Internetkolumne – Unsere Daten, unser Leben

von Kathrin Passig

Auf Beipackzetteln von Medikamenten ist genau definiert, was der Hersteller mit »sehr häufig«, »häufig«, »gelegentlich«, »selten« und »sehr selten« auftretenden Nebenwirkungen meint. »Sehr häufig« sind Nebenwirkungen, die bei mehr als einem von zehn Behandelten auftreten, sehr seltene werden bei weniger als einem von 10 000 beobachtet. Im journalistischen Sprachgebrauch bedeuten diese Formulierungen nur, dass der Journalist keine Lust hatte, genauer zu recherchieren, und im privaten Umgang drückt das »Nie« in »Nie räumst du auf« etwa die gleiche Häufigkeit aus wie das »Täglich« in »Ich jogge täglich«.

Aber der Abstand zwischen wissenschaftlicher und privater Präzision schrumpft. Der Ansatz, der das möglich macht, heißt Selftracking oder Selbstvermessung, »Self Knowledge Through Numbers« lautet der Untertitel der 2007 gegründeten Website quantifiedself.com. Breitere Aufmerksamkeit wird dem Thema seit 2011 zuteil, im Mai fand die erste »Quantified Self«-Konferenz im kalifornischen Mountain View statt, im November die erste europäische in Amsterdam.

Die gebräuchlichsten Geräte messen mit Hilfe eines Bewegungssensors, wann sich der Benutzer bewegt, und errechnen daraus etwa die zurückgelegte Strecke, den Kalorienverbrauch, die allgemeine Aktivität oder die Schlafqualität. EEGHeadsets zeichnen Hirnwellen auf, der »Lena Baby Monitor« erfasst, wie viele Wörter ein Kind pro Tag hört. Viele Tools haben bisher nur Softwareform angenommen und verlangen vom Nutzer die regelmäßige manuelle Dateneingabe. Dank der diversen in Smartphones verbauten Sensoren ist der Weg aber auch für Software geebnet, auf diesem Weg automatisch Daten aufzuzeichnen, die der gadgetlose Nutzer noch von Hand erfassen musste.

Die spärliche journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema kreist bisher um Selbstdarstellung und Selbstentblößung. »Ist das die Emanzipation des Patienten von der Medizin oder nur eine extreme Form von Hypochondrie und Narzissmus?«, fragt Klaus Vogt in der Welt (11. Dezember 2011) unter der Überschrift Messen von Körperfunktionen kann süchtig machen und findet: »Manche Quantified-Self-Erkenntnisse sind banal bis lächerlich.« Meike Laaff beschreibt in einem taz-Artikel vom 21. Januar 2012 den Sachverhalt an den dünnen Körpern, der Schüchternheit, der »praktischen Funktionskleidung« zweier deutscher Selbstvermesser entlang, »auf dem Boden liegt beiger Teppich, den man nicht mit Schuhen betreten darf«. Es ist die Frühphase der journalistischen Betrachtung eines neuen Gebiets, in der es kaum mehr festzustellen gibt, als dass es sich um eine kuriose Tätigkeit handelt, die keine Coolnesspunkte einbringt.

Auch die Diskussionen der Praktizierenden drehen sich vor allem darum, was die anderen so für Geräte und Techniken bevorzugen. Mit Ausnahme einiger Beiträge der Wired-Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly, die den Begriff geprägt und die Plattform quantifiedself.com gegründet haben, ist über Hintergründe und Motivationen noch wenig zu finden.

