Heft 901, Juni 2024

Vertreibung

Über vererbte Traumata und listenreiche Nostalgie von Jens Kastner
Download (PDF)

And everything you see leaves a mark on your soul,Everything you feel leaves a mark on your soul,Everything you touch leaves a mark on your soul,Everything you make leaves a mark on your soul

Bad Religion, Marked

Deutschland, 1945 in vier Zonen eingeteilt: Auf einem Zeitstrahl wird die Geschichte der DDR bis zur Wiedervereinigung dargestellt. Nach Kriegsende kommt die Zoneneinteilung, darauf folgt 1949 die Gründung der beiden Staaten DDR und Bundesrepublik.1 Gut, es ist nur ein Kinderbuch, das mein Sohn für sein Referat über den Mauerfall benutzt. Aus welchem Teil kam der Opa noch mal? Vielleicht ist es aber symptomatisch, dass da etwas fehlt. Mein Vater kam aus Schlesien.

Innerhalb linker Diskurse wurde das Wort Vertreibung häufig in Anführungszeichen gesetzt. Das ist irgendwie paradigmatisch für den Umgang mit komplexen, unbequemen Themen. Als ließe sich durch sprachpolitische Maßnahmen die Heftigkeit der sozialen Tatsachen abschwächen oder gar zu nicht ganz wirklichen machen.

Rund zwölf Millionen Deutsche mussten am Ende des Zweiten Weltkriegs oder im Lauf der Monate nach dem alliierten Sieg über das nationalsozialistische Deutschland ihre Wohnungen, Häuser und Höfe im Osten des (bald ehemaligen) Deutschen Reiches auf Nimmerwiedersehen verlassen. »In den großen alliierten Kriegskonferenzen von Teheran (1943), Jalta (Februar 1945) und Potsdam (Juli /August 1945)« wurde »die Verschiebung des polnischen Verwaltungsgebietes bis an Oder und Neisse durchgesetzt«.2 Politisch gesehen kann das als gerechte Strafe für ihre größtenteils gewährte Unterstützung für die Nazis oder ihr Nazi-Sein gewertet werden, den Tatbestand der Vertreibung tangiert diese Wertung aber nicht. Meine Großeltern und ihre beiden Söhne hatten vierundzwanzig Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen. Polnische Soldaten zwangen sie zum Gehen. Oder waren es polnische Milizen oder russische Soldaten?

Das war im Oktober 1946, mein Vater war fast sechzehn, sein Bruder kurz vor seinem zehnten Geburtstag. Ich weiß über die Flucht selbst fast nichts. Mein Vater hat die Geschichte so oft erzählt, dass ich nicht mehr richtig hingehört habe. Lese ich heute Berichte darüber, kann ich nicht anders, als sie als traumatisch einzuschätzen. Hunger und Kälte über Wochen, die endgültige Entwurzelung und eine totale Ungewissheit in Sachen Zukunft, das kann nicht spurlos an Menschen vorübergehen.

In dem Jahr, in dem mein Vater geboren wurde, veröffentlichte Sigmund Freud seine Schrift Das Unbehagen in der Kultur (1930). Darin versichert er ziemlich am Anfang, dass bei allem Unwissen über das Fortwirken der Vergangenheit daran festgehalten werden kann, »daß die Erhaltung des Vergangenen im Seelenleben eher Regel als befremdliche Ausnahme ist«. Das Vergangene bleibt permanenter Bezugspunkt. Die Sehnsucht nach der Heimat, durchaus nach einem geografischen Ort, wurde schon im 17. Jahrhundert als »Bezeichnung einer Krankheit« eingeführt,3 wie die Philosophin Barbara Cassin aufzeigt, und »Nostalgie« genannt. Vielleicht eine Erbkrankheit.

Beidem zusammengenommen, Vergangenheit und Heimatverlust, gehen jedenfalls Jahrzehnte nach Freud die Traumaforschung und die Arbeit mit von Fluchterfahrungen Traumatisierten nach. Sie beschäftigen sich auch mit den Effekten der Traumata für die Nachgeborenen. »Die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten konfrontiert uns mit Lebensgeschichten, die von zahlreichen Verlusten, überwältigenden Ereignissen, Erfahrungen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein gekennzeichnet sind, deren zerstörerische Kraft sich oft erst nach dem Ankommen in einem als sicher erhofften Ort entfaltet.«4 Werden solche Erfahrungen nicht verarbeitet (was auch immer das genau heißen mag), ist ihre Weitergabe an die nächste Generation so gut wie vorprogrammiert (wie auch immer sich das äußern mag). Die Kinder der Traumatisierten müssen zumindest »als Container fungieren« für Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

