Die Zeitdividende
Künstliche Intelligenz und Wissenschaft von Roland WenzlhuemerIm Frühjahr 2026 stellte das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sein neues Rahmenprogramm für die Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften vor. Auf einem Panel der Auftaktveranstaltung in Berlin wurde über Künstliche Intelligenz gesprochen, kundig und differenziert: was die neuen Werkzeuge können, wo sie irren, wie sie Begutachtung, Förderung und Forschung verändern. Als die Diskussion geöffnet wurde, stellte ich eine Frage, die mich seit geraumer Zeit beschäftigt: Was fangen wir mit der Zeit an, die uns diese Werkzeuge, wenn wir sie klug und wissenschaftlich profund einsetzen, schenken? Nutzen wir sie für more of the same oder investieren wir sie gänzlich anders?
Ich gebe gerne zu, ich hätte die Frage präziser formulieren können. Mir ging vieles gleichzeitig durch den Kopf. Aber ich denke schon, dass sie in ihrem simplen Kern einigermaßen verständlich war. Sie wurde aber nicht verstanden. Die Antworten handelten wieder von dem, was schneller geht und was besser wird. Ausschließlich davon. Das ist kein Vorwurf an ein einzelnes Podium, das klug und reflektiert diskutiert hat. Vielmehr ist das Nichtverstehen ein wichtiger Befund. Die Debatte über Künstliche Intelligenz in der Wissenschaft läuft, bis in die Förderpolitik hinein, entweder im Negations- oder im Effizienzmodus. Ersterer ist ebenso hoffnungslos romantisch wie romantisch hoffnungslos. Zweiterer, und damit hatten wir es auf dem Panel zu tun, interessiert sich lediglich für Variationen folgender Fragen: Was geht schneller, was wird billiger, was skaliert? Die Frage, wohin die so gewonnene Zeit der Beteiligten fließt, kommt in diesem Diskurs nicht vor. Dabei wären hier für uns alle erhebliche Gewinne zu machen (um eine Sprache zu verwenden, die unmittelbar zur Durchökonomisierung der Wissenschaft passt).
II.
Und zwar durch die Ausschüttung der Zeitdividende. Beschleunigungstechnologien versprechen ihren Nutzern vor allem Zeit. Die Maschine übernimmt, der Mensch wird freier. Eine der bekanntesten Fassungen dieses Versprechens stammt von John Maynard Keynes, der 1930 der Enkelgeneration eine 15-Stunden-Woche in Aussicht stellte; das eigentliche Problem der Menschheit werde sein, mit der gewonnenen Freiheit umzugehen. Keynes behielt teilweise recht. Der Wohlstand hat sich vervielfacht, die durchschnittliche Arbeitszeit ist deutlich gesunken. Anderes ist nicht eingetreten. Kaum jemand hat zu viel Zeit oder so viel zeitliche Freiheit, dass der Umgang damit eine Herausforderung wäre. Gerade dort, wo wir die schnellsten und effizientesten Werkzeuge anwenden, finden wir oft erstaunlich wenig freie Zeit.
Warum Effizienzgewinne ihr Zeitversprechen so selten einlösen, hat William Stanley Jevons schon 1865 anhand des Ressourcenverbrauchs der Industrialisierung gezeigt. Je effizienter die Dampfmaschine mit der Kohle umging, desto mehr Kohle verbrannte England. Man spricht vom »Jevons-Paradoxon«. Der Gewinn senkte den Verbrauch nicht, er steigerte ihn, weil er neue Verwendungen rentabel machte. Für die Zeit gilt dasselbe. Die gewonnene Stunde wird nicht frei, sie wird flüssig. Sie sucht die nächstrentable Anlage und folgt dabei dem Bekannten. Mehr Produktion, mehr Kommunikation, dichterer Takt.
Daraus folgt die These dieses Essays. Die Zeitdividende wird nicht automatisch ausgeschüttet. Wo sie ausgezahlt wurde, wurde sie eingefordert, manchmal erkämpft; wo niemand sie einklagen kann, wird sie einbehalten und reinvestiert. Und selbst die ausgezahlte Zeit ist nicht automatisch frei; auch um ihre Verwendung wird gestritten. Die Frage ist also nicht, ob und wie wir schneller und effizienter werden, sondern wofür wir die gesparte und damit gewonnene Zeit verwenden, wie wir sie im Wortsinn verteilen wollen. Um in der Metapher zu bleiben: Nach dem deutschen Aktiengesetz wird die Höhe einer Dividendenausschüttung zwar vom Vorstand vorgeschlagen, aber von der Hauptversammlung, also von allen Teilhabenden, beschlossen. Wir täten gut daran, das mit der Zeitdividende ähnlich zu handhaben.
III.
Kaum eine Technologie hat ihr Zeitversprechen deutlicher formuliert als die Telegrafie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Informationen ließen sich in elektrische Impulse codieren und entlang von Drähten und Kabeln in Höchstgeschwindigkeit um den Erdball schicken. Für viele fühlte sich das an wie die »Vernichtung von Raum und Zeit« oder »communication at the speed of thought«, um nur zwei der populärsten Interpretationen zu nennen. Viele Zeitgenossen erwarteten davon Verständigung, Weltfrieden und, durchaus wörtlich, gewonnene Zeit, wo Nachrichten nicht mehr wochenlang unterwegs waren, sondern wenige Minuten.
Was stattdessen geschah, lässt sich in den Quellen genau verfolgen. Wer auch immer »an den Draht ging«, ob Investoren, Kaufleute, Kolonialbeamte, Journalisten, sie gewannen dadurch keine Muße. Sie wurden Teil eines neuen Takts. Schnelle Telegramme verlangten schnelle Antwort. Geschäftsleute suchten mitten in der Nacht nach geöffneten Telegrafenbüros, stellten sich telegrafische Ticker in ihre Wochenendhäuser. Der Telegraf entspannte den globalen Handel nicht, sondern verdichtete ihn mit schnellerem Umschlag, dünneren Margen, mehr Transaktionen pro Zeit. Wer nicht mitzog, schied aus.
Der Grund liegt in der Kernqualität der Technologie. Der Telegraf machte Kommunikation nicht einfach schneller – er entkoppelte sie vom Transport. Nachrichten reisten nicht länger mit Menschen und Gütern, sie eilten ihnen voraus, und damit verschob sich das Verhältnis der beiden Sphären. Ein Hauptzweck der Telegrafie war es fortan, physische Bewegung zu koordinieren – Schiffe umzudirigieren, Fracht zu disponieren, notfalls in die Bewegung selbst einzugreifen. Wer aber koordinieren kann, kann auch koordiniert werden. Viele Zeitgenossen fühlten sich zunehmend »auf Abruf«. Die gewonnene Zeit kam nicht als Muße zurück, sondern als Bereitschaft.