Heft 902, Juli 2024

Gärtnern in Havanna

Urban agriculture als Zukunftsmodell von Jan von Brevern
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Urban agriculture als Zukunftsmodell

Vom José-Martí-Denkmal an der Plaza de la Revolución überblickt man ganz Havanna. Ein Lift fährt auf die Aussichtsetage des 109 Meter hohen Betonturms. An diesem Mittwoch im Februar 2024 bin ich der einzige Besucher. Innen dröhnt die Klimaanlage und sorgt für Kühlschranktemperaturen, draußen kreisen schwarze Truthahngeier im Aufwind des Denkmals. Fast scheinen sie mit ihren gewaltigen Flügeln die dicken Glasscheiben zu berühren. Unten auf dem Platz hielt Fidel Castro früher zum 1. Mai seine gefürchteten Endlosansprachen (darüber, ob die Reden bis zu neun oder sogar bis zu zwölf Stunden dauerten, herrscht Uneinigkeit). Große Paraden finden hier – wegen akuten Treibstoffmangels – schon seit Längerem nicht mehr statt, und auch an diesem Tag warten auf der riesigen Fläche nur einige der farbenfroh lackierten Oldtimer-Cabrios auf Touristen. Gesäumt wird der Platz von Regierungsgebäuden: dem Zentralkomitee der kommunistischen Partei, dem Sitz der Streitkräfte, dem Innen- und dem Kommunikationsministerium. Dahinter erstreckt sich nach Norden das Vedado-Viertel bis zum Meer.

Der Vedado war Anfang des 20. Jahrhunderts als Viertel der Wohlhabenden entstanden, in den Villen wohnten die Zuckerfabrikanten. Dann, noch vor der Revolution 1959, versammelte sich hier der internationale Jetset, die amerikanische Mafia baute Hotels und Casinos. Neben dem ikonischen Habana Libre – dem ehemaligen, damals noch brandneuen Hilton, das die Revolutionäre 1960 bequemerweise zu ihrem ersten Regierungssitz machten – sieht man nun neue Türme in den Himmel wachsen, allen voran einen zweiundvierzigstöckigen Wolkenkratzer, der demnächst als Luxushotel eröffnet werden soll. Während die Stadt verfällt, die alte Bausubstanz buchstäblich zerbröselt, baut die vom Militär kontrollierte staatliche Tourismusindustrie neue Hotelanlagen. Doch der Tourismus ist nach der Corona-Pandemie eingebrochen, die bestehenden Hotels sind schon jetzt kaum ausgelastet, und die dringend benötigten Devisen bleiben aus.

Aber ich suche die Stadt von hier oben nicht nach Hochhäusern ab, sondern nach Gärten. Denn seit den frühen neunziger Jahren ist Havanna aus einem unerwarteten Grund in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Eine grüne Revolution fand hier statt, wie man sie nicht für möglich gehalten hatte. Auf Brachen und in Gärten wuchsen Wurzelgemüse und Kürbisse, Mais und Zwiebeln, Guaven und Bananen. Havanna wurde zum Modell für urban agriculture: ökologisch, sozial und nachhaltig. Es gab kleine und kleinste Anbauflächen, dazwischen größere Betriebe, Hühner und Ziegen wurden gehalten, lokale Märkte entstanden in den Vierteln. Alles staatlich unterstützt, finanziell und vor allem mit Wissen gefördert. Universitäre Forschungseinrichtungen wurden gegründet, die sich mit der Optimierung von städtischer Landwirtschaft befassten, PhD-Programme aufgelegt. »Cuba has emerged as a world leader in sustainable agricultural practices«, schrieb die amerikanische Forscherin Carey Clouse 2014, und zentral dafür sei ein »flourishing urban farming program«.1 Experten aus aller Welt reisten an, informierten sich, staunten: 1998 soll es 8000 registrierte landwirtschaftliche Gärten in Havanna gegeben haben, die ganze 30 Prozent des Stadtgebiets einnahmen. Ließe sich von Kuba, dem Land der ewigen Revolution im Leerlauf, tatsächlich etwas lernen?

