The Waffle States of America
von Gregory Jones-KatzIm Januar 2025, etwa ein Jahr vor seiner Ernennung zum Leiter des Office of Response and Recovery der US-Bundesbehörde für Katastrophenschutz (FEMA), berichtete Gregg Phillips im rechtsgerichteten amerikanischen Podcast Onward von einem »incredibly frightening moment«, den er erlebt habe. Es sei mit dem Auto unterwegs gewesen, als dieses plötzlich von der Straße abgehoben habe und er über fünfzig Meilen hinweg auf den Parkplatz eines Waffle House in Rome, im Bundesstaat Georgia, »teleportiert« worden sei. »You know it’s happening«, führte Phillips aus, »but you can’t do anything about it, and so you just go, you just go with the ride. And wow, what just an incredible adventure it all was.« Für den Betroffenen endete das unglaubliche Abenteuer nach eigenen Angaben so glimpflich wie prosaisch mit dem Kauf einer der Pekannuss-Waffeln, die die Schnellrestaurantkette in ihrem Sortiment führt (ähnlich einer belgischen Waffel, allerdings dünner und schwerer und mit Backpulver statt Hefe gebacken). Die Geschichte von Phillips’ wundersamem Raum-Zeit-Sprung sorgte in den USA noch Wochen später für Aufmerksamkeit: Große Medien nahmen sie auf, Moderatoren von Late-Night-Comedy-Shows machten sich darüber lustig. Das Medienspektakel erreichte sogar das Weiße Haus. Als Präsident Trump am 14. April in einem kurzen Telefoninterview mit CNN zu dem Vorfall befragt wurde, antwortete er: »I don’t know anything about teleporting … It just sounds a little strange …, but I’ll find out about it right now.«
Für Menschen, die sich der »reality-based community« zurechnen, mögen Phillips’ Einlassungen einfach nur verrückt und Trumps seltsam ausweichender Move wie durchsichtiges politisches Kalkül wirken. Schließlich war es eben dieser Phillips, der die später von Trump übernommene Behauptung, bei der Präsidentschaftswahl 2016 hätten zwischen drei und fünf Millionen Menschen ihre Stimme illegal abgegeben, zuerst in die Welt gesetzt hat. Doch Trumps Reflex, die Teleportationsgeschichte nicht rundweg zurückzuweisen, verweist noch auf etwas anderes, nämlich auf die magische Metaphysik, die die MAGA-Bewegung mit ihrem Hang, unbequemen Wahrheiten auszuweichen, von Grund auf prägt. In dieser magischen Metaphysik fließen Politik, Religion (oder Mythos) und eine hyperreale Art des In-der-Welt-Seins ineinander. Wer in der Hyperrealität lebt, setzt sich nicht mehr mit der Wirklichkeit auseinander, sondern beschäftigt sich mit Simulakren. Im MAGA-versum interagiert man mit Repräsentationen (Bildern, Zeichen und Modellen), die dem Realen vorausgehen und es definieren, wodurch es unmöglich wird, zwischen beidem zu unterscheiden. Eine Folge sind jene hyperrealen Oasen, die die realen Orte zwischenmenschlicher Beziehungen und gemeinschaftlichen Zusammenhalts ersetzt haben. Was sie so anziehend macht, ist der Umstand, dass sie Zuflucht vor dem realen sozioökonomischen Sturm versprechen. Ob es gelingen wird, diese Bubbles aufzubrechen und das eskapistische Spiel zu beenden, ist eine drängende Frage für die Zukunft der Demokratie in Amerika.
Ein regionales Kraftfeld mit nationaler Ausstrahlung
Für Jean Baudrillard war das im Jahr 1955 eröffnete kalifornische Disneyland das ultimative Beispiel für Hyperrealität. Er sah in dem selbsterklärten »Happiest Place on Earth« ein aufwändiges Ablenkungsmanöver: eine offensichtliche Fälschung, die die Tatsache verschleiere, dass das vermeintlich echte Amerika, das vermeintlich echte Los Angeles die eigentliche Simulation darstellten. Beim Waffle House haben wir es mit einer auf den amerikanischen Südosten zugeschnittenen Verkörperung des baudrillardschen Modells der Hyperrealität zu tun. Das erste Lokal in Avondale Estates, einem ruhigen, wohlhabenden, weißen – also segregierten – auf dem Reißbrett geplanten Vorort am östlichen Rand von Atlanta, Georgia, öffnete seine Türen ebenfalls 1955. Es war 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet. Im Innenraum saßen die Gäste an einer langen, hohen Theke mit vierzehn Hockern. Unter hohen Decken und umgeben von holzvertäfelten Wänden konnten sie dabei zusehen, wie die Köche in einer offenen Küche Südstaaten-Hausmannskost zubereiteten – »Smothered Grits« (ein cremiger Brei), »Hashbrowns« (in der Pfanne gebratene, geraspelte oder gewürfelte Kartoffeln) und ganz allgemein »klassische« amerikanische Frühstücksspeisen wie natürlich Waffeln. Das schuf Vertrauen und förderte Gespräche.
