Flucht nach oben
von Marc DegensAls Enfant terrible der amerikanischen Verlagswelt hat Giancarlo DiTrapano die Literatur verändert. Er war berühmt für seine Großzügigkeit, seinen literarischen Spürsinn, für seine editorischen Fähigkeiten, seine Stilsicherheit und sein Gehör für die Stimmen von Außenseitern, denen er eine verlegerische Heimat bot. In dem von ihm gegründeten Verlag Tyrant Books, der zuerst in New York und dann in Rom beheimatet war, erschienen in elf Jahren vierundzwanzig Bücher, von denen einige die Gegenwartsliteratur veränderten und bis heute prägen. Gleichzeitig war er berüchtigt für seine harschen, drastischen Urteile, seine willkürlichen Dogmen, sein Lavieren am Abgrund, seine Verschwendungssucht, seinen finanziellen Unverstand und seinen nicht verheimlichten, sondern verherrlichten Drogenkonsum. Vor fünf Jahren, am 30. März 2021, starb Giancarlo DiTrapano, den seine Freunde Gian nannten, im Alter von 47 Jahren in einem New Yorker Hotelzimmer.
Gian bin ich nur einmal begegnet. In der KGB Bar in New York. Dafür kam ich mit dem Greyhound aus Washington angereist. Zuvor hatte ich an einer Konferenz der German Studies Association teilgenommen, die am Sonntag endete. Ich blieb in den USA, um am Dienstagabend der Lesung in der KGB Bar beizuwohnen.
New York Tyrant presents…
DOUBLE SUICIDE OR IT WASN’T LOVE:
A reading with Chelsea Hodson and Sean Kilpatrick
KGB Bar, New York, October 6, 7pm
Seit Wochen fieberte ich der Veranstaltung entgegen. Die KGB Bar im East Village war ein legendärer Ort. 1996 fand hier die New Yorker Buchpremiere von David Foster Wallace’ postmodernem Meisterwerk Infinite Jest statt, seinem Jahrhundertroman oder, wie die New York Times seinerzeit titelte: »The Grunge American Novel«. Auch in dem Spielfilm The End of the Tour über Foster Wallace war die überfüllte Eingangstreppe der KGB Bar in Szene gesetzt geworden. Auf Social Media hatte ich die Ankündigung zur Veranstaltung gesehen und war elektrisiert von den vielen Zusagen der Autorinnen und Autoren, die zur Lesung kommen wollten. DOPPELSELBSTMORD ODER ES WAR KEINE LIEBE. Der Slogan war ein Tweet von Sean Kilpatrick und befand sich auch auf mehreren Merchandise-Artikeln von Tyrant Books. So konnte man etwa im Verlags-Webshop für 14,95 Dollar einen Tragebeutel mit dem Satz auf der einen und Verlagsnamen und Logo auf der anderen Seite kaufen. Weiß auf Schwarz gedruckt, finster wie ein Ultraschallbild. Business in the front, Kilpatrick on the back. Den Beutel gab es auch in einer limitierten Edition von fünfzig Stück in Weiß auf Blutrot. Ich musste bei dem Satz an den Freitod von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist am Stolper Loch denken, dem heutigen Kleinen Wannsee im Südwesten Berlins.
Da ich mir keine drei Hotelübernachtungen in New York leisten wollte, entschied ich mich, an den beiden Tagen zuvor Zwischenstation in Baltimore zu machen, das ungefähr auf halber Strecke zwischen Washington und New York liegt und zahlreiche deutlich günstigere Übernachtungsmöglichkeiten bot. Um zehn Uhr dreißig verließ ich das Hotel in Washington, fuhr mit dem Bus zur Union Station und um kurz vor zwölf mit dem Greyhound nach Baltimore. Bereits nach fünfzig Minuten stoppte der Bus an der Haltestelle Baltimore Downtown mitten im Niemandsland. Ich stieg aus, folgte den anderen Ausgestiegenen und lief zur nächsten Haltestelle.
Ein Bus kam. Der 27er war komplett besetzt. Ich stieg als Letzter ein und war der einzige Weiße. Beim Fahrer konnte man nur mit Münzen und Ein-Dollar-Scheinen zahlen. Ich hatte nicht genug Kleingeld bei mir, wurde aber durchgewunken. Ich stellte mich direkt hinter den Fahrer und fragte ihn nach meiner Station, die er nicht kannte. Ich sagte ihm die Haltestellennummer, aber auch das half ihm nicht weiter. Schwitzend verfolgte ich auf Google Maps unsere Route. Wir fuhren mitten durch Downtown. Die Straßen im Zentrum waren verlassen. Hin und wieder sah man ein paar Obdachlose und Verwahrloste vor den zugenagelten Schaufenstern oder in den Hauseingängen sitzen. Nach zehn Minuten Fahrt stieg ich aus. Ich lief die Madison Street Richtung Osten, durchquerte den Historic District und war begeistert von den Kirchen, den Denkmälern, den kleinen Parks und riesigen Häusern und endlos langen back alleys. Menschen kamen mir unterwegs kaum entgegen.