Doch scheint es der urbanen Landwirtschaft in den letzten Jahren so schlecht ergangen zu sein wie dem einstigen Hoffnungsträger Tourismus. Zwei Tage lang war ich durch den Vedado gelaufen, hatte Ausschau gehalten nach Organopónicos und Mini Huertas, der staatlich organisierten, aber teils privat betriebenen innerstädtischen Landwirtschaft, von der ich so viel gelesen hatte und die angeblich halb Havanna mit Obst und Gemüse versorgte. Die großzügige Bebauung des ehemals reichen Viertels mit seinen üppigen Gärten bot dafür die ideale Umgebung. Mit einer zehn Jahre alten Karte in der Hand, die mir die Positionen der Anbauflächen genau angab, durchstreifte ich die Straßen. Und fand – nichts. Bis mir eine Kollegin von ihrer Entdeckung berichtete: Vom Martí-Denkmal aus habe sie Felder gesehen. Und tatsächlich, Richtung Westen, am Rand des Vedado, sind zwischen Wohnblocks und Regierungsgebäuden Äcker zu erkennen. Ich rufe den Lift, fahre hinunter und mache mich auf den kurzen Fußweg dorthin.

Landwirtschaft in der Stadt

Wir – eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen, Architekten und Studenten aus Weimar – sind auf Kuba auf einer »fact finding mission«: Ließe sich hier eine akademische Partnerschaft aufbauen? Die Verbindungen der Bauhaus-Universität nach Kuba reichen in DDR-Zeiten zurück, als kubanische Architekten und Bauingenieure in Weimar ausgebildet wurden. Rubén Bancroft, bis heute eine der prägenden Figuren der kubanischen Architektenausbildung, promovierte in den 1970er Jahren in Weimar und gründete später die Architekturfakultät an der Technischen Universität Havanna (CUJAE). Mit ihm sind wir unterwegs, treffen Gesprächspartner an verschiedenen Universitäten, sprechen mit Stadtplanerinnen, informieren uns über die Situation der Architektur und Denkmalpflege auf Kuba, reden über mögliche Austauschprogramme für Studenten. Es dauert ein paar Tage, bis wir die grundlegendsten Dinge kapiert haben: dass zum Beispiel Architekten auf Kuba nicht als freie Architekten arbeiten dürfen (und wie sie es trotzdem machen); dass die Gehälter für Professoren so niedrig sind, dass viele von ihnen noch anderen, informellen Jobs nachgehen müssen; oder dass Universitätsseminare bisweilen per WhatsApp unterrichtet werden, weil aufgrund des Treibstoffmangels häufig keine Busse fahren und dann weder Studenten noch Dozenten an die Uni gelangen. Die Bedingungen sind schwierig, die Motivation von Lehrkräften und Lernenden aber ist hoch und das Interesse an internationaler Zusammenarbeit »auf Augenhöhe« groß. Wäre das kubanische Modell der städtischen Landwirtschaft, das, wie Jorge Peña, Professor für Architektur in Havanna, schreibt, reiche Anregungen für die Stadt der Zukunft bereithält, dafür nicht ein ideales Thema?2