Die Traumata haben also nicht nur die Betroffenen, sondern solch grundlegende Erfahrungen von Schmerz und Verlust werden vererbt. (Auch wieder ganz unabhängig davon, ob man meint, die Deutschen hätten es nicht anders verdient oder nicht.) »Vererbte Wunden« sind das dann, wie sie in der Forschung zur transgenerationalen Weitergabe traumatischer Erfahrungen genannt werden. Uns wird diese Erbschaft umgehängt, bevor »eine aktive Aneignung dieses Erbes möglich wird«. Eine mögliche Aneignung, die etwa durch Auslassung in Kinderbüchern zur Geschichte Deutschlands nur umso unwahrscheinlicher wird. Traumata sind dann besonders schwer zu bearbeiten und sie werden dann besonders wahrscheinlich weitergegeben, wenn nicht über sie gesprochen wird. Es scheint eine Art Konsens in der Traumaforschung zu sein, dass Traumata verschwiegen oder zumindest kaum artikuliert werden: »Über die traumatische Erfahrung herrscht Sprachlosigkeit«. Wie also Wunden lecken?

Ich weiß zwar über die konkrete Flucht meines Vaters, meines Onkels und meiner Großeltern sehr wenig. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht Thema gewesen wäre. Im Gegenteil, dass die Vertreibung stattgefunden hatte, wusste ich von klein auf (von der Schoa hingegen erfuhr ich erst auf dem Gymnasium). Die Herrschaft der Sprachlosigkeit ist offenbar nicht immer mit Ver- und Beschweigen gleichzusetzen, sondern sie beschreibt vor allem die Produktion von Unsagbarem und Unaussprechlichem, während zugleich ständig über die Erfahrungen gesprochen wird.

Was Günter Grass mit Im Krebsgang (2002) angeblich angestoßen hatte, ein Reden über die Vertreibung der Deutschen, war im Privaten längst präsent, fand statt. Dass über die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten nicht gesprochen wurde, stimmt also nicht. Im öffentlichen Diskurs mag es eine Zurückhaltung gegeben haben, die aus berechtigter Vorsicht vor Gleichsetzungen mit der Schoa allzu emphatische Bezugnahmen auf die Leiden der Vertriebenen verhinderte (außer, nicht zu vergessen, von diesen und ihren bis in die 1980er Jahre nicht wenig einflussreichen Verbänden selbst). Zuhause aber wurde gesprochen, gemahnt, verglichen. Auch sie seien in so einem Viehwagon transportiert worden, sagte mein Vater beim Gucken einer Fernsehdokumentation zum Holocaust. Die Karte der Grafschaft Glatz hing bei uns im Keller, auch der nachgebaute Bollerwagen stand dort und war ständige Mahnung an Erlittenes.

Aber auch öffentlich waren es bei Weitem nicht nur die Vertriebenenverbände, die Flucht und Vertreibung thematisierten. Auch wenn vor allem sie es waren, die sich Gehör verschafften und bis in die 1980er Jahre versuchten, die Ost-Politik der Regierung Willy Brandts infrage zu stellen. (Herbert Hupka, Präsident der Landsmannschaft Schlesien, hatte 1985 für das Treffen seines Vereins die Parole »40 Jahre Vertreibung – Schlesien bleibt unser!« ausgegeben. Kanzler Kohl sagte deshalb seine Rede ab, konsensfähig war diese Position also auch in konservativen Kreisen nicht mehr.)

Auch Bücher wie etwa der im Vergleich zur Grass’schen Erzählung literarisch wie politisch so viel bessere Roman Heimatmuseum von Siegfried Lenz können diese öffentliche Präsenz des Themas belegen. Erschienen war er bereits 1978. »Taucher können unseren Fluchtweg rekonstruieren«, schreibt Lenz, »auf dem Grund des Haffs und der Ostsee, von Fischen bewohnt, von Seepocken beschlagnahmt und besiegt vom Rost, liegen noch heute die unzähligen Zeugen unseres verzweifelten Zuges nach Westen, kolossale Findlinge der Not, Wegzeichen selbstverschuldeten Unglücks, die erbarmungslose Antwort der Gewalt, die wir selbst gesät hatten.«5

