Die Bibliotheken der Boomer
von Heinz BudeWenn Ihre Bücher in Billy-Regalen stehen, wenn sich dort Verena Stefans Häutungen, 1975 erschienen im Verlag Frauenoffensive, und daneben Karin Strucks Klassenliebe von 1973 im lila Einband der edition suhrkamp, nicht zu vergessen Anja Meulenbelts Die Scham ist vorbei, 1976 als Übersetzung aus dem Niederländischen ebenfalls bei Frauenoffensive herausgekommen, finden oder Die linkshändige Frau von Peter Handke von 1976, Abschied von den Eltern von Peter Weiß, zuerst 1961 und dann 1964 in Grün in der edition suhrkamp publiziert, und Rainald Goetz’ Irre aus dem Jahr 1983, diese Letzteren allerdings nach Alphabet unter Literatur geordnet, sowie Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen von Klaus Ottomeyer aus dem Jahr 1977, versehen mit dem die Bücher Eva Illouz’ vorwegnehmenden Untertitel »Soziales Verhalten im Kapitalismus«, oder Die hilflosen Helfer von Wolfgang Schmidbauer, ebenfalls 1977 bei Rowohlt in Broschur auf den Markt gekommen, und dann natürlich Angst im Kapitalismus, in knalligem Gelb 1974 im Softcover bei Kübler – wenn diese Bücher oder Bücher dieser Art in Ihren Regalen stehen oder gestanden haben, dann gehören Sie zur Kohorte der zwischen 1958 und 1968 geborenen Baby-Boomer. Und zwar zur Mehrheit dieser Geburtsjahrgänge, die nicht aus einem akademischen Elternhaus stammen, denn dann würden Golo Manns Wallenstein und Gottfried Benns Der Ptolemäer nicht fehlen. Für diese Mehrheitsfraktion der Boomer waren die neugegründeten Universitäten von Bochum (als Geschenk für den Ruhrpott), Bayreuth (als Strukturentwicklungsmaßnahme für Nordostbayern) oder Kassel (als Gesamthochschule für das nordhessische Zonenrandgebiet) Ausbildungsstätten für den sozialen Aufstieg durch Bildung.
Diese Boomer waren die Ersten aus ihren Familien, soweit sie deren Stammbaum überhaupt zurückverfolgen konnten, die ihren Bildungsweg mit einem akademischen Abschluss krönten. Auch wenn sie Agrarwissenschaften, Chemie oder Jura studierten, sie wollten schon nach dem zweiten Semester nicht einfach nur Bücher kaufen, sondern eine Bibliothek anlegen. Eine Bibliothek entsteht dadurch, dass man mit den Büchern eine Ordnung herstellt. Nicht nur, um sie schnell wiederzufinden, sondern weil man den Wunsch verspürt, die Bücher so zu arrangieren, dass ihre Aufstellung einen Sinn ergibt. Belletristische Bücher, Fachbücher, Sachbücher, Lyrikbände und Ausstellungskataloge bilden das Material für ein Weltwissen, das man sich selbst angeeignet hat. Indem man sie mit Unterstreichungen, Randnotizen, eingelegten Blättern und bunten Haftstreifen versehen hat oder weil man sich entschieden hat, sie jeweils einzeln aus einem bestimmen Grund anzuschaffen, den man unter Umständen gar nicht mehr weiß.
Die Bibliothek wird dann zum Ausdruck einer Bildungsbiografie. Im Studium musste man sich in einem Labyrinth der Gelehrsamkeit zurechtfinden, wo die Gelehrten vorgaben, auf den Schultern von Riesen zu sitzen. Diese Riesen hatten Bücher geschrieben, von denen man das eine oder andere zuhause haben sollte. Allein die Anschaffung eines dieser Klassiker konnte als Initiation in eine Institution gelten, die sich die Sozialisation durch Wissenschaft auf die Fahnen geschrieben hatte. Es bedurfte dazu einer Buchhandlung, die solche Bücher führte, und eines Buchhändlers, der einen als kundigen Käufer wahrnahm, wodurch ein schnöder Kauf den Anschein eines erhebenden Rituals bekam.
Zudem trug eine Freundin wochenlang ein Buch mit sich herum, und man musste, um überhaupt nur mitsprechen zu können, eine Meinung zu diesem Buch haben. Das Bluffen gelang auch besser, wenn man das Buch besaß und es zumindest angelesen hatte. Schließlich gehörten Besprechungen zur Praxis des Lesens. Was man bei Peter Iden oder Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau über ein Buch lesen konnte, wie das Schirrmacher-Feuilleton der FAZ zuschlug und was die genialen Dilettanten von der taz beizutragen hatten, all diese paratextlichen Akte waren geeignet, die Lektüre zu einem öffentlichen Ereignis zu machen, an dem man als Leserin teilhatte. So konnte man tatsächlich auf den Gedanken verfallen, dass man sein Leben auch nach Lektüren einteilen kann.
Aus Gründen der Feldkenntnis ist hier von den Boomern West die Rede. Natürlich haben ebenso die Boomer Ost zuhause Bibliotheken angelegt. Vermutlich mit Büchern wie Guten Morgen, du Schöne, den 1977 herausgekommenen Protokollen nach Tonband von Maxie Wander, Christoph Heins Novelle für Heranwachsende Der fremde Freund von 1982, der Erzählung Die Geschwister von Brigitte Reimann von 1963 sowie Der geteilte Himmel von Christa Wolf, ebenfalls von 1963, sicherlich »Ich« von Wolfgang Hilbich (1993), Peter Hacks’ Märchen-Novelle Der Schuhu und die fliegende Prinzessin als Kinderbuch von 1966 und zweifellos, wenn einen 1968 in Prag etwas anging, Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens von Franz Fühmann aus dem Jahr 1973.