Mein Interesse an städtischer Landwirtschaft hat sich aus Lehrveranstaltungen in Weimar seit dem vergangenen Jahr entwickelt, in denen die Studierenden und ich aus kulturhistorischer Perspektive über die Herausforderungen des ländlichen Raums nachgedacht haben. Überall auf der Welt werden Alternativen zur gegenwärtigen Landwirtschaft erprobt. Hightech-Ansätze wie vertical farming und pixel farming (das auf KI-Roboter setzt) stehen neben kleinteiligen urban gardening-Initiativen.3 Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh stellen kleinbäuerliche Betriebe mit staatlicher Unterstützung gerade auf Permakultur um, dort wachsen wieder verschiedene Fruchtpflanzen gemeinsam auf Feldern, wodurch der Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden überflüssig wird, die Felder Unwetter und Dürren besser verkraften, Erträge und auch die Biodiversität sich verbessern.4 Die großflächige, monokulturelle Landwirtschaft, wie sie heute in den entwickelten Ländern betrieben wird, sorgt zwar noch für verlässliche Ernten, produziert nebenbei aber enorme Probleme: Abhängigkeiten der Landwirte von der Agrarindustrie (Dünger, Pestizide, Hybridsaatgut), enormer Wasserverbrauch und Nitratverschmutzung, verminderte Widerstandskraft der Böden gegen Wetterextreme.

Häufig wird auch übersehen, in welchem Ausmaß die derzeitige Landwirtschaft auf Erdöl basiert und damit ein Treiber des Klimawandels ist – die großen Flächen müssen energieintensiv gedüngt und bewirtschaftet, die Produkte um den ganzen Globus transportiert werden. Umwelthistoriker weisen darauf hin, dass die enormen Produktionssteigerungen im Agrarsektor im 20. Jahrhundert auf die Umstellung von Sonnenlicht auf fossile Energie zurückzuführen sind. Die »Petromoderne«5 hat auch die Landwirtschaft erfasst: Eine Kalorie Nahrung benötigt heute durchschnittlich zehn Kalorien Erdöl. Bei Gewächshaustomaten kann das Verhältnis auch mal eins zu sechzig betragen. Vaclav Smil hat dafür ein schönes Bild gefunden: Es ist, als ob man jede einzelne Tomate mit einem Dressing aus 150 Milliliter Dieselöl anmachen würde.6 Man kann es noch kürzer sagen: Wir essen Erdöl.7 Aber wollen wir das eigentlich?

Zur Erderwärmung durch die industrielle Agrarwirtschaft kommt die beispiellose Zerstörung der Biodiversität. Die hübsch anzusehenden Mais-, Weizen- oder Rapsfelder, die auch die deutsche Landschaft prägen, sind ökologisch weitgehend tot. Tiere und Pflanzen finden inzwischen vielerorts im urbanen Raum bessere Lebensbedingungen und passen sich evolutionär bereits an die Stadt an.8 Wenn sich das Insektensterben fortsetzt, die Böden durch den Klimawandel erodieren und das Wasser knapper wird, bedroht das ganz konkret die Lebensmittelversorgung der nahen Zukunft.

Die Art und Weise, wie Landwirtschaft betrieben wird, muss sich grundlegend ändern, darin sind sich die Experten einig – auch wenn die Bauernverbände auf nationaler und europäischer Ebene ihre gewaltige Lobbymacht einsetzen, um den Status quo zu erhalten. Doch alles spricht dafür, dass der Wandel unausweichlich ist. Ein Element dieses Wandels könnte die partielle Rückkehr der Landwirtschaft in die Städte sein.9 »Urban agriculture« mag sich für das moderne Ohr paradox anhören, assoziieren wir Landwirtschaft doch mit dem ländlichen Raum – also mit dem Gegenteil von »Stadt«. Aber in der europäischen Geschichte war städtische Landwirtschaft immer eher die Regel als die Ausnahme, und nicht wenige Experten sehen darin ein Zukunftsmodell.10 Nicht zuletzt deshalb ist das auch für Urbanistinnen und Architekten ein drängendes Thema.

