Heft 922, März 2026

Was ist Faschisierung?

Einige theorie- und begriffshistorische Überlegungen von Patrick Eiden-Offe

Einige theorie- und begriffshistorische Überlegungen

Da war der faschistische Igel mal wieder schneller als alle kritischen Hasen: »That’s OK. You can just say yes. OK?« Während alle Welt noch darüber streitet, ob und in welchem Sinn das, was in den USA und anderswo gerade politisch auf den Weg gebracht wird, zu Recht Faschismus genannt werden darf, ist Trump schon wieder einen Schritt weiter. Er lehnt sich gelassen zurück und tätschelt seinem Widersacher Mamdani freundlich den Arm, als dieser im Oval Office von Journalistinnen gefragt wird, ob er den Präsidenten immer noch, wie zuvor des Öfteren im New Yorker Wahlkampf, einen Faschisten nennen würde. Trump ist perfectly fine mit dieser Einordnung und rät dem jungen Kontrahenten der Einfachheit halber zur Affirmation: »It’s easier. It’s easier than explaining it. I don’t mind.«

Begriffsbedürfnis

Auch Begriffe dienen der Bedürfnisbefriedigung: Wenn eine neue Wirklichkeit zum Gedanken drängt, dann will sich dieser in einer sprachlichen Form ausdrücken, die selbst nie nur völlig von der Wirklichkeit bestimmt ist, sondern auch von den Bedürfnissen derer, die sich mit den Begriffen zu verständigen suchen. Angesichts der neuen politischen Weltverhältnisse gibt es nun ein offenbar drängendes Bedürfnis, diese begrifflich an den Faschismus anzulehnen, um so die Ungeheuerlichkeiten, die wir erleben, angemessen zum Ausdruck zu bringen. Und andererseits wissen alle, dass die neuen politischen Formen und Unformen nicht wirklich mit dem gleichzusetzen sind, was wir als Faschismus zu bezeichnen gelernt haben.1

Das gleichzeitige Bedürfnis nach Anlehnung und Abgrenzung drückt sich in Begriffsbildungen wie Post-, Spät- oder Neofaschismus aus. Und selbst diejenigen – sie werden weniger –, die vor einer »voreiligen«, »unpräzisen« oder »verharmlosenden« Verwendung des F-Wortes warnen, kommen kaum darum herum, unsere Gegenwart am faschistischen Leisten zu messen – nur dass sie zu einem negativen Ergebnis kommen. Alternativbegriffe wie »Autoritarismus« oder »Populismus«, die eine Zeitlang noch im Umlauf waren, greifen nicht mehr recht, und allzu oft scheinen sie doch eher einem (ebenso verständlichen) Bedürfnis nach Beruhigung oder wenigstens begrifflicher Deeskalation zu entstammen als ernsthaftem wissenschaftlichem Skrupel.

Die Form »-ierung«

Beginnen wir mit einem neuen Vorschlag, dem widersprüchlichen begrifflichen Bedürfnis der Gegenwart nachzukommen: Wenn wir also nicht von Faschismus sprechen wollen oder können, so doch vielleicht wenigstens von Faschisierung? Was der französische Philosoph Pierre Zaoui so in aller Bescheidenheit ankündigt, greift auf eine lange Geschichte der Begriffsbildung zurück und hat womöglich weitreichende theoretische Konsequenzen.2 Die Umstellung auf Begriffe der Form »-ierung« hat sich theoriegeschichtlich vielfach als sehr nützlich erwiesen. Zaoui selbst führt als jüngeres Beispiel »racialisation« an, in der neueren Beschäftigung mit Klasse hat sich die heuristische Ersetzung von »Proletariat« durch »Proletarisierung« bewährt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon hatte Freud von »Identifizierung« statt von »Identität« gesprochen, Georg Simmel von »Vergesellschaftung« statt von »Gesellschaft«; die Lacansche Psychoanalyse kennt »Formeln der Sexuierung«, in der Geschlechterforschung spricht man von »Vergeschlechtlichung« statt von »Geschlecht«. Die Umstellung auf Prozesskategorien kann vielleicht als Index begrifflicher Modernität überhaupt gelten. Die Form »-ierung« (oder »-ung«) realisiert, was Hegel noch einmal hundert Jahre früher gefordert hat: dass die Substanz immer auch als Subjekt gedacht werden muss, und posthegelianisch könnte man fortführen: das Subjekt immer auch unter dem Gesichtspunkt der Subjektivierung.

