Ein Bericht aus der Strafakademie
von Jonas RosenbrückEs ist leichter, aus einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis heraus- als hineinzukommen. Das klingt absurd, ist aber wahr – allerdings nur dann, wenn man dort unterrichten möchte. Wenn man also etwa versucht, an einem Ort wie dem Stateville Correctional Center in Crest Hill, Illinois, College-Kurse anzubieten. In diesem Fall wird man beim Eintritt in dieses maximum security prison für Männer einer langwierigen, teils höchst standardisierten, teils willkürlichen Prozedur unterzogen. Während der drei Jahre, die ich von 2019 bis 2022 als Lehrbeauftragter der Northwestern University, einer amerikanischen Eliteuniversität, in Stateville unterrichtete, gestaltete sich der Vorgang folgendermaßen: Es beginnt mit dem Dokumentencheck am ersten Tor, wo man hofft, auf der richtigen Besucherliste zu stehen und zügig einen Besucherausweis zugewiesen zu bekommen. Dann kommt der »Shakedown«, bei dem sichergestellt wird, dass niemand etwas dabei hat außer Unterrichtsmaterialien, Wasser in einer transparenten und versiegelten Plastikflasche, Kugelschreibern und Hustenbonbons. Die correctional officers kontrollieren die genaue Einhaltung der Kleiderordnung; Frauen werden besonders strikter Begutachtung unterzogen und müssen unter anderem zeigen, dass sie Unterwäsche und BH tragen. Armbanduhren sind nicht erlaubt. Nach diesem »Shakedown« wartet man, zwischen wenigen Minuten und einer halben Stunde, auf »Movement« – so heißen im Gefängnisjargon diejenigen Schließer, die allein Bewegung in diese auf Statik und Fixierung ausgelegte Institution bringen können. Vom »Movement« begleitet geht es dann durch eine Vielzahl von Toren, die eine merkwürdige Mischung von Hightech und feudal anmutenden Merkmalen charakterisiert. Manche öffnen sich wie magisch aus der Ferne per Kameraüberwachung. Andere, insbesondere die »Schleuse« vor dem Zugang zum eigentlichen Hochsicherheitsbereich, werden mit großen Metallschlüsseln manuell von einem Schließer geöffnet, der per Zuruf (»Gate!«) dem Schließer des nächsten Tores kommuniziert, dass die Schleuse offen steht. Schließlich geht es über den Gefängnishof an Wachtürmen mit hochbewaffneten Gefängniswärtern vorbei in das »education building«. Nach etwa anderthalb Stunden stehe ich im Gefängnisklassenzimmer.
Beim Hinausgehen dagegen – jetzt ohne »Movement«-Personal und auf eigene Faust – präsentiert man an jedem Tor einfach Personal- und Besucherausweis und wird ohne jegliche Verzögerung durchgewunken. Nach höchstens zehn Minuten steht man wieder außerhalb der Mauern. Der Ausgang aus meinem selbstverschuldeten Eingeschlossensein ist ein weiteres Mal gelungen – nur meine Studenten bleiben zurück, ausgeschlossen, zum Teil für immer, aus der Welt jenseits von Gittern und Stacheldraht.
Kartierungen schließender Gewalt
Manche Bücher – wie etwa Michel Foucaults Überwachen und Strafen – gehören so sehr zur Standardausbildung einer jeden Geisteswissenschaftlerin, dass ihre Erwähnung in den Zustand eines aufgeregten Erstsemesters zurückversetzt. Die Geschichte der Geburt des Gefängnisses, des Zusammenhangs zwischen karzeralen Institutionen und Pädagogik und der modernen Tendenz hin zur »normalisierenden« Gewalt ist (allzu) vertraut. Gleichzeitig arbeiten seit einiger Zeit Gelehrte aus verschiedensten Disziplinen daran, die Leerstellen in Foucaults Analyse, insbesondere in Bezug auf Rassifizierung und Geschlecht, darzulegen und durch weiterführende Untersuchungen – mit oder gegen Foucault – zu füllen.
