrem Hotel. Wie wir so auf der Straße gingen, merkte ich, daß sie einen halben Kopf größer war als ich. Wir lagen ausgestreckt auf dem Bett und zogen uns schnell die Hosen runter. Aber sie war zu besoffen, viel zu besoffen. Sie krallte sich zu fest in meinen Rücken und biß mir in die Brust, daß ich aufschrie und ihr in das Gesicht schlug. Dann bekam sie einen gefährlichen Anfall [einen Orgasmus?] und ich ging noch in der gleichen Nacht.«

So gewalttätig und angsterregend muß es nicht immer zugehen (auf die Gewalttätigkeit komme ich noch). Unter den Zeitungen, die man in jenen kleinen Buchhandlungen kaufen kann, findet sich auch »Pflasterstrand«, von Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt herausgegeben; im 30. Heft (Mai 1978) berichtet ein ehemaliger Protagonist der Frankfurter Hausbesetzungen, wie er sich aufs Land zurückgezogen hat, als Knecht bei einem Bauern arbeitet. Hier entwickelt er ein Sexualleben, wie es die Parin-Gruppe an den Agni beschreibt:

»Wenn seine Frau dienstags zum Handball ging, traf er [der Bauer] sich regelmäßig mit Doris — einem sechzehnjährigen Mädchen aus der Nachbarschaft: er kaufte dann eine Flasche Sekt bei Tante Anni (dem Nachbarschafts-Shop) und sie fuhren mit dem Melkwagen (einem Opel, der Liegesitze hatte) irgendwohin und fickten. Später — als ich schon eine Weile bei ihm arbeitete und wohnte — lernte ich die Doris auf dem Schützenfest auch kennen, und seit dem Tag waren wir fast jeden Abend zusammen. Meist trafen wir uns bei Tante Anni, die in ihrer Wohnstube eine kleine nicht-angemeldete Kneipe betrieb, und soffen uns einen. Samstags übernahmen wir beide manchmal eine Babysitter-Aufgabe für irgendein junges Ehepaar im Dorf, das ausgehen wollte. Wenn die Kinder dann eingeschlafen waren, fickten wir im Schlafzimmer der Eltern, in diesen scheußlichen Ehebetten mit Nachtschränkchen auf beiden Seiten, mit einem riesigen Kleiderschrank daneben und einer Frisierkommode, auf der die Hochzeitsphotos und die Photos der Kinder standen, der ganze Raum meistens in hellblau oder rose. Das war eigentlich ganz schön. Einigermaßen erträglich war die Tatsache, daß Doris sich auch weiterhin jeden Dienstag mit dem Bauern traf. Und witzig war die Episode, die mir Jan — ein ehemaliger Bauer, der jetzt bei der Bundesbahn arbeitete — erzählte: er hatte mit mehreren in der Kneipe gesoffen, Doris war auch dort gewesen, und sie hatten sich draußen am Friedhof verabredet. Sie war dann vorgegangen. Er hatte seinen Wagen von zuhause geholt, und sie waren an die Weser gefahren und hatten herrlich zusammen gefickt. Doris erzählte mir eine andere Version: Jan war unheimlich [das ist, in adverbialer Funktion, übrigens eines der Lieblingsworte unserer Agni] besoffen gewesen, und während sie noch am Fluß im Wagen im Clinch lagen und sie anfing sich auszuziehen, sei er plötzlich eingeschlafen. Sie sei dann zu Fuß nach Hause gegangen, weil er nicht wieder wach geworden war. Weniger lustig dagegen war die ewige Wiederholung dieser drei Spielchen: Arbeiten, Saufen, Ficken (oder darüber reden).«

Das ist kraß genug und wird sich anderswo in blasseren Varianten abspielen. Ebenso jedenfalls geht es bei den Agni zu: die dauernd präsente Sexualität wird in genau dieser trüben, zwanghaften Weise praktiziert, als müßte das sexuelle Glücksversprechen wie eine Schulaufgabe erfüllt werden — der man sich zuweilen auch unlustig entziehen kann. Ob die Sexualität praktiziert oder ›bestreikt‹ wird, das bleibt sich letztendlich gleich.

Das zweite Charakteristikum jener Geschichte aus dem »Pflasterstrand« findet man gleichfalls bei den Agni kultiviert: die Kunst der Intrige, im Kreis herum allen heimlich peinliche Geschichten über alle erzählen.

Bei »Udo Untergrund«, im »Pflasterstrand« wie in den Schilderungen der Parin-Gruppe geht es stets um heterosexuelle »Beziehungsprobleme«. Bei der Lektüre der Autobiographie Rosa von Praunheims — »Sex und Karriere« (Roger & Bernhard 1976, als Rowohlt-Taschenbuch 1978 wieder aufgelegt) — gewinnt man aber den Eindruck, daß die Subkultur der (männlichen) Homosexuellen diese Strukturen in einem Grade kultiviert, daß man ihr wie einer fotografischen Vergrößerung die »Beziehungsprobleme« unserer Agni genauer ablesen kann: die Dauerpräsenz der Sexualtriebes; Angst und Mißtrauen, die fortwährend nach neuen Objekten suchen lassen; Lust am Schmerz, werde er nun erlitten oder zugefügt; und dies alles in einer kunstvoll verwickelten Kommunikation darüber verdoppelt.

