Merkur, Nr. 78, August 1954

Die Dialektik der Rationalisierung. Vom Pauperismus in Produktion und Konsum

von Jürgen Habermas

Die Technik ist ein faszinierendes Ereignis. Ausdruck der Faszination ist jene eigentümliche Haßliebe, mit der wir jede neue technische Errungenschaft quittieren; jenes schlechte Gewissen zwischen Neon und einfachem Leben, das uns ein eindeutiges Verhalten verbietet. Solches hätte nämlich den Charakter der Flucht. Wir notieren vier Wege der Flucht, die sich am Ende als weglos erweisen:

  1. Der Weg ins Private: gibt es wirklich noch einen zivilisierten Menschen, der nicht Zeitgenosse der Technik ist, obwohl er weder Telephon noch Auto benutzt, sowohl Kino wie Sportplatz meidet? Oder ist nicht so etwas wie ein totaler Krieg schon Beweis genug für die Nichthintergehbarkeit der technischen Situation?
  2. Der Weg ins Geschichtslose: gibt es für den heutigen Menschen organische Bereiche, die autark sind gegen Geschichte? Oder erweist sich nicht schließlich die Lehre von der Unveränderlichkeit des Menschenwesens und vom Aufgehen alles Historischen im kosmischen Zyklus als eine Legende der Müdegewordenen?
  3. Der Weg in die Verachtung der Technik: ist es nicht so, daß ein Zeitalter nur mit seinen schöpferischen Leistungen, nicht gegen sie, gerettet wird?
  4. Der Weg in die Anbetung der Technik: ist es nicht so, daß sich Neues nicht allein durch seine Neuheit legitimiert, sondern durch einen adäquaten Stil?

 

I

Seit Marx und Engels ist uns das Wort „Pauperismus“ geläufig. Es ist so unschön wie die Sache, die es meint, nämlich jene besondere Art von Elend, das den Proletarier kennzeichnet. Es ist unverwechselbar von der vorindustriellen „Armut“ geschieden. Die individuelle Armut soll gewiß nicht gegenüber dem kollektiven Elend verklärt werden. Allein die Chance, daß Armut zum persönlichen Schicksal werden, daß sie „übernommen“ werden kann, begründet ihre Überlegenheit gegenüber dem Elend. Damit mag wohl auch die innere Verwandtschaft der Dichter mit den Bettlern zu tun haben. Selbst dem bewirtschafteten und gelenkten Mitglied einer Reisegesellschaft kann es begegnen, daß er, sagen wir in Tanger, von der aristokratischen Bettelgeste eines Arabers berührt wird; er ahnt dann vielleicht, daß der Bettler der Schenkende, seine Untätigkeit eine Heilstätigkeit ist an denen, die stehenbleiben.

In der Tat, Armut kann in ihr Gegenteil umschlagen, und das offenbar nur, weil sie immer schon ein Teil ihres Gegenteils ist. Elend dagegen bleibt platterdings das, was es ist, oder es wird „behoben“. Die dialektische Natur der Armut zeigt uns an, daß sie unverlierbar dem Wesen des Menschen zugehört. Pauperismus aber ist das Zeichen einer Klasse.

Es ist indes nicht ohne Bedeutung, daß sich sowohl die Entwicklung des „Fortschritts“ wie die des „Pauperismus“ in Zahlenreihen darstellen läßt. Quantitative Verhältnisse lassen sich ineinander überführen. Das heißt: im Prinzip kann der Fortschritt den Pauperismus kompensieren, soweit sich dieser, etwa auf einer Indextabelle der Reallöhne, in Zahlen ausdrücken läßt. Und wirklich haben ja die USA mit der Spitze des technischen Fortschritts auch den höchsten Lebensstandard erreicht. Selbst die Klasse der „underprivileged“, die „poor whites“ und die Neger, können in absehbarer Zeit mit einem erträglichen materiellen Niveau rechnen. Fraglich ist aber, ob sich nicht inzwischen ein anderer Paupismus einschleicht, der sich nicht zahlenmäßig ausdrücken läßt und der unabhängig vom Grad des Wohlstandes funktioniert. Wir glauben ihn auffällig in jener „Entfremdung“ am Werk zu sehen, die Marx vor mehr als hundert Jahren beschrieben hat, ohne allerdings zu erkennen, daß seine ökonomische Diagnose, von seiner politischen Therapie ganz zu schweigen, nur die Außenseite der Erscheinung trifft.

Die Broschüre des Wiener Journalisten Karl Bednarik über den Typ des jungen Arbeiters von heute hat einen Vorgang plastisch gemacht, von dem wir zwar wissen, den wir aber selten bedenken. Gerade dort, wo der Arbeiter einen, sagen wir befriedigenden, Lebensstandard erreicht hat, also dort, wo der Proletarier verbürgerlicht, ist zwar der Pauperismus als ökonomisches Problem erledigt, aber die „Entwertung der Menschenwelt“ geht weiter. Kino, Kofferradio und der knatternde Motorroller bringen zusammen mit der Akkordarbeit eine Entfremdung mit sich, die Marx zwar immer mitgemeint, die er aber nirgends vom handgreiflichen Pauperismus der Hungerlöhne getrennt hat.

(…)

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