Merkur, Nr. 36, Februar 1951

Ilias: Dichtung der Gewalt

von Simone Weil

Der wahre Held, der wahre Gegenstand, das Zentrum der Ilias ist die Gewalt. Die Gewalt, wie sie von den Menschen geübt wird, die Gewalt, die die Menschen unterwirft, die Gewalt, vor der das Fleisch der Menschen zusammenschrumpft. Unaufhörlich wird die menschliche Seele durch ihre Beziehungen zur Gewalt gewandelt, sie wird fortgerissen, geblendet durch die Gewalt, die sie zu beherrschen glaubt, gebeugt durch den Zwang der Gewalt, den sie erleidet. Die da geträumt hatten, daß die Gewalt, dank dem Fortschritt, von nun an der Vergangenheit angehöre, haben in dieser Dichtung ein bloßes Dokument sehen können; die aber erkennen, daß die Gewalt, heute wie ehemals, Mittelpunkt jeder menschlichen Geschichte ist, finden in der Ilias ihren schönsten, ihren reinsten Spiegel.

Die Gewalt macht aus jedem, der ihr unterworfen ist, eine Sache. Wird sie bis zum Äußersten geübt, so macht sie aus dem Menschen eine Sache im wörtlichen Sinn, sie macht einen Leichnam aus ihm. Da war jemand, und einen Augenblick später ist niemand mehr da. Das ist ein Bild, das die Ilias nicht müde wird, uns vor Augen zu stellen:

   . . . die Pferde ließen
Scheppern die leeren Wagen hin auf den Wegen des Krieges,
Trauernd um ihre fehllosen Lenker gestreckt zur Erde,
Jetzo viel teurer den Geiern als ihren liebenden Frauen.

Der Held ist eine Sache, die hinter einem Wagen durch den Staub gezerrt wird:

Staubgewölk umwallte den Schleppenden; rings auch zerrüttet
Rollte sein finsteres Haar, da ganz sein Haupt in dem Staube
Lag, so lieblich zuvor! allein nun half es den Feinden
Zeus zu entstellen verliehn in seiner Väter Gefilde.

Ungemischt dringt die Bitternis des Geschehens in uns ein, kein erbaulicher Wahn mildert sie, nicht tröstliche Unsterblichkeit, nicht der schale Glanz von Ruhm und Vaterland. Aufwühlender noch, weil der Kontrast so schmerzlich ist, wenn plötzlich, und gleich wieder entschwebend, eine andere Welt vor uns heraufbeschworen wird, die ferne, schwankende und rührende Welt des Friedens, der Familie, die Welt, in der ein Mensch für die, welche um ihn sind, das Kostbarste ist:

Jetzo rief sie umher den lockigen Mägden des Hauses,
Eilig ein groß dreifüßig Geschirr aufs Feuer zu stellen,
Zum erwärmenden Bade, wenn Hektor kehrt aus der Feldschlacht:
Törin! sie wußte nicht, daß weit entfernt von den Bädern
Ihn durch Achilleus‘ Hände besiegt Zeus‘ Tochter Athene.

Ja, er war weit vom erwärmenden Bad, der Unglückliche. Er war nicht der einzige. Fast die ganze Ilias spielt sich weit von den erwärmenden Bädern ab. Fast das ganze menschliche Leben hat sich immer weit von ihnen abgespielt.

Die Gewalt, die tötet, ist eine summarische, grobe Form der Gewalt. Wieviel reicher an Methoden, wieviel überraschender in ihren Wirkungen ist die andere Welt, jene, die nicht tötet, das heißt, die noch nicht tötet. Sicher wird sie töten, oder vielleicht wird sie töten, oder aber sie schwebt über dem Wesen, das sie jeden Augenblick töten kann; in jedem Fall verwandelt sie den Menschen in Stein. Von der Macht, einen Menschen zu einer Sache zu machen, indem man ihm das Leben nimmt, leitet sich eine andere Macht ab, die noch weit wunderbarer ist: die, aus einem Menschen, der leben bleibt, eine Sache zu machen. Er ist lebendig, er hat eine Seele, und doch ist er eine Sache. Ein seltsames Wesen: eine Sache, die eine Seele hat; ein seltsamer Zustand für eine Seele. Sie ist nicht dazu geschaffen, eine Sache zu bewohnen; wenn sie dazu gezwungen ist, gibt es nichts in ihr, das nicht Gewalt erleidet.

