Popkolumne
Appropriation und Begehren von Heide VolkeningKultur als Kostüm
Fragen kultureller Aneignung standen in den 2010er Jahren immer wieder auf der Tagesordnung öffentlicher Debatten um Pop. Wenn sich nun auch das der popkulturellen Politikreflexion eher unverdächtige US-Teenager-Magazin Seventeen diesem Thema widmet, zeigt sich deutlich, dass es im Mainstream angekommen ist. 11 Celebrities who have been accused of cultural appropriation titelt Carolyn Twersky und illustriert in einer Liste mit prominenten Beispielen, worum es geht. Sei es Ariana Grande mit ihrem Video zu 7 Rings, das Versatzstücke japanischer Kawai-Kultur in einem Hip-Hop-Szenario nutzt, seien es die zu braids geflochtenen Haare Kim Kardashians auf dem roten Teppich oder Katy Perrys cornrows in ihrem Video This Is How We Do – die Struktur der Appropriation besteht jeweils in der Übernahme kulturell codierter Details, die ihrem Ursprungskontext entrissen und wie eine Maske, als Kostümierung oder in stereotyper Imitation verwendet werden.
Im Pop-Kontext wird mit der Rede von kultureller Appropriation also ein Vorwurf formuliert. Er richtet sich gegen eine hegemoniale Aneignung kultureller Codes marginalisierter Gruppen, die sich in Form von Frisuren, Kleidung, Sprache, Gesten, musikalischen Stilen oder Tanzbewegungen vollzieht. Anders stand es um den Begriff der Appropriation lange Zeit in der Kunst, in der Appropriation Art war er sogar eine Parole linker Gegenkultur – »So appropriation actually meant theft, and it was a way of acknowledging that property is theft«. Gregg Bordowitz’ hier so bündig formulierte Erläuterung erinnert daran, dass Appropriation als künstlerische Strategie der Aneignung gegen herrschende Besitzverhältnisse eingesetzt wurde.
Allerdings agieren Kunstschaffende auch dann noch unter der Maßgabe des geistigen Eigentums, wenn sie den Zusammenhang von Autorschaft und Besitz durch künstlerische Verfahren der Aneignung reflektieren. Man muss Isabelle Graws Vermischung von poststrukturalistischer Literaturtheorie und Urheberrecht nicht unbedingt folgen. Hier wird jedoch klar, dass der kritische Reflex, auf den Vorwurf kultureller Appropriation mit der Aussage »Kunst /Literatur /Pop war doch immer schon Appropriation« zu reagieren, in der Sache nicht ausreichend weiterhilft.
Anders als das Lob der Appropriation in der Kunst richtet sich die Kritik an kultureller Appropriation im Pop weniger direkt auf Fragen des Eigentums. Im Zentrum stehen hier vielmehr Dimensionen kultureller Identität. Exemplarisch wird dies deutlich an einem Beitrag von Hengameh Yaghoobifahrah für das Missy Magazin, in dem das links-alternative Techno-Festival Fusion als weiß dominierter Karneval der Kulturlosen beschrieben wurde. Die »stereotypen, rassistischen Kostüme waren jedenfalls überall«. Dreadlocks, Kimonos, Kegelhüte, Bindis, Saris, Federkopfschmuck, Tunnel und Turbane, getragen von weißen Festivalgästen, werden als »Red-, Black-, Brown- und Yellow-Facing« und damit als rassistische Verkleidung gedeutet. Mag in der Aneignung vielfach auch die Wertschätzung des Angeeigneten liegen, die Kritik kultureller Aneignung fokussiert nicht die individuelle Übernahme kulturell markierter Stile von Frisur oder Kleidung, sondern die rassistische Struktur der stereotypisierenden Dekontextualisierung.
Durch Übernahme und Imitation, so der Vorwurf, gerinnen Verhaltensweisen und Selbstinszenierungen zu warenförmigen Fetisch-Objekten – es gebe also eine enge Verbindung zwischen kultureller Differenz und kapitalistischem Warenfetisch. Die Formel »wearing the culture as a costume« bringt die Vorwürfe auf den Punkt, gelegentlich ist auch von »racial drag« die Rede.
Jahrzehnte vor der aktuellen Debatte hat sich Dick Hebdige in Subculture. The Meaning of Style (1979) differenziert mit verwandten Fragen befasst. Er unterschied verschiedenste Ausprägungen der Übernahme, die von der »symbolischen Allianz« und dem »beispiellosen Zusammenströmen von Schwarz und Weiß« im Jazz über die romantisierte Symbolfigur des »schwarzen Mannes« für die Hipster- und Beatkultur bis zur paradoxen Widersprüchlichkeit zwischen der Übernahme einzelner Elemente schwarzer Kultur durch Skinheads reichen, wo die übernommenen Details nur als »gestohlene Form« auftraten. Interessant wäre mit Blick auf die aktuellen Debatten, ob und wie diese Praktiken der Übernahme in gleicher Weise als kulturelle Appropriation zu beschreiben wären und wie Differenzen zwischen einer fan-basierten Imitation und rassistischer Markierung von Differenz zu werten sind.
Der Diskurs um kulturelle Appropriation wirft Fragen der Identität und der Identifizierung auf: Was heißt »schwarze« oder »weiße« Kultur? Womit identifiziere ich mich, wodurch und als was werde ich identifiziert? Wer als schwarz wahrgenommen und identifiziert wird, muss seinerseits spezifische kulturelle Praxen und Codes etablieren, um auf die Fremdbestimmung mit eigenen Vorstellungen von Identität zu reagieren. Damit entgehe man aber, so fasst es Jens Kastner zusammen, nicht dem grundlegenden »Dilemma jeder emanzipatorischen Identitätspolitik«: sich nämlich »auf Kategorien beziehen zu müssen, die zugleich die Grundlage der Diskriminierung bilden«.
Hat, wer den Vorwurf der kulturellen Appropriation äußert und sich damit auf identitätspolitische Kategorien bezieht, womöglich einen essentialistischen Begriff von Kultur und kultureller Differenz? Oder ist die Debatte notwendig im Sinne eines »strategischen Essentialismus«, wie ihn Gayatri Chakravorty Spivak als temporäre Strategie auf dem Weg zur Aufhebung der Diskriminierungen empfahl? Die Debatte um kulturelle Appropriation kann von der kritischen Auseinandersetzung mit Identitätspolitik, wie sie in den 1990er Jahren geführt wurde, zumindest profitieren.