Einem Psychoanalytiker wird es nicht schwerfallen, die Parallele herzustellen: auch die Agni halten hartnäckig an der Analerotik fest — deren Ausgestaltungen Rosa von Praunheim ausführlich darlegt —, freilich nicht in der Gestalt homosexuellen Geschlechtsverkehrs, sondern in der Gestalt von Klistieren aus scharfen Kräutern, die sie sich mehrmals täglich einführen; daran werden schon die Säuglinge von ihren Müttern gewöhnt, das zählt die Parin-Gruppe zu den Traumata, die die psychische Struktur der Agni so nachhaltig beschädigen. Diese Einzelheiten sind auf die heterosexuellen »Beziehungsprobleme« unserer Agni natürlich nicht ohne weiteres umzuschreiben. Immerhin fällt aber auf, daß die Träumereien über Veränderungen der Männerrolle, die man so zu lesen bekommt, häufig genug um eine Aktivierung der Analerotik kreisen.

 

»Gewalt gegen Frauen«

Die Parin-Gruppe berichtet, daß sich viele Szenen, die sie zwischen Frauen und Männern beobachtet haben, wie Vergewaltigungsversuche darstellten. Auf einer dunklen Straße wird ein junges Mädchen von zwei Burschen angefallen; der eine hält ihren Kopf fest und beugt sie nach vorn, der andere streift ihren Rock hoch; als die Beobachter eingreifen wollen, haben sich die drei schon voneinander gelöst, und das Mädchen streichelt einen der Burschen zärtlich am Hals.

Vergewaltigung ist ein Thema, das die feministisch organisierten Frauen unserer Agni mit unheimlicher Intensität verfolgen. Wenn man ihre Schriften liest, bleibt kein Zweifel daran, daß sie Sexualbeziehungen zwischen Frauen und Männern überhaupt als Aggression auffassen wollen, deren Inbegriff die Vereinigung der Genitalien sei. Umgekehrt gibt es unter den Männern unserer Agni genug, die gern auf diese Vereinigung verzichten wollen, weil sie ihr Genitale selber für eine gefährliche Waffe halten — im »Spiegel« (Nr. 19/1978) hat Peter Brügge süffisant über diese Männer berichtet.

Zu den feministisch organisierten Frauen darf einem auch einfallen, daß die Agni matrilinear organisiert sind: der Mann tritt mit der Heirat in die Familie der Frau ein. Aber — und daraus versteht die Parin-Gruppe ein großes Stück der Desorientierung, an der die Agni leiden — sie haben kein Matriarchat, es sind Männer, die den Höfen und Dörfern vorstehen. Ein kleiner Junge wächst zwar bei seinem Vater auf, arbeitet später auch für ihn. Aber er wird seinen Vater nicht beerben; das tut in der Regel sein Cousin, der Sohn, den der Bruder der Mutter in einem entfernten Hof oder Dorf gezeugt hat. Gut denkbar, daß sich informell, ohne juristische Kodifizierung, solche matrilinearen Strukturen auch bei unseren Agni einspielen. Die Frauen, die programmatisch Kinder haben, aber nicht heiraten wollen, wären der Ausgangspunkt für das Einspielen dieser Struktur.

Für das Konzept, Aggression bestimme das sexuelle Verhältnis zwischen Männern und Frauen, lassen sich unzählige Belege in den Schriften unserer Agni finden. Ich wähle einen Artikel aus dem 120. Heft von »Blatt-Stadtzeitung für München«. Eine Margit berichtet — das ist ein anderer Punkt: daß unsere Agni nur per Vornamen miteinander verkehren und ungern den Familiennamen preisgeben — von einer Kampagne für ein Frauenhaus in München, in dem vergewaltigte Frauen Zuflucht finden sollen. Die Stadtverwaltung wollte das unterstützen, aber Margit und ihre Gruppe befürchten eine heimliche Sabotage ihres Projekts durch seine angeblich wohlwollenden Förderer — das ist ein anderes Merkmal der Agni: ihr ungeheures Mißtrauen. Daß die Stadtverwaltung das Projekt eigentlich sabotieren wollte, wurde der Gruppe an verschiedenen Vorschlägen klar, etwa an dem, »eine Cafeteria soll [dem Frauenhaus] angeschlossen werden, in der sich Mann und Frau treffen können. So etwas kann nur planen, wer von der Problematik keine Ahnung hat!« In der Cafeteria würden doch bloß die neuen Vergewaltigungen angebahnt, so würde das Frauenhaus um seine eigentliche Funktion gebracht.