So eingängig berichtet Lenz seitenlang von Flucht und Vertreibung, die selbstverständlich auch Leid (von Deutschen) mit sich brachten, Tod, Verzweiflung, so drastisch und zugleich lakonisch beschrieben (vom mit Honig verklebten Kleid der Mutter bis zum Tod des Sohns des Protagonisten), dass man sich wundern muss, wie Grass mit Im Krebsgang eine solche Debatte hat auslösen können über angeblich erstmals beschriebenes »deutsches Leid«. Vielleicht gerade deshalb, weil Grass, anders als Lenz, nicht von selbstverschuldetem Unglück und gesäter Gewalt geschrieben hatte. Da hatte sich die kollektive Erinnerung offenbar doch dem Vertriebenen-Diskurs angenähert (und selbst die Kohl’sche Distanznahme implizit zurückgenommen).

Vom Trauma, das den Vertriebenen zeitlebens bleibe, schreibt der Herausgeber einer Sammlung von Zeitzeugenberichten aus der damaligen schlesischen Grafschaft Glatz, er nennt sie Opfer einer »geschichtlich einmaligen Katastrophe«.6 Dass mit dieser Formulierung die Schoa relativiert wird, ist mehr als ein Verdacht, zumal sie ebenso wie die Verbrechen der Wehrmacht, die Verfolgung politisch Andersdenkender und Hitlers willige Vollstrecker (auch in Schlesien) nirgendwo im Band Erwähnung findet. Genauso im Beitrag von Hans Blaser, der 1986 im selben Buch die Vertreibung der Deutschen zwar über weite Strecken faktisch korrekt rekonstruiert, sie dann aber auch ein Schicksal von »solcher geschichtlicher Tragweite« nennt, »für das uns die geläufigen Maßstäbe der europäischen Geschichte im Stich lassen«.7

Das ist die eine Form des exklusiven und relativierenden Erinnerns der deutschen Vertriebenen. Die andere ist leicht anders gelagert, aber auch nicht besser: In einer anderen Sammlung von Berichten, die Zeitzeugen über ihre letzten Tage in Schlesien verfasst haben, notiert Herbert Hupka: »Niemand wird leugnen dürfen oder auch wollen, was zuvor Russen und Polen und Juden von Deutschen haben erleiden müssen. Doch was geschehen ist«, schreibt er in Bezug auf die Vertreibung weiter, »setzte in brutaler Weise die Verbrechen fort und kann durch die Verbrechen zuvor nicht entschuldigt werden.«8

Immerhin wird die nationalsozialistische Vernichtungspolitik angedeutet, wenn sie auch nicht so genannt wird. Aber dass die Leiden der Vertriebenen als Fortsetzung einer gleichsam abstrakt waltenden, historischen Gewalt beschrieben wer-den, die die Deutschen zu Opfern wie die Jüdinnen und Juden gemacht habe, auch das ist eine Form der infamen Relativierung. Kein Wunder also, dass man von links zum Mittel der Anführungszeichen griff, um solchen reaktionären Erzählungen und ihren Protagonisten das legitimatorische Wasser abzugraben.

Meine Tante, die Frau des Bruders meines Vaters, ist die Einzige, die ich noch fragen kann. (Warum sind sie in Gelsenkirchen gelandet? Mein Opa hatte in Schlesien im Bergbau gearbeitet, da bot sich das Ruhrgebiet offenbar an.) Meine Mutter weiß nicht viel über die Flucht, viel hat mein Vater ihr vielleicht nicht erzählt. Oder sie hat, wie wir Kinder, bei dessen immer gleichen Geschichten irgendwann auf Durchzug geschaltet. 1942 in Essen geboren, hat sie in ihren ersten drei Lebensjahren 243 Bombenangriffe auf die Industriestadt im Ruhrgebiet miterlebt. Sie mochte die Sirenen nicht, die am Samstagmittag immer das Wochenende bekanntgaben.

Die Weitergabe traumatischer Erlebnisse ist vielschichtig und hat vielfältige Effekte. Die Auswirkungen betreffen auch den Stand in der Welt, die Positionierung im zur zweiten Natur gewordenen Sozialen, das Gefühl, selbstverständlich am richtigen Ort zu sein (oder eben nicht). Mein Vater blieb nicht in Gelsenkirchen, sondern entfloh nach dem – nach eigenen Auskünften entbehrungsreichen – Studium der Stadt, der Klasse, dem Milieu. Diesmal relativ unabhängig von den Alliierten, aber sicherlich auch auf der Grundlage der temporären Ergebnisse ihrer geostrategischen Kämpfe. Als Ingenieur für Krupp ins Ausland. Kanada, Südafrika, Pakistan (kann sein, dass die Reihenfolge eine andere war).