Kuba scheint ein unwahrscheinlicher Ort zu sein, um nach Lösungen zu suchen. Die kubanische Landwirtschaft hatte bis 1989 fast ausschließlich auf Tabak- und vor allem Zuckerrohr-Monokulturen gesetzt, Lebensmittel wurden aus den sozialistischen Bruderstaaten importiert. Als der Ostblock zusammenbrach, kam es zu Hungersnöten. Eine vollständige Umstellung des Agrarsektors wurde nötig. Aus der Sowjetunion hatte man bis dahin auch Landmaschinen, Dünger und Treibstoff bezogen. All das fehlte nun, die Felder konnten nicht mehr bewirtschaftet werden. Die »Sonderperiode in Friedenszeiten« begann, ein Notstandsprogramm, mit dem die Regierung auf den Kollaps der Wirtschaft reagierte. Teil dieses Programms war die Überführung staatlicher Agrarbetriebe in selbstverwaltete Kooperativen.11

Kuba war zwar jahrzehntelang ein Sehnsuchtsort der europäischen Linken, die nicht müde wurde, auf die hohen Standards in der Medizin und der Bildung hinzuweisen. Aber die Lebensmittelversorgung war immer schon die Achillesferse des kubanischen Sozialismus. Es gibt einen alten Witz, den auf Kuba jeder kennt: »Welches sind die Errungenschaften der Revolution? Gesundheitsvorsorge, Bildung und Sport. Und die Fehler? Frühstück, Mittagessen, Abendessen.« Die kubanische Landwirtschaft war chronisch ineffektiv und kaum darauf ausgerichtet, die Grundversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Doch nach 1990 wurde daraus eine akute Krise: Es gab viel zu wenige Lebensmittel, und was im ländlichen Raum produziert wurde, erreichte aufgrund fehlender Transport- und Kühlmöglichkeiten nicht mehr die städtische Bevölkerung. »In response to this, city-dwellers started to produce their own food in balconies, gardens, yards and vacant lots in urban areas, individually or collectively.«12

Die Vorteile der städtischen Landwirtschaft liegen auf der Hand: lokale Produktion mit kurzen Transportwegen, die nicht nur ökologisch ist, sondern auch zur Ausbildung sozialer Strukturen beiträgt. Ab 1994 wurde städtische Landwirtschaft zur offiziellen staatlichen Strategie, um die Lebensmittelkrise in den Griff zu bekommen. Ein wichtiges Element dabei war, dass Bauern zumindest einen Teil ihrer Produktion selbst verkaufen durften und damit erstmals von den Ernten profitierten. Wer in Carey Clouses Buch blättert oder in einer der anderen Publikationen, die bis 2020 darüber berichten, spürt einen enormen Optimismus. Die »success story of ground-up urban agriculture« betraf nicht nur Kuba, sondern sollte Wege zur Stadt der Zukunft auch in den OECD-Staaten aufzeigen.13

Heute, nur vier Jahre später, scheinen von der blühenden Stadtlandschaft nur noch vereinzelte grüne Inseln übriggeblieben zu sein. Der Organopónico 5to Congresso, den ich vom Denkmal aus gesehen hatte, sieht aus der Nähe wenig betriebsam aus. Nur ein Teil der Fläche von etwa einem halben Hektar ist bepflanzt. Ein Container dient als Laden für den Direktverkauf – ein typisches Element der städtischen Farmen –, ist aber geschlossen. Im Schatten eines Baums sitzt ein älterer Herr und scheint auf den Garten aufzupassen, er winkt mich hinein. Ein Kunde kommt vorbei und bittet um etwas Oregano, ein paar Pesos wechseln den Besitzer. Ich laufe zwischen den Beeten umher, hauptsächlich Salate und Kräuter wachsen hier. Ein paar Meter weiter befindet sich ein weiterer, noch kleinerer Garten, auch hier ist der Verkaufsstand geschlossen, niemand ist zu sehen. Die Hochbeete sind mit Blattgemüse bepflanzt, Fläche und Ertrag könnten in etwa dem von zwei Schrebergärten entsprechen. Wenn so die kubanische »food revolution« aussieht, dann müsste es tatsächlich Tausende solcher Gärten geben – und es besteht wenig Zweifel, dass es sie auch gab.14 Was hat sie zum Verschwinden gebracht?