 

 

Am Ende des Artikels berichtet Margit eine Szene, die prägnant die Konfusion darstellt, die die Kinder der Agni zu erleiden haben. Im Schwabinger Bräu soll ein großes Fest für Frauen stattfinden. Bei den Vorbereitungen dafür hat Margit die folgende Szene beobachtet: »Ein vielleicht 6jähriger Junge . . . schmuste ganz lieb mit einer der Frauen und stellte dann fest, daß sie sicher nimmer mit ihm schmusen wird, wenn er erwachsen ist. Und dann: ›Ich gehe später in ein Männerzentrum, das liegt direkt neben dem Frauenzentrum, und dazwischen gibts ein Fenster, und da kann ich dann immer meiner Mama drüben rufen.‹ Damit«, fährt Margit fort, die Szene interpretierend: »wie ich mit den Jungen im Schülerladen [in dem sie offenbar arbeitet] umgehen will, komme ich nicht mehr zurecht. Ich denke, das geht vielen Frauen, die mit [männlichen] Kindern leben, so. Wir sollten uns dazu im Frauenzentrum zusammensetzen, finde ich.«

Konfusion und Desorientierung. Im Januarheft der Berliner Frauenzeitung »Courage« findet man zum Thema »Transsexuelle« zwei Interviews mit Männern, die sich operativ (und medikamentös) in Frauen haben verwandeln lassen — so wird es gesagt und man muß erst nachdenken, daß es nicht ganz stimmt: Männer lassen sich (noch) nicht restlos in Frauen verwandeln. Konfusion: die beiden befragten »Frauen« — und das fasziniert die Autorinnen — haben jetzt nicht etwa sexuelle Beziehungen zu Männern aufgenommen, sondern zu Frauen! Das heißt doch wohl, daß diese beiden Männer sich haben kastrieren, operativ und hormonal als Frauen haben maskieren lassen, um endlich Beziehungen zu Frauen eingehen zu können, von denen sie sich irgendeine unbestimmte Befriedigung versprachen.

Gewalttätigkeit: In der Vorbemerkung zu den beiden Interviews wird der Zusammenhang hergestellt: »Wenn immer es zu Demonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen kam, tauchte in Teilen der Frauenbewegung die Forderung auf: ›Entwaffnet Vergewaltiger!‹ [d. h. kastriert sie]. Gegen Potenz-, Macht- und Stärkemißbrauch von Männern, als Strafe. Sie beinhaltet eine erzwungene Anpassung an das weibliche Geschlecht. Kann Gewalt gegen Frauen aber durch Zwangsanpassung an Frauen aufgehoben werden? Ist sie zu wünschen?« Auch hier muß man erst genauer nachdenken. Es handelt sich nicht um skeptisch-anregende Fragen, sondern um weitere Beiträge zur Desorientierung. Denn ein kastrierter Mann ist ein kastrierter Mann und keine zwangsangepaßte Frau. Die Verknüpfung kann man nur verstehen, wenn man dahinter das Wirken einer Theorie erkennt, der auch die Agni nach dem Bericht der Parin-Gruppe anhängen: daß Frauen keine authentische anatomische Struktur haben, sondern eigentlich kastrierte Männer sind, die darum aus Rache die Männer verfolgen, um ihnen das verlorene männliche Genitale zu rauben.

 

»Gegen jede Form von Leistung«

Das ist eine mit Filzstift geschriebene Inschrift in einer Männertoilette des Germanischen Seminars an der Freien Universität Berlin: »Gegen jede Form von Leistung. Wir faulen Schweine wollen alles umsonst.« Die konservativen Kritiker unserer Agni lieben es, solche Parolen als Gefährdungen des ›gesellschaftlichen Basiskonsenses‹ zu denunzieren — so z. B. Hermann Lübbe in dieser Zeitschrift (Februar 1978) — eine Kritik, die stets nahelegt, man solle unsere Agni exkommunizieren oder umerziehen. Wie das zu bewerkstelligen sei, darüber schweigen sich die Kritiker dann aus.

Tatsächlich findet man bei unseren Agni viele explizite Erklärungen gegen Leistung, gegen Arbeit überhaupt. Sie werden auch gelebt. Ein beiläufiges Indiz: viele der Lokale, in denen unsere Agni in Berlin verkehren, bieten ein Frühstück an, von dem sie auf der Speisekarte ausgedruckt mitteilen, daß es bis 17 Uhr serviert werde. Um die Lage richtig zu sehen, empfiehlt es sich aber wiederum, in der Agni-Darstellung der Parin-Gruppe nachzulesen.

Die Agni leben ökonomisch von der Kaffeeproduktion für den Weltmarkt; ganz anders als die quasi-autarken Dogon sind sie unmittelbar abhängig von einem ökonomischen System, das sie nicht im mindesten überschauen und weder in ihren Köpfen noch ihrer politisch-ökonomischen Organisation zu repräsentieren vermögen. Die Plantagen, auf denen sie den Kaffee anbauen, werden vor allem von Gastarbeitern betrieben, die den verschuldeten Einheimischen — das steigert das Mißtrauen der Agni, ihre Angst vor Manipulation — über kurz oder lang die großen Plantagen abgenommen haben werden. In einem der Dörfer ist es schon so weit: der reichste und angesehenste Mann ist ein ehemaliger Gastarbeiter. Die Agni sind außerstande, ihre Arbeit effektiv zu organisieren.