Weil der Schah von Persien kein Englisch und bei Krupp sonst niemand Französisch sprach, führte mein Vater den Diktator 1961 mit seinem Schulfranzösisch über die Industrieausstellung in Teheran. (Es gibt ein Foto, anhand dessen ich ein weiteres Mal meine Erinnerungen aktiviere.9 Weitere Quellen: ein Brief und Erzählungen meines Vaters.) Er war der ganze Stolz seiner Eltern, schreibt meine Tante mir in einer Mail. Der erste Akademiker in seiner Familie, betonte mein Vater oft. Für das Studium des jüngeren Bruders reichte das Geld nicht, schreibt meine Tante. Der wohnte bis zur Hochzeit bei seinen Eltern, und sie zogen dann irgendwann in die Nachbarstadt.

Was nicht selbstverständlich ist, muss verständlich gemacht werden. Intellektuell und /oder gefühlsmäßig. Sich die Dinge anverwandeln, nennt der Soziologe Hartmut Rosa das. Für Situationen und ganze Lebenslagen gilt das auch (nicht nur für Dinge). »Ob Leben gelingt oder misslingt«, schreibt Rosa, »hängt davon ab, auf welche Weise Welt (passiv) erfahren und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt werden kann.«10 Wenig deutet darauf hin, dass Aneignen und Anverwandeln allen gleichermaßen gut gelingen kann, zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen. Der Klassenwechsler hat es schwerer als jene, die ihrem Milieu treu bleiben. Er hat immer einen gespaltenen Habitus, kann die verkörperten Dispositionen stets nur bedingt zur Anwendung bringen und ist immer auf Improvisation angewiesen, die umso schwieriger ist, je weniger die Disposition wie von selbst in legitime Praxis umgesetzt werden kann. Ein Dilemma.

Dilemmata werden unterschiedlich verarbeitet. Nicht alle Wechslerinnen und Wechsler von Klassen, Milieus und anderen »Kulturen« werden durch die Wechselerfahrung automatisch sensibler oder gar emanzipatorisch in ihrer Haltung. Nicht alle eignen sich die eigene Vergangenheit auf die Art und Weise an wie etwa Raymond Williams und Stuart Hall, die ihre zum Teil dem Wechsel von Ort und Klasse geschuldete Aufmerksamkeit für Differenzen mit einem Kampf gegen die Ausgrenzung verbanden. Die Schlesier der Vertriebenenverbände pflegten, in den Begriffen von Williams gesprochen, mehrheitlich ihre residualen Praktiken und sperrten sich gegen emergente.11 Auch deshalb tauchen sie im ganzen Diskurs um Diaspora-Erfahrungen nicht auf, sie wechselten innerhalb einer Nation den Ort und rahmten ihre Erfahrungen nationalistisch.

Das Dilemma des notwendigen und notwendig schwierigen Improvisierens erklärt auch die Gier nach Bestätigung. Mein Vater führt alle Gäste durchs Haus und fordert lobende Kommentare zu den selbstgefertigten Möbeln heraus, meist nachgebaute Exemplare irgendwelcher rustikaler Einrichtungsgegenstände (Lampen, Schränke, Tische, Stühle, Bar). Ist das mit dem kurzen Kick der Veröffentlichung eines geschriebenen Artikels vergleichbar? Identitätslegitimierungsversuche. Der berufliche Erfolg war vielleicht Grundlage, aber um dessen Anerkennung ging es nicht so sehr wie um die soziale Legitimierung. Und wo die Herkunft nichts hergibt, muss irgendeine Leistung hergezeigt werden.

Ein erzwungener Neuanfang ohne Vorbilder. Der erste Akademiker, der erste Manager. Die feinen Unterschiede mühsam notieren, erst lernen müssen, den Löffel nach dem Umrühren in der Kaffeetasse nicht stehen zu lassen, sondern ihn auf die Untertasse zu legen. Er genoss es, wenn die Kellner ihn mit Namen ansprachen, wenn er mit Kreditkarte bezahlt hatte, was damals noch kaum jemand tat.