Die kubanische Krise

Die Stände auf dem Agromercado im Vedado-Viertel sind gut gefüllt. Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Auberginen, Bananen und Guaven, sogar Fleisch gibt es zu kaufen. Aber die Preise sind zu hoch. »Millionärsmarkt« wird er in Havanna genannt. Zweihundert Pesos kostet das Pfund Zwiebeln, tausend Pesos ein Kilo Reis – unbezahlbar für die meisten, die mit dem regulären Monatseinkommen von etwa fünftausend Pesos (umgerechnet rund zwanzig Euro) auskommen müssen. Die Inflation der letzten Jahre hat, zusammen mit weiter sinkender Produktivität in der Landwirtschaft, Grundnahrungsmittel zu Luxusgütern gemacht.

Hier, auf dem Bauernmarkt, zeigen sich die Probleme der kubanischen Landwirtschaft unmittelbar. Der Markt werde privat betrieben, erklärt mir Luis, der gerade auf dem Nachhauseweg ist. Er arbeitet als Nachtwächter in einer Schule und verdient nur zweitausend Pesos im Monat. In den 1980er Jahren war er für einige Zeit in Neubrandenburg, arbeitete dort in einer Fabrik, immer noch spricht er ein wenig Deutsch. Reformen der letzten Jahre haben einige privatwirtschaftliche Nischen entstehen lassen, unter anderem im Lebensmittelhandel. Während die staatlichen Abnahmepreise für landwirtschaftliche Güter oft unter den Produktionskosten liegen, bezahlen die Betreiber dieses Marktes den Bauern etwas mehr. Daher gelangen die besseren Lebensmittel immer zuerst hierher. Luis kauft auf einem anderen, staatlich betriebenen Markt ein, der ein reduzierteres Angebot hat, aber ein wenig günstiger ist. Doch selbst dort entspricht der Preis für ein Pfund getrocknete Bohnen einem Fünftel seines Monatseinkommens. Über die Runden kommt Luis nur, weil sein Sohn nach Dänemark ausgewandert ist und ihm ab und zu Geld überweist.

Das kommunistische Kuba befindet sich derzeit in der schwersten Krise seiner Geschichte.15 Anfang März hat die Regierung zum ersten Mal beim World Food Programme der UN um Hilfe gebeten, denn Milchpulver für Kinder ist knapp. Für den Präsidenten Miguel Díaz-Canel, der 2018 Raúl Castro beerbt hat, ist das ein beispielloses Eingestehen des Scheiterns. Aber längst geht es nicht mehr nur um Milchpulver; es fehlt an allem. Es gibt keine Medikamente, kein Benzin, kein Baumaterial. In der Altstadt von Havanna, die seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben ist – Florian Borchmeyers Film Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen zeigte das schon 2006 eindringlich –, kollabieren die Häuser. Der öffentliche Nahverkehr ist weitgehend eingestellt, überall in der Stadt sieht man Gruppen von Menschen, die stundenlang auf Busse warten, um zur Schule, Universität oder an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Auf das hohe Niveau der medizinischen Versorgung war Kuba zu Recht lange Zeit stolz, doch inzwischen ist selbst das Gesundheitswesen zusammengebrochen. Der Staat ist nicht nur bei anderen Ländern, sondern auch bei ausländischen Firmen hochverschuldet, so dass medizinische Ausrüstung und Medikamente kaum noch ins Land kommen. Operationen können mangels Narkosemittel nicht mehr durchgeführt werden.

