Heft 921, Februar 2026

Mit Thomas Pynchon durch vierzig Jahre USA

von Helmut Müller-Sievers

Als ich 1986 in die USA kam, war ich überzeugt, dass das amerikanische eine Schwundstufe des britischen Englisch darstellte, ich es darum nicht eigens erlernen müsste und mir die amerikanischen Romane, Gedichte und Filme mit ein wenig Vokabelhilfe grundsätzlich offenstünden. Die ersten Seminare und Vorlesungen in der Campus-Idylle hatten diese Überzeugung nur wenig beeinträchtigen können. Im folgenden Sommer, den wir Doktoranden zu gleichen Teilen in der Bibliothek, am Pescadero State Beach und in Antonio’s Nuthouse verbrachten, nahm ich mir Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow vor, von dem Friedrich Kittler, eben aus Stanford zurückgekehrt, bei meinem Abschiedsbesuch geschwärmt hatte.

Bei der Lektüre wurde mir klar, was sich schon bei Kinobesuchen oder Gesprächen mit Nichtakademikern angedeutet hatte: Das Amerikanische ist vielleicht keine eigene Sprache, was es jedoch an Witz, Lakonik und poetischer Durchschlagskraft hat, muss man noch einmal neu erlernen und verstehen wollen. Pynchon, zumal wenn er seine Helden gegen Agenten des britischen Empire antreten lässt, macht diesen Unterschied zwischen klassistischer Grammatik und kontextdurchtränkter Pragmatik immer wieder sichtbar. Ich las Gravity’s Rainbow gegen den Strich: nicht so sehr der Paranoia und dem atemberaubenden Einfallsreichtum des Plots folgend, sondern der Intonation der Dialoge und der sprachlichen Inkarnation der Figuren. Dialoge erschlossen sich oft erst, wenn ich sie halblaut mitlas und der Kadenz des Gesagten nachhörte. Dann wieder schien es so – und die riesige Kommentarliteratur hat dies mittlerweile bestätigt –, als gehe Pynchon zunächst unerklärliche Umwege, nur um einen Witz, einen Kalauer oder einen seiner absurden Songs zu landen.

Die Dynamik, die seine Dialoge, aber auch seine Beschreibungen oftmals vorwärtstreibt, ähnelt der des Riffs, der in Wiederholung, Variation und Improvisation abgewandelten Grundfigur, die mir aus der amerikanischen Standup Comedy, dem Rock ’n’ Roll und natürlich aus dem Jazz vertraut zu werden begann. Es gibt wohl im ganzen Roman – und wahrscheinlich im kompletten Œuvre Pynchons – keinen Satz, der einfach einer propositionalen Logik folgt, der nur der Entfaltung des Romangeschehens dienlich ist und nicht auch diese musikalische Wertigkeit hat. Wie viel ich damals beim ersten Lesen von der komplizierten Geschichte verstanden habe, ist mir nicht mehr erinnerlich, wohl aber das Gefühl der Begeisterung, der Befreiung, der Bodenlosigkeit.

Als ich 1990 quer durch die USA auf meine erste Stelle nach Chicago fuhr, hatte Pynchon mir Zugang zu einer ganzen Bande von Sprach-, Musik- und Filmriffkünstlern verschafft – Tom Waits, Bill Frisell, John Lurie, David Lynch, Laurie Anderson, Spike Lee –, mit denen ich mir nun die neue Stadt aneignete. Der Zufall und mein schmales Gehalt wollten es, dass es mich in die fußläufige Nähe der Kreuzung von Broadway und Lawrence verschlug, wo in einem Radius von weniger als hundert Metern mit dem Aragon Ballroom und dem Riviera Theatre zwei der wundervollsten Musikbühnen der Stadt lagen und im Equator Club jedes Wochenende Highlife und Juju gespielt und getanzt wurde. Mein musikalisches und bald auch soziales Zuhause wurde jedoch die schon damals legendäre Green Mill Cocktail Lounge, eine bildschöne verrauchte Höhle aus der Capone-Zeit, in der jede Nacht bis vier Uhr morgens (samstags bis fünf) eine andere Jazzkapelle spielte, und die mir nach der Lehre und wütend-verzweifeltem Schreiben an den ersten Büchern und Aufsätzen die Sprache des Jazz und die Sprache derer, die ihn bis in die Morgenstunden machen und hören wollen, beibrachte. Da hörte ich es nun Nacht für Nacht, das Riffen auf Instrumenten und auf Englisch – Sprache, die gehört werden will, die sich fortragen lässt, oft ausladend erzählerisch, dann wieder lakonisch und auf eine Merkwürdigkeit oder einen Witz hinsteuernd. Berückend schön, wenn befeuert von genau der richtigen Menge Alkohols oder anderer Drogen, kläglich in sich zusammenbrechend, wenn diese geheimnisvolle Grenze überschritten war.

Mittlerweile war Vineland erschienen, kleiner geschnitten, aber näher am realparanoiden Geschehen in den USA, wo die Iran-Contra-Affäre und das Wiedererstarken der harten Rechten um Ronald Reagan alte und neue Seilschaften von antidemokratischen Kräften ans Licht gebracht hatten. Heute werden Videoclips gezeigt, in denen Reagan die Einwanderung oder die Forschungsuniversitäten preist, um damit den Abstand zur gegenwärtigen Barbarei zu markieren; Pynchon schien schon damals überzeugt, dass bei den Republikanern und ihren Unterstützern in Industrie und Militär demokratische Verpflichtungen im Ernstfall nichts galten. Der Widerstand im Roman war wieder an Musik gebunden, nun mehr an Rock ’n’ Roll, und an Marihuana, eine Droge der Passivität, der Pynchon in Inherent Vice noch einmal huldigen sollte.

1992 fing mit der Wahl Bill Clintons eine neue Zeit an, in der trotz handfester Warnzeichen – dem Bombenanschlag in Oklahoma City im April 1995, dem Erstarken solch verruchter Politiker wie Newt Gingrich oder Kulturkrieger wie Bill Bennet – alles neu, alles möglich schien und versucht wurde.

Chicago war eine berauschte und berauschende Stadt. Dave, der Eigentümer der Green Mill, nahm mich und den jungen Trompeter Brad Goode mit in die New Apartment Lounge tief in der sonst unzugänglichen South Side, wo »Vonski« Von Freeman dienstagsnachts seine Open Mic Abende für junge Jazztalente organisierte; Nirvana zertrümmerte in einem legendären Konzert die Bühne des Aragon Ballroom; David Bowie machte im Riviera mit der Band Tin Machine infernalischen Krach; im Bismarck Hotel verzückte ein großer Riffer des Ostens, der Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan, seine Sufi-Gemeinde, und downtown begann Daniel Barenboim seine Zeit als Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra mit einer halbkonzertanten Aufführung der Mozart-Da-Ponte-Opern an drei aufeinanderfolgenden Abenden – all das in den ersten Jahren meiner Assistenzprofessur an der Northwestern University im schicken Evanston.

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