Scheitern und Versagen in der Politik
von Nora Weinelt, Benedikt WintgensKaum irgendwo wird so oft und so schnell vom »Scheitern« gesprochen wie in der Politik. Fast täglich trifft man in Zeitungen und Timelines auf entsprechende Schlagzeilen und Zuschreibungen: Da drohen Verhandlungen zu scheitern oder gleich ganze Staaten, misslingt die Wahl einer Richterin oder des Bundeskanzlers im ersten Anlauf, steht eine Regierung vor dem Aus, müssen Parteien Wahlschlappen hinnehmen und erleidet ein zentrales Reformvorhaben Schiffbruch. In der Politik – genauer: in der Politikbeobachtung – herrscht eine Fixierung auf die binären Kategorien von Erfolg und Misserfolg, Sieg oder Niederlage wie sonst nur im Leistungssport, wo schon die Zweitplatzierten nach dem Grad ihrer Enttäuschung gemustert werden.
Dabei steht der inflationäre Gebrauch solcher Misserfolgszuschreibungen in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu der Vorstellung eines »schönen Scheiterns«, die in den letzten Jahrzehnten den medialen Diskurs über den Umgang mit Rückschlägen bestimmt hat und der zufolge jeder Niederlage ein irgendwie produktiv zu machender Anfang innewohnt. Seit den 1990er Jahren hat der Begriff des Scheiterns in der Ratgeber- und Selbstoptimierungsliteratur, in der neoliberal konditionierten Digital- und Start-Up-Szene und am intensivsten im Silicon Valley eine außergewöhnliche semantische Ausdehnung erfahren. Raketenartig auf die Spitze getrieben hat dies ein An- und Ausspruch von Elon Musk: »If things are not failing, you are not innovating enough.« Scheitern als notwendiger Bestandteil des Umbruchs, Scheitern als Ausdruck energetischer Schaffenskraft – in diesem Sinn wurde sogar das eher resignativ gestimmte Zitat des großen Nihilisten Samuel Beckett: »Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail better« umgedeutet und, aus seinem existenzialistischen Kontext gelöst, zu einer Art Motivationsbooster fürs Pre-Workout in Wirtschaft und Gesellschaft.
Beispiele für die vordergründig vitalen Nonsense-Narrative aus dem Silicon Valley finden sich auch in der Politik, etwa bei der für Leistungspathos begeisterungsfähigen FDP. Fast wie zur Karikatur zugespitzt ließ sich das bei ihrem Bundesparteitag im Mai 2025 beobachten, als die Partei versuchte, ihre Probleme zu dornigen Chancen umzudeuten und damit nebenbei deren Ernsthaftigkeit herunterzuspielen. Nun war die Lage der FDP aber genau das: ernst, ja existenziell bedrohlich. In Bonn jahrzehntelang als liberal-marktwirtschaftliches Korrektiv der größeren Konkurrentinnen CDU / CSU und SPD an fast allen Bundesregierungen beteiligt, hatte sie die Berliner Republik als eine Art Achterbahnfahrt durchlebt. Erst war sie parlamentarische Opposition gegen kleiner werdende »große Koalitionen«, dann endeten zwei Regierungsbeteiligungen jeweils damit, dass die Partei den Wiedereinzug in den Bundestag verfehlte und mittlerweile kaum noch wahrgenommen wird. Versteht man den Wahlausgang als Quittung für Handeln im Amt, hätte die Geschichte des Niedergangs Anlass zu Selbstkritik, Fehlerkorrektur und zu einer Debatte über Gegenwart und Zukunft des Liberalismus geben können, ja müssen. Die Liste der inhaltlichen, strategischen und kommunikativen Misserfolge war schließlich lang. Doch die Parteiführung suchte ihr Heil lieber in einer ironischen Trotzgeste, mit der sie das Scheitern pauschal als Chance beschwor. Über der Bühne des Parteitags prangte in großen Leuchtbuchstaben – und auf Englisch – ein Satz aus dem Inventar der inspirierenden Instagram-Ideologeme: »Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus.« Zudem hatte die FDP (oder die von ihr beauftragte Agentur) für die rund 600 Delegierten Papiertüten mit Startersets für Limonade vorbereitet. Darin befanden sich eine Zitrone, ein Päckchen Zucker und eine kleine Glasflasche – sowie ein Zettel samt QR-Code für die Mitglieder-App.
II
»Erfolgreich gescheitert« lautete auch die bewusst paradoxe Überschrift einer Schlussbilanz der knapp drei Jahre der Ampel-Regierung, die die Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben hatte. Die Streitkoalition von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP sei zwar »krachend gescheitert«, am fehlenden Geld und der Aufgabe, einen Bundeshaushalt gemeinsam durchs Parlament zu bringen – »krachend gescheitert« zudem an ihrem selbsterklärten Anspruch, als Fortschrittsbündnis eine Vielzahl gesellschaftspolitischer Reformvorhaben und großer Transformationsprozesse aufs Gleis zu setzen. Dennoch habe, so die Erkenntnis der Studie, die Bundesregierung der Jahre 2021 bis 2024, gemessen an den konkreten Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag, mitnichten weniger realisieren können als ihre beiden Vorgängerregierungen, sondern sogar mehr.
Zu dieser widersprüchlichen Einschätzung passt, dass bereits der Koalitionsvertrag 2021 im Titel die Losung »Mehr Fortschritt wagen« ausgab und damit einerseits Erinnerungen an den sozial-liberalen Aufbruch nach 1969 wecken wollte (Willy Brandts »Mehr Demokratie wagen«), andererseits aber einen Vorstellungszusammenhang aufrief, der die Projekte der neuen Parlamentsmehrheit schon zu Beginn der Legislaturperiode anschlussfähig für Erzählungen vom schönen Scheitern machte. Denn wenn Scheitern als Chance begriffen wird, geht damit oft die Idee einher, das gescheiterte Vorhaben müsse besonders kühn gewesen sein, eines, das mit dem Gewohnten bricht und Altbekanntes hinter sich lässt, das echte Veränderungen versucht oder eine »Wende« in die Wege leitet. Dieses transgressive Moment, von dem auch Bill Gates gerne berichtet, wenn er nach dem Bankrott seiner ersten Firma Traf-O-Data, dem Vorgänger von Microsoft, gefragt wird, kann ein Unternehmen in die Pleite führen – oder ihm durchschlagenden Erfolg bescheren. Schön scheitert, wer mehr Fortschritt wagt.
Allerdings sind solche Umdeutungen ins Positive im politischen Diskurs eher die Ausnahme geblieben. Trotz ihrer Hochkonjunktur in Beratersprache und medialer Berichterstattung hat sich die Kultur des »schönen Scheiterns« politisch kaum durchsetzen können. In Parlamenten und Parteien gilt es, Niederlagen weiter tunlichst zu vermeiden oder wenigstens nicht zuzugeben; sie könnten Stimmen kosten und Karrieren zerstören. Eine wichtige Gemeinsamkeit mit den Vorstellungen aus der Internet-Ökonomie zeigt sich bei genauer Betrachtung aber dann doch: Scheitern wird als punktuelles, sachbezogenes Fehlschlagen betrachtet, an dem Einzelne Schuld tragen, zum Beispiel, wenn es Fraktionsvorsitzenden nicht gelingt, vor einer Abstimmung die erforderliche Mehrheit zu organisieren, oder wenn Politiker und Politikerinnen, von internen Machtkämpfen und öffentlichen Auseinandersetzungen aufgerieben, erschöpft von der Bühne abtreten.