Heft 880, September 2022

Die Irrtümer der Soziologie

von William Davies

Der Zeitraum der Menschheitsgeschichte, in dem man sich in Europa voller Überzeugung als »modern« bezeichnen konnte, umfasst kaum hundert Jahre, von den Umbrüchen der 1870er bis zu denen der 1970er Jahre. Es war eine Ära, in der der bürokratische Nationalstaat das stabile Bauelement geopolitischer Macht, der Wohlfahrtsstaat das Modell sozialer Gerechtigkeit schien. Die liberale Demokratie sollte sich durch die stetige Ausweitung des Wahlrechts und der gesetzlich geschützten Menschenrechte verwirklichen. Expertinnen und Experten der Natur- wie der Sozialwissenschaften (Letztere frisch in verschiedene Disziplinen geteilt) sollten ihr Wissen für die Entwicklung reicherer, gesünderer, glücklicherer Gesellschaften zur Verfügung stellen. Die Industrie war zuständig für die kontinuierliche Ausweitung produktiver Möglichkeiten. Die Kunst verlor ihre Funktion der Abbildung der Welt oder der Feier politischer oder religiöser Autoritäten und war in die Freiheit entlassen, alternative Ausdrucksformen zu erfinden.

In seinem Buch The Return of Inequality betont Mike Savage, dass die »Moderne« sich auch in einem spezifischen Verhältnis von Zeit und Raum manifestierte, am deutlichsten spürbar, wenn man durch die Straßen der großen europäischen und amerikanischen Städte spazierte.1 Die moderne Gesellschaft existierte in einem Zustand ständiger Bewegung, zwischen einer jetzt erloschenen Vergangenheit und einer Zukunft voller Unsicherheit, dadurch aber auch voller Optionen. Das »Prämoderne« oder »Traditionelle« war vergangen und darum kaum noch von Interesse. Verhängnisvollerweise prägte diese Einstellung, wie Gurminder Bhambra und John Holmwood zeigen, auch den Blick auf viele nichteuropäische Völker: Sie erschienen als Relikte, die auf den aktuellen Stand gebracht oder ersetzt werden mussten.2

In den hundert Jahren nach 1870 entstand und entwickelte sich mit der Soziologie auch die Disziplin, die sich am stärksten mit der »Moderne« befasste. Karl Marx hat seine reifen wissenschaftlichen Schriften zwischen den späten 1860er Jahren und seinem Tod im Jahr 1883 geschrieben, während die beiden anderen Giganten des soziologischen Kanons, Max Weber und Emile Durkheim, ihre wichtigsten Werke zwischen 1890 und 1920 verfassten. Bhambra und Holmwood zeigen, wie sich dieser Kanon nach 1945 etabliert hat, und zwar vor allem dank dem amerikanischen Soziologen Talcott Parsons, der bei den Bemühungen, der Soziologie als wissenschaftlicher Disziplin Anerkennung zu verschaffen, an vorderster Front stand.

In der Nachkriegszeit erlebten die ursprünglichen Gelübde der Moderne ihre energischste Wiederbelebung, mit der Stärkung des Wohlfahrtsstaats, fortschrittlicher Stadtplanung und der bewussten »Modernisierung« sich entwickelnder Ökonomien durch deren nun unabhängige Regierungen. Die Soziologie hatte all jenen Regierungen viel zu bieten, die sich der Verringerung der Armut und der Förderung des sozialen Zusammenhalts verschrieben und sich dabei nicht auf traditionelle (ererbte, religiöse oder anders irrationale) Lösungen für gesellschaftliche Probleme verlassen wollten.