Ein Mann, entwaffnet und nackt, gegen den eine Waffe sich richtet, wird Leichnam, bevor sie ihn trifft. Einen Augenblick noch plant, handelt, hofft er:

Also dacht‘ er, und stand; ihm nabele jener voll Schreckens,
Seine Knie zu rühren bereit; denn er wünschte so herzlich
Noch zu entfliehn dem grausamen Tod und dem schwarzen Verhängnis . . .
Und mit der einen Hand umschlang er ihm flehend die Knie,
Und mit der anderen hielt er die spitzige Lanz‘ unverrückt ihm . . .

Aber bald hat er begriffen, daß die Waffe sich nicht abwenden wird; noch atmend, ist er nur noch Materie, noch denkend, ist er denkunfähig:

So dort flehte zu jenem des Priamos edler Erzeuger
Jammernd empor; da erscholl die unbarmherzige Stimme:
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Also der Held; doch jenem erzitterten Herz und Knie.
Fahren ließ er den Speer und saß ausbreitend die Hände
Beide. Doch Pelcus‘ Sohn, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Stieß er hinein am Gelenke des Halses ihm; tief in die Gurgel
Drang zweischneidig das Schwert; und vorwärts nun auf der Erde
Lag er gestreckt; schwarz strömte das Blut und netzte den Boden.

Wenn, fern jedem Kampfe, ein schwacher und waffenloser Fremder einen Krieger anfleht, so ist er deswegen nicht zum Tode verurteilt; aber eine ungeduldige Regung des Kriegers genügte, um ihm das Leben zu rauben:

Ein nun ging unbemerkt Priam der Große, und ihm genahet
Stand er, umschlang dem Peleiden die Knie, und küßt ihm die Hände,
Ach die entsetzlichen Würger, die viel der Söhn‘ ihm gemordet.

Das Bild eines Menschen, in solche Tiefe des Unglücks gestürzt, läßt erstarren wie der Anblick eines Leichnams. Nicht aus Fühllosigkeit stößt Achill den seine Knie umklammernden Greis zur Erde; die Worte Priamos‘, die ihn an seinen alten Vater erinnern, haben ihn zu Tränen bewegt. Er findet sich so frei in seiner Haltung, seinen Bewegungen, wie wenn nicht ein Flehender, sondern ein lebloser Gegenstand seine Knie berührte. Die menschlichen Wesen um uns haben durch ihre bloße Gegenwart ein Vermögen, das nur ihnen angehört, jede Bewegung, zu der unser Körper sich anschickt, zum Stillstand zu bringen oder abzuändern; man erhebt sich, man geht, man setzt sich in seinem Zimmer nicht in der gleichen Art, wenn man allein ist oder wenn man Besuch hat. Aber dieser undefinierbare Einfluß der menschlichen Gegenwart geht nicht von Menschen aus, denen eine ungeduldige Bewegung das Leben rauben kann, ehe noch der Gedanke Zeit hatte, sie zum Tod zu verurteilen.

Als seien sie nicht da, so bewegen sich die anderen vor ihnen; und sie selbst, bedroht, in einem Augenblick in nichts verwandelt zu werden, ahmen dieses Nichts nach. Gestoßen, stürzen sie; gestürzt bleiben sie liegen, bis zufällig jemandem der Gedanke kommt, sie aufzuheben. Aber doch werden diese Flehenden, wenn sie Erhörung finden, wieder Menschen wie andere. Es gibt Unglücklichere, die ohne zu sterben für ihr ganzes Leben ein Ding geworden sind. Daß ein Mensch ein Ding wird, ist ein logischer Widerspruch; wo aber dieses Unmögliche Wirklichkeit wird, bedeutet es ein Zerreißen der Seele. Immer und immer wieder möchte dieses Ding ein Mann, eine Frau sein, und nie gelingt es ihm. Das ist ein Tod, der das ganze Leben durchsetzt, ein Leben, das er hat erstarren lassen, lange ehe er es ausgelöscht hat. Die Jungfrau, die Priestertochter, wird dieses Schicksal erleiden:

Rück geb‘ ich sie dir nicht, bis einst das Alter ihr nahet,
Wenn sie in meinem Palast in Argos, fern von der Heimat,
Mir als Weberin dient und meines Bettes Genossin.

