Die Geschichte mit den Gobelins
Drei neue Bücher zu Goethes Leben und Werk von Henning ZiebritzkiDrei neue Bücher zu Goethes Leben und Werk
Ich nehme selten wahr, dass beim Smalltalk über ein Werk von Goethe gesprochen wird. Und wenn, dann in der Regel in zwei Kontexten. Entweder geht es darum, dass Goethe noch gelesen wird – etwa wenn jemand mit der Erleichterung, eine kulturkritische Diagnose widerlegt zu finden, von einer Berufsschullehrerin berichtet, die erzählt habe, in ihrer vom Text gelangweilten Klasse hätte sich doch wenigstens eine Schülerin vom Werther begeistert gezeigt, und zwar vom Original, nicht von einem Comic oder einer Fassung in leichter Sprache. Oder ein Gespräch kommt über einen anderen Autor auf Goethe – etwa im Austausch über Benjamins Essay über die Wahlverwandschaften oder seine Bemerkung, sich für das Konzept des Passagen-Werkes an Goethe zu orientieren. Ich weiß nicht, ob diese beiden Formen des Umgangs mit Goethe symptomatisch für die zeitgenössische Lektüre sind. Seine in hohen Leseanspruch sozial umgeformte Klassizität dürften auch frühere Leserschaften als so fordernd erlebt haben, dass zwischen dem Umfang seines Schrifttums und der faktischen Lektüre ein großer Unterschied mitlief. Und Goethes sowohl zu Lebzeiten als auch in der Rezeption quantitativ wie sachlich extreme Verflechtung in die Werke anderer hat es immer sehr wahrscheinlich gemacht, im Gespräch über solche Bezüge auf die Werke des Klassikers zu kommen.
Die Abwesenheit von Goethes Werken im mündlichen Dauerrauschen unter Textmenschen fällt umso mehr auf, als Bücher über ihn es von Zeit zu Zeit schaffen, für eine Weile zum Gesprächsthema zu werden. Das gehört seit Goethes Zeit zur Rezeption seiner Werke. Eine Konjunktur erlebte das Goethebuch mit dem Aufkommen der Moderne im Kaiserreich. Der Klassiker aus Weimar wird jetzt in der Absicht gelesen, sich diagnostisch über Deutungen der eigenen Gegenwart zu verständigen. Zu bekannten Beispielen des Genres zählen Friedrich Gundolfs (1916) und Georg Simmels (1913) jeweils schlicht Goethe betitelte Deutungen sowie Ernst Cassirers Aufsatzband Goethe und die geschichtliche Welt, 1932 zum Jubiläum des 100. Todestags von Goethe erschienen, oder Goethe und seine Zeit von Georg Lukács (1947). Da die permanente Gegenwartsdiagnose zur Signatur der Moderne gehört, ist es plausibel, dass das auch im Spiegel der Lektüre von Goethe geschieht – kein zweiter deutscher Autor war seit seinen Lebzeiten auf so intensive, vielfältige und ambivalente Weise im kulturellen Gedächtnis präsent. Das gilt bis in die Gegenwart. Goethe ist ein Sonderfall geblieben, weil sein Name, getrieben von einer überwältigenden Rezeption, zu einer sozialen Chiffre für einen allseits präsenten Klassiker geworden ist – in seinem Namen wird die Kulturarbeit des Staates im Ausland betrieben, und dass ein deutscher Film mit dem zitablen Titel Fack ju Göhte erfolgreich wird, indiziert eine Street Credibility auch für Publikumsbereiche, die sich nicht durch Affinität zu traditionell verstandener Literatur auszeichnen. Das letzte Buch über Goethe, das es schaffte, zum Stehtischthema zu werden, ist das von Rüdiger Safranski (2013), der ihn als einen Autor interpretiert, der das Kunstwerk des Lebens kultiviert und daher als maßgebliches Beispiel für Fragen der Lebensform und Lebensführung vorgestellt wird – dass das ein Ansatz ist, der sich mühelos an zeitgenössische Lebensstilfragen anschließt, die auf Individuation und Singularität zielen, liegt auf der Hand.
Die Tradition der Goethebücher setzt sich unverändert fort, mit auffallend hoher Frequenz. In den letzten Jahren sind Albrecht Schönes Studie Der Briefschreiber Goethe (2015), Dirk von Petersdorffs Buch Und lieben, Götter, welch ein Glück. Glaube und Liebe in Goethes Gedichten (2019) und Karin Schutjers aus dem Englischen übersetzte Arbeit Goethe und das Judentum. Das schwierige Erbe der modernen Literatur (2020) erschienen. Dazu kommen in jüngster Zeit Jeremy Adlers Goethe. Die Erfindung der Moderne. Eine Biografie (2022), Thomas Steinfelds Biografie Goethe. Portrait eines Lebens, Bild einer Zeit (2024) sowie Gustav Seibts Buch Ein Sommer mit Goethe (2026). Die (unvollständige) Liste zeigt, dass wissenschaftlich fundierte Bücher über Goethe, die sich an ein größeres Lesepublikum wenden, für Verlage ökonomisch interessant sind. Es ist der zum sozialen Residuum geronnene Restruhm Goethes, der in Verbindung mit einer beispiellosen institutionellen Absicherung durch Schulen, akademischen Betrieb, Stiftungen und Bibliotheken sowie Vereine wie die Goethe-Gesellschaften dafür sorgt, dass es nach wie vor einen kalkulatorisch hinreichenden Markt für Goethebücher gibt.
Allerdings dürften die Märkte für die Titel sich deutlich unterscheiden: Denn während Schutjer, von Petersdorff und Schöne spezielle Themen behandeln – im letzteren Fall aufgrund des Autorenrenommees in den Fokus besonderer Aufmerksamkeit gerückt –, beanspruchen die Bücher von Adler, Steinfeld und Seibt, Goethes Leben und Werk im Ganzen in den Blick zu nehmen. Sie setzen damit die Reihe der Goethedarstellungen fort, die in einem umfassenden Sinn über den Zusammenhang von Leben, Arbeiten und Schreiben informieren und das mit einer eigenen Deutung verbinden wollen. Aber das ist nicht, was die Konstellation dieser drei neueren Titel bemerkenswert macht. Interessant werden sie, weil sie bei der Beschäftigung mit dem Bekannten – oder Unbekannten – solch eigene, jeweils sehr unterschiedliche Akzente setzen, dass sich daran exemplarisch ablesen lässt, welche Möglichkeiten des Umgangs es mit Goethe als einem Autor gibt, der historisch fremd geworden ist. Der Vergleich der Konstellation lässt konturiert Zugangsweisen erkennen, wie sie für Biografien über Autoren des 18. oder 19. Jahrhunderts typisch sind, und es ist jeweils deutlich nachzuvollziehen, wie der gewählte Ansatz am Material von Goethes Leben und Werk durchgeführt wird und im Vollzug seine konzeptionelle Belastbarkeit erweist. Man kann die Prägnanz der Spezifika an einer kleinen Geschichte aus Goethes Straßburger Zeit erhellen.