Mein Jahr in der Fußgängerzone
von Marc DegensPer Whatsapp sandte mir René Grüße in die Fugäzo. Das war seine Abkürzung für die Fußgängerzone. Fugäzo erinnerte mich an Fugazi, eine Band, die in meiner Jugend als Schriftzug auf T-Shirts, Lederjacken und Stickern omnipräsent war. Ich schaute mir ein Video auf Youtube an und dann noch eins. Die Lieder waren mir vollkommen unbekannt. Bei Fugäzo musste ich zudem an Pizza Funghi denken und deshalb zwangsläufig an die geniale Pickel-Aufzählungsorgie in Pubertät von Helge Schneider: Acne vulgaris, Komedonen-Akne, Acne acne acne acne acne acne, Acne funghi, Acne stracciatella, Acne salami, Acne tonno, Acne kochschinken, Acne quattro stagioni, Acne chef … Als Abkürzung für die Fußgängerzone bevorzugte ich jedenfalls FGZ. Das klang seriös und amtlich und ein bisschen nach GEZ. Und so ähnlich wie die Beiträge zur Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland waren auch Fußgängerzonen: unbeliebt und schlecht beleumundet, gleichzeitig praktisch und unverzichtbar.
Als ich in der deutschsprachigen Wikipedia nach der Definition der Fußgängerzone suchte, fand ich den Eintrag: »Eine Fußgängerzone (in Österreich auch Fußgeherzone, bis 2013 in Deutschland offiziell Fußgängerbereich; norddeutsch auch Gehstraße, v.a. im Kreis Dithmarschen) ist eine Verkehrsfläche, auf der Fußgänger Vorrang oder ausschließliches Nutzungsrecht gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern haben. Meist haben diese, vor allem der motorisierte Verkehr, nur zu bestimmten Zeiten (zum Beispiel zur Anlieferung von Waren oder als Anwohner) ein Zuwegerecht.« Ich mochte die Worte »Gehstraße« und »Zuwegerecht« ebenso wie den Ausdruck »Fußgeherzone«. Am meisten irritierte mich die Hervorhebung des Kreises Dithmarschen.
Rasch kannte ich sämtliche Vorschriften. Ich wusste, wann der Lieferverkehr über welche Zufahrten erlaubt war, dass das maximale Schritttempo bei fünf, sieben oder acht, höchstenfalls aber fünfzehn Stundenkilometern lag und dass Straßenmusikanten nur elektronisch unverstärkt, ohne Trompeteneinsatz und maximal dreißig Minuten am Stück am selben Ort auftreten durften. Beim Gang durch die Fußgängerzone verwandelte ich mich in einen Sheriff, hätte am liebsten Strafzettel verteilt und wurde mir dabei selbst unsympathisch. An anderen Tagen wiederum spielte ich mit dem Gedanken, mir im Internet eine Jacke mit dem Aufdruck ORDNUNGSAMT zu bestellen, sie unterwegs zu tragen und damit für Angst und Schrecken zu sorgen. Hätte es sich angeboten, hätte ich auch kleine Bußgelder kassiert, die ich anschließend für einen guten Zweck gespendet hätte. Ich wäre so ein moderner Robin Hood geworden in Gestalt eines falschen Sheriffs von Nottingham.
Auf der Straße kam mir eine Frau entgegen. Kurz vor mir blieb sie stehen, griff die leere Schnapsflasche, die neben dem Blumenbeet stand, schraubte den Deckel ab, setzte die Flasche an den Mund, legte den Kopf tief nach hinten in den Nacken und versuchte, an die letzten Tropfen zu gelangen. Hinter mir hörte ich die flehend krächzende Stimme eines Mannes: »Wir haben dir jeden Tag ein Gramm gegeben! Jeden Tag!« Ein Raucher hockte in der Gosse vor einem Pappbecher und redete gestikulierend mit seiner Hand – oder die Hand redete mit ihm. In Momenten wie diesen erschien mir die Fußgängerzone so grotesk und albtraumhaft, als wäre sie von Hieronymus Bosch erschaffen worden.
Die Steigerung von einem Straßenmusiker waren zwei Straßenmusiker. Wenn auf der einen Seite der Flötenderwisch trällerte und auf der anderen Seite der Ziehharmonikamatrose seine Quetschkommode malträtierte und ich mich wie ein Beyond-Meat-Patty zwischen zwei Briochebrötchenhälften eingequetscht in der Mitte befand und beide Lärmquellen in meinen Gehörgängen zusammentrafen, dann wollte ich am liebsten losschreien, um den akustischen Schmerz zu übertönen. Als bifrequenzielle Beschallung bezeichnete Lasse Eskold Nehrens Protagonist Rudi in der Novelle Affekt das Phänomen, wenn sich die Musik aus zwei Gaststätten überschnitt und zu einem zufälligen Mashup formierte. Mit geschlossenen Augen atmete ich tief ein und aus und wiederholte zur Beruhigung Rudis Formulierung wie ein Mantra. Bifrequenzielle Beschallung … bifrequenzielle Beschallung … bifrequenzielle Beschallung.
Die lärmende Nacht neigte sich dem Ende zu. Kalte Luft ist dichter als warme Luft und überträgt den Schall daher besser, trotzdem hatte ich den Eindruck, dass im Sommer die Geräusche lauter schallten. Möglicherweise lag das schlicht daran, dass ich im Sommer in der Wohnung die Fenster offenstehen hatte, um nicht zu ersticken oder zu schmelzen, wahrscheinlich aber auch daran, dass in warmen Nächten einfach mehr Menschen unterwegs sind, die lachen, sich laut unterhalten oder einfach mal schreien, um ihrer Freude über die angenehmen Temperaturen Ausdruck zu verleihen.