Die junge Frau, die junge Mutter, die Gattin des Fürsten wird es erleiden:

Wenn du in Argos webst für die Herrscherin, oder auch mühsam
Wasser trägst aus dem Quell Hypereia, oder Messeïs,
Sehr unwilligen Muts; doch hart belastet der Zwang dich.
Das Kind, der Erbe des königlichen Zepters, wird es erleiden:
Bald nun werden hinweg sie geführt in geräumigen Schiffen,
Und ich selbst mit jenen! Doch du, mein trautester Sohn, wirst
Dorthin gehn mit der Mutter, um Arbeit und Schmach zu erdulden.
Ringend unter dem Zwang des Grausamen . . .

Denen, die das Schicksal so brutal niederschlägt, läßt es keine Flüche mehr, keine Empörung, kein Nachdenken über Zukunft und Vergangenheit, fast kein Erinnern. Es gebührt dem Sklaven nicht, seiner Stadt und seinen Toten treu zu sein. Man kann nicht mehr verlieren als der Sklave; der verliert jedes innere Leben. Das Reich der Gewalt erstreckt sich so weit wie das der Natur. Auch diese löscht, sobald die niederen Bedürfnisse einsetzen, jedes Leben der Seele aus, sogar den Schmerz einer Mutter:

Aber zu essen begehrt‘ sie, müde war sie mit Tränen.

Die von anderen ausgeübte Gewalt ist so zwingend wie der schlimmste Hunger, sobald sie dauernd Herr ist über Leben und Tod. So unerbittlich wie die Gewalt erdrückt, so unerbittlich berauscht sie den, der sie besitzt oder zu besitzen glaubt. Niemand besitzt sie wirklich. Die Ilias teilt die Menschen nicht in Besiegte, Sklaven, Bittende und, auf der anderen Seite, in Sieger und Befehlende ein; da ist niemand, der nicht irgend einmal gezwungen wäre, sich der Gewalt zu beugen. Die Soldaten, frei und bewaffnet, müssen doch Befehle und Schmähungen hinnehmen:

Welchen Mann des Volkes er sah, und schreiend wo antraf,
Diesen schlug sein Zepter, und laut bedroht‘ er ihn also:
Halt du, rege dich nicht, und hör auf anderer Rede,
Die mehr gelten denn du! Unkriegerisch bist du und kraftlos,
Nie auch weder im Kampf ein gerechneter, noch in dem Rate . . .

Selbst Achill, den stolzen, unbesiegten Helden, zeigt uns die Dichtung gleich zu Beginn weinend, gedemütigt und in ohnmächtigem Schmerz, als man die Frau, die er zur Gattin begehrte, wegführte, ohne daß er sich zu widersetzen wagt:

      . . . Aber Achilles
Weinend setzte sich schnell, abwärts von den Freunden gesondert,
Hin an des Meeres Gestad‘  und schaut‘ in das finstre Gewässer.

Auch die Schande der Furcht bleibt keinem einzigen der Kämpfer erspart. Die Helden zittern wie die anderen. Auch Achill bebt und seufzt einmal vor Angst, freilich vor einem Fluß, nicht vor einem Menschen. Außer ihm sehen wir alle anderen irgend einmal besiegt. Es ist nicht so sehr die Tapferkeit, die über den Sieg entscheidet, als das blinde Schicksal, durch Zeus‘ goldene Waage symbolisiert. Aber blind wie es ist, stellt es doch eine Art Gerechtigkeit her, blind sie auch; und sie übt Vergeltung an den Menschen in Waffen. Lange vor dem Evangelium, und fast in den gleichen Worten, hat die llias ausgesprochen: Ares ist wahrlich gerecht, er tötet, die töten.

