Heft 926, Juli 2026

Kyjiw und Berlin

Ein Städtevergleich von Vasyl Bartovshchuk

Ein Städtevergleich

Der Alexanderplatz im dichten Nebel wirkt wie eine Kulisse aus Alfred Döblins Roman – jedes Mal, wenn ich aus der U-Bahn steige, suche ich unwillkürlich nach der Berolina, jener Statue, die einst jeden Ankommenden in der Stadt begrüßte. Dabei weiß ich, dass sie seit über achtzig Jahren nicht mehr hier steht. Bei meinen häufigen Berlin-Besuchen der letzten Jahre drängt sich mir immer wieder ein Gedanke auf: Mein Kyjiw wäre für diese Stadt die ideale Gesellschaft. Beide Metropolen sind einander in Fläche und Einwohnerzahl verblüffend ähnlich; sogar die Distanz zur nächsten Grenze ist nahezu identisch. Selbst das Suffix »-in« im Namen Berlin verrät slawische Wurzeln – den Chroniken zufolge waren die polabischen Slawen aus dieser Gegend einst Verbündete des Kyjiwer Fürsten Jaroslaw des Weisen und hätten sich wohl ohne Dolmetscher verständigen können. Ich ertappe mich ständig dabei, nach diesen gemeinsamen Codes zu suchen, hinter denen so viele dramatische Wendungen stehen wie kaum anderswo. Beide Städte erfuhren totale Zerstörung, Besatzung und Revolutionen; beide wurden zu Symbolen ganzer Epochenkonflikte – und beide sind immer wieder auferstanden. Es ist diese Gemeinschaft der Narben, die ihre Annäherung fast zwangsläufig macht – wie ein Dialog zwischen zwei Menschen, die dieselbe Katastrophe überlebt haben.

Eine Stadt muss sprechen können. Berlin spricht mit den Passanten durch jeden Stein. Kyjiw hingegen gibt seine Geschichte nur zögerlich preis – die Stadt bewahrt das Gedächtnis im Inneren, wie ein Mensch, der an permanente Bedrohung gewöhnt ist, als fürchte es, das Ausgesprochene könnte verschwinden. Den Großteil seiner Geschichte stand Kyjiw, wie die Ukraine insgesamt, unter Fremdherrschaft. Die Ukrainer gewöhnten sich daran, nach dem Prinzip zu leben: »Die Macht ist eure, das Land aber unseres.« Als wir 1918 die Unabhängigkeit erlangten, war das Völkerrecht noch ein stumpfes Schwert – Staatlichkeit ließ sich allein durch militärische Stärke verteidigen. Doch das vom Ersten Weltkrieg erschöpfte Europa verfügte nicht über die Ressourcen, uns beizustehen, wie es dies heute tut.

Eine Stadt muss fixieren können. Kaum war der frisch gekrönte Friedrich I. feierlich in Berlin eingezogen, da zog sich hinter ihm schon eine Spur neuer Namen entlang: die Königsvorstadt, der Königs Thor Platz (der spätere Alexanderplatz), die Königsbrücke, die Königskolonnaden, die Königsstraße. Doch die Zeit erzwang ihren Wandel. Die Industrialisierung ließ die Bevölkerung explosionsartig anwachsen, und Gerhart Hauptmann entlarvte in seinem Drama Die Ratten Schmutz, Krankheit und die soziale Ungerechtigkeit der Arbeiterklasse rund um den Alexanderplatz. Der »königliche« Glanz war verblasst, die monarchische Ehrfurcht geschwunden. Aus den Namen verschwand das Fugen-s, das die direkte Zugehörigkeit zum Monarchen markiert hatte – die Königsstadt wurde zur Königstadt. Das gestrichene »s« kam einer Desakralisierung gleich: Die Stadt gehörte nicht mehr dem Herrscher, sie wurde zum bloßen geografischen Raum für die Massen.

In Kyjiw funktionierte dieser Mechanismus der Fixierung anders. Während Berlin die Sprache seiner Toponyme sorgfältig korrigierte, musste Kyjiw sie im Russischen Reich tarnen. Die Namen jener, die das Imperium für gefährlich hielt – Schewtschenko, Kostomarow, Kulisch – durften nicht offen auf dem Stadtplan erscheinen. Also tauchten sie verschlüsselt auf: nicht als Familiennamen, sondern als Vornamen – Tarassiwska (nach Taras Schewtschenko), Mykilsko-Botanitschna (nach Mykola Kostomarow), Pankiwska (nach Panko Kulisch). Es war eine subtile Art, das Gedächtnis unauffällig in einem Raum zu bewahren, in dem offenes Gedenken untersagt war.

Eine Stadt muss bewahren können. Berlin versteht es, selbst das zu bewahren, was es einst radikal entwurzelte. Die Königsbrücke wurde für den Bau der Stadtbahn abgerissen, doch die Königskolonnaden blieben erhalten – wenn auch zwangsversetzt nach Schöneberg. Man stellte sie quer zur Straße statt parallel dazu, und so wurde aus dem prunkvollen Gestus der königlichen Magistrale ein antiquarisches Versatzstück, das fast linkisch in die moderne Bebauung hineingeworfen wirkt. Und dennoch: Sie existieren. Trotz der Deplatzierung wiegt die schiere Tatsache ihres Überlebens schwerer als der Verlust ihrer ursprünglichen Rolle.

In Kyjiw herrschte eine völlig andere Realität: Die Stadt konnte Denkmäler nicht bewahren, weil deren Errichtung schon im Keim unterbunden wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte ein grandioser Entwurf: Nach dem Vorbild der Berliner Siegessäule sollte sich vom Michaelskloster bis zur Sophienkathedrale in Kyjiw ein »Historischer Pfad« erstrecken – eine Allee mit Monumenten für die Kyjiwer Fürsten. Doch das Projekt blieb unausgeführt. Die Rückbesinnung auf die Kyjiwer Rus als Quelle der Legitimität rührte an eine unbequeme Wahrheit: Kyjiw ist älter als Moskau, und die Ukrainer besaßen eine eigene Subjektivität, die sich nicht im Imperialen auflöste. Anstatt eines Pantheons der Gründerväter erhielt Kyjiw daher Monumente für die russischen Zaren. Das Imperium erlaubte nur jenes Gedenken, das die Unterwerfung zelebrierte, nicht aber die eigene Herkunft.