Die Lesbarkeit der Macht
von Julia KartashovaIn der Debatte um die sogenannte »Row Zero« im Umfeld von Rammstein wurde vor allem über Vorwürfe, Verantwortlichkeiten und Beweisfragen gesprochen. Aufschlussreich ist jedoch bereits die Form der Szene selbst. Sie organisiert Zugang als Auszeichnung: als Nähe zu Ruhm, als Auswahl, als privilegierten Eintritt in einen Raum, der sich dem Gewöhnlichen entzogen zu haben scheint. Wer in eine solche Ordnung eintritt, erlebt sie nicht notwendig als Gefahr. Oft erscheint sie zunächst als Chance, als Intensivierung des eigenen Werts, als kurzfristige Befreiung aus der Anonymität. Gerade so wird die Asymmetrie nicht aufgehoben, sondern durch das Prestige, das sie zugleich organisiert und verdeckt, schwerer lesbar.
Schwer benennbar bleibt deshalb die Kluft zwischen Beteiligung und Verstehen – jener Augenblick, in dem jemand in eine Situation eintritt, auf sie reagiert, in ihr handelt und doch ihre Struktur von innen heraus noch nicht lesen kann.
Oft heißt es, junge Menschen hätten gewusst, was sie taten. Sie hätten es gewollt, seien freiwillig gekommen, geblieben, zurückgekehrt, hätten »Ja« gesagt, nicht widersprochen, seien nicht gegangen. Doch in solchen Verteidigungen steckt eine Verwechslung: Beteiligung ist nicht dasselbe wie Verstehen. Begehren kann real sein, ohne souverän zu sein; Neugier kann real sein, ohne informiert zu sein. Auch der Wunsch dazuzugehören kann echt sein, ohne dass die Ordnung, in die man eintritt, bereits durchschaubar wäre.
Hier verengt sich der öffentliche Blick gewöhnlich auf eine rechtliche Lesart. Dann hält er sich am Alter fest, an formaler Zustimmung, an ausdrücklicher Verweigerung, an sichtbarem Zwang. Es zählt vor allem, was sich von außen sauber feststellen lässt. Wenn keine offene Gewalt im Spiel war, wenn die junge Person willig erschien, wenn sie antwortete, die Einladung annahm, wiederkam oder nicht auf die »richtige« Weise widersprach, gilt die Situation als verständlich. Beteiligung wird stillschweigend mit Einsicht gleichgesetzt.
Oder der Blick schlägt in sein Gegenteil um. Dann erscheint Jugend nur noch unter dem Zeichen der Unschuld: als etwas, an dem gehandelt wird, das selbst aber nicht wirklich handelt. In diesem moralischen Schutzraum werden Begehren, Eitelkeit, erotische Ansprechbarkeit, Ehrgeiz und Sehnsucht verdächtig, weil sie die Reinheit der Opferfigur stören. Doch auch dieser Blick verfehlt die Schwierigkeit – nur aus dem entgegengesetzten Grund. Er schützt die Jungen, indem er sie entwirklicht. Er kann nicht fassen, dass Handlungsfähigkeit vorhanden sein mag und sie dennoch kein volles Verständnis bedeutet.
Darin liegt ein Paradox der Gegenwart. Nie zuvor stand so viel öffentliches Wissen über Macht, Übergriffe, Asymmetrie und psychische Verletzbarkeit zur Verfügung; nie zuvor zirkulierten die Begriffe dafür so rasch und so breit. Und doch folgt die Bildung eines Subjekts keinem ähnlichen Beschleunigungsgesetz. Menschen wachsen nicht im Takt des Vokabulars heran, das eine Kultur für sie bereithält. Die Begriffe mögen früher da sein; die Erfahrung, die innere Unterscheidungskraft, die Fähigkeit, eine Situation von innen heraus als asymmetrisch zu lesen, kommen oft später. Eben deshalb kann eine Gesellschaft zugleich aufgeklärter über Macht sprechen und doch immer wieder an den Momenten scheitern, in denen Macht nicht als Gewalt, sondern als Möglichkeit erscheint.
Gerade an dieser Stelle zeigt sich, dass der Abstand zwischen öffentlichem Vokabular und gelebter Erfahrung nicht nur ein Problem des Begriffs ist. Er tritt dort am schärfsten hervor, wo Sprache nicht Schritt hält und der Körper früher reagiert als das Verstehen. Eine junge Person kann aktiv in eine Situation eintreten und dennoch ihre Bedingungen missverstehen. Ein Teil der Schwierigkeit liegt darin, dass viele nur eine enge Vorstellung davon erben, wie Zwang überhaupt aussieht. Gewalt erkennen sie leichter als Druck, Drohung leichter als Manipulation, offene Übergriffigkeit leichter als jene langsame Eskalation einer Szene, in der Nachgeben allmählich einfacher erscheint als Widerstand. Selbst sexuelle Erfahrung löst dieses Problem nicht notwendig. Erfahrung ist nicht dasselbe wie Deutungssicherheit.