Die, denen das Schicksal Gewalt verliehen hat, gehen zugrunde, weil sie zu sehr auf sie zählen. Sie sehen nicht, daß ihrer Kraft Grenzen gesetzt sind, und gehen über diese Grenze hinaus. So sind sie rettungslos dem Zufall ausgeliefert, und die Dinge gehorchen ihnen nicht mehr. Zuweilen dient ihnen der Zufall, zuweilen schadet er ihnen; nackt sind sie dem Unglück preisgegeben, ohne die Rüstung der Macht, die ihre Seele beschützte; nichts trennt sie fortan mehr von den Tränen.

Diese Züchtigung von geometrischer Strenge, die automatisch den Mißbrauch der Gewalt bestraft, war vor allem anderen Gegenstand des griechischen Denkens. Sie ist die Seele des Epos; als Nemesis ist sie die treibende Kraft in den Tragödien des Aschylos; die Pythagoreer, Sokrates, Plato gingen von ihr aus in ihren Ideen über Menschen und die Welt. Vielleicht ist es diese griechische Anschauungsweise, die sich unter dem Namen Kharma in den Ländern des Ostens erhalten hat, die vom Buddhismus beeinflußt sind; aber der Westen hat sie verloren, er hat sogar in keiner seiner Sprachen ein Wort, um sie auszudrücken; die Ideen der Begrenzung, des Maßes, des Gleichgewichts, die die Führung seines Lebens bestimmen sollten, finden nur noch in der Technik eine untergeordnete Verwendung. Wir sind Mathematiker nur, wenn es um die Materie geht; die Griechen waren es vor allem, wo es galt, die Lehren der Tugend zu erfassen.

Der Gang des Krieges in der llias stellt nur dieses Spiel der Waage dar. Der Sieger fühlt sich im Augenblick unbesiegbar, auch wenn er kurze Stunden vorher eine Niederlage erlitten hat. Was die Griechen wollen, ist nicht weniger als alles. Alle Reichtümer Trojas als Beute, alle Paläste, Tempel und Häuser als Schutt, alle Frauen und Kinder als Sklaven, alle Männer als Leichen. Sie vergessen eine Kleinigkeit: daß alles nicht in ihrer Gewalt ist, daß sie nicht in Troja sind. Vielleicht werden sie morgen darin sein, vielleicht nicht. Hektor gibt sich am selben Tag dem selben Vergessen hin; am nächsten Tag ist er verloren. Achill hat ihn durch die ganze Ebene zurückgetrieben und wird ihn töten. Allein vor den Mauern Trojas, völlig allein, erwartet er den Tod und versucht, ihm mit Fassung zu begegnen:

Wenn ich entgegenginge dem tadellosen Achilleus? . . .
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein sonder Erbarmung
Würd‘ er, und sonder Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,
Grad‘ hinweg, wie ein Weib . . .

Zu Tode verwundet, vergrößert er den Triumph des Siegers durch eitle Bitten:

Dich beschwör‘ ich beim Leben, bei deinen Knien, bei den Eltern . . .

Aber die Hörer der Ilias wußten, daß Hektors Tod Achill nur eine kurze Freude geben würde, Achills Tod nur eine kurze Freude den Trojanern, Trojas Vernichtung nur eine kurze Freude den Achäern. Die Gewalt zermalmt. Am Ende erscheint sie als etwas Äußerliches dem, der sie übt, wie dem, der sie erleidet; so entsteht die Idee eines Schicksals, vor dem Henker und Opfer gleich unschuldig sind, Sieger und Besiegte Brüder im gleichen Elend. Der Besiegte verursacht das Unglück des Siegers, wie der Sieger das des Besiegten.