Mein Vater hatte auch Der Schlesier. Breslauer Nachrichten abonniert. Die Wochenzeitung war seit 1948 bis in die 1980er Jahre das Zentralorgan der Landsmannschaft Schlesien. Der Schlesier hielt nicht nur den Anspruch auf Rückgabe der verlorenen Gebiete aufrecht, sondern relativierte auch die Kriegsschuld des Deutschen Reiches. Irgendwann war er selbst der Landsmannschaft zu rechts, die sich 1988 von dem Blatt trennte, das aber bis 2015 weiterbestand. Im Grafschafter Boten, einer anderen Zeitung der vertriebenen Schlesier und ihrer Nachfahren, die bis heute existiert, werden für alle möglichen Städte und Ortschaften in Schlesien (unter ihren deutschen Namen) »Berichterstatter« angegeben. Die kann man anschreiben, wenn man Fragen hat. (Kaum zu glauben, wie lang die Liste ist. Die müssen doch alle längst tot sein.)

Da keine Mailadresse angegeben ist, schreibe ich einen Brief an Herrn L., den »Berichterstatter« für Kunzendorf (heute Drogosław), wo mein Vater geboren wurde und die Familie damals lebte. In der Heimat. So wurde sie auch Jahrzehnte später noch genannt. L. antwortet mir per Mail und kann mir tatsächlich Dinge schreiben, die ich nicht wusste: In der Chronik des Ortes gibt es offenbar einen Eintrag zu meinem Großvater, der im Ortsteil Kohlendorf gewohnt habe und »Bergwerksassistent« war. Der Mailwechsel ist nett, dann verabschiedet er sich »mit heimatlichen Grüßen«. Eine Anrufung, der sich schwer zu erwehren ist, wenn man schon mal nachfragt. Aber ererbte Traumata stiften trotz geteilter Geschichte nicht automatisch eine Gemeinschaft. »Links ist da, wo keine Heimat ist« hieß 1994 eine linke Tagung, bei der ich war. Der Heimatbegriff ist keine linke Option, weil er immer im Vergangenen festhängt und das aktive Aneignen abwertet.

Traumata werden anders weitergereicht und vererbt als ein Schreibtischstuhl. Der Stuhl bleibt immer gleich, nutzt sich vielleicht ab, aber die Erinnerungen sitzen nur auf ihm drauf, stecken nicht drin. Die Traumata sind viel wandelbarer, werden bewusst oder unbewusst ständig in neue Formen geknetet. Sie stehen auch nicht irgendwo außen herum, sondern man schleppt sie permanent mit sich. Beim Kneten entsteht Depression. Etwas wird heruntergedrückt. Das Nichtselbstverständliche quillt hervor. Es wird bearbeitet mit der Suche nach Bestätigung und Anerkennung von außen. Vielleicht weil sich innen nichts von selbst versteht. Depression als nicht ortsgebundene Nostalgie.

Aber die Suche nach dem Erbe gestaltet sich schwierig. Unter den posttraumatischen Belastungsstörungen, die Sabine Bode über Kriegskinder in Die vergessene Generation (2004) auflistet, finde ich keine Eigenschaft, die für meine Eltern besonders typisch gewesen wäre. Flashbacks, das Vermeiden von Gesprächen oder Meiden von Orten, die das Trauma reaktivieren könnten, Schlafstörungen usw. Sicher, Reizbarkeit und Wutausbrüche zeichneten meinen Vater bestimmt aus, meine Mutter aber nicht und meinen Onkel, soweit ich weiß, auch nicht. Schließlich bleiben persönliche Rückschlüsse schwierig, auch wenn das Kollektive immer im Individuellen ist.

Vielleicht sind die »ererbten Wunden« nicht verheilt, aber verkrustet, ohne dass sich die Krusten noch von anderen, im Laufe des Lebens entstandenen, unterscheiden lassen. Man versteht vielleicht, dass der 8. Mai in Deutschland kein Feiertag ist, weil mindestens zwölf Millionen Leuten am Ende des Krieges kein bisschen zum Feiern zumute war (vermutlich wesentlich mehr). (Bei der Koppelung von Vertreibungserfahrung mit Geschichtsrelativismus und konservativen Werten hört das Verständnis aber auch auf.) Aber über die individuell vererbten Traumata und über das Gewicht, mit dem sie auf der Gestaltung der Gegenwart lasten, lässt sich wenig Allgemeines sagen. (Depressionen gibt es auch ohne Traumata, Anerkennungssucht ebenfalls.)

Die Ununterscheidbarkeit der Krusten und ihrer Effekte spräche für die Möglichkeit der einigermaßen selbstbestimmten Aneignung. Denn die Erbschaft wird real nur dann, wenn es jemanden gibt, der sie sich aneignet, schreibt Gabriella Paolucci in ganz anderem Zusammenhang (über das intellektuelle Erbe von Marx bei Bourdieu).12 Beim Aneignen etabliert sich eine Praxis, die das Ererbte nicht in einen Fetisch verwandle, sondern die es in ausgewählten Teilen aufgreife. Vielleicht ist das eine Form der vermittelten Trauerarbeit.