Prozessbegriffe fokussieren die Herstellung und Herausbildung von Entitäten, von Identitäten oder Kollektiven, anstatt diese als immer schon fertige vorauszusetzen. Die Prozessbegriffe können im Fortgang aber auch zu einer grundsätzlichen Umwertung führen: Die implizite Teleologie und unterstellte Abschließbarkeit der Herstellung wird fraglich, die Prozesse der Herstellung überschreiten oder unterlaufen die angestrebten Ergebnisse und zehren deren Stabilität schließlich auf. Wenn etwa »race« oder Geschlecht immer erst und immer wieder hergestellt werden müssen, dann kann es mit deren unterstellter Substanzialität nicht weit her sein. Das, was als Ergebnis vorausgesetzt wurde, erscheint schließlich als selektiv wahrgenommene und willkürlich ausgeschnittene Momentaufnahme eines fortlaufenden Prozesses.

Theoriegeschichte

Die Theoriegeschichte des Faschismus, die Geschichte der Faschismustheorien hat heute – aus guten Gründen – wieder Konjunktur. Die Rückfrage ins Archiv zielt dabei auf eine Gegenwartsdiagnose: Ist das jetzt schon, ist das jetzt wieder Faschismus, was wir gerade erleben?3 Theoriegeschichtlich interessant ist, dass die (linke, kritische) Faschismustheorie genauso alt ist wie ihr Gegenstand; Clara Zetkin hat schon 1923 beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale über den »Kampf gegen den Faschismus« referiert. Die Theorie der 1920er und dreißiger Jahre hat sich hier tatsächlich als gegenstandskonstitutiv erwiesen; die Theoretisierung durch seine Gegner hat dem Faschismus oft erst jene begriffliche Konsistenz verliehen, die den wirren und widersprüchlichen Selbstaussagen der Faschisten gerade abgeht.

Darin kann man auch ein Problem erblicken. Statt immerzu und immer genauer den systematischen Charakter des Faschismus herauszuarbeiten und die historischen (oder aktuellen) Phänomene dann daraufhin zu befragen, ob sie der je eigenen Definition gerecht werden, wäre es vielleicht sinnvoller (gewesen), die theoretische und praktische Volatilität und Elastizität des Faschismus genauer zu beobachten. Es ist nicht Aufgabe des Faschismus, den theoretischen Bedürfnissen seiner Gegner zu entsprechen; schon Mussolini hat geradezu lustvoll deren Erwartungen subvertiert.

Auch bei diesem Problem erweist sich der Prozessbegriff der Faschisierung als hilfreich, denn schon in den frühen Faschismustheorien der 1920er und dreißiger Jahre taucht der Begriff in genau dieser Form auf. Bei Georg Lukács etwa finden sich zahlreiche Belege schon in seinen »Blum-Thesen«, einem Strategiepaper, das er 1928 für die ungarische Exil-KP verfasst hat, und besonders in der Kampfschrift Wie ist die faschistische Philosophie in Deutschland entstanden?, die Lukács 1932 als Komintern-Emissär in Berlin begonnen und 1933 im Moskauer Exil abgeschlossen hat.4

In den Texten der Zeit meint »Faschisierung« zunächst einmal nur die Herausbildung und Durchsetzung der faschistischen Ideologie und Herrschaft. Gleichzeitig reduziert sich die Bedeutung nicht darauf, weil hier die Herstellung von etwas analysiert wird, was zum Zeitpunkt der Analyse selbst in einem eminenten Sinn noch in the making ist; die Theorien sind mit der Entstehung eines Phänomens beschäftigt, vom dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte, wie es am Ende genau aussehen wird. In den frühen Faschismustheorien ist Faschisierung noch ergebnisoffen gefasst. Es geht um die Registrierung gesellschaftlicher Tendenzen, die zwar theoretisch antizipiert werden können, die aber noch nicht teleologisch bestimmt sind, weil das Telos selbst noch nicht feststeht. Der Prozess der Herstellung ist noch nicht unsichtbar gemacht vom historischen Ergebnis, dem vollausgebildeten faschistischen System der 1930er und vierziger Jahre, das alle späteren Theorien (und alle späteren Lektüren der frühen Theorien) dominieren wird. An den Theorien der 1920er und dreißiger Jahre lässt sich ein Theoretisieren im offenen Milieu beobachten. Das macht sie für heute interessant, denn dass die Faschisierungstendenzen unserer Gegenwart nicht unbedingt auf ein Ergebnis hinauslaufen müssen, das mit den historisch bekannten Formen des Faschismus identisch ist, scheint – noch – evident.

