»Staatsräson«
Israelverteidigung und Antijudaismus von Christoph MenkeIsraelverteidigung und Antijudaismus
Die militärische Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts der letzten Jahre geht mit einer Verschärfung der diskursiven Feindschaft einher, in der Israelverteidigung und Israelkritik einander unversöhnlich gegenüberstehen. Die eine Seite begreift den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besatzung, Entrechtung und Unterdrückung als Avantgardebewegung im Kampf des globalen Südens gegen die fortgesetzt koloniale Herrschaft des Westens. Darüber ist viel diskutiert worden; es gibt gute Gründe, die Begriffe, die dabei zum Einsatz kommen – Begriffe wie Apartheid, Siedlerkolonialismus, Rassismus, Völkermord –, nicht erst in ihren politischen Konsequenzen, sondern in ihrer diagnostischen Tauglichkeit und Erklärungskraft infrage zu stellen. Sie sind wahrscheinlich nicht einfachhin unzutreffend, aber schief und dadurch irreführend.
Aber wie steht es mit der anderen Seite, der Verteidigung Israels? Immer häufiger erfolgt sie so, dass sie die Konfliktbeschreibung der postkolonialen Israelkritik übernimmt – und nur die Bewertungen umkehrt. Das ist die Logik, nach der rechte Bewegungen, Kommentatoren und Regierungen operieren, wenn sie Israel verteidigen; wenn nicht alles täuscht, ist diese Logik zur herrschenden geworden. Nach ihr teilen Israelkritik und -verteidigung dieselbe Frontlinie. So wie jene sich als die Avantgarde des globalen Südens sieht, so sieht diese in Israel die vorderste Bastion des Westens, die dessen politisch-ökonomisch-kulturelle Werte (und Interessen) in feindlicher Umgebung verteidigt – die »einzige Demokratie im Nahen Osten«. Die Verteidigung als spiegelbildliche Umkehrung der Kritik: Es geht ihr um dasselbe. Und das ist, trotz aller Beteuerungen, nicht Israel. In dieser Verteidigung von Israel (wie wohl auch in der Unterstützung für die Ukraine) geht es dem Westen um – den Westen. Es geht ihm um sich selbst.
Gibt es eine andere Verteidigung von Israel als die derzeit herrschende der Rechten? Und damit zugleich: eine andere Kritik an Israel als die, ebenfalls herrschende, die in Israel nur einen Vorposten des Westens sieht? Um diese Fragen zu beantworten, muss man die rechte Israelverteidigung genauer verstehen; man muss genauer verstehen, in welchem Sinn es richtig ist, sie »rechts« zu nennen – weshalb dies hier also nicht nur ein polemischer, sondern ein analytischer Begriff ist. Wenn es so ist, dass es dieser Verteidigung von Israel im Namen des Westens in Wahrheit um sich selbst geht: Weshalb braucht der Westen dann Israel zu seiner Selbstbehauptung? Und was macht diese Verteidigung aus Israel, was bedeutet ihr »Israel«, wenn es ihr um den Westen geht? Israel ist hier eine Chiffre der aneignenden Identifikation. Und das heißt: Die Rechten verteidigen Israel, um eine Differenz auszulöschen. Das ist die Differenz des Judentums: die Differenz seiner Freiheit von derjenigen, die die politische Ordnung trägt, die sich als die des Westens begreift. Mehr noch: Die Rechten verteidigen Israel, weil sie in Israel den Ort sehen, an dem das Judentum seine Differenz selbst preisgegeben hat: an dem es sich der Freiheit des Westens assimiliert hat, diese Freiheit als seine eigene übernommen und dadurch beglaubigt hat. Die rechte Verteidigung Israels ist in ihrem Kern antijüdisch. Geht sie auch deshalb so häufig – und ohne das Abgründige darin zu sehen – mit Antisemitismusvorwürfen gegen linke Juden einher?
Der Antijudaismus der Republik
Die Differenz des Judentums, die hier auf dem Spiel steht, tritt grell hervor in Hegels religionsphilosophischen Frühschriften vor 1800, die hundert Jahre später aus dem Nachlass unter dem Titel Der Geist des Christentums und sein Schicksal veröffentlich wurden. In diesen Überlegungen entwickelt Hegel, mit Rückbezug auf die griechische Polis und zugleich deutlichem Bezug auf die Frage nach Staat und Revolution, die 1789 gestellt wurde, das politische Konzept der »Republik«. Aber das kann Hegel hier anscheinend nur, indem er die Republik scharf dem Judentum gegenüber- und entgegenstellt; zu Recht hat Yirmiyahu Yovel von dem »krassesten antijüdischen Text« gesprochen, »den Hegel je geschrieben hat«. Die Judenfeindschaft von Hegels frühen Überlegungen gründet in seiner Begeisterung für die Freiheit der griechischen Polis. Sein Antijudaismus ist nur die Rückseite seines politisch-kulturellen Philhellenismus.
