Heft 897, Februar 2024

Der Krieg der Hisbollah

von Zain Samir

An einem warmen Nachmittag im Oktober waren die Straßen der südlibanesischen Stadt Aalma El Chaeb wie ausgestorben. Die Tankstelle, der Lebensmittelladen, die Bäckereien und die Kirche waren geschlossen. Mitten in der Stadt wühlten drei Graureiher in wochenalten Müllsäcken, ohne auf das monotone Summen der israelischen Drohne zu achten, die irgendwo über ihnen flog. Auf einem Bergrücken gegenüber, außerhalb des Kibbuz Chanita, stand ein befestigter israelischer Militärposten mit Kommunikationsmasten und betonarmierten Geschütztürmen, der eine Einheit der israelischen Streitkräfte mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen beherbergte. Einige Tage zuvor hatte sich eine Gruppe von Hisbollah-Kämpfern, bewaffnet mit Panzerabwehrlenkraketen des Typs Kornet aus russischer Produktion, im Unterholz versteckt, um den Posten zu beobachten. »Ya Fatimat al-Zahra«, rief einer der Hisbollah-Kämpfer, als er eine Rakete abfeuerte. Sie hinterließ eine schwache Rauchfahne, bevor sie einen Merkava-Panzer traf und zerstörte. Eine weitere Rakete folgte, und ein zweiter Panzer ging in Flammen auf. In einer Erklärung, die die Hisbollah zusammen mit dem Video des Angriffs veröffentlichte, erklärte die Organisation, dass »mehrere feindliche Soldaten getötet und verletzt wurden«.

Die folgenden Tage über gab es weitere Angriffe auf Chanita, bei denen neben Kleinwaffen auch Panzerabwehrraketen und Raketen eingesetzt wurden. Zwei palästinensische Kämpfer wurden getötet, als sie versuchten, den Grenzzaun zu durchbrechen und in den Stützpunkt einzudringen. Israel schlug zurück, indem es die Außenbezirke von Aalma El Chaeb beschoss und ein Feuer auf den Feldern und Olivenhainen entfachte, das bis an den Stadtrand reichte. Die Hisbollah hatte am 8. Oktober 2023 mit Angriffen auf israelische Militärstellungen begonnen, einen Tag nachdem Hamas-Kämpfer die israelische Grenze überquert und dabei 1200 Menschen getötet und 250 als Geiseln genommen hatten. Die Mudschahedin des »islamischen Widerstands« – wie sich die Hisbollah selbst bezeichnet – erklärten, sie führten militärische Operationen »zur Unterstützung unseres standhaften palästinensischen Volkes im Gazastreifen sowie seines tapferen und ehrenhaften Widerstands« durch. Die Hisbollah verfügt über eine größere und erfahrenere Kampftruppe als die Hamas, Israel hat allen Grund, sich vor ihr in Acht zu nehmen.

Der Umfang der Angriffe und Gegenangriffe war zunächst begrenzt. Mit der Verschärfung des Kriegs im Gazastreifen erhöhte die Hisbollah jedoch das Tempo und weitete ihre Angriffe auf Kasernen und andere militärische Stellungen aus. Die beschränkten sich allerdings weiterhin auf die Gebiete entlang der Grenze – zum Unmut einiger in der Region. Auch Israel verschärfte seine Vergeltungsmaßnahmen. Mithilfe der Luftwaffe und bewaffneter Drohnen wurden Hisbollah-Kämpfer in erheblicher Zahl, aber auch einige Zivilisten getötet, was wiederum die Hisbollah dazu veranlasste, zum ersten Mal Raketen schweren Kalibers und Kamikaze-Drohnen einzusetzen. Nach fast zwei Jahrzehnten relativer Ruhe an der libanesisch-israelischen Grenze droht der israelische Verteidigungsminister, mit Beirut ebenso zu verfahren wie mit Gaza. Hassan Nasrallah, der Führer der Hisbollah, hat Israel gewarnt, die Hisbollah werde im Falle eines erneuten Angriffs auf Beirut ihrerseits mit Raketen auf Tel Aviv und darüber hinaus feuern. Es ist klar, dass ein neuer Krieg sich nicht auf den Libanon beschränken würde, sondern die gesamte Region einbeziehen könnte, wenn die mit dem Iran verbündete »Achse des Widerstands« – die Hisbollah, die Hamas, die Arabische Republik Syrien und andere Gruppen – sich auf die Doktrin der »Einheit der Schlachtfelder« beruft. Die jemenitischen Huthi und proiranische Gruppierungen im Irak haben bereits amerikanische und israelische Stützpunkte angegriffen.

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