• Verlust und Moderne – eine Kartierung

    Eine systematische Soziologie des Verlusts gibt es bisher nicht.1 Das ist seltsam und nachvollziehbar zugleich. Seltsam ist es, weil man die moderne Gesellschaft ohne ihre Verlustdynamiken, ohne die kollektiven Verlusterfahrungen und deren soziale und kulturelle Folgen gar nicht begreifen kann. In der Spätmoderne der Gegenwart erlangen die Verlustthematisierungen – von der Verlustwut der Modernisierungsverlierer bis zur Verlustangst infolge des Klimawandels – dabei eine besondere Präsenz. Nachvollziehbar ist die Leerstelle einer Soziologie des Verlusts allerdings, wenn man erkennt, dass die Disziplin gewissermaßen durch eine déformation professionelle charakterisiert ist: In der Form, in der sie sich im 20. Jahrhundert institutionalisiert hat, identifiziert sich die Soziologie im Kern mit dem Projekt der Moderne als Fortschrittsprozess. Zwar pflegt die kritische Soziologie der Moderne ihre Pathologien vorzurechnen, diese jedoch erscheinen meistens als Konsequenz dessen, dass die moderne Gesellschaft noch nicht fortschrittlich genug ist. Die Verluste aber sind gewissermaßen das Andere der Moderne, sie sind das Andere des Fortschritts. (mehr …)