Für mich entstand eine vollkommen andere, verstörende und von Neuem lebendige Beziehung zu diesem Buch, als mir bewusst wurde, dass Foucaults fotografische Illustration für seine berühmte Analyse des Panoptikums ein Foto aus Stateville ist. Abbildung 26 in der Suhrkamp-Übersetzung zeigt das sogenannte F-House, auch »Roundhouse« genannt, das 1922 gebaut wurde und aus einem einzelnen Wachturm in der Mitte einer runden Struktur von vier Etagen mit Zellen besteht. Seit den neunziger Jahren war es das einzige Panopticon, das in den USA in Gebrauch blieb. Das F-House wurde erst 2016 aufgrund von hartnäckigen Problemen mit Schimmel, Ungeziefer, untrinkbarem Wasser und unerträglichem Lärm geschlossen. Was passiert, wenn ein Text, den man zu lehren und lernen gewohnt ist, über den eigenen Ort der Lehre als ein Paradigma staatlicher Disziplinargewalt spricht?
Die carceral geography, im Deutschen manchmal als »Geografie des Einschlusses« übersetzt, zeigt auf, wie der strafende Staat durch architektonische, technologische, polizeilich-militärische und soziopolitische Interventionen eine Stratifizierung (Ein- und Ausschluss) und eine Überwachung (Panoptikum) des Raumes produziert. Eine solche Kartografie, so die Geografin und Aktivistin Ruth Wilson Gilmore, führt zu der Einsicht, »dass ›das Gefängnis‹ kein Gebäude ›dort drüben‹ ist, sondern eine Reihe von Beziehungen«. In den USA haben die Ausbreitung und Intensivierung dieser Beziehungen in den letzten Jahrzehnten exorbitante Ausmaße angenommen. 1972 waren in amerikanischen Gefängnissen 200 000 Menschen inhaftiert, heute sind es mehr als zwei Millionen. Bei einem Anteil von fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen die USA mehr als 20 Prozent der Gesamtgefängnisbevölkerung; so gut wie kein anderes Land inhaftiert häufiger und länger.
Schnell ausgeräumt werden sollte die naheliegende, aber irrige Idee, die Gefängnisexpansion und die extreme Zunahme der Inhaftierungsraten hingen mit ansteigender Kriminalität zusammen. Der Gefängnisboom der USA fällt in den 1980er Jahren gerade mit einem Rückgang der Kriminalitätsrate zusammen: »crime went up; crime came down; we cracked down«, stellt Gilmore trocken fest. Die Anzahl inhaftierter Frauen ist seit 1980 um 750 Prozent angestiegen. Die Unterschiede zwischen rassifizierten Gruppen sind eklatant: Obwohl schwarze Amerikaner keineswegs signifikant mehr Drogen konsumieren als weiße, werden Afroamerikaner zehnmal häufiger für Drogenvergehen inhaftiert. Laut der American Civil Liberties Union (ACLU) gilt: »One out of every three Black boys born today can expect to go to prison in his lifetime, as can one of every six Latino boys – compared to one of every 17 white boys.«
Korrekturen: Dialektik der Gefängnisbildung
Im Stateville Correctional Center ist der paradoxe Charakter der Effekte der schließenden Gewalt allgegenwärtig. Einerseits ist das Leben im Gefängnis extrem verschlossen und fixiert, wobei die fixierende Gewalt des Gefängnisses in der festsetzenden Funktion des Gesetzes wurzelt. Das Gesetz setzt fest im doppelten Sinne. Zum einen bestimmt es eindeutig. Innerhalb des Gefängnisses gilt, was der Offizier in Franz Kafkas Geschichte In der Strafkolonie ausspricht: »Die Schuld ist immer zweifellos.« Zum anderen wird durch die Haft das »Aufbrechen-Können, wohin man will« unmöglich gemacht, ein Können, das schon Hannah Arendt als die »ursprünglichste Gebärde des Frei-Seins« und somit als die Grundlage jeglicher Freiheit identifizierte. Dementsprechend groß ist das Verlangen der inhaftierten Studenten nach Informationen und Berichten aus der »outside world«; ihre Freude, sich im Klassenzimmer freier als in den Zellen bewegen zu können, ist evident. Andererseits ist das Leben im Gefängnis aber auch extrem offen und porös, die Unterscheidung öffentlich /privat, eines der konstituierenden Strukturmerkmale liberal-demokratischer Gesellschaften, ist an diesem Ort aufgehoben. Es gibt dort schlicht keinerlei Privatsphäre. Permanenter Lärm und konstantes Sichtbarsein für andere definieren den Alltag.