Der olfaktorische Unterschied
Eine kurze Autosoziobiografie kolonialer Sauberkeitsentwicklung von Trung Hoàng LêMoleküle
Frankreich 1835. »Die Eingeborenen von Guinea sind äußerst hässlich und haben einen unerträglichen Geruch; die aus Sofala und Mosambik hingegen sind schön und haben keinen schlechten Geruch. Die Schwarzen sind in Rassen zu unterscheiden«, schreibt Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, seinerzeit populärer Naturforscher und Mathematiker. In der Blütezeit der Aufklärung begründet Leclerc den Unterschied zwischen den niederen und höheren Rassen unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Die quartiers noirs, die später in Paris entstehen, sind gefährlich, auch olfaktorisch. L’odeur de l’Afrique, ein ganzer Kontinent, zusammengezwängt im Pariser Norden, stinkt. Märkte, Schweiß, Gewürze, Räucherfleisch, Fisch – alles Beweise für Unterentwicklung, Stagnation des zivilisatorischen Prozesses; eine Herausforderung für die europäische Vernunft, die in ihrem Universalismus auch noch dorthin strahlen muss, wo es das Licht der Aufklärung von selbst nie hin verschlagen hätte.
Gerüchen eignet eine affektive Evidenz, der man sich schwer entziehen kann; sie kontaminieren, drängen sich auf. Unerträglich sind die Sekretionen des Stinktiers, das sich vor seinen Feinden schützt. Ebenso unerträglich ist das Einkoten im Klassenraum; etwas erträglicher, seine mitunter lustige Vorstufe, die Flatulenz in geschlossenen Räumen. Die Reaktion des angreifenden Tieres und die der menschlichen Umgebung ist körperlich und unmittelbar: Naserümpfen oder Flucht.
Mit den Gerüchen gleiten zugleich die großen und kleinen Emotionen unsichtbar von Mensch zu Mensch und vom Menschen zum Tier. Hunde und Pferde können sich gegen den emotionalen Gehalt menschlicher Ausdünstungen nicht wehren, sie leiden mit, schwingen mit in menschliche Höhen und schauen in dieselben Abgründe. Nicht umsonst gibt es Therapiehunde und -pferde. Auch wenn die Forschung sich uneins ist, welche Moleküle genau dafür verantwortlich sind, dass Emotionen olfaktorisch übertragen werden – der Effekt der chemosignals ist signifikant.
Die menschliche Nase kann Angst, Ekel und Aggression grosso modo ziemlich gut identifizieren, lässt aber in der Binnendifferenzierung – ob es sich eher um Angst, Ekel oder Aggression handelt – Defizite erkennen. Auf den Schultern unsichtbarer Moleküle getragen, legen Gerüche samt Emotionen sich auf Nasenschleimwänden nieder und werden von dort in die Hirnwindungen eingezogen. Sie bitten nicht um Aufnahme, sie fordern ein, verarbeitet zu werden: olfaktorisch und emotional.
Ich erinnere mich an den trocken-erdigen Geruch des Schilfs, das vor dem Haus meiner Großmutter wuchs. Wenn die Tanten es zum Feuern benutzten, war es staubig warm, vermischte sich mit den süßlichen Duftwolken dampfenden Wassers, in denen die luftdicht in Bananenblätter gehüllten Erdkuchen (banh chưng) erhitzt wurden. Jedes Jahr um das Neujahrsfest derselbe Duft.
Die Tanten rochen nach Essen und Küche, immer. Nach Fisch und Fischsoße. Nach tropischem Regen manchmal auch nach Matsch, in dem die im Hof frei herumlaufenden Hängebauchschweine sich wälzten. Sie fraßen immerzu und was auch immer ihnen vor die Nase gesetzt wurde. Ihnen war es ziemlich egal, wer was zu fressen gab. Die Hunde dagegen wussten Bescheid, wer ihren Hunger oder Appetit erkannte und wer ihnen das Fressen vorenthielt. Sie bewachten zwanghaft den Hof ihres Herrn besonders zur Nachtzeit. Sie fletschten die Zähne nicht nur zur Abschreckung, sie bissen zu, wenn sie wütend waren, hatten Angst vor ihrem Herrn, weil er ordentlich zuschlagen konnte, wenn sie nicht parierten. Denen war vieles nicht egal, wer ihr Herr war, was er fühlte oder was sie fühlten.
Es gab eine Zeit, in der jedes Molekül, das sich auf meine Haut und mein Haar absetzte, ausnahmslos Glück bedeutete. Ich erinnere mich nicht an den Ekel. In dieser Zeit gehörte die Angst zu den Hunden, nicht zu mir. Ich erinnere mich auch an andere Zeiten.