Zwei Szenen, die sich zugleich gut als metaphorische Darstellungen des Arbeits- und des ökonomischen Verhaltens unserer Agni verstehen lassen: Die Kaffee-Ernte ist abgeschlossen; die Kaffeebohnen liegen in einem großen Haufen auf dem Dorfplatz, um verlesen zu werden. Die Agni versammeln sich, das Verlesen der Kaffeebohnen ist eine angenehme Arbeit, bei der man zugleich kommunizieren kann (»kommunizieren« ist auch ein Lieblingswort und eine Lieblingstätigkeit unserer Agni); von dem großen Haufen soll jeder für sich einen kleinen mit tadellosen, klar-grünen Bohnen ansammeln. Der Ethnologe kommt dazu und beteiligt sich an der Arbeit. Nach einer Weile muß er aber bemerken, daß erstens sein Häuflein mit Kaffeebohnen viel rascher wächst als die der einheimischen Arbeitenden; zweitens muß er bemerken, daß er tatsächlich tadellose Kaffeebohnen zusammengelesen hat, während die Häuflein der Einheimischen immer noch das schmutzige Braungrün des großen Haufens zeigen, den die Arbeit eigentlich in seinen guten und seinen schlechten Teil zerlegen sollte. Die Agni vermögen eine solche Arbeit nicht auszuführen.

Die zweite Szene lehrt, daß die Agni außerstande sind, ein Geldsystem zu verstehen und aufrechtzuerhalten. Auch dies kann man als metaphorische Darstellung von Verhaltensweisen unserer Agni nehmen. Nach der Kaffee-Ernte kommen Lastwagen, die Säcke mit Kaffeebohnen abzuholen. Sie werden ausgewogen, die Agni bekommen Geld in die Hand. Aber sie können das Geld nicht verwenden, für das Abzahlen ihrer Schulden etwa, die das ganze Jahr beigetragen haben zu ihrer Lebensstimmung des Unglücks und der Abhängigkeit; die Geldscheine gehen regelrecht verloren, als könnten die Agni sich überhaupt nicht vorstellen, was man damit anfängt: einen Teil verschenken sie auf dem Heimweg von der Verkaufsstelle, mit einem anderen Teil kaufen sie sich Schnaps, der dritte wird in der Hütte in einer Ecke deponiert, wo ihn Termiten zernagen.

Unzweifelhaft arbeiten die Agni. Aber nicht auf ökonomischen Erfolg hin. Der größte Teil ihrer Kraft geht in die Aufrechterhaltung ihres desorganisierten sozialen Lebens, ihres Intrigen-Systems, einer komplizierten Etikette, deren Einhaltung mit großer Aufmerksamkeit überwacht wird: in der Regel befaßt sich die Rechtsprechung der Agni mit Verletzungen der Etikette.

Ich glaube, so ist es auch bei unseren Agni. Wenn sie effektiv arbeiten, so haben sie seit langem darauf verzichtet, das ökonomische System, in dem diese Arbeit stattfindet, in ihren Köpfen zu repräsentieren, sie unternehmen seit langem schon keinen Versuch mehr dazu. Jedermann weiß, daß es der Kapitalismus ist, mit dem sich zu beschäftigen nicht lohnt, und der ohnehin bald am Ende sein wird. Im übrigen können sie intensiv arbeiten, wie schon das Netz jener kleinen Buchläden bezeugt, die unzähligen Schriften, in denen sie sich darstellen, die sie nicht nur schreiben, sondern auch drucken und vertreiben. Auch bei ihnen ist aber eine ›unheimliche‹ Psycho- und Sozialpolitik das eigentliche Arbeitsfeld, Verdächtigungen, Intrigen, Fragen der Etikette, eine minutiöse Organisation der Desorientierung.

Besonders klar ist das an den sogenannten K-Gruppen zu erkennen, jenen zahlreichen »Parteien«, die sich »kommunistisch« nennen und den größten Teil ihrer Kraft auf die Teilung und Differenzierung untereinander verwenden, so daß ein vollkommen undurchsichtiges Geflecht entsteht, das den Schemata sehr ähnlich sieht, in denen die Parin-Gruppe die verworrenen Sozialbeziehungen der Agni abzubilden sucht.

Ein Beispiel dieser Art von Psycho- und Sozialpolitik soll genügen. Unter den vielen »Parteien« gibt es auch eine winzig kleine, die sich »KPD/Marxisten-Leninisten (Neue Einheit)« nennt (es gibt auch eine »KPD« und eine »KPD/Marxisten-Leninisten«). Eine ihrer Broschüren — »Zur Frage des Kampfes gegen den reaktionären Mordterror« (Berlin 1972) — kommentiert die Erschießung Thomas Weisbeckers im März 1972, eines Mitglieds der ersten »Bewegung 2. Juni«; wenig zuvor war Georg von Rauch, ein anderes Mitglied der Gruppe, erschossen worden; der Kommentar gilt auch der Demonstration, die in Berlin wegen des Falles stattfand. Weil der Anlaß ein blutiges Ereignis ist, tritt die Logik dieser Psycho- und Sozialpolitik besonders kraß zutage:

