• Überdenken wir die Landwirtschaft!

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Ginge es nach thematischer Fülle und persönlichem Einsatz, müsste man den aktuellen deutschen Diskurs über die Landwirtschaft als besonders engagierte gesellschaftliche Auseinandersetzung loben. Sie reicht von der Suche nach gesunden Nahrungsmitteln über die Agrobiodiversität bis zum Tierwohl. Die Zeitungen berichten über die Agrarlobby und das Glyphosat-Verbot, in den Städten achten immer mehr Konsumenten darauf, was sie einkaufen, und selbst das Bundesumweltministerium trat 2017 mit einer Bauernregel-Kampagne in Erscheinung, in der das neue gesellschaftliche Bewusstsein irgendwie pfiffig auf den Punkt gebracht werden sollte: »Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.« Der unbeholfene Reim (die anderen zehn sind nicht besser) steht nun aber exemplarisch für die intellektuelle Anspruchslosigkeit des Diskurses. Er stellt ein einmütiges gesellschaftliches Urteil vor, wo es tatsächlich um sehr unterschiedliche Fragen geht. Die Kritik der Landwirtschaft ist zum Distinktionsmerkmal geworden.

    Seit sich Menschen arbeitsteilig von der Sorge um das Essen befreit haben, haben Landwirte eine liebe Not, ihre Perspektiven in der Gesellschaft geltend zu machen. Die Landwirtschaft ist nicht nur Drecksarbeit im Sinne der schmutzigen Hände und Stiefel, an ihr bleibt auch die heterotrophe Befleckung des Menschen haften, also der bedauerliche Umstand, dass wir nur durch die Aneignung, Manipulation und Zerstörung anderen Lebens selbst überleben können.

    Widersprüche

    Das heutige Reden über die Landwirtschaft hat sich, ausgehend von dieser Fremdheit, über einen langen Zeitraum geformt. Bereits die Landschaftsmalerei und die Reiselust des 19. Jahrhunderts blendeten die Arbeit als prägende menschliche Aneignungsbeziehung weitgehend aus – das Erhabene finden wir eher in der Anschauung unberührter Natur als auf dem Misthaufen. Die Ökologiebewegung mit ihrer Sehnsucht nach neuen Wildnissen nahm dieses Muster auf. Und schließlich stellt der gegenwärtige Demografiediskurs das Landleben schlechthin als öde und verloren da, so dass es sich nur noch rechtfertigen kann, indem es zumindest hübsch aussieht.

    Damit kann das Land nicht mehr in jedem Falle dienen. Die alten Bauernhöfe sind Relikte vergangener Produktionsformen, die später noch einmal mit architektonischem Ehrgeiz entwickelten Stadtgüter am Rand der Ballungsräume haben sich aufgelöst. Wer für den globalen Nahrungsmittelmarkt arbeitet, wird seinen Betrieb kostengünstig und funktional, aber ohne repräsentative Aussage an die Konsumenten einrichten. Das Bemühen um die ästhetische Qualität der landwirtschaftlichen Anlagen ist jedenfalls nachlassend. Hinzu kommt die Homogenisierung der Flächennutzung, die zu einem Verlust an Vielfalt führt. Die Autopoiesis der Landschaft ist durch die Ästhetik des Produkts im Supermarkt ersetzt worden. Das hat auch Auswirkungen auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit der landwirtschaftlichen Praxis.

    Damit geht auch die Entwertung des Essens einher. Man schaut heute auf den Nahrungsmittelüberfluss mit einem ähnlichen Befremden wie auf Plastikspielzeug aus Asien, die Dokumentation Taste The Waste von Valentin Thurn führte es 2011 deutlich vor Augen. Was im Einkaufskorb landet, transportiert weder die Individualität der landwirtschaftlichen Produktion noch die Mühe und Sorge des Landwirts, im Gegenteil: Alles, was sich verkaufen soll, macht zuvor eine warenästhetische Sterilisierung durch. Das gilt natürlich ebenso für die Imagekampagnen, die die Landwirtschaftsverbände selbst anstrengen und nicht zuletzt für die angeblich korrekten, »ethisch unbedenklichen« Produkte. Die Vorstellung, man könne sich durch ihren Kauf von der Komplexität unseres Ernährungssystems losmachen, ist ein besonders lähmendes Motiv im aktuellen Agrardiskurs.

    Bei dem häufig geäußerten Erfahrungsverlust gegenüber der praktizierten Landwirtschaft geht es nicht darum, mal eine echte, nicht lilafarbene Kuh gesehen zu haben. Entscheidend sind die Widersprüche des agrarischen Tuns, die damit verbundenen ständigen Abwägungen zwischen zu viel und zu wenig, zwischen zu früh und zu spät, zwischen Gelingen und Misslingen. Landwirt sein heißt: Leben stiften und Leben nehmen und in diesem Spannungsfeld Entscheidungen treffen. Aus der Position des Verbrauchs lässt sich das nicht erfahren.

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