Heft 922, März 2026

»War mir nicht so bewusst«

Über den Krieg sprechen in Europa von Roman Widder

Über den Krieg sprechen in Europa

Vier Jahre, es ist zum Heulen. Vier Jahre Schützengräben, Einkesselungen, Entführungen, Zwangsrekrutierungen, FPV-Drohnen, vier Jahre »Orks«, »Chochly« und »Raschisti«. Vier Jahre Bombenhagel, Stromausfall, Flugabwehr und wachsende Militärhaushalte. Und vier Jahre die immer selben Talkshows und Podcasts mit den immer selben Politikern und Militärexperten, deren Quintessenz die immer gleiche Fantasielosigkeit und Ohnmacht ist.

Eine Äußerung aus einem dieser Podcasts geht mir nicht aus dem Kopf. Paul Ronzheimer hatte am 29. November 2025 Carlo Masala und Claudia Major eingeladen, und der Titel war durchaus vorsichtig formuliert: »Waren wir zu optimistisch?« Es wäre nicht ehrabschneidend gewesen, wenn die Gäste sich zu einem vorsichtigen »Ja« durchgerungen hätten. Immerhin hatten die beiden wie viele andere Experten die Rückeroberung verlorener Territorien, womöglich gar der Krim in Aussicht gestellt – sei es auch nur partiell, um so in eine bessere Verhandlungsposition zu kommen, und natürlich nur unter der Voraussetzung viel umfassenderer Waffenlieferungen. Aber nein, sie würden alles wieder so machen. Weil Ronzheimer nachhakt, meint Masala allerdings, zum Rückzug aus Bachmut hätte er im Frühjahr 2023 früher raten sollen. Dann lässt Ronzheimer, am Anfang selbst Frontreporter, die beiden wissen, dass sie in der ukrainischen Debatte einen großen Einfluss haben, weil »das, was ihr zum Beispiel sagt oder wir schreiben, sehr eins zu eins in der Ukraine zitiert wird«. Daraufhin Masala: »Okay. Gut. War mir nicht so bewusst.«

Es ist ein Expertensatz von entwaffnender Ehrlichkeit, der Masala sogar sympathisch macht, mich aber trotzdem verstört. Kann es sein, dass weite Teile der deutschen Öffentlichkeit über Jahre hinweg Personen zugehört haben, die keinerlei Innenansicht der ukrainischen oder der russischen Gesellschaft besitzen? Was bedeutet im Bereich von Militär- und Sicherheitspolitik überhaupt Expertise? Man stelle sich vor, Christian Drosten hätte sein Virus nur aus dem Internet gekannt, als Meme vielleicht. Im Februar 2022 wurde die Pandemie recht abrupt für beendet erklärt. Das Massensterben aufgrund einer Infektion schien dann doch weniger dramatisch als das gegenseitige Töten im Krieg. Von einem Tag auf den anderen wurden die Experten ausgetauscht: Virologen wurden ersetzt durch sogenannte Militärexperten. Aber ist Krieg, ist Außen- und Sicherheitspolitik in gleicher Weise Gegenstand von Wissen wie ein Virus?

Masalas Äußerung erinnert mich daran, wie groß die Empörung war, als Annalena Baerbock im Januar 2023 im Europarat vom Krieg in der Ukraine einmal versehentlich in der ersten Person sprach: »Wir kämpfen einen Krieg gemeinsam gegen Russland.« Obszön war dieser Satz vor allem in seinen Implikationen gegenüber der Ukraine, deren unvergleichlich größere Opfer in diesem »Wir« nicht vorkamen. Aber die mediale Entrüstung galt vor allem der Klarheit, mit der damals kurzzeitig deutlich wurde, dass Deutschland in diesem Krieg in einer Akteursrolle ist. Kann es aber sein, dass es naiv ist, immer nur darauf zu beharren, dass die Ukraine selbst entscheiden muss, ob sie diesen Krieg weiterführen will, nur um ihr dann mit dem ganzen Gewicht des größten Militärbündnisses der Welt im Rücken zu soufflieren, wie sie sich entscheiden soll?

Fürsprache

Das ganze Hin und Her von Fürsprache, Aneignung und Delegation des Sprechens muss doch einmal seiner Naivität beraubt werden. Nichts gegen Gespräche mit ukrainischen Soldaten, aber welchen Wert hat es, wenn in einem Interview über die Front das ukrainische Heer als Familie beschworen, der Gegner als das Böse schlechthin bezeichnet wird? Während die schlechtbezahlten Soldaten der Ukraine seit Monaten massenhaft desertieren, kann die sonst vorbildliche Redaktion von dekoder dann trotzdem in aller Ruhe ihre Headline als Zitat formulieren: »Ich bin gegen einen Waffenstillstand«. Die Frage, wer wem die Stimme leihen, wer sich aus welchen Gründen auf wessen Stimme berufen kann, hat Gayatri Chakravorty Spivak bereits vor knapp vier Jahrzehnten problematisiert. Sie hat darauf hingewiesen, dass die Behauptung, die Subalternen würden schon für sich selbst sprechen können, manchmal nur die subtilste Form sein kann, für sie zu sprechen.