»Der Fall des geplanten, systematischen Mordes an Weisbecker ist zugleich eine äußerst wichtige Lehre für die gesamte Linke, weil er zeigt, in welcher Art verbrecherischer Terror gegen die revolutionäre Linke in Zukunft durchgeführt werden soll. Es ist damit zu rechnen, daß die Reaktion durch gezielte, heimtückische Morde an festen Revolutionären die revolutionäre Bewegung im Mark zu treffen versucht. Das ist insbesondere für unsere Partei wichtig. Seit Wochen werden eine Reihe von Mitgliedern in einem unerhörten Ausmaß von einer ganzen Bande von Spitzeln, Agenten, Kriminellen, unverfroren verfolgt . . . Die Reaktion bedroht unsere Partei, weil wir schon die ganze Zeit das faschistische Element dieser Gesellschaft, das ausgewachsene Agentenwesen und den Terror gegen die revolutionären Massen und die Massen überhaupt, den restlos verfaulten Charakter des Imperialismus aufgezeigt haben; weil unsere Politik von dieser Einschätzung ausgeht und weil mit der Ausbreitung dieser Politik unter den Massen eine Kraft geschaffen wird, die mit diesem System fertig wird . . . Um so wütender mußte die Bourgeoisie über die massenhafte Demonstration, über den starken Protest bei der Ermordung Georg von Rauchs und Thomas Weisbeckers sein. Sie zeigte ihr, daß es ihr noch nicht gelungen ist, die revolutionäre Bewegung zu zerschlagen . . . In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf das Treiben der sog. ›KPD‹ hinzuweisen. Wir haben schon verschiedentlich darauf hingewiesen, daß diese Partei eine besonders üble Agentur der Sozialdemokratie ist. Auch in diesem Fall zeigte sich dies . . . Die ganze Sabotage der ›KPD‹ bzw. des ›KSV‹ [ = Kommunistischer Studentenverband] wurde klar, als der ›KSV‹ die Protestdemonstration gegen die Ermordung Georg von Rauchs zu verhindern suchte und eine Teilnahme an der Demonstration unter dem lächerlichen Vorwand, daß die ›KPD‹ erst eine Woche lang die Arbeiter mobilisieren müßte, ablehnte. Dies führte zu scharfem berechtigten Protest bei den Studenten. Die ›KPD‹ ihrerseits sah sich veranlaßt, eine sogenannte ›Selbstkritik‹ zu üben. Die ›KPD‹ hat aber nur die Taktik bei der Sabotage geändert . . . Ihre neue Taktik besteht darin, zwar an solchen Demonstrationen teilzunehmen, aber sie dafür von innen her zu zersetzen, sie mit aller Kraft vom Widerstand zurückzuhalten und Pazifismus unter pseudomarxistischen Phrasen zu verbreiten.«

 

»Die Gesellschaft«

Die Agni, berichtet die Parin-Gruppe, sind außerordentlich abergläubisch, sie leiden an einer intensiven Angst vor Gespenstern, insbesondere vor Hexen, die sie manipulieren, hinter ihrem Rücken ein dicht gewebtes Kommunikationsnetz entfaltet haben, in dem ihre Lebensschicksale vorbestimmt werden, in dem sogar das Fleisch ihrer Körper gehandelt und getauscht wird.

Ich glaube, daß die Theorien über den Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, über die politischen und kulturellen Apparate, wie sie unsere Agni vortragen, die Form eines angsterregenden Aberglaubens haben; »die Gesellschaft«, »der Kapitalismus«, »der Staat«, das sind allgegenwärtige ungreifbare Mächte, auf deren Wirken man jederzeit voller Mißtrauen gefaßt sein muß.

Was Margit der Münchner Stadtverwaltung nachsagt, weil sie dem Haus für vergewaltigte Frauen eine Cafeteria angliedern will, das ist schon ein prägnantes Beispiel. Es gibt unzählige. Im vergangenen Jahr hat eine anonyme Gruppe unter den Einbänden verschiedener Schülerzeitungen und innerschulischer Publikationen ein Pamphlet gegen die Schule verbreitet, so auch unter dem Cover der Hannoveraner Schülerzeitung »Griffel«. Unter der Überschrift »Wie man gekocht wird, so wird man gefressen« heißt es da — und auch im folgenden erinnert die Metaphorik an das, was die Agni von ihren Hexen befürchten:

