Integrierte Desintegration
von Gunnar HindrichsI
In Umberto Ecos Irrationalismus-Kolportage Il pendolo di Foucault von 1988 spielt eine Szene inmitten des Mailänder Spektakels nach ’68. Eine junge Frau verteilt in einer Bar – »Es war so ein Abend, an dem man spürte, daß die Revolution nicht nur gemacht werden, sondern vom Unternehmerverband gesponsert sein würde« – Solidaritätslisten für verhaftete Argentinier.
»›Wer sind sie?‹, fragte ich.
›Was heißt, wer sind sie? Genossen in Argentinien!‹
›Ja schon, aber von welcher Gruppe?‹
›Taquaras, wieso?‹
›Aber die Taquaras sind doch Faschisten‹, wagte ich einzuwenden, nach dem bißchen, was ich davon verstand.
›Faschist!‹ zischte das Mädchen. Und ging davon.«
Auch heute gibt es viel spektakuläres Faschismus-Gezische, allerdings nicht mehr getrieben von Revolutionssimulation, sondern von den Verschiebungen des letzten Jahrzehnts. Man starrt auf Bewegungen wie Regierungen, bekommt einen Schrecken und Abscheu und Wut, sieht Abbauversuche bürgerlichen Rechts, bürgerlicher Verfahren, bürgerlicher Werte und nennt sie, bisweilen auch seitens der Gesellschaftswissenschaften, »faschistisch«. Umgekehrt sieht sich der Anhang jener Bewegungen von Verwaltungen, Behörden, Milieus drangsaliert, die er nun seinerseits »faschistisch« nennt. Hüben wie drüben also »Faschismus«: gezischt nach dem bisschen, was man davon versteht. Das Extrem des politischen Irrationalismus wird selber irrational aufgegriffen.
In solcher Lage tut Nüchternheit gut. Was aber gibt es in dem Zusammenhang Nüchterneres als die guten, alten Faschismustheorien? Erinnern wir uns an sie, um das Spektakel zu zerstäuben und uns der Sache selbst zu nähern.
II
Faschismustheorien beanspruchen, eine Antwort auf die Frage »Was ist das, der Faschismus?« zu geben. Dadurch unterscheiden sie sich von der historiografischen Darstellung. Obwohl sie in der Erforschung geschichtlicher Strukturen, Ereignisse, Biografien ihre Grundlage besitzen, gehen sie über sie hinaus in eine Sachbestimmung, die aus der Kontingenz besonderer Geschichtsprozesse allgemeine Kennzeichen gewinnt. Eine ältere Begrifflichkeit hätte gesagt: Faschismustheorien suchen in dessen Erscheinungen sein Wesen zu erfassen – und in der Tat ist ja das Wesen der Dinge nichts Geheimnisvolles, sondern seit Sokrates die Antwort auf jene einfache Frage »Was ist das?«
Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren blühten die Faschismustheorien. Und es blühte der Streit um sie. Das hatte mit dem Systemkonflikt zu tun. Schon der Ansatz einer jeden Faschismustheorie, über die Zeitgeschichtsschreibung hinaus ins Konzept zu gehen, droht die bürgerliche Gesellschaft, innerhalb deren die faschistischen Bewegungen und Staaten sich nun einmal gebildet hatten, als solche mit der Möglichkeit ihrer Faschisierung zu versehen. Er verknüpfte sich daher mit ihrer Infragestellung durch die damaligen sozialistischen Länder. Dem begegnete man auf zwei Weisen. Einerseits wurde der Faschismus historisiert: Er sei Vergangenheit und dürfe nur auf seine Epoche bezogen werden. Anderseits wurde er als Unterart einer Herrschaftsform verstanden, die über die bürgerliche Gesellschaft hinausreiche: Der Faschismus sei eine Variante totalitärer Herrschaft und darum den sozialistischen Staaten verwandter als den liberalen. Beidem machten die Faschismustheorien einen Strich durch die Rechnung. Indem sie seiner Eigenbestimmtheit nachgingen, schieden sie den Faschismus vom Totalitarismus und bestimmten ihn zugleich als eine Möglichkeit, die in der Form der bürgerlichen Gesellschaft selbst beschlossen liegt.
Wer heute auf die Faschismustheorien jener Zeit zurückschaut, begegnet – neben viel Hohlem und grauenhaftem Vokabular – immer noch Bedenkenswertem. Insgesamt lassen sich vier relevante Strömungen unterscheiden. Erstens die Versuche, den Faschismus als illiberale Gegenform zur bürgerlichen Gesellschaft zu bestimmen, ohne sie mit dem Totalitarismuskonzept einzufangen. Zweitens die Versuche, den Faschismus als extreme Abkehr von der abendländischen Tradition zu verstehen, die deren bürgerliche Gesellschaft zerrüttet habe. Drittens marxistische Theorien, die den Faschismus als eine besondere Form bürgerlicher Herrschaft begriffen, die deren Überwindung abwehren sollte. Und viertens Ernst Noltes Phänomenologie des Faschismus, die diesen im Weltbürgerkrieg um die bürgerliche Gesellschaft als deren radikale Immanenz begriff. Sie wurde schon früh als »erratischer Block« erkannt, bleibt aber bis heute denkanstößig.
Jede dieser Strömungen hat einen Punkt. Die erste Richtung erkundete vor allem das widersprüchliche Miteinander und Gegeneinander der Herrschaftsinstanzen im nationalsozialistischen Deutschland. Sie erkannte: Die rechts- und verwaltungsstaatlichen Regelsysteme der liberalen Welt wichen einer Verflechtung von (In)Kompetenzgerangel, Einflussbereichen, Fallentscheidungen. Inmitten solcher Polykratie fungierte Hitler als ein »schwacher Diktator«. Mit dieser Zuspitzung wurde der Entlastungserzählung »Hitler war schuld« ein Riegel vorgeschoben. Und man erkundete die faschistische Liberalismuszerstörung zumal im Blick auf die Spannungen der neuen Herrschaft, die zwischen ihren Institutionen, Trägern, Anhängerschaften bestanden. Hier konnte das Totalitarismuskonzept nicht mehr richtig greifen. Stattdessen gab es Berührungspunkte zur Modernisierungstheorie. Offenbar begegneten die ausdifferenzierten Systeme der Moderne in der faschistischen Polykratie einer antirationalen Wendung. Späterer Streit war damit vorbereitet.