Heft 883, Dezember 2022

Musikkolumne

»Musicking« von Tobias Janz

»Musicking«

Phasen des Umbruchs in der Musikgeschichte gehen oft mit subtilen Verschiebungen in der musikalischen Terminologie einher. Als würde der Wortgebrauch intuitiv registrieren, was sich zusammenhängend erst mit dem Abstand von Jahrzehnten überblicken lässt. Eine zukünftige Musikgeschichte wird sich mit der beachtlichen Karriere des aus dem Englischen stammenden Wortes »Musicking« beschäftigen müssen, das vor kaum einem Vierteljahrhundert zunächst vereinzelt in akademischen Diskussionen auftauchte und sich heute als weithin akzeptierte terminologische Alternative zum Musikbegriff anbietet.

Man begegnet ihm zuverlässig in den Titeln von Referaten auf internationalen Tagungen. Wissenschaftliche Datenbanken verzeichnen ein entsprechend breites Spektrum von Gegenständen: Es finden sich Aufsätze über »Musicking« bei Pygmäen, in hinduistischer Musik, in Bachs Kantaten, in der Musikpädagogik und in Singer-Songwriter-Traditionen sowie im Kontext der Debatten um die Dekolonisierung der musikbezogenen Fachdisziplinen. Der Gegenstandsbereich scheint umfassend zu sein. Ein nicht minder breites Spektrum deckt ein 2020 erschienener Sammelband aus der Geschichtswissenschaft ab, der sich dem Thema Musicking in Twentieth-Century Europe widmet.1 Hier fallen sogar Bereiche wie die Musikkritik, das Mäzenatentum, die Musikdiplomatie und das Copyright unter den Begriff.

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