Damit etwas angeeignet werden kann, darf es nicht verleugnet werden. Politisch gesehen lassen sich nicht viele Gründe finden, die dafür sprechen, die Geschichte der Vertriebenen ins kollektive Gedächtnis zurückzuholen. Auf ihre Präsenz zu pochen war so lange in revisionistische und konservative Projekte eingebunden, dass sie sich aus dieser Verwobenheit nicht mehr befreien lässt. Nach allem, was man über kollektive Traumata und ihre Vererbung weiß, kann das Auslassen und Vergessenmachen aber auch nicht das Wahre sein.

Nostalgie ist nicht per se regressiv und ortsgebunden, sie kann auch, wie Barbara Cassin schreibt, »listenreich und polytrop« sein. Sie kann Zukunft gestalten und muss nicht in der Vergangenheit und auch nicht an einem Ort haften bleiben. Sie kann, wie bei Siegfried Lenz, mit dem Niederbrennen des Heimatmuseums beginnen. Aber immer droht die Reproduktion der Grenzen des Sagbaren. Denn um Feuer legen zu können, muss man das Heimatmuseum erst ausfindig machen und sich mit ihm konfrontieren. »Sie haben Deutschland etwas verkleinert«, heißt es in einem anderen Kinderbuch zum Mauerfall über die Alliierten, »und in vier Zonen geteilt. Hier im Osten war die sowjetische Besatzungszone, kurz SBZ, und daraus wurde dann die DDR.«13 Über die Vertreibung kein Wort. Ausfindigmachen und Konfrontieren werden so tendenziell verhindert. Der nostalgische Listenreichtum kann sich aber nur entfalten, wenn die Genese der Nostalgie nachvollziehbar gemacht wird.

Anmerkungen

1

Susan Schädlich /Alexander von Knorre, Wie war das in der DDR? Einblicke in die Zeit des geteilten Deutschland. Hamburg: Carlsen 2019.

2

Hans Lemberg, Flucht und Vertreibung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. In: Rudolf Mühlfenzl (Hrsg.), Geflohen und Vertrieben. Augenzeugen berichten. Königstein /Ts.: Athenäum 1981.

3

Barbara Cassin, Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause? Aus dem Französischen von Christine Pries. Berlin: Suhrkamp 2021.

4

Marianne Rauwald (Hrsg.), Vererbte Wunden. Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen. Weinheim: Beltz 2020.

5

Siegfried Lenz, Heimatmuseum [1978]. München: dtv 2011.

6

Peter Großpietsch, Vorwort. In: Ders. (Hrsg.), Die Grafschaft Glatz /Schlesien 1945/1946. Vom Kriegsende bis zur Vertreibung. Lüdenscheid: Zentralstelle Grafschaft Glatz /Schlesien e. V. 2001.

7

Hans Blaser, 40 Jahre Vertreibung. Nur Wahrheit führt zu Freundschaft und neuer Nachbarschaft [1986]. In: Großpietsch (Hrsg.), Die Grafschaft Glatz /Schlesien.

8

Herbert Hupka (Hrsg.), Letzte Tage in Schlesien. Tagebücher, Erinnerungen und Dokumente der Vertreibung. München: Langen Müller 1981.

9

Jens Kastner, Ulrike Meinhof, der Schah von Persien und mein Vater. Zur Bedeutung von 1968. In: Merkur, Nr. 829, Juni 2018.

10

Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp 2018.

11

Williams unterscheidet »residuale« kulturelle Praktiken, die in der Vergangenheit geformt sind und als vergangene Elemente zu effektiven Teilen der Gegenwart werden, von »emergenten« Prozessen und Praktiken, die Neues hervorbringen und andere als dominante Beziehungsformen einrichten. Raymond Williams, Marxism and Literature. Oxford University Press 1977.

12

Vgl. Gabriella Paolucci, Introduction. Heirs: Bourdieu, Marx and Ourselves. In: Dies. (Hrsg.), Bourdieu and Marx. Practices of Critique. London: Palgrave Macmillan 2022.

13

Juliane Breinl, Mein Mauerfall. Von der Teilung Deutschlands bis heute. München: ars Edition 2019.

Weitere Artikel des Autors