Dabei laufen im Selftracking verschiedene Entwicklungslinien zusammen, die eigentlich nicht im Verdacht der Albernheit stehen. Zum einen dringen Techniken in den Privatbereich vor, die sich in den empirischen Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten. Philipp Felsch zeichnet in Laborlandschaften die Geschichte der »graphischen Methode« nach: »Hermann von Helmholtz’ Myograph, Karl Vierordts Sphygmograph, Étienne-Jules Mareys Pneumograph und andere Instrumente erlaubten es, eine wachsende Anzahl von Körperfunktionen in Linien und damit in den physikalischen Horizont von Kraft, Weg und Zeit zu übersetzen.« 1 Felsch nennt als zwei wesentliche Differenzen, durch die Wissenschaftler ihre Forschung von Amateurarbeit abgrenzten, die prominente Rolle von Aufschreibeverfahren und den Einsatz mechanischer, im Idealfall selbstregistrierender Messinstrumente. (Für Laien ist die Selbstaufzeichnung aus anderen Gründen wichtig, als sie es in der Wissenschaft war: nicht primär wegen ihrer geringeren Fehleranfälligkeit und besseren Standardisierung, sondern weil nicht zwanghaft veranlagte Menschen sich nur begrenzte Zeit dazu aufraffen können, Daten in Tabellen oder Apps einzutragen.) Die Ergebnisse dieser Entwicklung der Wissenschaft sind seither allgegenwärtig – außer im Privatleben. Was in Forschung und Industrie als selbstverständlich anerkannt war, hätte nach Feierabend absurd gewirkt (und tut es, wie der taz-Artikel durchblicken lässt, auch weiterhin).

Mit einer Ausnahme allerdings: dem Sport. Im Sport gehört das Messen, Nachzählen und Vergleichbarmachen längst zur Normalität. Seit den sechziger Jahren verbreitet sich außerdem – ausgehend vom US-Baseball mit seinen »Sabermetrics« – die Ansicht, dass die Erfassung der unsichtbaren Elemente des Spiels nicht nur die Erfolgsaussichten der Sportler, sondern auch das Vergnügen der Zuschauer vermehrt, anstatt es zu verringern: »For (the game’s statisticians), plumbing the meaning of numbers is not mere accounting; to bring the hidden game of baseball into the open is an act of imagination, an apprehension and approximation of truth, and perhaps even a pursuit of beauty and justice.« 2 Daher ist es auch naheliegend, dass die ersten selbstaufzeichnenden Geräte – beginnend 2008 mit dem »Fitbit« – aus dem Sportsektor stammen, dem Punkt, in dem Datenerfassung und Freizeit bereits zusammengefunden haben.

Eine dritte Entwicklungslinie ist die der verwissenschaftlichten Selbstbeobachtung als eigentlich überfälligem Schritt beim Verlagern externer Kontrollmechanismen in den privaten Aufgabenbereich. Es gibt historische Vorläufer wie Benjamin Franklin mit seinen Tabellen, in denen er täglich seine Verstöße gegen dreizehn selbstaufgestellte Tugendregeln kartierte, und auch die Einführung des Haushaltsbuchs im 19. Jahrhundert als Instrument der Selbstregulierung gehört hierher. Aber das Auftauchen spezifischer Hard- und Software, die wenigstens teilweise automatische Aufzeichnung, die Veröffentlichung der erhobenen Daten und der öffentliche Austausch über sie sind neu.

Warum aber gerade jetzt, und warum erst jetzt? Gary Wolf benennt vier Faktoren: Die Sensoren sind kleiner und leistungsfähiger geworden. Das Herumtragen von Computern, vor allem in Mobiltelefonform, wird üblicher. Seit dem Aufkommen von Social Media löst das Veröffentlichen privater Informationen weniger Irritationen aus. Und schließlich »erahnen wir das Aufkommen der globalen Superintelligenz, die wir die ›Cloud‹ nennen«.

Die Selbstvermessung gehört weder zu den sexgetriebenen Innovationen noch zu den aus dem Wunsch nach Arbeitsvermeidung geborenen wie Kopierer und Tabellenkalkulationssoftware. Sie speist sich aus dem Wunsch nach Rationalisierung, Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung. 3

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.

Zurück zur Artikelübersicht.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Philipp Felsch, Laborlandschaften. Physiologische Alpenreisen im 19. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein 2007.
  2. John Thorn / Pete Palmer, The Hidden Game of Baseball. New York: Doubleday 1984, zitiert nach Tobias Werron, Die zwei Wirklichkeiten des modernen Sports. In: Andrea Mennicken / Hendrik Vollmer (Hrsg.), Zahlenwerk. Kalkulation, Organisation und Gesellschaft. Wiesbaden: VS 2007.
  3. Natürlich gibt es auch Angebote, die das Gebiet der sexuellen Betätigung abdecken, wie bedpost.com: »Bedpost is a personal web application that will give you some insight into your sex life … Simply log in after every time you have sex and fill out a few simple fields. Pretty soon, you’ll have a rolling history of your sex life on which to reflect.«