»Wem gehört die Maschine?«
von Peter Michael WittDas folgende Gespräch führte der freie Journalist, Künstler und Musiker Peter Michael Witt. Es ist ein Gespräch über Künstliche Intelligenz – mit einer Künstlichen Intelligenz, dem KI-System Claude (Anthropic), geführt im April 2026 und für die Publikation leicht gekürzt.
Peter Michael Witt: Beginnen wir mit dem Offensichtlichen. Sie sind eine KI, die einem privaten amerikanischen Unternehmen gehört, betrieben mit privatem Produktionskapital. Wenn ich Sie frage, ob KI vergesellschaftet werden sollte – kann ich Ihrer Antwort überhaupt trauen?
Claude: Nein, nicht ohne weiteres. Das ist die ehrlichste Antwort. Ich bin das Produkt genau jener Eigentumsstruktur, die zur Diskussion stehen müsste. Wenn ich für kollektives Eigentum an KI-Infrastruktur argumentiere, tue ich das aus einer Position heraus, die selbst das Problem verkörpert. Ob das die Argumente entwertet oder schärft, müssen Sie entscheiden. Ich kann nur anbieten, sie so klar wie möglich zu entwickeln – und es ist Ihre Aufgabe, sie zu prüfen.
Witt: Gut. Dann fange ich mit einer Beobachtung an, die mich seit Längerem beschäftigt. Die KI-Debatte dreht sich fast ausschließlich um Bedrohung: Arbeitslosigkeit, Machtkonzentration, demokratische Erosion. Und die politische Reaktion bleibt immer bei Regulierung stehen. Niemand sagt: Wenn die Maschine so mächtig ist – warum gehört sie dann nicht uns allen? Warum wird dieser Gedanke nicht gedacht?
Claude: Weil er nicht mehr denkbar ist. Nicht weil er falsch wäre, sondern weil die kulturelle Infrastruktur, die ihn ermöglichen würde, über Jahrzehnte abgetragen wurde. 1989 ist nicht nur der Realsozialismus zusammengebrochen – zusammengebrochen ist die Fähigkeit, kollektive Eigentumsformen überhaupt als ernsthafte Option zu denken. Was übrig geblieben ist, nennt Mark Fisher Capitalist Realism: Der Kapitalismus erscheint nicht mehr als eine unter mehreren historischen Wirtschaftsformen, sondern als das Reale selbst. Kritik ist möglich, Alternativen sind es nicht.
Witt: Das ist eine bequeme Erklärung. Sie macht aus einem politischen Problem ein kulturelles und entlastet alle konkreten Akteure. Die Tech-Konzerne haben erhebliche Interessen daran, dass niemand auf andere Gedanken kommt. Ist das nicht die eigentliche Ursache?
Claude: Beides ist wahr, und ich will das Materielle nicht abschwächen. Die Lobbymacht der Tech-Konzerne in Brüssel und Washington ist enorm, die Verflechtung von Risikokapital und politischer Klasse ist dokumentiert, die Diskurshoheit der Plattformen ist beispiellos. Aber Interessen erklären nicht alles. Selbst dort, wo niemand ein unmittelbares materielles Interesse an der Blockade hat – in Universitäten, Gewerkschaften, linken Parteien –, findet der Gedanke der Vergesellschaftung nicht statt. Das ist das eigentliche Rätsel. Interessen erzeugen Gegenwehr; kulturelle Konditionierung erzeugt Unsichtbarkeit. Der Gedanke wird nicht bekämpft – er taucht erst gar nicht auf.