Heft 924, Mai 2026

Beirut, März

Krieg ohne Ende von Mounir Zahran

Krieg ohne Ende

Ich muss nach Beirut. Mein eigentlicher Flug aus Berlin wurde gestrichen. Ich bekomme den Tipp, dass die Middle East Airlines allen weltpolitischen Turbulenzen zum Trotz bisher immer geflogen ist; im Sommerkrieg von 2024 flog man bei Wind und Bomben. Ich muss den Zug um 4:28 Uhr nach Frankfurt nehmen, um dort in den Flieger zu steigen. Ende März wollten wir uns in Beirut verloben. Ich muss zu meiner Freundin nach Beirut.

Ich bekomme einen Videoanruf von ihr. Beirut wird bombardiert. Kurz davor hatte die Hisbollah in Reaktion auf die Tötung Khameneis sechs Raketen auf Israel geschossen. Meine Freundin ist überfordert. Überfordert sage auch ich, es sei bestimmt nur Dahieh, die Hisbollah-Hochburg. Sie sagt nein, das sei ganz anders als sonst: »Ich weiß gerade wirklich nicht, was sie da machen.« Ich kann nur sagen: »Tief ein- und ausatmen.« Ich mache es ihr vor, sie macht es mir nach, während ich durch die Handykachel sehe, wie bei jeder Explosion die ganze Wohnung zittert. Dann hört es auf.

Es war tatsächlich nur Dahieh. Jetzt erinnert sie sich: Genau so war es auch, als Nasrallah getötet wurde. In diesem Moment sind meine Vorbehalte gegenüber der Reise ganz in den Hintergrund gerückt. Jetzt denke ich, so kann ich sie wirklich nicht allein lassen. Ich werde den Zug nehmen. Ich packe weiter.

Im Berliner Hauptbahnhof treffe ich zufällig auf Mohammed, einen Libanesen, der ebenfalls über Frankfurt nach Beirut möchte. Wir stellen uns beide dieselbe Frage: »Wieso jetzt nach Beirut?« Sein Mietvertrag sei ausgelaufen, erzählt er, und er habe erst einmal keine eigene Wohnung mehr gehabt und auch keine Freunde, bei denen er hätte unterkommen können.

Später, am Gate des Flughafens, treffe ich zwei Deutsche. Ich bin neugierig: »Ich kann ja verstehen, wieso noch Libanesen den Flieger nehmen, aber was machen Sie in Beirut?« Mit einer beeindruckenden, ja, geradezu einschüchternden Gelassenheit antwortet mir einer der Männer: »Beruflich.« Ich hake nach: »Also in der Botschaft?« Sie schauen sich an und grinsen leicht verschmitzt. »Genau. Passen Sie auf sich auf.«

Im Flieger ist die Stimmung surreal. Die Maschine ist nur zur Hälfte voll. Einige Fluggäste pochen darauf, einen Sitz weiter hinten zu nehmen, um eine Reihe für sich zu haben, doch die Stewardessen verbieten dies ausdrücklich auf Anweisung des Piloten. Angeblich soll so ein Gleichgewicht im Flugzeug gewährleistet werden. Einige Gäste legen sich trotzdem quer über die hinteren Reihen und werden wenig später von einer wütenden Stewardess aufgeweckt, die dazu übergeht, die Sitze mit Decken, Kissen und allerlei Dingen, die sie findet, vollzupacken.

Mohammed erzählt mir, dass sein Bruder vorhin am Telefon meinte – libanesischer Humor ist oft zynisch und schwarz –, die Fluggesellschaft habe das Geld für die Tickets ohnehin in der Tasche und das Flugzeug sei sowieso versichert; die fliegen also so oder so. Ich werde nervös und laufe den Gang langsam auf und ab, um mich abzulenken. Eine Stewardess bemerkt dies und gibt mir eine Vomex. Das soll beruhigen.

