Was ist Faschisierung?
Einige theorie- und begriffshistorische Überlegungen von Patrick Eiden-OffeEinige theorie- und begriffshistorische Überlegungen
Da war der faschistische Igel mal wieder schneller als alle kritischen Hasen: »That’s OK. You can just say yes. OK?« Während alle Welt noch darüber streitet, ob und in welchem Sinn das, was in den USA und anderswo gerade politisch auf den Weg gebracht wird, zu Recht Faschismus genannt werden darf, ist Trump schon wieder einen Schritt weiter. Er lehnt sich gelassen zurück und tätschelt seinem Widersacher Mamdani freundlich den Arm, als dieser im Oval Office von Journalistinnen gefragt wird, ob er den Präsidenten immer noch, wie zuvor des Öfteren im New Yorker Wahlkampf, einen Faschisten nennen würde. Trump ist perfectly fine mit dieser Einordnung und rät dem jungen Kontrahenten der Einfachheit halber zur Affirmation: »It’s easier. It’s easier than explaining it. I don’t mind.«
Begriffsbedürfnis
Auch Begriffe dienen der Bedürfnisbefriedigung: Wenn eine neue Wirklichkeit zum Gedanken drängt, dann will sich dieser in einer sprachlichen Form ausdrücken, die selbst nie nur völlig von der Wirklichkeit bestimmt ist, sondern auch von den Bedürfnissen derer, die sich mit den Begriffen zu verständigen suchen. Angesichts der neuen politischen Weltverhältnisse gibt es nun ein offenbar drängendes Bedürfnis, diese begrifflich an den Faschismus anzulehnen, um so die Ungeheuerlichkeiten, die wir erleben, angemessen zum Ausdruck zu bringen. Und andererseits wissen alle, dass die neuen politischen Formen und Unformen nicht wirklich mit dem gleichzusetzen sind, was wir als Faschismus zu bezeichnen gelernt haben.
Das gleichzeitige Bedürfnis nach Anlehnung und Abgrenzung drückt sich in Begriffsbildungen wie Post-, Spät- oder Neofaschismus aus. Und selbst diejenigen – sie werden weniger –, die vor einer »voreiligen«, »unpräzisen« oder »verharmlosenden« Verwendung des F-Wortes warnen, kommen kaum darum herum, unsere Gegenwart am faschistischen Leisten zu messen – nur dass sie zu einem negativen Ergebnis kommen. Alternativbegriffe wie »Autoritarismus« oder »Populismus«, die eine Zeitlang noch im Umlauf waren, greifen nicht mehr recht, und allzu oft scheinen sie doch eher einem (ebenso verständlichen) Bedürfnis nach Beruhigung oder wenigstens begrifflicher Deeskalation zu entstammen als ernsthaftem wissenschaftlichem Skrupel.
Die Form »-ierung«
Beginnen wir mit einem neuen Vorschlag, dem widersprüchlichen begrifflichen Bedürfnis der Gegenwart nachzukommen: Wenn wir also nicht von Faschismus sprechen wollen oder können, so doch vielleicht wenigstens von Faschisierung? Was der französische Philosoph Pierre Zaoui so in aller Bescheidenheit ankündigt, greift auf eine lange Geschichte der Begriffsbildung zurück und hat womöglich weitreichende theoretische Konsequenzen. Die Umstellung auf Begriffe der Form »-ierung« hat sich theoriegeschichtlich vielfach als sehr nützlich erwiesen. Zaoui selbst führt als jüngeres Beispiel »racialisation« an, in der neueren Beschäftigung mit Klasse hat sich die heuristische Ersetzung von »Proletariat« durch »Proletarisierung« bewährt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon hatte Freud von »Identifizierung« statt von »Identität« gesprochen, Georg Simmel von »Vergesellschaftung« statt von »Gesellschaft«; die Lacansche Psychoanalyse kennt »Formeln der Sexuierung«, in der Geschlechterforschung spricht man von »Vergeschlechtlichung« statt von »Geschlecht«. Die Umstellung auf Prozesskategorien kann vielleicht als Index begrifflicher Modernität überhaupt gelten. Die Form »-ierung« (oder »-ung«) realisiert, was Hegel noch einmal hundert Jahre früher gefordert hat: dass die Substanz immer auch als Subjekt gedacht werden muss, und posthegelianisch könnte man fortführen: das Subjekt immer auch unter dem Gesichtspunkt der Subjektivierung.
