Merkur, Nr. 218, Mai 1966

Die Geschichte von den zwei Revolutionen

von Jürgen Habermas

Auf Hannah Arendts Buch On Revolution, das jetzt in einer deutschen Ausgabe vorliegt (Über die Revolution, Piper 1965), konnte sich der Rezensent des Times Literary Supplement keinen Vers machen: sein drei Spalten währendes Kopfschütteln über eine so intelligente Autorin drückten schiere angelsächsische Ratlosigkeit angesichts eines Buches aus, das sich wie eine einzige Lobpreisung angelsächsischer Traditionen liest. Dieses Lob kommt freilich in Argumenten zur Sprache, die eher die altmodische Hartnäckigkeit prinzipiellen Denkens als pragmatischen Sinn für den politischen Alltag verraten.

 In dem Buch »Vita activa«, das als ihr philosophisches Hauptwerk gelten darf, hatte Hannah Arendt auf ihre Weise den Anspruch der klassischen Lehre von der Politik erneuert. Ohne Rückgriff auf das traditionelle Naturrecht hatte sie gleichwohl die Weltansicht jener politischen Philosophie im Anblick einer Welt rehabilitieren wollen, die sich den alten Kategorien kaum noch fügt. Das neue Buch setzt dieses Rehabilitationsverfahren fort.

Was wir aus der Politik des Aristoteles lernen können, will Hannah Arendt gerade an der Erscheinung überprüfen, die so ausschließlich der modernen Erfahrung des Politischen anzugehören scheint: eben am Vorgang der Revolution. Weil sie dieses Unternehmen mit bewundernswerter Konsequenz durchführt, ist dieses Buch spannend und lehrreich. Vor allem belehrt es uns darüber, wie ein Philosophieren, das einst das Ganze umfaßte, heute selbst in seinen intellektuell beweglichen Formen zu imposanter Einseitigkeit erstarrt.

Hannah Arendt verschließt sich keineswegs den strukturellen Wandlungen des politischen Bereichs. Sie sieht, daß der Krieg, eines der ältesten Phänomene, keine Konstante ist in den Beziehungen der Völker; sie weiß, daß die kriegerischen Auseinandersetzungen nicht mehr dieselben sind, seit Revolutionen die politischen Beziehungen innerhalb der Völker bestimmen.

Krieg und Revolution sind voneinander abhängig geworden; in der Phase des Weltbürgerkrieges sind ihre Grenzen oft bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Heute behalten diejenigen die Oberhand, »die verstehen, was eine Revolution ist, was sie vermag und was sie nicht vermag, während alle die, welche auf die Karte der reinen Machtpolitik setzen und daher auf der Fortexistenz des Krieges ab der ultima ratio aller Außenpolitik bestehen, in einer nicht zu entfernten Zukunft entdecken dürften, daß ihr Handwerk veraltet ist…«

Der Vietnamkrieg ist eine blutige Probe auf dieses Exempel. Allein, das Interesse, das Hannah Arendt an dem Phänomen der Revolution bekundet, ist eigentümlich beschränkt. Sie begreift die Revolution als Gründung einer Konstitution der Freiheit, wobei Freiheit schlicht die Teilnahme der Bürger an den Geschäften einer Polis meint. Sie nimmt den Vorgang der Revolution in den klassischen Rahmen einer Rotation der Staatsformen zurück und löst genau den Zusammenhang auf, der die Revolutionen der Neuzeit zu dem macht, was sie sind: die systematische Beziehung zwischen politischen Umwälzungen und der Emanzipation gesellschaftlicher Klassen. Natürlich kann Hannah Arendt die Tatsachen nicht leugnen. Aber sie macht die spezifische Verschränkung der Revolution mit dem, was sie im Wortschatz des neunzehnten Jahrhunderts bürgerlich distanziert und zugleich karitativ herablassend »die soziale Frage« nennt, zum Kriterium der Verunreinigung eines rein politischen Vorgangs.

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