»Mit welchem Rohmaterial arbeitet nun diese Erziehungsanstalt für Produzenten (alias ›Schule‹)? Seltsamerweise für diese Welt der Dinge: immer noch mit Kindern, d. h. mit jungen Menschen. Der Schüler ist ein Kind und doch keins mehr. Er steht als das gerade gewünschte, biegsame Rohmaterial in einer Alterszwischenzeit, ist selbst eine Widerspiegelung der zerstückelten Zeit der Gesellschaft . . . Die Zeit des Spiels hört auf und die des Ernstes fängt an, dieser Jagdhund, der ihn [den Schüler] sein ganzes ›Leben‹ lang nicht in Ruhe lassen wird. Der Schüler ist ein Kind, das nicht mehr ausschließlich seinen Erzeugern, sondern von nun an direkt der Gesellschaft selbst unterworfen ist. Auf die private Willkür der Erzeuger folgt als 1. die systematische, öffentliche Willkür der Schulbehörden. Dazu gehört natürlich, wie auf jeder Stufe der hierarchisierten Gesellschaft, etwas Ritus, also eine Einweihung. Wie der süßliche Weihrauch den stinkenden, mit allen Würmern der Verwesung durchsetzten Brei des Christentums schmackhafter machen soll, wird dem Sechsjährigen unter Applaus der Wachhunde eine Schultüte in die Hände gedrückt — eine versüßte Erinnerung an die Eselsmütze, die Seinesgleichen in früheren Zeiten auf den Kopf gestülpt wurde, wenn man sie in die Ecke stellte. So wird auch weiterhin jede Stufe der Hierarchie, die keiner freiwillig betreten wird, zuerst zwangsläufig durch eine versüßende Henkersmahlzeit — ›’ne Zigarette, ’nen Cognac gefällig?‹ — zu einer angenehmen und sogar anziehenden Angelegenheit gemacht.

So wie das öde alltägliche Leben nur durch einen besonders spektakulären Aufwand (Ferien, Sport, all die sogenannten ›Spiele‹) ›attraktiv‹ gemacht, d. h. eine Zeitlang vergessen wird, so wird auch die banale Unerträglichkeit des Schülerlebens durch eine solche angewandte Kunst der Attrappen verdeckt und ›erträglich‹ gemacht . . . Der Schüler ist im größten Teil der Schulzeit ein ökonomisch völlig abhängiges Wesen. Sein verlängerter Nabelschnurzustand zwingt ihn in die Rolle des ewigen Bettlers und Erpressers seiner Erzeuger — des ›Unmündigen der Familie‹ im wahrsten Sinne. Ein permanentes Zwischending ohne Autonomie, das nicht einmal weiß, wohin es eigentlich gehört, wartet als jämmerliches Rohmaterial ›Schüler‹ darauf, geformt und bearbeitet zu werden.«

Diese Struktur — die hier mit einer für unsere Agni ungewöhnlichen Schärfe und Genauigkeit durchgeführt ist — wird man in verschiedenen Publikationen an verschiedenen gesellschaftlichen Lebensbereichen durchgeführt finden. Wer in »die Gesellschaft« eintritt, wird zerstückelt, verschlungen, verdaut, als nichtswürdiges Produkt wieder ausgeschieden; er versinkt in einem alptraumhaften Zustand fahler Lebendigkeit, des Scheintods. Das Leben, ein präsentes Dasein, sinnliche Empfindung für das Hier und Jetzt erscheinen wie eine Utopie, sind Gegenstand eines ungenauen Wünschens, das hinter die Institutionen, hinter die Bestimmungen, hinter die Sprache vordringen möchte, in einen paradiesischen Zustand der Auflösung.

So formuliert es ein anonymer Artikel in der Berliner Zeitung »Traumstadt« (Heft 2/1978): »Wir beschweren uns (zu Recht), gemaßregelt, verwaltet, aufgeteilt, selektiert zu werden, ohne zu akzeptieren, daß auch wir es sind, die diese Welt ordnen, aufteilen. Unser Bewußtsein funktioniert wie die Blicke eines Suchscheinwerfers: wir werfen dort Licht drauf, wo wir etwas sehen wollen. Das geschieht nicht unbewußt, nein, ganz bewußt. (Nicht von ungefähr sehen Menschen auf Steckbriefen so aus, als ob sie nicht mehr lange unter den Lebenden weilen werden; das Suchbild ›schießen‹ die Sicherheitsbehörden; ihr Blickwinkel, ihre Linse deuten dem Gejagten an, was er zu erwarten hat.) Das gleiche Spiel bei Sprache, für uns — vor allem für Männer — zentrales Moment in der Aneignung als auch Verwandlung von Realität. Wir tun so, als ließen sich alle Phänomene, Gefühle in uns und um uns herum in Wörter verpacken, ordnen . . . Wir akzeptieren genauso ohne Skrupel, daß Dinge, die uns unerträglich sind, in unsere Sprache keinen Eingang finden. Die Tatsache, daß wir in puncto Sexualität mit Hilfsbegriffen herumjonglieren, spricht Bände. Ordnung oder keine? Wenn es Herrn Glotz schlaflose Nächte bereitet, daß ihm die Sprache der Subkultur fremd ist, so sollten wir frohlocken — er hat uns nämlich nicht im Griff . . . Wir sollten uns deshalb hüten, Sprache zum Herrschaftsinstrument werden zu lassen. Um die Welt zu beherrschen, muß man sie erst mal benennen.« — Also lassen wir das besser. Die anonymen Verfasser jenes Antischulpamphlets erklären es zum zentralen Moment ihrer Strategie, daß sie sich nie wieder melden werden.

