Heft 880, September 2022

Erfolgsgeschichte Bundesrepublik

Vom Anfang und Ende einer Meistererzählung von Thomas Hertfelder

Vom Anfang und Ende einer Meistererzählung

»Wir sind ein sehr erfolgreiches demokratisches Entwicklungsland.« Mit dieser überraschenden Formel brachte Christoph Möllers seine Wahrnehmung der Bundesrepublik im Jahr 2008 auf den Punkt, während die Republik im Schatten der Weltfinanzkrise auf ihr sechzigstes Gründungsjubiläum zusteuerte. »Wir«, die Exportweltmeister; »wir«, die Weltmeister im Bewältigen von Diktaturen; »wir«, der Anker demokratischer Vernunft in der Mitte Europas – ein Entwicklungsland?

Möllers begründete seine Provokation ganz einfach: Ein demokratisches Entwicklungsland sei die Bundesrepublik schon deshalb, weil ihre demokratischen Traditionen noch jung seien – vierzehn Jahre Weimar, sechzig Jahre Bonn /Berlin –, aber auch weil sich die Entfaltung der Demokratie in Westdeutschland den außergewöhnlich günstigen historischen Umständen der Nachkriegsära verdanke. »Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wir zu einer politisch und institutionell sehr erfolgreichen Demokratie, die Regierungswechsel mit politischer Stabilität verband, die viele erfolgreiche institutionelle Lösungen erfand oder eigenständig weiterentwickelte«.1 Dieses selbstbewusste Fazit mit seinem aufreizend inklusiven »Wir« entsprach einer unter den Eliten des Landes weit verbreiteten Auffassung, als 2009 der sechzigste Geburtstag der Bundesrepublik zu feiern war.

Eine Demokratie auf Bewährung

Eine derart positive historische Bilanz, wie sie 2009 zum Grundgesetzjubiläum allenthalben aufgemacht wurde, wäre noch fünfundzwanzig Jahre zuvor schwer denkbar gewesen. Manch konservativem Historiker galt damals die Bundesrepublik nicht nur als unvollendete, da geteilte Nation, sie schien auch an anderen Defiziten zu leiden. Der Erlanger Historiker Michael Stürmer etwa diagnostizierte 1986 einen »Verlust an Geschichte« und die Erosion »gemeinsamer Werte«. Der »politische Ernstfall« drohe einzutreten, sollten sich die Deutschen nicht bald auf ihre »Identität in Europas Mitte« besinnen. Es könne nämlich durchaus sein, so Stürmer weiter, »dass die Bundesrepublik den besten Teil ihrer Geschichte hinter sich« habe.2

Aber auch für linksliberale Historiker hatte die Bundesrepublik in den achtziger Jahren ihre Bewährungsprobe im Schlagschatten des deutschen Sonderwegs noch keineswegs abschließend bestanden. So charakterisierte Karl Dietrich Bracher, der Doyen der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in der ersten umfassenden Synthese zur Geschichte der Bundesrepublik 1986 das Land zwar als ein »leistungs- und wandlungsfähiges, stabiles und offenes Gemeinwesen«, warnte im Fortgang seiner Analyse indes gleich mehrfach vor einer Rückkehr »Weimarer Verhältnisse«. Sein Kollege Martin Broszat wiederum meldete im Sommer 1989 – man feierte vierzig Jahre Bundesrepublik – Zweifel am politischen Bewusstsein der Deutschen an und befürchtete eine Rückabwicklung der Demokratisierungsprozesse der sechziger und siebziger Jahre.3 Eine durchaus kritische Bilanz zogen auch die Autorinnen und Autoren einer dreibändigen Geschichte der Bundesrepublik, die Wolfgang Benz 1983 herausgegeben hatte.4 Bei allem grundsätzlichen Vertrauen in die Belastbarkeit der institutionellen Ordnung waren sie sich keineswegs sicher, ob die Mehrheit ihrer Landsleute im Fall des Falles für ihre Demokratie auch einstehen würden: Das Gespenst der »Weimarer Verhältnisse« hatte seinen Schrecken noch nicht verloren. In linksliberaler Sicht blieb die Bundesrepublik bis in die achtziger Jahre hinein eine Demokratie, deren Stabilität jedenfalls nicht restlos zu vertrauen war, die durchaus bedroht schien von Regressionen – kurzum: eine Demokratie auf Bewährung.

Die Geschichte der Bundesrepublik, die in den achtziger Jahren als Forschungsgegenstand erst eigentlich entdeckt wurde5 – sie war eben nicht nur einfach die Geschichte einer Demokratie, sie war auch und vor allem die Geschichte einer Demokratie, die im Schatten von Völkermord und Vernichtungskrieg stand. Diese Schatten hatten vor dem Hintergrund der großen Debatten zwischen der Fernsehserie Holocaust (1979) und dem Historikerstreit (1986/87) deutlichere Konturen bekommen, und sie kontrastierten eigentümlich mit dem Glanz des ökonomischen Erfolgs, in dem sich die Republik nur allzu gerne sonnte. Denn das »Wirtschaftswunder« hatte sich wegen seines realen Erfahrungskerns im historischen Bewusstsein der westdeutschen Bevölkerung ungleich tiefer eingebrannt als etwa die Verabschiedung des Grundgesetzes 1949. Kritische Beobachter sahen deswegen den wahren Identitätskern der Bundesrepublik in der Ökonomie. Schon Michel Foucault hatte seinen Studierenden am Collège de France im Januar 1979 die westdeutsche Demokratie als einen »radikal ökonomischen Staat« erklärt, weil für dessen Legitimität im Wesentlichen die Wirtschaft sorge.6