Bunte Algorithmen
Soziale Farbe (V) von Timon BeyesSoziale Farbe (V)
Vor ein paar Jahren fand ich bei Pro qm, einem vorzüglichen Fachbuchladen in Berlins Mitte, ein ungewöhnliches Ausmalbuch. Ausmalbücher für das gehobene Alter sind seit einem guten Jahrzehnt ein Verkaufsschlager. In teils Millionenauflage geht es nun nicht mehr bloß um die Beschäftigung und Ruhigstellung der Kinder, sondern um die Beruhigung und Entspannung der zappeligen, gestressten Erwachsenen, um die Wiederverzauberung ihres Alltags, oder, kulturkritisch gestimmt, um die Flucht in eine Art ausmalerisches Neo-Biedermeier. Nun würde man Exemplare dieses Genres bei einer Fachbuchhandlung für Theorie, Kunst, Architektur und Stadt nicht unbedingt erwarten. Das Buch, das mir dort in die Hände fiel, heißt Sociality: The Coloring Book of Technology for Social Manipulation und stammt vom in New York lebenden Künstler und Aktivisten Paolo Cirio, der mir aufgrund früherer Aktivitäten zur kritischen Netzkultur bekannt war. Es enthält gut 250 Patentskizzen von Erfindungen, die beim US-Patentamt eingereicht wurden, jeweils ergänzt um die Patentnummer und den Namen des beantragenden Unternehmens. Cirios Auftrag an die Leserin beziehungsweise den Ausmaler ist, »die kathartische, kindliche Tätigkeit des Malens« zu nutzen – allerdings um sich zu informieren: um aufgeklärt zu werden über Technologien der Diskriminierung, Polarisierung, Kontrolle, Sucht, Täuschung, Manipulation, Zensur, gezielten Verfolgung, Profilerstellung, Biometrie und Überwachung, so die elf Sektionen des Buches.
Das Ausmalbuch versammelt lediglich eine kleine Auswahl aus über 20 000 Patenten von »sozial manipulativer Informationstechnologie«, die allesamt zwischen 1998 und 2018 (zum guten Teil in Kalifornien) angemeldet wurden und deren Bilder und Daten von Cirio und seinem Team durch ein automatisiertes Skript zum Durchkämmen und Analysieren der Google-Patents-Suchmaschine versammelt und online veröffentlicht wurden. Auf der Sociality-Homepage findet sich eine veritable Horrorschau menschlich-maschinischer Ingenuität (die zweifelsohne bereits wieder veraltet ist). Jedes Patent ist mit einer Gefahrenrate von bis zu hundert Punkten versehen. Interessierte werden eingeladen, ihrerseits mitzumachen und als besonders gefährlich eingestufte Erfindungen auszuflaggen und zu ihrem Verbot aufzurufen sowie gegebenenfalls Fehleinschätzungen zu korrigieren und weitere Patente zu ergänzen (oder das ohne institutionelle Förderung laufende Projekt finanziell zu unterstützen). Als Archiv demonstriert Sociality eindrücklich die bekannte Verfallsgeschichte des Internet beziehungsweise der mit ihm verbundenen Hoffnungen egalitärer, offener Organisationsweisen und Eigentumsverhältnisse (die partizipative Ebene der Sociality-Homepage liefert die Erinnerung daran gleich mit). Chronologisch betrachtet stieg nämlich zwischen 1998 und 2018 die Zahl perfider Patente mit zunehmender privatwirtschaftlicher Inbesitznahme des Netzes, seiner Infrastrukturen, Anwendungen und Daten, exponentiell an.
Vor diesem Hintergrund mag das alte Medium des Ausmalbuchs und die Handarbeit des Einfärbens ein Bewusstsein für die undurchsichtigen Mechanismen der Erfassung, Steuerung und Kontrolle menschlichen Verhaltens und menschlicher Sozialität durch neue Medien und Plattformunternehmen stiften. Allerdings wirken die Apparaturen und Vorgänge, die den Patentzeichnungen und seinen Diagrammen zugrunde liegen, nicht weniger undurchsichtig und geheimnisvoll, wenn sie mit verschiedenen Farbtönen überzogen werden. Cirio macht sich auch nicht die Mühe, weitere Informationen zum besseren Verständnis der Patente anzubieten, was hinsichtlich der Undurchschaubarkeit selbstlernender und unzugänglicher Algorithmen sowie der Betriebsgeheimnisse des so genannten Plattform- oder Überwachungskapitalismus genau richtig erscheint. Entspannung oder gar Katharsis stellt sich angesichts dieser Erfindungen also nicht ein, eher Erschrecken und Unbehagen. Es bleibt jedoch eine kindliche Freude, die Kästchen, Pfeile, Wolken und kleinen Symbole von Telefonen und Computern, die Smileys und die (wenigen) menschlichen Gesichter auf den Patentzeichnungen zu bemalen oder zu übermalen, als könne man diese dunklen Entwürfe mit chromatischer Überfülle überwinden.
II
Nun ist Farbe im Kontext inzwischen immer schon digitaler – im Sinne von computertechnisch geprägter – Sozialität beileibe nicht nur ein altes Medium der Weltflucht oder ein pädagogisches Werkzeug zur Erkundung algorithmischer Überwachungs-, Kontroll- und Abrichtungsmechanismen. Sie ist selbst elementarer Bestandteil dieser Apparate. So hat die computerisierte Datenverarbeitung den nächsten Schub im Prozess der Quantifizierung, Standardisierung und Zirkulation von Farben und Farbschemata eingeläutet, wie er die Geschichte der Farbe als Kraft sozialer Ordnung und Unordnung prägt. Diese Kraft ist alten Organisationsregimes der Farbproduktion, die in früheren Folgen der Soziale-Farbe-Serie im Zentrum standen, lange schon entwachsen. Sie ist losgelöst von der vergänglichen und instabilen Basis natürlicher Materialien und von der Gewinnung und Zirkulation der Farben im kolonialen Warenverkehr bis Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch von den synthetischen Regenbogenfarben, die den Aufstieg der chemischen Industrie und den Konsumkapitalismus des 20. Jahrhunderts prägten. Die softwarebasiert, algorithmisch generierten Millionen von Farbtönen und -schattierungen eröffnen eine neue synthetische Lebenswelt und die nächste Stufe des Farbmanagements, das sich auf den bunten Oberflächen und Bildschirmen des Alltags entfaltet. (Längst übersteigt die Anzahl programmierbarer Farben dabei die Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins, zwischen ihnen zu unterscheiden.)