Nach Schätzungen leben heute fast 90 Prozent der Einwohner Kubas in Armut.16 Und anders als während der »Sonderperiode« Anfang der neunziger Jahre scheint es keine Hoffnung auf Besserung mehr zu geben. Die Schuld für die Krise den US-Sanktionen zuzuschieben und so von der eigenen Misswirtschaft abzulenken, überzeugt die Kubaner offenbar kaum noch. Nachdem die Regierung 2021 Proteste der Bevölkerung niedergeschlagen und Protestierende verhaftet hat, verlassen Hunderttausende Kubaner ihr Land. Eine halbe Million Menschen sollen allein in den letzten beiden Jahren ihr Glück in den USA und in Mexiko gesucht haben – obwohl die Reiserouten durch Mittelamerika immer gefährlicher werden. Es ist die mit Abstand größte Ausreisewelle seit der Revolution.17

Am dramatischsten aber steht es um die Lebensmittelversorgung. Hunger ist – lange undenkbar – wieder ein drängendes Problem, Teile der Bevölkerung sind mangelernährt. Die landwirtschaftliche Produktion ist von niedrigem Niveau in den letzten Jahren weiter gefallen, mehr als vier Fünftel des Bedarfs müssen importiert werden. Wäre urban agriculture nicht gerade jetzt dringend notwendig?

Mehr Havanna in Berlin

Am letzten Tag meines Aufenthalts habe ich es wieder meiner Kollegin, der Architektin Nadin Augustiniok, zu verdanken, dass ich doch noch einen Garten finde. Sie entdeckt den Micro Huerta »La Cacaotera« hinter hohen Mauern auf einer Brache im Zentrum von Havanna. Betonpfeiler, aus denen die rostigen Bewehrungen ragen, deuten darauf hin, dass auf der Parzelle einmal ein Gebäude geplant war. Jetzt wachsen hier Auberginen und etwas Mais, Bohnen, Passionsfrüchte und sogar Zuckerrohr. Ein Teil des Gartens ist mit Bananenpalmen bepflanzt. Zwei junge Frauen, die den Garten betreiben, führen uns herum. Die größte Schwierigkeit, erzählen sie, sei die Beschaffung von Saatgut. Ab und zu schicke ihnen ein Freund aus den USA ein paar Samen zu, ansonsten sei da kaum ranzukommen.

Eine Studie von 2017 kam zu dem Ergebnis, dass das zentrale Element der kubanischen urban agriculture die staatliche Unterstützung sei. Von der Bereitstellung von Saatgut und Knowhow über die Zuweisung geeigneter Flächen bis zu privatwirtschaftlichen Anreizen reichten die vom Landwirtschaftsministerium organisierten Maßnahmen.18 In einem Land, in dem es kaum Geschäfte gibt, in dem man im Grunde nichts kaufen kann – keine Gießkanne, keinen Gartenschlauch und schon gar kein Saatgut –, ist solche institutionelle Förderung grundlegend. Die Vermutung liegt nahe, dass genau diese staatliche Unterstützung vor kurzem weggefallen ist.

Die Herausforderung scheint überall auf der Welt ähnlich zu sein: kleinteilige, dezentrale Landwirtschaft zu etablieren, um eine stabilere und nachhaltigere Nahrungsmittelversorgung zu erreichen, die zugleich noch den sozialen Zusammenhalt stärkt. Und überall stößt das auf Hindernisse, denn – auch das gehört zur Realität der urban agriculture – eine solche Landwirtschaft ist teuer. Städtische Flächen müssen zur Verfügung gestellt (und kontaminierte Böden unter Umständen aufbereitet) werden, die Verteilung der vergleichsweise geringen Erzeugnisse ist eine logistische Herausforderung.19 Wenn mit weniger Dünger und weniger Maschinen auch weniger fossile Energie in die Produktion eingeht, werden Fläche und menschliche Arbeitskraft wieder wichtiger und die unmittelbaren Kosten steigen. Teuer allerdings ist die derzeitige Form der industriellen Landwirtschaft, wie sie in Europa betrieben wird, auch. Nicht nur durch die gigantischen Subventionen, sondern auch durch die kaum abschätzbaren ökologischen Folgekosten.