Hundert Jahre Faschisierung

Lukács gebraucht den Begriff der Faschisierung immer transitiv: Es geht um die Faschisierung von etwas, das noch nicht faschistisch ist, aber wird. So ist von einem »langjährigen Faschisierungsprozeß des ganzen öffentlichen Lebens« die Rede, von einer »Faschisierung der öffentlichen Meinung«, von einer »Faschisierung der Gewerkschaften« und der »bürgerlichen Parteien« und schließlich von einer »Faschisierung der Universitäts- und der deutschen Philosophie«. Faschisierung wird als etwas begriffen, was an den bestehenden Strukturen ansetzt und diese in eine bestimmte Richtung treibt. Faschisierung zielt demnach gerade nicht (oder jedenfalls nicht nur) auf eine revolutionäre Abschaffung bürgerlich-demokratischer Ideologie und Herrschaft, sondern auf deren Lenkung in eine bestimmte Richtung, die dieser aber durchaus nicht fremd oder entgegengesetzt ist. Und so schreibt Lukács denn auch schon 1928 von einer möglichen »demokratischen Form der Faschisierung«.

An die Vorstellung einer »demokratischen Faschisierung« schließt eine zweite Welle von Theorien an, die seit den späten 1960er Jahren mit dem Begriff hantieren, vor allem in Frankreich und in der Bundesrepublik. In beiden Ländern sind die demokratisch-parlamentarischen Systeme wenigstens oberflächlich intakt; im Gefolge der revolutionären Umtriebe von 1968 beobachten linke Radikale dies- und jenseits des Rheins aber Tendenzen, die für sie ganz klar in Richtung eines neuen Faschismus zielen. Dafür verwenden sie den Begriff der Faschisierung (oder »fascisation«).

Im Milieu der maoistischen K-Gruppen in der Bundesrepublik entwickelt der Kommunistische Bund (KB) sein theoretisches signature piece: die »Faschisierungsthese«.5 Während andere K-Gruppen von einer unmittelbar bevorstehenden kommunistischen Revolution in der Bundesrepublik ausgingen, sah der KB weit pessimistischer eine »schrittweise Faschisierung von Staat und Gesellschaft« voraus, mit der die Revolution verhindert und zerschlagen werden würde. Neben der militärischen Aufrüstung und Brutalisierung der Sicherheitsapparate im Kampf gegen die RAF und andere radikale Gruppen verzeichnet der KB unter dem Begriff auch eine Mobilisierung und Gleichschaltung der öffentlichen Meinung (Sympathisantenhetze, Katharina Blum) und der (immer noch stark mit Altnazis durchsetzten) Justiz sowie eine der eigenen Klassenanalyse nur schwer erklärliche (und schwer verdauliche) Verbreitung von »faschistischem Gedankengut« in der Bevölkerung. Durch seine relativ starke gesellschaftliche Verankerung, besonders in den »neuen sozialen Bewegungen« – und eher trotz als wegen seiner offiziellen maoistischen Ideologie – entwickelt der KB ein feines Sensorium für zunächst unverbunden wirkende Entwicklungen. In den Publikationen des KB finden sich nebeneinander: Analysen der Rechtsdrift des demokratischen Parteiensystems in Reaktion auf die Wahlerfolge der NPD; eine Kritik der Atomkraft, die innenpolitisch nur mit einem aufgerüsteten Sicherheitsstaat durchsetzbar sei (die eigenen Erfahrungen am Bauzaun in Brokdorf); Polemiken gegen die Gängelung und meinungspolitische Beschnüffelung von Studierenden und Lehrenden an den Universitäten (Stichpunkte: Radikalenerlass und Berufsverbote, die Mescalero-Affäre, der Fall Peter Brückner); sozialpolitische Untersuchungen, die auf den Erfahrungen von KB-Basisgruppen im Gesundheitssektor und auf Diskussionen mit der eben entstehenden »Krüppelbewegung« fußen. Früh schon wurden hier Sparmaßnahmen im Gesundheitsbereich als »Klassenkampf von oben« und als Bestandteil einer sich ausbreitenden »neuen Eugenik« aufs Korn genommen. Dies alles – und noch viel mehr – bezeichnet der KB als: Faschisierung.