1957 eröffnete ein zweites Waffle House. Im Lauf des folgenden Jahrzehnts entstanden dann die ersten Franchise-Filialen, begünstigt von der Expansion der Midtown Atlanta, die von massiven Infrastrukturplänen, der Zersiedelung der Vororte und der »White Flight«-Bewegung geprägt war. Mittlerweile betreibt die Diner-Kette über 1900 Filialen in 25 US-Bundesstaaten, hauptsächlich im Süden und dem Mittleren Westen, davon allein in Georgia an 440 Standorten (zum Vergleich: In ganz Deutschland gibt es etwas über achtzig »Hans im Glück«-Filialen). Die Corporate Identity des Unternehmens beruht im Kern auf einer Ästhetik der historischen Verklärung. Bis heute zitiert jedes neue Waffle House das erste in Avondale Estates, angefangen von der Einrichtung über das handgeschriebene Bestellsystem und die Vintage-Jukebox bis hin zum Edelstahlgrill in der Küche. Es ist nur konsequent, dass das ursprüngliche Gebäude längst kein Diner mehr ist, sondern ein Museum, gefüllt mit Erinnerungsstücken, die den Geist und die Geschichte der Kette veranschaulichen sollen; Besuch nach Voranmeldung.
Waffle House existiert also seit sieben Jahrzehnten als Kopie einer Kopie, Ersatz für einen Ersatz, was die Marke ganz und gar in die »Sphäre des Hyperrealen und der Simulation« rückt. Und dieses Simulakrum ist zu einem Zufluchtsort geworden, an dem MAGA-Anhänger ihre magische Metaphysik praktizieren, indem sie schwierige Wahrheiten meiden und Gleichgesinnten begegnen. »Not every Waffle House looks the same, but they all feel like home«, hieß es in einem Facebook-Beitrag des Unternehmens aus dem Jahr 2020. Kern des Slogans »Make America Great Again« ist die Beschwörung eines »Goldenen Zeitalters« der amerikanischen Geschichte, das in aller Regel in der Mitte des 20. Jahrhunderts verortet wird. Solche Sehnsüchte sind nicht neu. Baudrillard argumentierte 1968, Nostalgie sei ein semiotischer Bewältigungsmechanismus für die Entfremdungen des Nachkriegs-Konsumkapitalismus. Eine der stärksten Nostalgiewellen, die Amerika je erfasste, ereignete sich in den frühen 1970er Jahren, als das beschleunigte Tempo des Kapitalismus die Babyboomer – die etwa die Hälfte der Trump-Anhänger ausmachen – dazu trieb, emotionalen Trost sowie ein Gefühl von Stabilität und Zugehörigkeit im Vergänglichen zu finden: in Konsumgütern, Spielzeug und Medienmomenten der eigenen Jugendzeit.
Nur zwei prominente Beispiele: American Graffiti (1973), ein Film, der die Cruising-Kultur der 1950er und frühen 1960er Jahre als zentralen filmischen Ausdruck jugendlicher Nostalgie festschrieb, und die erfolgreiche Fernsehserie Happy Days (1974), die idealisierte, tröstliche Versionen der Vergangenheit präsentierte. In ähnlicher Weise zielt jedes Waffle House darauf ab, das Flair der amerikanischen Kultur der Mitte des Jahrhunderts sowie deren Highway- und Autokultur nostalgisch zu bewahren: ein scheinbar zeit- und ortloses Nachbarschaftsrestaurant direkt an der Interstate, das Besucher als authentisch und beruhigend erleben sollen. »We aren’t in the food business. We’re in the people business«, lautet ein Zitat des Mitbegründers Joe Rogers Sr., das die Wand des Waffle-House-Museums ziert. Selbst Anthony Bourdain, ehemals kulinarischer Rebell der Babyboomer-Generation und Trump-Gegner, hatte dafür nur lobende Worte übrig: »Eine ironiefreie Zone, in der alles schön ist und nichts wehtut … Ein Ort der Geborgenheit und der Stärkung. Es schließt nie, es ist immer, immer treu, immer für dich da.«
Doch wie Baudrillard schon 1981 in einem seiner gnomischen Dikta feststellte: »Wenn das Reale nicht mehr ist, was es einmal war, entfaltet die Nostalgie ihre ganze Kraft. Es gibt eine Fülle von Ursprungsmythen und Zeichen der Realität – eine Fülle von Wahrheit, von sekundärer Objektivität und Authentizität.« Den französischen Medientheoretiker hätte es deshalb kaum verwundert, dass nach der Finanzkrise von 2008, der durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Rezession sowie dem Inflationsschub und den geopolitischen Handelsanpassungen der letzten fünf Jahre eine Fixierung auf Abstammung, vererbte Identität und den nostalgischen Traum von einer authentischen und organischen amerikanischen Nation ausdrücklich zu einem integralen Bestandteil der Ideologie der Konservativen in den USA geworden ist. Das hyperreale Bild der Volksnähe, das die Waffle Houses vermitteln, stillt das immer stärker werdende Verlangen insbesondere der MAGA-Anhänger nach einer Vergangenheit, in der Beziehungen, Vertrauen in Institutionen und bürgerschaftliches Engagement im Gegensatz zur Gegenwart noch als robust gelten konnten.