Die Parin-Gruppe hat während ihres Aufenthaltes bei den Agni nicht nur ihre Befragungen durchgeführt, sondern auch eine Arztpraxis betrieben. Hier spielten Schlüsselszenen, die das Verhältnis der Agni zu den Fremden erhellen. Eine dieser Szenen ist: immer wenn ein Agni Böses von einem der Fremden befürchtet, pflegt er um irgendeine Injektion zu betteln. Das heißt, der angsterregende soziale Eindringling wird zum weiteren Eindringen aufgefordert, tatsächlich in den Körper. Auch dies läßt sich als Metapher für das Verhalten lesen, das viele unserer Agni Fremden zeigen, die sie als Agenten »der Gesellschaft« identifizieren.

Bei den Agni, berichtet die Parin-Gruppe, wird diese Hingabe aus Mißtrauen komplettiert durch eine ebenso vage wie unstillbare Sehnsucht nach »Wohltätern«, die sie aus ihrem Elend und Unglück erlösen mögen. Denda, die Schwester eines Agni-Königs — und wegen der matrilinearen Organisation: die wichtigste Person des Dorfes — empfing regelmäßig den Besuch der Ethnologen, die ihr stets eine Flasche Coca Cola brachten, deren Inhalt sie aus einer Kürbisschale trank. Eines Tages versicherte die Königsschwester, sie habe endlich verstanden, wer die Ethnologen seien: ihre Ahnen, die endlich wiedergekehrt sind, um ihr Gutes zu tun — anders könne sie sich ihr Verhalten nicht erklären.

Auch unsere Agni sind oft genug von dieser Sehnsucht nach Wohltätern erfüllt. Sie ist schon jenem »Udo Untergrund« abzulesen, dem jungen Bundeswehr-Deserteur, mit dem ich diesen Bericht über unsere Agni angefangen habe: jede Person, der er in Schweden begegnet, schaut er erst einmal passiv-erwartungsvoll an, ob sie ihm nicht etwas überwältigend Gutes tun werde. Meist sind es dann freilich alte Männer, die ihn mit ins Bett nehmen, wenn er verloren irgendwo herumgesessen hat.

In einer anderen jener Broschüren berichten P. Brandt und Elga Sorbas über »Marokko. Erlebnisse in einem, fremden Land« (Selbstverlag, Westerham 1976). P. Brandt hatte Physik studiert, Elga Sorbas war Schauspielerin gewesen, aber sie hatten diese Karrieren nicht wirklich ergreifen wollen, sie haben einen alten VW-Bus gekauft — in ihnen kann man sie häufig auf den Straßen beobachten, unsere Agni — und sind nach Afrika gereist. Hier finden sie oft Gelegenheit, die Sehnsucht nach Wohltätern zu erfüllen, denn jeder Einheimische kann sich als Wohltäter erweisen, sobald er nicht Mißtrauen erweckt und rechtfertigt, sondern freundlich ist.

Überwältigend wirken die Einheimischen als Wohltäter, sobald sie wirklich etwas geben. Ich wähle zur Illustration die Beschreibung eines Essens, zu dem die beiden Reisenden von einem marokkanischen Ehepaar eingeladen worden sind. Die anspruchslose Beschreibung liest sich, als hätten P. Brandt und Elga Sorbas noch nie zuvor etwas Substantielles zu essen bekommen, als wäre dies das erste Mal, daß sie Essen wirklich befriedigt:

»fatima hatte von draußen mitgekriegt, worüber wir sprachen [nämlich über Europa, Deutschland, seine Lebensbedingungen, die Situation der Gastarbeiter], als sie kam und einen runden flachen holztisch für das essen vor uns hinstellte, sagte sie zu hamida [ihrem Ehemann], er solle mal lieber hier in marrakesch bleiben und nicht immer nach europa sehen, hier sei er jemand und sie könnten ihr leben einigermaßen selbst bestimmen, dort sei er nichts und müsse sich nur anderen unterordnen, sie sagte noch dergleichen mehr, und wir waren erstaunt, wie gut sie da durchblickte. sie ging wieder nach draußen, und nach einer weile kam sie zurück mit einer großen tonschale, die mit einem hohen, ebenfalls tönernen deckel bedeckt war. sie stellte sie auf den tisch und hob dann den deckel hoch, darunter war ein weißer berg kouskous, umgeben von einer soße, die ihre färbe von tomaten und safran hatte und viel feines gemüse und fleischstücke enthielt, fatima kam mit einer kanne und goß uns wasser über die finger der rechten hand, damit wir sie über einer schale waschen konnten, es war üblich, mit den fingern zu essen, mit der linken hand nahm man das brot, um es in die soße zu tauchen, fatima hatte uns zwar auch löffel hingelegt, aber wir wollten lieber sehen, ob wir das auch mit den fingern konnten, es wurde ein herrliches mahl, als wir schon dachten, wir hätten jetzt genug gegessen, und uns satt und zufrieden zurücklehnten, brachte fatima noch eine schüssel. darin war ein ganzes huhn. das essen fing noch einmal an, bis wir wirklich nicht mehr konnten, danach kam fatima wieder mit dem wasser, diesmal auch mit seife und handtuch, damit wir uns das fett von den händen waschen konnten, dann gab es noch kaffee.«

