Heft 873, Februar 2022

Altaussee

von Karl Heinz Götze

Auch diejenigen, die lieber ans Meer als in die Berge fahren, müssen zugeben, dass Altaussee schön ist, unheimlich schön. Altaussee, ungefähr 90 Kilometer von Salzburg entfernt, am Ende des Salzkammerguts gelegen, in einem Kessel am Fuß des Toten Gebirges. Altaussee erscheint, wenn man ein bisschen Abstand hält, immer noch so wie auf einem der biedermeierlichen Gemälde von Waldmüller: ein silbrig glänzender See im Vordergrund, elegant gerahmt von üppig-grünen Ufern; darüber zum Talende hin gestaffelt bewaldete Bergrücken, die nach oben hin langsam in Fels übergehen und dann in der Mitte gewaltig der Dachstein mit seinem schneebedeckten Gletscher, der so tut, als ob er ewig sei, und das harmonische Bild abschließt, als käme jenseits nichts mehr.

Auf der anderen Seite des Ortes nahe dem Loser, dem Hausberg, der mit seiner schroff-felsigen Krone so aussieht, als sei seine Besteigung tollkühnen Kletterern vorbehalten, auf den aber auch hinterrücks Wanderer gelangen können wie die Kaiserin Elisabeth, die mit dem »Sesselträger« (so hießen die lokalen Bergführer dort damals) Stefan Hopfer den Berg bestieg, um der öden Habsburger Sommerresidenz im nahen Bad Ischl zu entkommen, wo der kaiserliche Gatte damit beschäftigt war, seine amtlich gezählten 50 566 eigenhändig erlegten Tiere als Trophäen auszustellen. Manchmal auch, um den Krieg zu erklären.

Es gibt ein Buch darüber. Es gibt überhaupt viel Buch über Altaussee, viel Text aus edlen Federn, geführt von kundiger Hand. Das kam so: Altaussee war bis ins 19. Jahrhundert hinein eines jener vielen Alpendörfer, deren Bewohner von harter Arbeit in der Landwirtschaft höchst bescheiden lebten. Die einzige Besonderheit war der Salzbergbau. Über Jahrhunderte trieb man über Dutzende von Kilometern auf mehreren Etagen Stollen in den Berg auf der Suche nach dem kostbaren Salz, das hier so reichlich vorkam, dass noch heute Altaussee das letzte aktive österreichische Salzbergwerk ist.

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