Dabei geht es um die Entgegensetzung zweier Konzeptionen des Gesetzes, die Hegel durch zwei entgegengesetzte Verhältnisse zur Freiheit bestimmt. Griechisch ist das Verständnis, nach dem ich frei bin, weil oder wenn das Gesetz mein eigenes ist. Das jüdische Gesetz ist demgegenüber unfrei und knechtend, weil es ein fremdes Gesetz ist, von außen auferlegt. Diesen Gegensatz erläutert Hegel so: Das Gesetz in den »griechischen Republiken« ist gültig, weil es eine »Wahrheit« ist, und die Geltung der Wahrheit impliziert die Freiheit; »denn die Wahrheit ist etwas freies, das wir weder beherrschen, noch von ihm beherrscht werden«. Das Gesetz dagegen, das Mose seinem Volk gibt, gründet in einem »Befehl« von außen oder oben – von Gott. »Von Gott sind die Juden durch und durch abhängig, und das von dem man abhängig ist, kann nicht die Form einer Wahrheit haben.« Entspricht dem griechischen Gesetz, als Wahrheit, die Freiheit des Subjekts, so dem mosaischen Gesetz als Befehl dessen »Knechtschaft«. Der Grundzug der jüdischen Form der Sittlichkeit ist die »durchgängig[e] Passivität« ihrer Subjekte, die deshalb in Wahrheit auch keine sind: Als unfreie sind die Juden vorsubjektiv, unemanzipiert – knechtisch.
Dadurch erklärt sich für Hegel, weshalb die Juden, wie er zu wissen meint, nur ein äußerst reduziertes, geistig-kulturell armes, ja, fast tierhaftes Leben zu führen vermögen. Denn bei »dieser durchgängigen Passivität blieb ihnen ausser der Bezeugung ihrer Dienstbarkeit, nichts übrig, als das blosse, leere Bedürfnis, die physische Existenz zu erhalten, und sie gegen die Noth zu sichern«. Weil sie in ihrem Verhältnis zu Gott und den Gesetzen nur dienstbar und unterworfen sind, bleibt den Juden für ihre Betätigung allein der »physische« Bereich, den die mosaische Gesetzgebung überdies »mit einer orientalisch-schönen Drohung des Verlustes alles Genusses und allen Glüks« belegt hat; in dieser Physis geht es nicht um Genuss und Glück, sondern um bloße Selbsterhaltung. Das Gesetz und das Selbst stehen sich bei den Juden äußerlich gegenüber: Weil das Gesetz nur von außen kommt, also transzendent ist, ist das Selbst bloß physisch – reduziert auf seine Interessen und Bedürfnisse. Den Ökonomismus, den Hegel den Juden zuschreibt, erklärt er sich als Transzendenzeffekt.
Das sind verbreitete antijüdische Motive, die bei Hegel aber auf eine politische Logik zurückgeführt werden; Hegels Antijudaismus ist politisch. Es geht ihm um die »Schönheit« der »Republik«. Deren Modell ist die griechische Polis; aber der Begriff politischer Freiheit, der die Republik antijüdisch positioniert, ist für die europäische Idee des Staates als solche grundlegend. Sie besteht darin, das, was wir sind, verbindlich in Regeln auszudrücken, die wir zu befolgen haben – eben weil wir in Wahrheit so sind, wie die Regeln sagen, dass wir es sein sollen. Gesetzesbefolgung ist Selbstverwirklichung; das Gesetz ist der Ausdruck des Eigenen. Diese schöne Entsprechung ist die republikanische Freiheit: Frei zu sein heißt, unter einem Gesetz zu leben, das im eigenen Sein gründet. Oder die republikanische Freiheit besteht darin, das, was wir sind, in Gesetzen zur Geltung zu bringen. Sie ist die Macht der Selbstbehauptung.
Weil der Grundzug der jüdischen Sittlichkeit dagegen die Passivität und Abhängigkeit ihrer Subjekte gegenüber dem ihnen auferlegten Gesetz ist, sind die Juden nach Hegel unfähig zur politischen Freiheit. Sie sind unfähig zur »Republik«: Sie können sich nicht selbst regieren; sie haben nicht die Freiheit, das, was sie sind, in selbstgegebenen Gesetzen zur Geltung zu bringen. Nach Hegel sind die Juden konstitutionell, durch die Form ihrer religiösen Sittlichkeit und damit durch ihren knechtischen Habitus, der ihre (zweite) Natur bildet, apolitisch.