Ein maßvoller Gebrauch der Gewalt, der allein ermöglichen würde, diesem Räderwerk zu entkommen, würde eine übermenschliche Tugend verlangen, die so selten ist wie ständige Würde im Zustand der Schwäche. Im übrigen ist auch die Mäßigung nicht immer ohne Gefahr, denn der Nimbus, der zu mehr als drei Viertel das Wesen der Gewalt ausmacht, rührt vor allem von der ungeheuern Gleichgültigkeit des Starken für die Schwachen her, und diese Gleichgültigkeit ist so ansteckend, daß sie sich denen mitteilt, die ihr Opfer sind. Aber gewöhnlich ist es nicht eine bewußte Idee, die das Übermaß anrät. Im Übermaß selbst liegt eine Versuchung, die fast unwiderstehlich ist. Zuweilen werden in der llias Worte der Vernunft gesprochen, aber sie fallen ins Leere. Sagt sie ein Untergebener, so wird er bestraft und schweigt; sagt sie ein Führer, so handelt er nicht ihnen entsprechend. Zuletzt kommt dem Geist nicht einmal mehr der Gedanke, man könne dem vorn Schicksal auferlegten Tun — zu töten und zu sterben — entrinnen wollen:

. . . uns, denen Zeus
Van der Jugend bis hin zum Alter auferlegt, in Kämpfen,
Schmerzlichen, uns zu bemühen, bis daß wir alle verderben.

Die einfachste Falle hat sie in diese Lage gebracht. Zu Beginn ist ihr Herz leicht wie immer, wenn man für sich die Kraft und gegen sich die Leere hat. Die Waffen sind in ihrer Hand; der Feind ist nicht da. So gehen sie wie zu einem Spiel, wie wenn es Ferien wären, außerhalb des Zwangs des Alltags. Selbst der wirkliche Krieg hört in seinen Anfängen noch nicht auf, wie ein Spiel zu erscheinen. Die Gefahr ist etwas Abstraktes, die Leben, die man vernichtet, sind wie Spielzeug, von gleichgültiger Kinderhand zerbrochen; der Heroismus, von Prahlerei grell geschminkt, ist wie eine Theaterpose. Wenn dann noch für einen Augenblick ein Hauch neuen Lebens die Kraft des Handelns vervielfältigt, so glaubt man sich unwiderstehlich dank einer göttlichen Hilfe, die gegen Niederlage und Tod sichert. Der Krieg ist dann leicht, alle niederen Instinkte lieben ihn. Aber bei den meisten dauert dieser Zustand nicht an. Ein Tag kommt, wo die Angst, die Niederlage, der Tod lieber Gefährten die Seele des Kämpfers niederzwingt.

Der Krieg hört auf, ein Spiel oder ein Traum zu sein. Er wird zu einer harten Wirklichkeit, viel zu hart, um ertragen werden zu können, denn er schließt den Tod in sich ein. Für die, deren Seele unter dem Joch des Kriegs sich beugt, ist die Beziehung zwischen Tod und Zukunft nicht die gleiche wie für die anderen Menschen. Für die anderen ist der Tod eine von vornherein der Zukunft gesetzte Grenze; für sie aber ist er die Zukunft selbst, die Zukunft, die ihr Beruf ihnen anweist. Daß Menschen den Tod als Zukunft haben, ist widernatürlich. Jeden Morgen ist ihre Seele eines Aufschwebens unfähig, weil ihr Gedanke nicht durch die Zeit schweifen kann, ohne am Tod vorbei zu müssen. So löscht der Krieg jede Idee eines Zieles aus, selbst die Idee eines Kriegszieles. Sogar den Gedanken, dem Krieg ein Ende zu setzen, läßt er nicht aufkommen. Angesichts eines bewaffneten Feindes können die Hände nicht aufhören, die Waffen zu halten und zu führen; der Geist sollte sich bemühen, einen Ausweg zu finden, aber er hat jede Fähigkeit zu einer solchen Bemühung verloren. Er ist vollauf damit beschäftigt, sich Gewalt anzutun. Ob es sich um Knechtschaft oder Krieg handelt, immer gibt untragbarem Unglück sein eigenes Gewicht Dauer, so daß es von außen leicht zu ertragen scheint; es dauert, weil es den notwendigen Auftrieb, der zur Befreiung führen könnte, beseitigt. Und doch schreit die dem Krieg unterworfene Seele nach Befreiung, aber diese nimmt eine tragische, extreme Gestalt an: die der Vernichtung.