Um das Problem nachzuvollziehen, braucht es eine Vorstellung vom Gefühl der Ohnmacht, in die sich die politischen Akteure der Ukraine, eingespannt zwischen russischem Imperialismus und europäischer Gleichgültigkeit, nicht erst in den letzten Jahren zwangsläufig eingeübt haben. Sie haben in dieser Situation gelernt, in ihrer Rede mit den Erwartungen der anderen zu arbeiten, um sich so Handlungsspielräume zu erobern. Sie haben sich die Erwartungen dieses Gegenübers aber auch identifikatorisch angeeignet, weil Identität eben immer ein Resultat aus Projektionen und Internalisierungen ist. Claudia Major aber meint, sich der ganzen Problematik entledigen zu können, indem sie sagt, »dass wir, die warm in Berlin oder woanders sitzen, keine Ratschläge geben sollten, wer aufhören sollte zu kämpfen oder wer weiterkämpft«. Wir sind nämlich, so Major, lediglich »Beobachter von außen«.

Das aber ist eine nicht zu rechtfertigende Illusion. Jede Expertenmeinung aus jenem Land, das zu großen Teilen die Waffen bezahlt und produziert, ist auch ein Ratschlag. Und wenn Masala meint, man müsse sich darauf einstellen, dass der Krieg noch ein paar Jahre weitergeführt wird, dann ist das keine Prognose, es ist unwillentlich auch eine Anweisung: Bitte weiterkämpfen. Die Illusion wird dann besonders perfide, wenn im selben Atemzug immer wieder betont wird, dass die Ukraine – was ja stimmt – auch für uns kämpft. Wir als Fürsprecher der Ukraine, sie als Vorkämpferin für uns – das ist ein asymmetrisches und eigentümlich instrumentelles Verständnis von Solidarität, und es könnte irgendwann, wenn sich westliche Politiker dann doch entschließen, die Ukraine hängen zu lassen, auch zu dem führen, was man backfire nennt. Auf Dankbarkeit sollte man jedenfalls nicht zählen.

Martin Schulze Wessels Buch über die Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen hat die kolonialen Seiten unseres eigenen Verhältnisses zur Ukraine überhaupt erst der Erforschung zugänglich gemacht. Doch es ist noch nicht ausgemacht, ob die Gegenwart einmal als Anfang vom Ende der Asymmetrie dieser Beziehung erscheinen wird oder doch eher als eine weitere Episode dieser gewaltvollen Struktur. Allein die Feindschaft gegen Russland, das andere Imperium, ist noch keine Garantie für eine ethisch durchdachte Position. Zwar ist die Ukraine schon länger keine »übersehene Nation« mehr, aber was man sieht, ist doch zu großen Teilen eine europäische Projektion von Geschlossenheit und Wehrhaftigkeit.

Diese Projektion macht die eigene, konstitutionelle Krise durch eine Emphase des Zusammenstehens kurzfristig vergessen. Solche Wechselseitigkeit ist für Konstellationen der Fürsprache nicht untypisch. Wir wollen die Ukraine für sich selbst sprechen lassen. Sie sagt uns, dass ihr Krieg unser Krieg ist. Und wir lassen sie auch so für uns sprechen, weil wir selbst über uns gar nichts Vernünftiges mehr zu sagen haben. Es ist die Autorität des Angegriffenen, des Opfers und des Kriegers, mit der sie dies tun darf. Aber für die Kommunikation über den europäischen Krieg in der Ukraine ist es kein glücklicher Umstand, dass er in eine kulturelle Konjunktur der Betroffenheit, der Authentizität, des wirklichen Erlebnisses hineinfällt. Betroffenheit als solche bringt noch keine differenzierte Beschreibung hervor.

Im Diskurs der russischen Medien gibt es einen anderen, zynischeren Namen für die unvermeidliche Parteilichkeit jeder politischen Rede, der noch aus sowjetischer Zeit stammt: Propaganda. Deren Propaganda sagt das, unsere jenes: So betrachten die russischen Sicherheitsexperten im Fernsehen die Situation – und bestätigen dann natürlich die russische Propaganda. Aus dem ironischen Kontrast zu Europa gewinnt die russische Wahrnehmung der Welt schon immer ihr besonderes Profil. Und mehr noch, die Doppelbeobachtung der deutschen und der russischen Gesellschaft lässt vermuten, dass Letztere einen epistemologischen Vorsprung besitzt. Aus historischen wie geografischen Gründen war der Blick in Russland immer Richtung Westen gerichtet. Die anderen verstehen – das ist dort nicht das Programm einiger obskurer Sonderlinge, sondern mehr oder weniger das alltägliche Geschäft der semiperipheren Position in einem eurozentrischen Diskurs.

Aber was berechtigt mich, zu all dem Stellung zu beziehen? Vier Jahre lang hat für mich tatsächlich alles dagegen gesprochen. Nach meinem Russischstudium, mehreren Reisen und Aufenthalten in Russland und auch in der Ukraine, vor allem aber in Sibirien, habe ich mich von der russischen Sprache, Literatur und Öffentlichkeit genau in dem Moment abgewandt, als die Krim überfallen und der Donbass in Teilen besetzt wurde. Aus meinem komparatistisch angelegten Promotionsprojekt habe ich russische Autoren aussortiert. Die Rolle des Übersetzers dieses putinschen Russland gerade auch im Alltag der politischen Debatte einzunehmen, darauf hatte ich keine Lust. Der Blick auf russische Debatten widerte mich schon zuvor nur noch an, ich wollte damit nicht meine Zeit verbringen. Als Putin wenige Tage vor dem Überfall in einer langen Ansprache die Entstehung der modernen Ukraine aus der verfehlten Nationalitätenpolitik von Lenin und Stalin erklärte, um den kommenden Überfall zu rechtfertigen, fühlte ich mich dann aber eigentümlich schuldig und mitverantwortlich. Ich jedenfalls hatte in den letzten acht Jahren nichts gegen diese Entwicklung unternommen.

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