Heft 925, Juni 2026

Fehl der Trauer

von Jonas Rosenbrück

»Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.«

Friedrich Hölderlin, Hälfte des Lebens

Echte Männer weinen nicht, schon gar nicht, wenn sie einmal Bundespräsident waren. Insofern war Joachim Gaucks Auftritt bei Markus Lanz im Juli 2025 bemerkenswert: Sichtlich betroffen und unter Tränen spricht der ehemalige Bundespräsident von seiner »tiefen Traurigkeit«, die dazu führt, dass er die Worte aus sich »herauspressen« muss. Lanz hatte, unter Berufung auf die Autorität jüdisch-israelischer Stimmen, Gauck zu einer Stellungnahme bezüglich der immer stärker werdenden Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen gebeten. Angesichts der desaströsen Lage in Gaza wären Tränen verständlich gewesen. Zehntausende Tote; eine sich im Sommer 2025 immer weiter zuspitzende Hungersnot; die teilweise oder totale Zerstörung von circa 90 Prozent aller Gebäude, darunter alle Universitäten und Krankenhäuser.

Doch die Zerstörung palästinensischen Lebens schien nicht die Hauptquelle von Gaucks Traurigkeit zu sein, die Palästinenser im Gazastreifen fehlten in seinen Bemerkungen. Er beweinte etwas anderes: dass »diejenigen, auf die man so viel Hoffnung gesetzt hat«, seine israelischen Freunde, ihn enttäuscht hatten. Gauck – und mit ihm kein geringer Teil der deutschen Politikerklasse und Medienmacher – hatte etwas Wichtiges verloren: das Bild eines »guten« Israel, das Bild eines sich im Großen und Ganzen immer im (historischen) Recht befindenden jüdischen Nationalstaats. Hinter diesem Verlust tritt das Leid der Palästinenser in die zweite Reihe, denn es ist das mit Hoffnungen aufgeladene Israelbild, das integraler Bestandteil von Gaucks Selbstbilds ist: »Ich kann mich nicht anders denken«, so der ehemalige Bundespräsident, »als an der Seite von Juden und von Israelis«. In Gaza verlor Joachim Gauck – und Deutschland – einen Teil seiner selbst.

Was zu betrauern wäre

Wie groß dieser Verlust ist, lässt sich an der Funktion der Israelsolidarität für die Nationalerzählung des postfaschistischen Deutschland ablesen. Aus den Verbrechen der Shoah erwuchs über den langwierigen Prozess der Herausbildung einer Erinnerungskultur ein doppelter Imperativ. Einerseits steht Deutschland »an der Seite Israels«, da dieser Nationalstaat beansprucht, die Sicherheit jüdischen Lebens zu garantieren; anderseits verpflichtet Deutschland sich dem Leitbild »Nie wieder«, das auch im Einsatz für internationales Recht und Genozidprävention umgesetzt wird. Durch diesen doppelten Imperativ büßt Deutschland für die Shoah und garantiert so seine eigene Wiedergutwerdung. »Indem wir Israel schützen«, so hat es einmal ein führender deutscher Politiker im Bundestag auf den Punkt gebracht, »schützen wir uns selbst vor den Dämonen der Vergangenheit unseres eigenen Volkes.«

Doch ein Israel, das mit der Forderung »Nie wieder« vereinbar ist und die Dämonen von Massentod in Schach hält, ist verlustig gegangen. Alle großen, internationalen Menschenrechtsorganisationen, inklusive der israelischen NGO B’Tselem, eine UN-Kommission, die Mehrheit der Mitglieder der International Association of Genocide Scholars sowie renommierte Holocaustforscher und Menschenrechtler vertreten mittlerweile die Position, dass Israel im Gazastreifen einen Genozid am palästinensischen Volk begangen hat. Die UN-Kommission schrieb im September 2025 zusammenfassend: »Israelische Sicherheitskräfte haben vier der fünf genozidären Handlungen, wie sie in der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes (1948) definiert wurden, begangen, nämlich Tötung, Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden, vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen, die geeignet sind, die Zerstörung der Palästinenser ganz oder teilweise herbeizuführen, und Verhängung von Maßnahmen, die Geburten verhindern sollen.

Explizite Aussagen von israelischen Zivil- und Militärbehörden sowie das Verhaltensmuster (pattern of conduct) der israelischen Sicherheitskräfte zeigen an, dass diese genozidären Handlungen in der Absicht begangen wurden, die Palästinenser im Gazastreifen als Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören.« Zwar rufen diese Einschätzungen weiterhin Widerspruch hervor, und das Urteil des Internationalen Gerichtshofs steht noch aus. Doch selbst Juristen, die den Völkermordvorwurf ablehnen, räumen ein, dass Israel sowohl Kriegsverbrechen als auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat.

Israels Verbrechen an den Palästinensern hat Deutschland durchgehend mit Waffenlieferungen, juristisch und diplomatisch unterstützt. Somit ist in der derzeitigen Situation eine unhaltbare Spannung in den postfaschistischen Doppelimperativ der Unterstützung Israels und des Leitbilds »Nie wieder« gekommen. An beiden festhalten zu wollen, ist nur auf Kosten der Aufrichtigkeit zu haben.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ließe sich auf den Spuren von Joachim Gaucks Tränen finden. Die Enttäuschung der Hoffnungen, die in Israel gesetzt wurden, erfordert einen Prozess der Trauer, der diesen Verlust verarbeiten könnte. Im engeren Sinne wäre somit notwendig, was Freud in seinem berühmten Essay über Trauer und Melancholie beschreibt: »Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? […] Die Realitätsprüfung hat gezeigt, daß das geliebte Objekt nicht mehr besteht, und erläßt nun die Aufforderung, alle Libido aus ihren Verknüpfungen mit diesem Objekt abzuziehen.« Israel kann die Funktion als »geliebtes Objekt«, das eindeutige Moralorientierung und Handlungsanweisung verschafft, angesichts von Kriegsverbrechen-, Folter- und Genozidvorwürfen nicht erfüllen. Auf einen solchen Verlust müsste ein Prozess des divestment folgen: eine Loslösung und Abstoßung von (emotionalen, militärischen, diplomatischen) Investitionen, die mit Deutschlands eigenem Bekenntnis zu Menschenrechten und internationalem Recht nicht vereinbar sind.

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