Heft 930, November 2026

Architekturkolumne

Ehrlich nur Fassade von Matthias Noell

Ehrlich nur Fassade

Im März 2026 geriet die Fassade eines Hauses in Bremen, die unter normalen Umständen kaum überregionales Interesse auf sich gezogen hätte, in die öffentliche Diskussion. Eine im dortigen Erdgeschoss situierte, kleine inhabergeführte Buchhandlung leistet seit mehreren Jahren respektable Arbeit und wurde für ihr Programm zwischen 2016 und 2023 mehrfach mit dem Buchhandlungspreis ausgezeichnet. 2026 hätte erneute eine Auszeichnung folgen sollen, der Juryentscheid wurde jedoch hier wie in zwei weiteren Fällen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer persönlich kassiert – ein Vorgehen, das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels als »äußerst fragwürdig« kritisiert wurde. Die inhaltlich unzureichende Begründung für einen derart schwerwiegenden Eingriff lieferte der Kulturstaatsminister lediglich in einem Interview: »Meine Position dazu ist klar: keine Steuergelder für Extremisten«, gab er der Funke Mediengruppe zu Protokoll, und weiter: »Wenn sich eine Institution weithin sichtbar hinter die Losung ›Deutschland verrecke‹ stellt, stellen sich zur Preiswürdigkeit Fragen. Und wenn der Verfassungsschutz dann Hinweise zu einem potenziellen Preisträger hat, kann er aus meiner Sicht nicht preiswürdig sein.« Es war demnach die mit dem zitierten Text beschriftete Fassade, die den argumentativen Rahmen für den Extremismusvorwurf und Anlass für die Nachforschungen mit bekanntgegebenem Ergebnis geliefert hatte, Fakten wurden nicht kommuniziert.

In der Folge entbrannte eine heftige Diskussion um die Rechtmäßigkeit des Vorgehens seitens des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Von der Anwältin der Buchhandlung wurde auf die »erschreckenden Lücken im Kanon der Hoch- und Popkultur« des Kulturstaatsministers hingewiesen, handelt es sich doch bei diesem, einem Song der Punkband Slime entnommenen, und vielen anderen Sprüchen an der straßenseitigen Hauswand tatsächlich um Zitate aus unterschiedlichen literarischen Kontexten. Zu lesen gibt es auf der analogen Medienfassade aus Herbert Marshall McLuhans Understanding Media. The Extensions of Man: »THE MEDIUM IS THE MESSAGE«, das ganz klein außen links zu sehen ist, »WENN DAS SO IST, DACHTE ICH, KANNST DU AUCH AUFSTEHEN« aus Rohstoff von Jörg Fauser, »MEAT IS MURDER«, ein Albumtitel von The Smiths, oder auch »HOFFENTLICH FÄLLT DIE MACHT EINES TAGES ALLEN MENSCHEN AUF DEN WECKER« aus Sekundenfilme von Vlado Kristl. Anderes gibt allgemein verbreitete Graffiti- und Spontisprüche wieder, wie »BAISE LA POLICE«, »NO BORDERS« oder »FAMILIE: ESSENZIELL UNWICHTIG«. Sie könnten aus dem Band Das goldene Album der Sponti-Sprüche entsprungen sein, dessen ebenso goldener Einband allerdings im Vergleich zu dem Haus bieder anmutet.

Schmaler, dreigeschossiger Altbau, komplett gelb gestrichen und vom Giebel bis zum Erdgeschoss mit schwarzen, handgemalten Schriftzügen bedeckt. Die größten lauten „Heimat ist Aufruf zum Mord", „Get rich or try sharing" und „Meat is murder". Im Erdge-schoss ein Ladenlokal mit dem Schild „Golden Shop", Plakaten und Aufklebern in den Schaufenstern; rechts daneben der Ein-gang einer Tanzschule. Davor ein abgestelltes Fahrrad.

Fassade des Golden Shop in Bremen. Foto: Christina Kuhaupt

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