Die Seele, die die Existenz eines Feindes gezwungen hat, was von der Natur in sie gelegt war zu zerstören, glaubt Heilung zu finden nur durch die Vernichtung des Feindes. Zugleich erweckt das Ende geliebter Gefährten Sehnsucht nach dem Tod:

O, könnt‘ ich sterben sogleich, da mein mir so teurer Freund
Hinging, ohne Hilfe von mir . . .

Der Mensch, den dieses doppelte Bedürfnis des Todes ausfüllt, gehört, wenn er sich nicht wandelt, nicht mehr zum Stamme der Lebenden. Welches Echo kann in einem solchen Herzen die furchtsame Bitte des Besiegten finden, der noch länger das Tageslicht sehen möchte:

Flehend umfaß ich dein Knie; erbarme dich meiner, Achilleus!
Deinem Schutz ja ward ich vertraut; drum scheue mich, Edler!
Denn bei dir genoß ich zuerst die Frucht der Demeter . . .

Welche Antwort wird dieser schwachen Hoffnung?

Stirb denn, Lieber, auch du! Warum wehklagst du vergebens?
Starb doch auch Patroklos, der weit an Kraft dir voranging!
Siehest du nicht, wie ich selber so schön und groß an Gestalt bin?
Doch wird mir nicht minder der Tod und das harte Verhängnis
Nahn . . .

Um das Leben eines anderen zu achten, wenn man in sich selbst jeden Willen zum Leben verstümmeln lassen mußte, dazu gehörte eine Kraft des Edelmuts, die das Herz brechen würde. Wieviel Menschen kennen wir, innerhalb von tausenden Geschichtsjahren, die den Beweis eines so göttlichen Edelmuts erbracht hätten? Es ist fraglich, ob wir zwei oder drei nennen könnten.

Die Unbekümmertheit jener, die ohne Achtung mit Menschen und Dingen umgehen, über die sie Herr sind oder zu sein glauben, die Verzweiflung, die den Soldaten zwingt, zu zerstören, die Vernichtung des Sklaven und des Besiegten, das Hinmorden — all das fügt sich zu einem gleichförmigen Bild des Grauens zusammen, dessen einziger Held die Gewalt ist. Es wäre monoton, wenn nicht hie und da ein paar hellere Farben aufleuchteten; es sind die kurzen und göttlichen Augenblicke, in denen die Menschen eine Seele haben. Die Seele, die so einen Moment sich offenbart, um bald der Herrschaft der Gewalt zu erliegen, ist rein und unangetastet, ohne alles Zweideutige, Komplizierte und Trübe; nur Mut und Liebe füllen sie aus. So findet zuweilen ein Mensch seine Seele, wenn er mit sich selbst zu Rate geht, wenn er wie Hektor vor Troja versucht, ohne Hilfe der Götter oder der Menschen allein dem Schicksal die Stirn zu bieten.

Dann auch finden die Menschen ihre Seele, wenn sie lieben; fast keine reine Form der Liebe zwischen Menschen fehlt in der Ilias. Selbst nach mehreren Generationen siegt die Tradition der Gastfreundschaft über die Verblendung des Kampfes.

Also bin ich für dich ein geliebter Gast . . .
Laß im Schlachtgetümmel uns nicht mit der Lanze uns treffen.

Die Liebe des Sohns für die Eltern, des Vaters, der Mutter für den Sohn wird immer wieder kurz, aber rührend angedeutet:

Aber Thelis darauf antwortete, Tränen vergießend:
Wie du es sagst, du bist für ein kurzes Leben geboren . . .

Ebenso die Bruderliebe:

Meine drei Brüder, von einer einzigen Mutter gesäugt
und so lieb mir . . .

Die eheliche Liebe, zum Unglück verurteilt, ist von überraschender Reinheit. Nichts Einfacheres als was die Frau ihrem Mann sagt, der zu seinem Tode geht, nicht weniger rührend die Worte, die sie an den toten Gatten richtet:

Mann, du verlorst dein Leben, du Blühender: aber mich Witwe
Lässest du hier im Palast, und das ganz unmündige Söhnlein,
Welches wir beide gezeugt, wir Elenden . . .
Denn nicht hast du mir sterbend die Hand aus dem Bette gereicht,
Noch ein Wort mir gesagt voll Weisheit, welches ich ewig
Eingedenk erwöge, bei Tag und Nacht dich beweinend.