Lässt sich aus der kubanischen urban agriculture, aus ihrem Aufstieg und ihrem Scheitern, also doch etwas lernen? Zumindest wohl, dass städtische Formen der Landwirtschaft nicht nur erstrebenswert, sondern möglich sind. Urban gardening ist in Europa bisher eher ein Privileg der neuen Mittelklasse, ein Hobby von idealistischen Akademikerkindern, die städtische Brachen besetzen und bebauen. Dabei wird zwar auch Gemüse erzeugt, aber diese Gärten sind »hauptsächlich ein Werkzeug, um andere, nicht-produktionsorientierte Ziele zu erreichen«.20 Die Akteure selbst beschreiben urban gardening bisweilen als »soziale Intervention«.21 Und doch sind solche Initiativen nicht nur Sozialromantik. Sie sind wichtig, weil sie den Möglichkeitssinn erweitern und so der bisweilen ziemlich ausweglos erscheinenden Landwirtschaftswirklichkeit etwas entgegensetzen. Sie machen aber auch deutlich, dass die Agrarprobleme der Gegenwart nicht mit privaten Initiativen gelöst werden können (wie es ja überhaupt eine erstaunliche Leistung des Liberalismus ist, uns einzureden, dass die ökologischen Krisen der Gegenwart durch individuelles Handeln zu lösen seien – um dann politisches Handeln zu verweigern, mit dem Hinweis, der Konsument habe es ja selbst in der Hand).

Die wichtigste Lehre von Havanna scheint mir daher zu sein, dass man nicht darauf vertrauen kann, dass sich urban agriculture von selbst durchsetzt. Hoffnungen wie die von Clouse, die kubanischen Stadtfarmen wären Orte der Subversion und ein »people’s movement«, das mittelfristig unabhängig von staatlicher Lenkung und Unterstützung funktionieren würde, haben sich als falsch herausgestellt. Städtische Landwirtschaft bräuchte, mit anderen Worten, massive staatliche Förderung. Aber wäre das so anrüchig? An dirigistische Subventionspolitik ist man in Europa in der Landwirtschaft schließlich gewöhnt. Jedes Jahr stehen über 50 Milliarden Euro im EU-Haushalt für die Landwirtschaft zur Verfügung. Die politischen Reaktionen auf die Bauernproteste haben zuletzt wieder gezeigt, wie stark der Wille ist, dieses Geld weiter wie bisher einzusetzen, um Erdöl in Getreide zu verwandeln und die Landschaften Europas in ökologische Wüsten. Aber vielleicht – nur ganz vielleicht – könnte man damit auch etwas anderes machen?

Urban agriculture kann nur ein Baustein in einer Agrarstrategie der Zukunft sein. Niemand würde behaupten, dass sich alleine damit alle Probleme der Landwirtschaft lösen, geschweige denn die Weltbevölkerung ernähren ließe. Man wird auf industrielle Landwirtschaft nicht ganz verzichten können, und auch Hochtechnologie-Ansätze wie das vertical farming werden sicherlich zukünftig eine wichtige Rolle spielen. Und doch brauchen wir, an dieser einen Stelle, ein wenig mehr Havanna in Berlin, Frankfurt oder München. Wie utopisch ist es, ein Drittel des Stadtgebiets für extensive Landwirtschaft zu reservieren und dafür Institutionen, Forschung, Infrastruktur und ein paar Milliarden Euro Fördergelder zur Verfügung zu stellen? Sehr utopisch – und äußerst dringlich.

Anmerkungen

1

Carey Clouse, Farming Cuba. Urban Agriculture from the Ground Up. Princeton Architectural Press 2014.

2

Jorge Peña Díaz, Evolving Design Roles. In: Clouse, Farming Cuba.

3

Dickson Despommier, The Vertical Farm. Feeding the World in the 21st Century. New York: Picador 2020; Lenora Ditzler, Pixel Farming. In: AMO /Rem Koolhaas (Hrsg.), Countryside. A Report. Köln: Taschen 2022; Andrea Baier /Christa Müller /Karin Werner (Hrsg.), Unterwegs in die Stadt der Zukunft. Urbane Gärten als Orte der Transformation. Bielefeld: transcript 2024.