Prozessbegriffe fokussieren die Herstellung und Herausbildung von Entitäten, von Identitäten oder Kollektiven, anstatt diese als immer schon fertige vorauszusetzen. Die Prozessbegriffe können im Fortgang aber auch zu einer grundsätzlichen Umwertung führen: Die implizite Teleologie und unterstellte Abschließbarkeit der Herstellung wird fraglich, die Prozesse der Herstellung überschreiten oder unterlaufen die angestrebten Ergebnisse und zehren deren Stabilität schließlich auf. Wenn etwa »race« oder Geschlecht immer erst und immer wieder hergestellt werden müssen, dann kann es mit deren unterstellter Substanzialität nicht weit her sein. Das, was als Ergebnis vorausgesetzt wurde, erscheint schließlich als selektiv wahrgenommene und willkürlich ausgeschnittene Momentaufnahme eines fortlaufenden Prozesses.
Theoriegeschichte
Die Theoriegeschichte des Faschismus, die Geschichte der Faschismustheorien hat heute – aus guten Gründen – wieder Konjunktur. Die Rückfrage ins Archiv zielt dabei auf eine Gegenwartsdiagnose: Ist das jetzt schon, ist das jetzt wieder Faschismus, was wir gerade erleben? Theoriegeschichtlich interessant ist, dass die (linke, kritische) Faschismustheorie genauso alt ist wie ihr Gegenstand; Clara Zetkin hat schon 1923 beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale über den »Kampf gegen den Faschismus« referiert. Die Theorie der 1920er und dreißiger Jahre hat sich hier tatsächlich als gegenstandskonstitutiv erwiesen; die Theoretisierung durch seine Gegner hat dem Faschismus oft erst jene begriffliche Konsistenz verliehen, die den wirren und widersprüchlichen Selbstaussagen der Faschisten gerade abgeht.
Darin kann man auch ein Problem erblicken. Statt immerzu und immer genauer den systematischen Charakter des Faschismus herauszuarbeiten und die historischen (oder aktuellen) Phänomene dann daraufhin zu befragen, ob sie der je eigenen Definition gerecht werden, wäre es vielleicht sinnvoller (gewesen), die theoretische und praktische Volatilität und Elastizität des Faschismus genauer zu beobachten. Es ist nicht Aufgabe des Faschismus, den theoretischen Bedürfnissen seiner Gegner zu entsprechen; schon Mussolini hat geradezu lustvoll deren Erwartungen subvertiert.
Auch bei diesem Problem erweist sich der Prozessbegriff der Faschisierung als hilfreich, denn schon in den frühen Faschismustheorien der 1920er und dreißiger Jahre taucht der Begriff in genau dieser Form auf. Bei Georg Lukács etwa finden sich zahlreiche Belege schon in seinen »Blum-Thesen«, einem Strategiepaper, das er 1928 für die ungarische Exil-KP verfasst hat, und besonders in der Kampfschrift Wie ist die faschistische Philosophie in Deutschland entstanden?, die Lukács 1932 als Komintern-Emissär in Berlin begonnen und 1933 im Moskauer Exil abgeschlossen hat.
In den Texten der Zeit meint »Faschisierung« zunächst einmal nur die Herausbildung und Durchsetzung der faschistischen Ideologie und Herrschaft. Gleichzeitig reduziert sich die Bedeutung nicht darauf, weil hier die Herstellung von etwas analysiert wird, was zum Zeitpunkt der Analyse selbst in einem eminenten Sinn noch in the making ist; die Theorien sind mit der Entstehung eines Phänomens beschäftigt, vom dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte, wie es am Ende genau aussehen wird. In den frühen Faschismustheorien ist Faschisierung noch ergebnisoffen gefasst. Es geht um die Registrierung gesellschaftlicher Tendenzen, die zwar theoretisch antizipiert werden können, die aber noch nicht teleologisch bestimmt sind, weil das Telos selbst noch nicht feststeht. Der Prozess der Herstellung ist noch nicht unsichtbar gemacht vom historischen Ergebnis, dem vollausgebildeten faschistischen System der 1930er und vierziger Jahre, das alle späteren Theorien (und alle späteren Lektüren der frühen Theorien) dominieren wird. An den Theorien der 1920er und dreißiger Jahre lässt sich ein Theoretisieren im offenen Milieu beobachten. Das macht sie für heute interessant, denn dass die Faschisierungstendenzen unserer Gegenwart nicht unbedingt auf ein Ergebnis hinauslaufen müssen, das mit den historisch bekannten Formen des Faschismus identisch ist, scheint – noch – evident.