Aber der reinste Triumph der Liebe, die äußerste Gnade im Kriege, das ist die Freundschaft, die im Herzen von Todfeinden erwacht. Sie läßt den Rachedurst für den getöteten Sohn, den getöteten Freund verschwinden, sie hebt durch ein noch größeres Wunder den Abstand zwischen Wohltäter und Bittendem, zwischen Sieger und Besiegtem auf:

Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war.
Nun sah Priamos, Dardanos‘ Sohn, mit Erstaunen Achilleus,
Welch ein Wuchs, und wie edel er gleich unsterblichen Göttern.
Auch vor Priamos, Dardanos‘ Sohn, erstaunet Achilleus.
Schauend das Angesicht voll Würd‘, und die Rede vernehmend.
Aber nachdem sie gesättigt den Anblick einer des andern . . .

Diese Augenblicke der Gnade sind selten in der Ilias, aber sie genügen, um uns mit einem sehr großen Schmerz empfinden zu lassen, was die Gewalt vernichtet und vernichten wird.

Die Häufung von Gewaltszenen würde erkältend wirken ohne den Ton unheilbarer Bitterkeit, den man ständig hindurchfühlt. Hierdurch, durch diese Bitterkeit, aus Liebe geboren, die sich wie das Sonnenlicht über alle Menschheit ergießt, wird die Ilias zu etwas so Einzigartigem. Sieger und Besiegte sind uns in gleichem Maß nahe, sind Ebenbilder des Dichters und des Hörers. Wenn es einen Unterschied gibt, so den, daß das Unglück der Feinde vielleicht noch schmerzlicher empfunden wird. Wenn Hektor beweint wird, als

Hüter der keuschen Frauen, der kleinen Kinder,

so genügen diese Worte, um uns die durch die Gewalt besudelte Keuschheit, die gemordeten Kinder vor Augen zu führen. Den Brunnen vor den Toren Trojas sehen wir mit einem wehen Gefühl, wenn Hektor an ihm vorbeiläuft, um sein verurteiltes Leben zu retten:

Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,
Steinerne, schöngehaun, wo die stattlichen Feiergewande
Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,
Als noch blühte der Frieden . . .

Alles was dem Krieg fern ist, was der Krieg zerstört oder bedroht, verklärt die llias; nie die Kriegsstaaten. Sieger und Besiegte werden nicht bewundert, nicht verachtet, nicht gehaßt. Alles aber, was im Seeleninnern und in den menschlichen Beziehungen der Herrschaft der Gewalt nicht erliegt, wird geliebt, mit Schmerz geliebt, weil es ständig in Gefahr ist, vernichtet zu werden. Die attische Tragödie, zumindest im Werk des Aschylos und des Sophokles, ist die wahrhafte Weiterführung des Epos. Sie ist vom Gedanken der Gerechtigkeit durchleuchtet, ohne daß diese je eingreift; die Gewalt erscheint immer in ihrer kalten Härte, und dem Verhängnis, das sie mit sich bringt, entgeht weder der sie übt noch der sie leidet; wie die Seele vom Zwang erniedrigt wird, das wird nicht vertuscht, nicht mit oberflächlichem Mitleid abgetan, nicht zum Ziel der Verachtung gemacht; aber oft werden wir aufgerufen, ein Wesen, geschlagen durch herabwürdigendes Unglück, zu bewundern.

