Zum Verkauf
von Ilya KharkowDer Junge erzählt.
Das Material war das billigste. Der Bezug bestand aus den Kleidern seiner verstorbenen Großmutter. Der winzige Sarg wurde nicht mit Nägeln zusammengenagelt, sondern mit Klebstoff zusammengeklebt – einfach deshalb, weil seinem Vater noch anderthalb Kisten Kleber von der letzten Arbeit übrig geblieben waren.
Wenn man mich bitten würde, mir den Teufel vorzustellen, hätte ich Le Corbusier vor Augen. Man sagt, er habe sogar das Zentrum von Paris mit Plattenbauten zubauen wollen. Zum Glück konnte Paris sich verteidigen. Die postsowjetischen Länder hatten weniger Glück.
Zweifellos ist ein Plattenbau besser als eine Baracke, besonders unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch der Krieg ist seit fast hundert Jahren vorbei, die Betonkästen sind geblieben.
Muss man überhaupt darüber sprechen, wie beengt Gedanken in einer Wohnung mit niedrigen Decken werden? Doch das Problem der Plattenbauten ist draußen nicht geringer als drinnen. Wer durch ihre Labyrinthe aus Beton irrt, lernt schnell seinen Platz kennen. Ich habe mich in verschiedenen Ländern wertlos gefühlt. Aber nie so sehr wie zwischen Plattenbauten.
Der Junge erzählt.
Er hatte einen Freund, der in eine Klassenkameradin verliebt war. Doch die Klassenkameradin hatte vor Kurzem ein Kätzchen geschenkt bekommen, und seitdem sprach sie nur noch von dem.
»Wer soll dir diese Särge abkaufen?«, fragte der Freund. »Tiere werden am Tag ihres Todes begraben. Niemand wartet darauf, dass ein Sarg mit der Post ankommt.«
»Dann verkaufe ich eben nur an Leute aus der Gegend.«
»Und was dann? Stellst du dich mit deinen Särgen vor den Supermarkt?«
Am Wochenende darauf tat er genau das. Er stellte neun kleine Särge vor dem Eingang auf. Daneben platzierte er ein Glas Erdbeerkompott. Das Kompott sollte Aufmerksamkeit erregen. Danach hing alles vom Gespräch ab.
»Sie werden doch nicht mehrere Tage warten wollen, bis der Sarg mit der Post kommt«, sagte er. Inzwischen benutzte er diesen Satz als Argument zu seinen Gunsten.
An diesem Tag verkaufte er keinen einzigen Sarg. Die Schuld gab er allerdings der Kassiererin. Sie jagte ihn noch vor dem Mittag weg.
Wenn es einen Aufzug gibt, dann einen mit angebrannten Knöpfen. Die Zahlen darauf sind längst abgerieben. Das Haus selbst ist müde geworden, die Stockwerke zu zählen. Die Wände sind von Schichten aus Beschimpfungen bedeckt, als wären sie geologische Formationen. An ihnen ließe sich die Geschichte der örtlichen Verzweiflung studieren. Der Geruch von Urin hält sich hier länger als die meisten Bewohner.
Wenn es einen Spiegel gibt, ist er zerbrochen. Und wenn nicht, dann hat er bereits so viel Grauen gesehen, dass ihn nichts mehr erschrecken kann. Früher oder später wird jemand eine Anzeige darauf kleben, die leicht verdientes Geld verspricht.
Etwas anderes hat mich immer stärker beschäftigt. Warum sehen unsere Treppenhäuser selbst nach der Reinigung schmutzig aus? Warum verlieren Lappen, Wasser und Chlor gegen diesen Ort noch vor Beginn des Kampfes?
Eine Gehaltserhöhung. Ein neuer Job. Ein veröffentlichtes Buch. Die Liebe. All das betritt das Treppenhaus mit einem Gefühl von Würde und verlässt es leicht gedemütigt. Als wolle das Haus sagen: Bilde dir nicht zu viel auf dich ein.
In Berlin stehen dieselben Plattenbauten. Dieselben geraden Linien. Dieselben Betonkästen. Nur wirkt Beton dort aus irgendeinem Grund nicht wie ein Urteil. Architekten führen Besuchergruppen herum und erzählen von Modernismus, Funktionalität und sozialen Utopien.
Und jedes Mal, wenn mir wieder ein Architekt erklärt, man müsse die Schönheit von Plattenbausiedlungen nicht in Moskau, sondern in Berlin studieren, wird mir unbehaglich.
Der Junge erzählt.
Jeder hatte etwas an seinen Särgen auszusetzen, aber den Freund störte etwas ganz Bestimmtes.
»Warum hast du diese Aufschrift auf die Särge geschrieben? ›Wir werden dich immer in Erinnerung behalten.‹? Ich würde nicht wollen, dass so etwas auf meinem Sarg steht.«
»Du würdest nicht wollen, dass man sich an dich erinnert?«
»Ich würde nicht wollen, dass der Sarghersteller darüber entscheidet.«
Ich wollte ins Stadtzentrum fahren. Dort gibt es ebenfalls genug Plattenbauten, doch der Blick bleibt an etwas anderem hängen: an bröckelndem Stuck, an geschwärzten Atlanten, an Balkonen, die eher aus Gewohnheit nicht einstürzen. Inmitten dieser sterbenden Schönheit fällt es leichter, über das Schicksal der Welt nachzudenken. Die Geschichte liebt Kulissen.
Um ins Zentrum zu gelangen, muss man zuerst zur Haltestelle laufen. Zehn Minuten zu Fuß. Der Asphalt wirft Wellen, als wäre unter ihm längst etwas verendet und würde noch immer verwesen. Der Bordstein verschwand schon vor meiner Geburt. Statt eines Rasens gibt es hier festgetretenen Schlamm, statt Blumen verstreute Steine und statt einer Zukunft Geduld.
Der Junge erzählt.
Seine Mutter erlaubte ihm, die Särge auf dem Balkon zu lagern, doch schon bald wurden es zu viele. Also tauchten sie auch in der Küche und im Flur auf.
Eines Tages brachte sein Vater einen Freund mit nach Hause, der in der Nähe eine leerstehende Garage hatte. Der Mann betrachtete die allgegenwärtigen kleinen Särge und erzählte eine Geschichte.
»Einmal habe ich mir einen Erdbohrer gekauft und Löcher für ein Fundament gebohrt. Ich bohre also und denke plötzlich: Hier riecht es nach einer Leiche. Ich schaue nach, und tatsächlich – da war eine Leiche. Eine Katze. Dann kommt der Besitzer heraus und fragt, ob ich vielleicht seine Katze erwischt habe. Damals habe ich gelogen, damit er sich nicht aufregt.«