Der Wegwerfplanet
von Caroline FraserIn The Waste Land hat uns T. S. Eliot berühmt gewordene Bilder einer üppigen, aber erschöpften Kultur vor Augen gestellt – leere Flaschen, Sandwich-Verpackungen, Zigarettenstummel. Hundert Jahre später scheint daran eigentlich vor allem auffällig, wie harmlos und, ja, organisch diese Abfälle einem vorkommen. Unrat aus Stein, abgestorbene Bäume, die eine oder andere Leiche im Garten – nichts, das nicht zur Erde zurückkehren könnte. Aber natürlich war das im Jahr 1922, an Plastik gab es da hauptsächlich Bakelit.
Ungefähr zur gleichen Zeit wurde allerdings eine der ersten Plastik-Fabrikationsstätten gegründet. Wie Alexander Clapp in Waste Wars, seinem Buch über die Ökonomie des Mülls, berichtet, hatte die Erfindung und Produktion neuer synthetischer Chemikalien während des Ersten Weltkriegs begonnen, wurde dann während des Zweiten Weltkriegs fatal ausgeweitet, als die Achsenmächte ebenso wie die Alliierten ihre jeweiligen Petrochemie-Industrien anwiesen, synthetische Formen nur begrenzt vorhandener Naturstoffe wie Baumwolle, Flachs und Gummi zu entwickeln. Die Bemühungen trugen schnell so eigentümliche wie ruinöse Früchte. 1942 sagte ein Historiker, der die Anwendungen des neuen Plastiks untersuchte, voraus, dass diese Materialen »größere Auswirkungen auf die Leben unserer Enkelkinder haben« würden »als Hitler oder Mussolini«.
So lang hat es gar nicht gedauert. Schon 1944, schreibt Clapp, »marschierten US-Soldaten zu den Klängen von Plastik-Hörnern durch Frankreich, kämmten sich die Haare mit Plastikkämmen, schliefen in Zelten aus Plastikstoff und flogen in Flugzeugen, die in Plastikfolie verpackt über den Atlantik verschickt worden waren, um sie vor Salzspritzern zu schützen«.
Bakelit war eine Neuheit gewesen, aber Plastik in all seinen Formen wurde zur Sucht. In Windeseile haben wir uns von sorgsamen Konsumenten, die ihre aus Zelluloid-Material gefertigten Haarbürsten, wie sie sich auf den Ankleidetischen unserer Großeltern fanden, wertschätzten, in Käufer verwandelt, »toll im Bestreben, töricht im Genuss«, in Shein gekleidet, die Blicke starr auf unsere Glas- und Plastik-Handys gerichtet, während in den Meeren sich Kontinente schwimmenden Abfalls heben und senken.
Manche von uns sind Virtuosen darin, Dinge zu recyceln, die ans andere Ende der Welt transportiert werden, um Inselstaaten in Wegwerfplastiktüten und -Wasserflaschen, Milchtüten, Joghurtbechern, Tierfutter- und Kartoffelchips-Verpackungen, Fleischschalen aus Styropor, Cola-Flaschen, in Amazon-Versandtaschen und Fast-Food-Verpackungen zu ersticken. Unsere Konsumgewohnheiten, schreibt Clapp, »sind nun für mehr als die Hälfte aller CO₂-Emissionen verantwortlich«. Jeden Tag geben 8,2 Milliarden von uns »1,5 Milliarden Plastikbecher, 250 Millionen Pfund Kleidung, 220 Millionen Aludosen und 3 Millionen Reifen« in den Müll. Jeder lebende Mensch repräsentiert etwa eine Tonne entsorgten Plastiks, das uns mit Sicherheit überleben wird. Im Jahr 2050 wird das Gewicht des Plastikabfalls in den Meeren, so Clapp, »das Gewicht aller darin lebenden Fische übertreffen«.
Und es geht nicht nur um Plastik. Clapp verzeichnet alles, von monumentalen Bergen toxischer Metallabfälle abgewrackter Kreuzfahrtschiffe bis hin zu Papieren jeglicher Art – Zeitungen, Druckmaterialien, Karton, Werbepost; er folgt den zähflüssigen Spuren des endlosen Müllstroms der entwickelten Welt, berichtet, was jedem denkbaren von den im Komfort Lebenden abgeschiedenen Element widerfährt, wenn es nach Mittel- und Südamerika, nach Afrika und Asien geschleust wird: gebrauchte Batterien, medizinische, landwirtschaftliche und Bau-Abfälle, chemischer Müll; E-Müll; nukleare Abfälle. Er steht auf der Insel Java und blickt auf die finsteren, stinkenden Felder aus Plastik, das in der Sonne still vor sich hin bäckt, fern aller touristischen Paradiese. Er betrachtet Container voll mit nach Scheiße riechenden Wegwerfwindeln mit Plastikanteilen, zu Unrecht als recyclingtauglich gelabelt – was beinahe zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kanada und den Philippinen geführt hätte, die sie in Empfang nehmen sollten. Nach Kriegsdrohungen des damaligen philippinischen Präsidenten Duterte wurden sie wieder nach Hause geschickt.
Wenn man Waste Wars liest, wird deutlich, dass wir auf eine fundamentale Weise unfähig sind, mit den Problemen umzugehen, die unsere Existenz und unser Konsum verursachen, wobei das vielleicht ein und dasselbe ist. Wenn es um Müll geht, sind wir alle Kriminelle, die glauben, er höre irgendwie zu existieren auf, sobald er uns aus den Augen ist – die Toilette hinuntergespült, in den Abfall geworfen, im Ozean entsorgt. Dass eine ungeheure Menge Müll nie von der Erde verschwindet, ist das große und entsetzliche Thema von Clapps Buch, einem wütenden und schonungslosen Meisterwerk der Reportage.
In seinem Bestreben, die »bizarre, unlogische Industrie« des »globalisierten Abfalls«, wie sie sich in den 2000ern entwickelt hat, zu durchdringen, hat Clapp, ein investigativer Journalist, der mit dem Pulitzer Center arbeitet und in Athen lebt, zahllose Flüge, neunzehn Fahrten mit dem Bus, vierzehn mit dem Zug und sechs mit Fähren unternommen, um einige der geheimsten Müllhalden der Entwicklungsländer zu finden. Der Aufwand der Reisen verweist auf die fragmentierte, zerstückelte Desorganisation einer Industrie, deren Multi-Milliarden-Dollar-Bewertung mit dem illegalen Drogen- und Waffenhandel mithalten kann.
Anders als jene Industrien ist diese Form des Handels zu großen Teilen legal und wird von der WTO und dem IWF stolz unterstützt. Clapp merkt an, dass im Jahr 1991 Larry Summers, damals Chefökonom der Weltbank und immer schon ein Vorkämpfer verantwortungslosen Handelns der Ersten Welt, einen heute notorischen bescheidenen Vorschlag loswurde, nur ohne Swifts Ironie, als er meinte, dass die »ökonomische Logik hinter dem Verklappen großer Mengen toxischen Abfalls in den Ländern mit den niedrigsten Einkommen nicht zu beanstanden« sei, und »wir dazu auch stehen sollten«. Er habe schon lange das Gefühl, fügte er hinzu, dass »unterbevölkerte Länder in Afrika entschieden UNTER-vermüllt sind«.