Das Evangelium ist die letzte und herrlichste Äußerung des griechischen Genius, wie die Ilias seine erste ist; der Geist Griechenlands läßt sich in ihm erkennen, nicht nur weil wir aufgefordert werden, kein anderes Gut als „das Reich und die Gerechtigkeit unseres himmlischen Vaters“ zu suchen, sondern auch, weil das menschliche Elend bloßgelegt wird, und das an einem Wesen, das zugleich göttlich und menschlich ist. Die Passionserzählungen zeigen, wie ein göttlicher Geist, dem Fleisch vereinigt, vor dem Leiden und dem Tod zittert, da ihn das Unglück heimsucht, und sich in der Tiefe seines Elends von den Menschen und von Gott getrennt fühlt. Das Gefühl dieses Elends ist eine Vorbedingung der Gerechtigkeit und der Liebe. Wer nicht sieht, wie wenig jede Menschenseele sich der Notwendigkeit und dem Glückswechsel entziehen kann, der kann die, von denen ihn der Zufall durch einen Abgrund getrennt hat, nicht als seine Nächsten ansehen, kann sie nicht lieben wie sich selbst. Die Unterschiede in dem Zwang, der auf den Menschen lastet, erzeugt die falsche Vorstellung, daß es unter ihnen ganz verschiedene Arten gibt, die nicht zusammenkommen können. Man kann nur lieben und gerecht sein, wenn man die Macht der Gewalt kennt und fähig ist, sie nicht zu achten.

Die Beziehungen zwischen der menschlichen Seele und dem Schicksal, die Frage, in welchem Maß jede Seele ihr eigenes Geschick formt, und in welchem Maß eine unerbittliche Notwendigkeit sie, ganz gleich wie ihre Urbeschaffenheit ist, umwandelt, die Frage, inwieweit Tugend und Gnade sie unantastbar machen — all das berührt Gebiete, die leicht der Lüge und ihrer Versuchung preisgegeben sind. Hochmut, Demütigung, Haß, Verachtung, der Wunsch zu vergessen oder nicht zu wissen, können zur Lüge verführen. Vor allem ist nichts seltener, als ein Unglück gerecht darzustellen; indem man es schildert, tut man fast immer so, als glaube man, die Neigung zum Niedergang liege in dem Unglücklichen selber, oder aber eine Seele könne das Unglück ertragen, ohne von ihm gezeichnet zu werden und ohne daß es eine ganze Gedankenwelt in einer nur ihm eigenen Weise abändert. So viele der Griechen hatten die Seelenkraft, die befähigt, nicht zu lügen; ihr Lohn war, daß sie auf allen Gebieten den höchsten Grad von Einsicht, Reinheit und Einfachheit erreichten. Aber die geistige Tradition, die von der Ilias über die Denker und Tragödiendichter zum Evangelium führt, hat die Grenzen der griechischen Kultur nicht überschritten; es ist von ihr, seit Griechenland zerstört wurde, nur ein schwacher Abglanz geblieben.

Der Geist des Evangeliums hat sich nicht rein auf die einander folgenden christlichen Generationen übertragen. Bei den Märtyrern hat man von Anfang an ein Zeichen der Gnade darin zu erkennen geglaubt, daß sie Leiden und Tod mit Freude hinnahmen — wie wenn die Gnade sich bei den Menschen wirksamer zeigen könnte als bei Christus. Die da denken, daß Gott, einmal Mensch geworden, das unerbittliche Schicksal nicht vor Augen sah, ohne vor Angst zu zittern, hätten begreifen müssen, daß dem Scheine nach sich über das menschliche Elend nur die erheben können, die mit Hilfe der Illusion, der Trunkenheit oder des Fanatismus die Unerbittlichkeit des Schicksals vor ihren eigenen Augen verbergen. Der Mensch, den nicht die Rüstung einer Lüge schützt, kann die Gewalt nicht erleben, ohne bis ins Seeleninnere getroffen zu werden. Die christliche Tradition hat nur selten die Einfachheit wiedergefunden, die jeden Satz der Passionserzählungen herzergreifend macht. Außerdem hat die Gewohnheit, zwangsweise zu bekehren, die Wirkungen der Gewalt den Seelen derer verhüllt, die sich ihrer bedienen.

Nichts was die Völker Europas hervorgebracht haben, kommt dem ersten Epos gleich, das sich bei einem von ihnen gestaltet hat. Der Genius des Epos wird vielleicht wieder bei ihnen Einkehr halten, wenn sie erst erkannt haben werden, daß kein Schutz vor dem Schicksal besteht , daß man nie die Gewalt bewundern, nicht die Feinde hassen, und nicht die Unglücklichen verachten soll.

 

 

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