Heft 926, Juli 2026

Situationen, Konstellationen & Positionierungen

Resonanzsoziologie und politische Phänomenologie von Thomas Bedorf

Resonanzsoziologie und politische Phänomenologie

Wir sind in Situationen gestellt. Immer schon. Wir finden sie und uns in ihnen vor. Sie zeichnen die Bedingungen vor und aus, unter denen wir wahrnehmen, sprechen und handeln. In ihnen werden die lebensweltlichen Möglichkeiten markiert, die sich unserem Handeln bieten und die unsere Wahrnehmung organisieren. Je nach Situiertheit sind diese Möglichkeiten mehr oder weniger attraktiv und bieten mehr oder weniger Optionen. Was ich in der jeweiligen und jemeinigen Situation und aus ihr heraus tue, obliegt der Verantwortung, in die die Situation mich stellt, die ich um keinen Preis an jemand anderen delegieren kann. Wir sind zwar nicht für, aber in Situationen umfänglich verantwortlich.

So zumindest hatte die Existenzphilosophie seit Heidegger, Sartre, Beauvoir und Merleau-Ponty »Situation« konzipiert. Sartre hatte entsprechend zahllose Essays unter das Rubrum Situations gestellt (10 Bände), Simone de Beauvoir parallel die historische Gewordenheit der Situation der Frau und ihrer patriarchalen Beschränkung auf Immanenz nachgezeichnet. Auf diese Weise prominent angelegt, ging mit dem Situationsbegriff auch ein existenzialistisches Pathos einher, das heute verblasst ist. In heutigen Diskursen und aktivistischen Interventionen wird »Situiertheit« in Anschlag gebracht, um deren begriffliche Klärung sich politische Phänomenologie bemüht. Situationen bezeichnen den wirklichen Möglichkeitsraum eines Subjekts, in dem sich für es dasjenige ergibt und erschließt, was wahrnehmbar und machbar ist. Situationen sind je meine in ihrem »Vollzugssinn«. Daher sind sie – auch wenn sie stets mit anderen geteilt sind – nicht von außen, von einer Beobachterposition, vollständig zu erschließen. »Selbstweltsituationen« (Heidegger) stellen eine »organisierte Totalität des Da-Seins« dar, auch wenn diese Totalität unscharfe Ränder hat und nie vollständig zu erfassen ist. Der Begriff der Situation tritt gewissermaßen an die Stelle des Begriffs der Realität (über deren subjektunabhängige Existenz sich die Philosophen seit Jahrhunderten den Kopf zerbrochen haben), indem sie diese nicht leugnet, sondern perspektiviert.

Das impliziert naheliegenderweise, dass es immer mehrere Situationen gibt, deren Vollzugssinne sich überlagern und treffen, aber auch widersprechen können, ohne dass es einen Ort gibt, von dem aus sie sich überblicken oder harmonisieren ließen. Darin ist die Phänomenologie der Situation verwandt mit den feministischen Standpunktepistemologien, die zeigen konnten, dass ein »god trick« nur eine Hypostase ist, die das Vergessen der eigenen Lebenswelt zur Voraussetzung hat. Als »Situiertheit« lässt sich nun die Gesamtheit der Bedingungen bezeichnen, die im Rücken meiner Situation liegen und die die Möglichkeiten und Grenzen dieser doch wesentlich mitbestimmen. Die Situiertheit ist – in einem anderen Vokabular – das »historische Apriori« meiner Situation. Dass sie »in meinem Rücken« liegt, also meist implizit bleibt, bedeutet allerdings keineswegs, dass ich mich oder wir uns nicht zu ihr verhalten könnte(n). Im Gegenteil erlaubt die Reflexion auf die Bedingtheiten der eigenen Situation, zu sehen, dass ich diese Möglichkeitsbedingungen mit manchen teile (die meine etwa mit verbeamteten Professoren, Weißen Deutschen, heterosexuellen Männern und so weiter). Hier nun betritt die Phänomenologie der Situation das politische Feld. Denn das Sich-Verhalten-zu-Situiertheiten kann in Form politischer Positionierungen erfolgen, die die Kontingenz der jeweiligen historischen Aprioris zur Grundlage nimmt und zu ihnen Stellung bezieht und Haltungen einnimmt.

Wenn Situationen die jemeinigen Sinnhorizonte erschließen, so dass auch die Räume, in denen ich mich oder wir uns bewege(n), als orientiert und immer schon sinnhaft erscheinen, steht ihnen in der externalistischen Raumauffassung die Position gegenüber. Positionen bezeichnen dann den lokalisierbaren Punkt, an dem sich (von außen betrachtet) Körper oder Dinge befinden. Positionierungen im Sinne kollektiver Haltungen lassen sich entsprechend als Stellungnahmen in einem politischen Feld verstehen: Sie schaffen Übersichtlichkeit im politischen Raum und machen zugleich die eigene Haltung für andere sichtbar.