Eifersucht, Kontrolle und Gewalt
Männer in Horrorfilmen von Benjamin Moldenhauer, Anselm NeftMänner in Horrorfilmen
Ein junger Mann nachts im Auto, allein, frustriert. Wieder einmal hat er es nicht über sich gebracht, seiner Kollegin Nikki zu sagen, dass er in sie verliebt ist. Immerhin hat er in einem Andenkenladen einen »Wunschzweig« gekauft, den er nun zerbricht: »Nikki soll mich mehr lieben als jeden anderen auf der Welt.« Dieser Wunsch setzt in Curry Bakers Horrorfilm Obsession eine Reihe zunehmend grauenerregender Ereignisse in Gang. Bei einem Budget von 750 000 Dollar spielte der Film weltweit rund 500 Millionen ein und zählt damit zu den erfolgreichsten Beiträgen der Genregeschichte. Der ähnlich beachtliche Debattenumsatz in sozialen Medien, Podcasts und Feuilletons deutet darauf hin, dass Obsession, wie einst Psycho oder Der Exorzist, einen kulturellen Nerv trifft.
Bear, so der Spitzname des jungen Mannes, wird durch seine Schüchternheit und Zurückhaltung als einer jener modernen Männer eingeführt, die auf den ersten Blick nicht »toxisch« wirken, hinter deren Passivität aber trotzdem Gefahren lauern. Und das Schreckliche passiert: Bears Wunsch geht in Erfüllung, Nikki liebt ihn bald tatsächlich mit genau jener verletzbaren, manipulativen, selbstzerstörerischen Abhängigkeit, die in Bear selbst schlummert. Sie wird sein Spiegel, und was er darin sieht, macht ihm Angst. Nikki ist nun so abhängig von ihm, wie seine Unsicherheit und sein daraus folgendes Kontrollbedürfnis es ihm als Wunsch eingegeben haben.
Als Nikki einmal kurz sie selbst ist, also nicht das wunscherzeugte Zerrbild, bittet sie Bear, sie zu töten. So, gefangen in einer falschen Version ihrer selbst, hält sie es nicht mehr aus. Bear, egozentrisch, gekränkt und larmoyant: »Ist es wirklich so schlimm, mit mir zusammen zu sein?« Ein Satz, der auf den Punkt bringt, was Ausgangspunkt und Zentralinstanz der ganzen Geschichte ist: ein fragiles männliches Ego, das obendrein nicht zu seiner Bedürftigkeit und Unsicherheit steht, sondern sich Kontrolle wünscht.
Indem das Skript seinem Antihelden den Spitznamen Bear gibt, schließt es an einen viralen Internetdiskurs an, der Anfang 2024 auf TikTok, Instagram und X geführt wurde. Auf die Frage »Würdest du allein im Wald lieber einem unbekannten Mann oder einem Bären begegnen?« wählen viele Frauen den Bären. Nicht, weil er ungefährlicher, sondern weil sein Verhalten vorhersehbarer wäre als das des Mannes. Damit verweist Obsession darauf, dass das Manipulative und potenziell Gewaltvolle gerade auch aus einer Position vermeintlicher Schwäche kommen kann. So harmlos Bear wirkt, er ist es nicht. Die Sexszene zwischen ihm und Nikki als eine durch Drogen ermöglichte Vergewaltigung zu lesen, ist in den Debatten zum Film so verbreitet wie plausibel. Nicht nur implizit macht Obsession deutlich: Die Unabhängigkeit der Frau bedeutet dem uneinsichtig bedürftigen Mann nichts, alles verschwindet hier hinter seiner Obsession, die wiederum seiner eigenen, uneingestandenen Abhängigkeit entspringt.
Wenn wir heute über sexuelle Übergriffe, häusliche Gewalt und Femizide sprechen, kommt eine Perspektive verständlicherweise zu kurz: die Innensicht der gewalttätigen Männer. In Horrorfilmen aber haben der gefährliche Mann und sein Innenleben Tradition. Obsession führt diese Linie fort und aktualisiert das Thema für die Millennials und die Gen Z. Viele jüngere Männer geben sich tendenziell anders als ihre Väter oder Großväter: nämlich empathischer, weicher, offener, Gleichberechtigung begrüßend und gerne auch mit schwarz lackierten Fingernägeln.
Der Film liefert jedoch nicht nur eine aktualisierte Version des gefährlichen Mannes, sondern wirft obendrein einen Blick auf selbstdestruktive weibliche Verhaltensweisen, die auch bei den vermeintlich unabhängigeren, modernen Frauen möglich sind. Natürlich steht Nikki in der Logik der Fantastik unter einer Art Fluch, den Bears Wunsch erzeugt hat. Aber wenn man das fantastische Moment nicht einfach als Plotmotor, sondern als Träger von Bedeutung versteht, lässt sich ihr Verhalten als eine Unterwerfung unter die Projektionen des Mannes interpretieren. Der enorme Erfolg von Reihen wie Twilight und Fifty Shades of Grey dürfte auch damit zu tun haben, dass hier die Anziehung beschädigter und potenziell gefährlicher Männer auf Frauen thematisiert wird, die dann in einem komplexen »I can fix him«-Prozess versuchen, diesen Männern und sich selbst gerecht zu werden. So macht die Soziologin Eva Illouz in einem diskussionswürdigen Essay darauf aufmerksam, dass sich in Fifty Shades of Grey die Protagonistin ständig sagt: »Er muss mich so wollen, wie ich es will«, während er immer wieder darauf pocht: »Ich will, dass du mir gefallen willst.«