Heft 872, Januar 2022

Die Mittelschichtsgesellschaft als Projektion: Wie soziologische Zeitdiagnose gesellschaftliche Selbstbilder nachzeichnet und dabei ihren Gegenstand verfehlt

von Nils C. Kumkar, Uwe Schimank

»Doch der Mittelschicht

Entkommt ihr nicht.«

Rainald Grebe, Lass die Kerne in den Oliven

Soziologische Zeitdiagnosen sind – wo sie erfolgreich sind – Beiträge zur gesellschaftlichen Selbstverständigung, wirken also an der Konstitution ihres Gegenstands mit. Die Anschlussfähigkeit einer Zeitdiagnose in der öffentlichen Debatte erweist sich darin, inwiefern sie der Gesellschaft hilft, ihr Selbstverständnis zu finden. Die Zeitdiagnose muss ein Deutungsangebot vorlegen, das den praktischen Alltagserfahrungen der Rezipientinnen und Rezipienten nicht grundlegend widerspricht und auch theoretisch nah genug am Vertrauten bleibt, um nachvollzogen werden zu können; und sie muss zugleich eine neue Sicht der Dinge anbieten, die dabei hilft, gesellschaftliche Probleme so zu fassen, dass sie bearbeit- oder zumindest hinnehmbar werden. Das bedeutet, dass eine erfolgreiche Zeitdiagnose, unabhängig von ihrer fachlichen Qualität, immer auch ideologisch in dem Sinn wirkt, dass sie standpunktgebundene Sichtweisen und Bewertungen bestätigen muss, um wirken zu können. Das macht es aber auch für eine Soziologie soziologischer Zeitdiagnosen interessant, sich mit ihnen auseinanderzusetzen: Warum wird eine Zeitdiagnose gesellschaftlich aufgenommen? Was lernt eine Gesellschaft über sich selbst, und was versäumt sie zu lernen, wenn sie sich darin wiederzuerkennen meint?