Ich döse weg und wache immer wieder auf. Irgendwann schaue ich aus dem Fenster und sehe, dass wir über Zypern sind. Wenig später erscheint die Küste Beiruts. Mohammed und ich sehen immer wieder aus dem Fenster und sind sichtbar nervös. Er spricht halb scherzend aus, worüber viele im Flugzeug gerade nachdenken: »Wenn wir getroffen werden, merken wir zumindest nichts, so schnell ist es vorbei.« Als wir landen, bricht tobender Applaus aus.

Meine Freundin erwartet mich am Flughafen. Wir müssen uns beeilen: Der Flughafen liegt in der Nähe der Hisbollah-Hochburg und bei Angriffen auf den Bezirk können sich durch fliehende Bewohner innerhalb kurzer Zeit kilometerlange Staus bilden.

In den nächsten Tagen werden wir uns immer wieder beraten, untereinander und mit ihren Eltern in Riad. Warten wir erst einmal ab und bleiben in Beirut? Sagen wir die Verlobungsfeier ab? Sollten wir nicht lieber nach Damaskus fahren, solange die Grenzen noch offen sind? Oder nach Riad zu ihrer Familie fliegen? Nächste Woche oder doch lieber morgen?

Wenn der Krieg schnell vorbei ist, könnten wir auch in Beirut bleiben. Unsere Prognosen ändern sich im Stundentakt: Mal gehen wir von ein paar Tagen aus, dann von zwei Wochen, von vier bis sechs Wochen, von Monaten.

Als ich im Sommer 2012 Aleppo verließ, sagte ich meinen Freunden noch, dass ich wahrscheinlich zu Neujahr wieder zu Besuch kommen würde – in der Erwartung, dass der Krieg bis dahin vorbei sein werde. Neujahr verbrachten wir stattdessen bei syrischen Freunden in Frankfurt. Die Erwachsenen waren sich einig: Spätestens im Sommer 2013 werde das Assad-Regime gefallen sein. In diesen Feuerstürmen sind Prognosen das Einzige, was einem bleibt. Eine Art Eigenmedikation, um von der verlorenen Autonomie abzulenken.

Eine neue Ära der Kriege

Es fällt mir schwer, diesem Krieg einen klaren Anfang zuzuordnen. Der Sommerkrieg von 2024 endete zwar formal am 27. November 2024, faktisch aber ging er weiter. Ob in Beirut oder im Süden, tagein, tagaus hörten die Bewohner das Surren der Aufklärungsdrohnen. Die Ruhe, die nur in bestimmten Gebieten des Libanons eine Ruhe gewesen ist, hat sich nun als die Ruhe nach dem Sturm und vor dem Sturm erwiesen.

»When the battlefield is under total control, war becomes routine.« In dieser neuen Ära haben Kriege weder einen klaren Anfang noch ein klares Ende. Aufgeblähte Militärapparate (military-industrial complex), korrupte Regierungen (in Autokratien, in manchen Demokratien) und der technologische Fortschritt des KI- und Drohnenzeitalters lassen Kriege zu einer dauerhaften Praxis werden. In militarisierten KI-Systemen werden Daten von Millionen von Individuen zu antizipierbaren Verhaltensmustern verdichtet. Aus diesen Mustern lassen sich aktuelle und zukünftige Aufenthaltsorte potenzieller Eliminierungsziele berechnen. Menschen entscheiden nur noch über die einstellbaren Parameter: über das Maß der Zerstörung, über die Zahl der in Kauf genommenen zivilen Opfer.

Und weil sich in diesem Prozess die Entscheidungswege verkürzen und vorausgehende Debatten im Parlament wie in der medialen Öffentlichkeit ausbleiben, gewinnen Kriege eine neue, pervertierte Willkür. Man vermutet zuerst, dass unter den Bedingungen einer ungeteilten, überzentralisierten Entscheidungsmacht kurzfristige Interessen gegenüber langfristigeren geopolitischen Interessen ein größeres Gewicht gewinnen – wie etwa die erhoffte Popularitätssteigerung vor anstehenden Wahlen oder das Bedürfnis, von innenpolitischen Skandalen abzulenken. Aber die neue Willkür rührt nicht nur daher.

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