• Ich-Kreise um meinen Garten

    In der gegenwärtigen Konjunktur des nature writing findet jener Raum wenig Beachtung, der den Übergang zwischen Natur und Kultur menschheitsgeschichtlich markiert: der Garten. Zu sehr unterscheidet er sich von den Gefilden, die in diesen Büchern durchmessen werden: Explizit als Begrenzung angelegt, kann der Garten kaum den Eindruck der Wildnis vermitteln, den die Autoren auf ihren Alten Wegen , im Flug eines Falken oder in der Zähmung eines Habichts suchen. Im Unterschied zu diesen Abenteurern sind Gärtner den Naturgewalten zumindest nicht lebensbedrohlich ausgesetzt; selten sind sie weit vom schützenden Haus entfernt. Daher haftet dem Garten oftmals das Stigma des Heimeligen, allzu Kultivierten, ja des Spießigen an, wie im Deutschen durch die Vorsilbe »Klein« suggeriert und durch die »Kolonie« institutionalisiert wird. Und doch befasst sich eine Reihe von Schriften in den letzten Jahren mit dem Verhältnis von Natur und Kultur gerade anhand des (eigenen) Gartens. Die literarischen Gartenbücher, um die es mir geht, sind allesamt (mehr oder weniger deutlich) autobiografische Texte, die nicht von Gartenexperten, sondern von gärtnernden Schriftstellerinnen, Philosophen und Journalisten geschrieben wurden. In gewisser Weise sind sie so etwas wie die biedere Schwester des nature writing , die sich beim Lesepublikum ebenso großer Beliebtheit erfreut wie ihre abenteuerlustige Verwandte. Historisch gesehen sind die Privatgärten, von denen in diesen Büchern die Rede ist, eine Errungenschaft des Biedermeier, ebenso wie die Schriften über deren Hege und Pflege. Prägend für den deutschsprachigen Raum war, allerdings nach der Jahrhundertmitte erschienen, Hermann Jägers Der Hausgarten: Ideen und Anleitung zur Einrichtung, Ausstattung und Erhaltung geschmackvoller Haus- und Vorstadtgärten, sowohl für den Luxus, als auch zur Nutzung (1867). In Jägers Ausführungen erkennt man einige Motive und Topoi, die in den Gartenbüchern bis heute in geradezu unheimlicher Konstanz wiederkehren. So etabliert Jäger den Hausgarten gleich zu Beginn als eine Gegenwelt zur Stadt, dem Raum der Arbeit. Im Garten steht der »Genuss« an erster Stelle, wiederholt wird auch von dessen »Behaglichkeit« gesprochen. Der Garten, ein Außenraum, der mit dem Hausbereich als eine Art »fortgesetzte Wohnung im Freien« in Verbindung steht, wird zu einem Ort der Innerlichkeit stilisiert, der das ästhetische Sensorium schult. Jäger plädiert für eine Mischung aus Nutz- und Schaugarten, die alle Sinne ansprechen soll, und begegnet schon Mitte des 19. Jahrhunderts der Sehnsucht der Stadtbewohner, sich autark von ihrem selbstgezogenen Obst und Gemüse zu ernähren, mit nüchterner Vorsicht, denn »eigentlich ist der Hausgarten nicht der Ort dazu und häufig der Nutzen nur ein scheinbarer«. Anders als der Gartenprofi Jäger sind die Autorinnen und Autoren der neueren Gartenbücher in erster Linie Textarbeiter, die sich als Amateure im Garten betätigen. Ihre Texte lassen sich als autobiografische Auslassungen in unterschiedlichen Formen (Tagebuch mit Datum, rückblickende Autobiografie etc.) verstehen. Die Tatsache, dass die Erzähler der literarischen Gartenbücher oft zugleich ihre Helden sind, sowie die Betonung ihrer Entwicklung, ihrer Lernfortschritte oder Rückschläge führt dazu, dass sich die Gartenbücher auch als Bildungsromane lesen lassen: Aus anfänglich unwissenden, ja naiven Anfängern im Garten werden nach und nach Spezialisten, deren besondere Kultivierungstalente sich erst im Lauf der Arbeit herausbilden. Literatursoziologisch betrachtet, gehören die meisten der Erzähler /Gärtner dem (Bildungs)Bürgertum an; sie befinden sich in ihrer »Gartenphase« häufig im mittleren beziehungsweise fortgeschrittenen Alter. Jakob Augstein ist fünfundvierzig, als sein Gartenbuch erscheint; Barbara Frischmuth ist bei ihrer ersten Gartenpublikation achtundfünfzig und zu Beginn ihrer Gärtnerei vierundvierzig Jahre alt, Byung-Chul Han Mitte fünfzig. Gleiches gilt für den in Deutschland erfolgreichen niederländischen Schriftsteller Marten t’Haart, dessen gesammelte Gartenkolumnen als Die grüne Hölle. Mein wunderbarer Garten und ich 2016 (in den Niederlanden 2004) erschienen sind, wobei er sich bereits 1982 im Alter von achtunddreißig Jahren »auf Kleiboden niederließ«. Christoph Braun verlässt Berlin für das niedersächsische Evessen im Alter von fünfunddreißig Jahren – die Liste könnte fortgeführt werden. Oft sind die Autoren aus der Stadt (Berlin respektive Wien oder Amsterdam) aufs Land zurückgekehrt oder zum ersten Mal dorthin gezogen; zumindest aber befindet sich ihr Garten am Stadtrand. Sie entstammen offenkundig einem Milieu, das neben den nötigen finanziellen Grundlagen für ein Grundstück mit Garten auch über Muße zur Gärtnerei, sprich Freizeit verfügt.

    Der Misanthrop

    Besonders augenfällig wird die Arbeit am und die Sorge um das Selbst(Porträt) des mittelalten Journalisten in Jakob Augsteins Buch Die Tage des Gärtners (lesen ...)