 

Perspektive

Die Agni, berichtet die Parin-Gruppe, sind elend und unglücklich, sie sagen es selbst; sie sagen auch, daß ihre Gesellschaft keine Zukunft hat, daß sie bald untergehen wird; ihre Gesellschaft ist ein Produkt der Dekadenz. Die Agni haben zu dem großen und mächtigen Imperium der Aschanti gehört, das noch den angelsächsischen Kolonisatoren lange erfolgreich kriegerischen Widerstand entgegengesetzt hat; den französischen Kolonisatoren dagegen haben sich die Agni widerstandslos in die Hand gegeben, sie anscheinend bereits für »Wohltäter« haltend. Die Parin-Gruppe bezweifelt, daß die Agni-Kultur bald zerfallen wird. Sie meint, daß die Agni ein funktionsfähiges soziales System entwickelt haben, das noch lange überleben kann, auch wenn es die Gesellschaftsmitglieder kontinuierlich unglücklich macht.

Ich will sagen: unsere Agni, das ist zwar ein Kunstprodukt, das ich eben hervorgebracht habe, aber es scheint mir nützlich, die Tendenzen, die ich darin zusammengefaßt habe, so zu studieren, als handle es sich hier tatsächlich um eine strukturierte, kohärente Kultur. Auch unseren Agni sollte man nicht glauben, wenn sie fortwährend ihren eigenen Untergang beschwören. Ebensowenig glauben sollte man den Kritikern unserer Agni, die sie für »Auswüchse« der »Wohlstandsgesellschaft«, »utopischer Reformpolitik« oder was weiß ich erklären und ihre restlose Unterwerfung vorschlagen.

Dies Studium, für das ich hier nur Ausgangsmaterial geliefert habe, eine Ethnographie unserer Agni1 also könnte auch eine praktisch-politische Tätigkeit sein. Es ist ja offensichtlich sinnlos, hier mit kulturkritischem Lamento zu reagieren oder mit Programmen für eine Erziehungsdiktatur, die den demokratischen Basiskonsens wiederherzustellen hätte. Dem Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz ist es zu verdanken, daß endlich einer offiziell, aus einer Position im staatlichen Apparat gesagt hat: es gibt diese Subkultur, man muß sie wahrnehmen, und das schließt blindes Einschreiten aus. Der Mescalero-Nachruf auf Buback verdankt seinen Ruhm der Unkenntnis; das tumultuarische Einschreiten verhindert die Beobachtung dessen, was es da alles gibt. Man muß es sammeln und interpretieren, und das nicht nur zu dem Zweck, damit irgendwann einmal Material für Indizienbeweise in der Hand zu haben.

Ich habe die Erklärungen ausgespart, die die Parin-Gruppe für das Unglück der Agni gibt, ich will sie auch nicht nachtragen. Ich will auch keine Erklärungen für das Unglück unserer Agni skizzieren. Mag sein, daß sie sich bei näherem Zusehen als Produkte des »wahrheitsunabhängigen Sozialisationsmodus« erweisen, dessen Schreckbild Jürgen Habermas entworfen hat. Mag auch sein, daß sich beim näheren Zusehen unsere Agni auflösen, als Produkte ganz anderer Tendenzen erweisen. Vielleicht sind sie die Zeugen einer Krise, durch die wir alle in den 70er Jahren hindurch mußten.

 

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Es wäre eine eigene Aufgabe, Publikationen zusammenzustellen, die schon zu einer solchen Ethnographie beitragen und nicht von unseren Agni selbst stammen. Ich zähle zu diesen Publikationen auch zwei Cartoon-Bücher von Chlodwig Poth — »Mein progressiver Alltag« und »Unser täglich Frust« (Rowohlt-Taschenbücher 1976 und 1978) —, in denen mit großer komischer Kraft Szenen aus dem Alltagsleben eines Mannes dargestellt sind, der einmal zur Protestbewegung gehört hat und an ihren Programmen festzuhalten sucht. Freilich kann der Held nicht zu einem unserer Agni werden, er ist zu alt dafür, auch zu fest mit der sozialen Realität verwoben. Die Komik darf nicht vergessen machen, daß die beiden Bücher als historische Dokumentationen gelesen zu werden verdienen. Die Fotografien in dem Band »Jugendliche« von Gisela Schmeer und Volker Schöbel (Klett-Cotta 1978) laden dazu ein, die Bemerkungen der Parin-Gruppe über die körperliche Erscheinung der Agni zu überprüfen. Sie fassen diese Bemerkungen zusammen in dem Goethe-Zitat: »Sie scheinen mir aus einem edlen Haus, / Sie sehen stolz und unzufrieden aus.« Die Agni sind schön, sie sind groß und schlank, sie bewegen sich selbstbewußt und anmutig. Freilich bricht ihre sorgfältige Gestik immer wieder zusammen. Ihr Kleiderschmuck, ihre Frisuren und ihre Kosmetik sind manchmal bis zur Bizarrerie kultiviert; manchmal laufen sie in zerrissenen Hemden herum.

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