4

Christiane Grefe, Hier wächst was! Indien wagt eine Agrarrevolution und setzt auf Öko. In: Zeit vom 18. Januar 2024 (www.zeit.de/2024/04/landwirtschaft-indien-oeko-duenger-zukunft).

5

Vgl. Alexander Klose /Benjamin Steininger, Geister der Petromoderne. In: Merkur, Nr. 890, Juli 2023.

6

Vaclav Smil, The Tomato’s Energy Footprint. In: IEEE Spectrum, Nr. 58/3. März 2021.

7

Richard Manning, The Oil We Eat. In: Harper’s Magazine, Februar 2004.

8

Menno Schilthuizen, Darwin Comes to Town. How the Urban Jungle Drives Evolution. New York: Picador 2018; Matthew Gandy, Natura Urbana. Ecological Constellations in Urban Space. Cambridge (MA): The MIT Press 2022.

9

André Viljoen /Katrin Bohn (Hrsg.), Second Nature Urban Agriculture. Designing Productive Cities. London: Routledge 2014; Craig Verzone /Cristina Woods, Food Urbanism. Typologies, Strategies, Case Studies. Basel: Birkhäuser 2021.

10

Erich Landsteiner /Tim Soens (Hrsg.), Farming the City. The Resilience and Decline of Urban Agriculture in European History. Innsbruck: Studienverlag 2020; Frank Lohrberg u.a. (Hrsg.), Urban Agricultural Heritage. Basel: Birkhäuser 2022.

11

Hans-Jürgen Burchardt, Kubas langer Marsch durch die Neunziger – eine Übersicht in Etappen. In: Ottmar Ette /Martin Franzbach (Hrsg.), Kuba heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Frankfurt: Vervuert Verlag 2001.

12

Ingrid Hanon, Cuba, agriculture and socialist renewal. In: International Journal of Cuban Studies, Nr. 12/2, Winter 2020.

13

Jonathan Tate, The Productive City. In: Clouse, Farming Cuba. Typisch dafür ist auch, dass Kuba als Vorbild in populären Veröffentlichungen zum Urban Gardening behandelt wird, vgl. etwa Robert Klanten /Andrea Servert Alonso-Misol (Hrsg.), Stadt Gärten. Die wachsende Begeisterung für Urban Farming. Berlin: Gestalten 2021.

14

Timothy A. Schuler, Food Revolution. Interview with Carey Clouse. In: Landscape Architecture Magazine, Nr. 105/4, April 2015.

15

Cuba’s private-sector experiment is faltering. In: Economist vom 3. Januar 2024.

16

Nach einem Bericht des Cuban Observatory of Human Rights (OACDH) von 2023 haben 88 Prozent der Kubaner weniger als 1,90 Dollar pro Tag zur Verfügung. Vgl. Carla Gloria Colomé, Less electricity, less milk and less meat: Cuba’s energy and food crisis worsens. In: El País USA vom 29. September 2023 (english.elpais.com/international/2023-09-29/less-electricity-less-milk-and-less-meat-cubas-energy-and-food-crisis-worsens.html).

17

Martina Scherf, Der letzte Funken Hoffnung ist erloschen. In: SZ vom 23. Januar 2024.

18

Tess McNamara, Crisis of urban agriculture: Case studies in Cuba. In: Tropical Resources, Nr. 36, 2017.

19

Milica Koscica, Agropolis: The role of urban agriculture in addressing food insecurity in developing cities. In: Journal of International Affairs, Nr. 67 /2, Frühjahr /Sommer 2014.

20

Frank Lohrberg, Urban Agriculture Europe: Agriculture Interacting with the Urban Sphere. In: Ders. u.a. (Hrsg.), Urban Agriculture Europe. Berlin: Jovis 2016.

21

Claudia Fromme, Wilde Stadt. In: SZ vom 27. März 2024.

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