Heft 872, Januar 2022

Facebooks News Feed und die Folgen

von Florian Glück

Am 5. September 2006 kam es zu einer Welle der Empörung unter amerikanischen Studenten. Über Nacht hatte Facebook eine neue Funktion eingeführt, die sich den Usern in Form eines Buttons ankündigte, der die schlichte Aufschrift »awesome« trug, und nach dessen Bestätigung sich die gewohnte Startseite in eine Liste von sozialen News verwandelte, mit der sämtliche User-Aktivitäten – von Text- und Fotobeiträgen über bestätigte Freundschaftsanfragen bis hin zum geänderten Beziehungsstatus – minutengenau aufgeführt wurden.

Was Facebook ohne Vorankündigung lancierte, sollte weitreichende Folgen für die Nutzung der Plattform haben. Denn einerseits spülte der News Feed die Statusmeldungen fortan selbständig auf die Seiten seiner Nutzer und ließ damit die User nicht mehr die Informationen, sondern die Informationen die User aufsuchen. Und andererseits führte er eine personalisierte Seitenansicht ein, mit der die interaktive Profilbibliothek, die Facebook zuvor war, durch einen dynamischen, algorithmisch kuratierten Nachrichtenstrom erweitert wurde.

Entgegen der Erwartung von Facebooks Führungsriege, die das Konzept für eine »awesome idea« hielt, reagierten die Nutzer allerdings alles andere als erfreut. Statt die neue Funktion zu begrüßen, fühlte sich ein Großteil der acht Millionen College-Studenten, die zu dem Zeitpunkt auf Facebook angemeldet waren, durch die ungefragte Offenlegung ihrer Aktivitäten bloßgestellt – und äußerte diesen Unmut ironischerweise wiederum auf Facebook. Bereits kurz nach der Einführung, in den frühen Morgenstunden des 5. September, protestierten User gegen das Seiten-Update – »I’m tired of people knowing what I’m doing, it’s bullcrap, and it’s annoying!«, »I hate this shit«, »DOWN WITH THE FEED!«1 – und schlossen sich schließlich in Facebook-Gruppen zusammen, deren größte unter dem Titel »Students against Facebook News Feed (Official Petition to Facebook)« innerhalb von nur 48 Stunden rund 750 000 User (und damit rund 9 Prozent aller User) versammelte und Facebook zur Rücknahme der Funktion aufforderte. Im Hintergrund berichteten studentische Zeitungen über den wachsenden Unmut und das Time Magazine sah sich schließlich sogar veranlasst, von der »ersten offiziellen Revolution« der »Generation Y« zu sprechen.2

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