Heft 901, Juni 2024

Antimarkt

Profitlogik und ökologische Transformation von William Davies

Profitlogik und ökologische Transformation

Häufig werden die Begriffe »Markt« und »Kapitalismus« verwendet, als wären sie Synonyme. Besonders wenn es gilt, den »freien Markt« zu verteidigen, ist stillschweigend unterstellt, dass es dabei um Argumente zugunsten des »Kapitalismus« geht. Dabei können die beiden Wörter sehr unterschiedliche Verbindungen von Institutionen und Logiken meinen. Folgt man der Taxonomie, die der Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel entwickelt hat, könnten sie sogar im Gegensatz zueinander stehen. In Braudels Bild sind lange Phasen der Wirtschaftsgeschichte wie Stockwerke eines Hauses aufeinandergeschichtet. Das Fundament bildet das »materielle Leben«, eine undurchsichtige Welt des Verbrauchs, der Produktion und der Reproduktion in ihrer basalen Form. Darüber das »ökonomische Leben«, die Welt der Märkte, auf denen die Menschen einander in Austauschbeziehungen, aber auch als potentielle Wettbewerber auf Augenhöhe begegnen. Märkte sind durch Transparenz charakterisiert: Die Preise sind öffentlich, und alle relevanten Aktivitäten sind für alle sichtbar. Und wegen des Wettbewerbs sind die Profite minimal, kaum mehr als ein »Lohn« für Verkäuferin und Verkäufer. Über dem »ökonomischen Leben« befindet sich der »Kapitalismus«. Das ist, wie Braudel es sieht, die Zone des »Antimarkts«: eine Welt der Opazität, der Monopole, der Konzentration von Macht und Reichtum und der außergewöhnlichen Profite, die nur erzielen kann, wen die Normen des »ökonomischen Lebens« nicht binden. Händler am Markt interagieren zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort und halten sich dabei an geteilte Regeln (man stelle sich einen Dorfplatz am Markttag vor); Kapitalisten nutzen ihre von keinem Rivalen beeinträchtigte Kontrolle über Zeit und Raum aus, um ihre Regeln allen anderen aufzunötigen (man denke an die Wall Street). Käufer und Verkäufer auf eBay sind Teilnehmer eines Markts; eBay Inc. ist Teilnehmer am Kapitalismus. Kapitalismus ist, in Braudels Worten, »das Revier der großen Raubtiere, in dem das Gesetz des Dschungels gilt«.

So betrachtet, gab es das »ökonomische Leben« schon in frühen modernen Gesellschaften, der »Kapitalismus« triumphierte dagegen spät, wurde erst im 19. Jahrhundert wirklich dominant – als er nämlich den Staat auf seine Seite gebracht hatte. Eine ganze Reihe rechtlicher, finanzieller und das Management betreffender Konstrukte wurden geschaffen, um den Kapitalismus – und seine Profite – von der Form von Gleichheit und Wettbewerb abzuschirmen, die die Möglichkeiten des Kleinbürgertums und der lokalen Händler weiter beschränkten. »Geistiges Eigentum«, begrenzte Haftbarkeit, ein »Kreditgeber letzter Instanz«, koloniale Ausdehnung und neue Techniken zur Disziplinierung der Arbeiterklasse: All das schuf die passenden Bedingungen für Extraktion und Ausbeutung, nicht den bloßen Austausch. Die moralischen und politischen Tugenden des Markts, wie sie etwa Adam Smith vor Augen standen, waren in der kapitalistischen Ära von Rockefeller und Ford nicht mehr bestimmend.

Möchten Sie weiterlesen?

Mit dem Digital-Abo erhalten Sie freien Zugang zum gesamten MERKUR, mit allen Texten von 1947 bis heute. Testen Sie 3 Monate Digital-Abo zum Sonderpreis von nur 9,90 Euro.

Jetzt Probelesen

Weitere Artikel des Autors