In Frankreich nimmt die Diskussion eine bezeichnend andere Wendung. Vorbereitet durch die brutale Niederschlagung der Proteste und Aufstände gegen den Kolonialismus auch im »Mutterland«, suchen die französischen Genossinnen die Faschisierung im Bereich der gesellschaftlichen Mentalitäten und Subjektivitäten: »Gibt es nicht vor dem Faschismus die Faschisierung, die ihn vorbereitet und etabliert?« fragt André Glucksmann 1972 in Les Temps Modernes.6 Im Frankreich der 1970er Jahre führt diese Frage in die Affekte, ins Begehren und in die Sprache: Wie müssen Subjekte beschaffen sein, dass sie sich faschistischen Strukturen unterwerfen und daran mitwirken, und was macht der Faschismus mit den Subjekten? So wird nun – wieder – gefragt.

Denn diese Fragen hatte lange zuvor, und sehr zum Missfallen der offiziellen KP (und des offiziellen Freudianismus), in den 1930er Jahren schon Wilhelm Reich gestellt, und auf ihn greifen in den 1970er Jahren in Frankreich Deleuze und Guattari zurück. Die Faschisierung der Subjekte, so antwortet Reich, und hier folgen ihm Deleuze /Guattari ausdrücklich, vollzieht sich nicht ausschließlich und nicht einmal vor allem über Repression, sondern über ein Genießen: über eine Lust daran, faschistisch zu werden.7 Dieses Genießen bahnt sich seinen Weg grob gesagt in zwei Richtungen: erstens als Lust an der Einordnung und der Teilhabe an einem mächtigen Kollektiv, an einer Gemeinschaft, zu der nicht alle Zutritt haben, und zweitens als Lust daran, diejenigen, die nicht zur Gemeinschaft gehören, aktiv auszuschließen, sie zu demütigen, ihnen Gewalt anzutun, sie im Letzten auszulöschen.

Exterminatorisches Genießen

Hier knüpfen Theoretiker an, die Faschisierung heute verstehen wollen. Pierre Zaoui etwa diagnostiziert eine exterminatorische Lust, die sich in einer spezifisch faschisierten Sprache oder Sprachverwendung ausdrückt: »To become fascisized means accepting ›exterminationist‹ signifiers, in other words the symbolic and emotional continuity that connects a fleeting frustration and the final solution. Extermination (from the Latin ex terminus, ›to drive beyond the boundaries‹) is a particularly apt term for the jouissance of getting rid of a particular category of beings once and for all.«

Die Lust ist exterminatorisch, weil sie den Anderen über die Grenze und in den Tod treibt, sie ist es aber auch in Bezug auf den Täter: Dieser treibt sich selbst über die Grenzen seiner normalen Erlebniswelt, der exterminatorischen Rede eignet etwas Transgressives, was mit einem außerordentlichen Lustgewinn, mit einer Steigerung des Selbstgefühls und Selbstgenusses verbunden ist.

Exterminatorische Gewalt muss also gar nicht unbedingt mit realer Verwirklichung verbunden sein; die Faschisierung der Sprache, der Affektivität und des Begehrens konstituiert vielmehr einen eigenen Wirklichkeits- und Wirkungsbereich, der zwar im Verbund mit anderen Strategien auftreten, diese verstärken oder orchestrieren kann – mit Diskriminierung, physischer Gewalt, institutioneller Ausgrenzung etwa –, der aber auch für sich allein Bestand haben kann.

Sein Fokus auf der Sprache führt Zaoui dann auch zu einer bemerkenswerten Abgrenzung der Faschisierung vom Autoritarismus: »Fascism is first and foremost a language. While authoritarianism is silent, and silences people, fascism speaks and writes, and makes people do the same. Fascization must then first be sought in the babble, the earliest pidgin, the inchoate speech that later spawns fascist language.«

Ein Bereich, in dem sich die faschistische »Flut der Signifikanten« und das ausschweifende Schwätzen und Palavern besonders gut beobachten lässt, sind die sozialen Medien.8 Hier kann man die Eskalation gewalttätiger Sprache und Bilder in actu nachvollziehen, die ostentativ zur Schau gestellte »Lust an Aggression, Gemeinheit und Gewalt«, von der Dagmar Herzog schreibt.9

Theoriegeschichtlich ist in diesem Zusammenhang interessant, dass vieles von dem, was heute beispielsweise über Memes untersucht wird, im 20. Jahrhundert unter dem Begriff des Mythos abgehandelt wurde. Heute lässt sich eine regelrechte Renaissance dieser Mythentheorien beobachten: Zaoui zitiert Roland Barthes, unlängst wurde der Nazi-Mythos von Jean-Luc Nancy und Philippe Lacoue-Labarthe neu übersetzt und als kleines Buch veröffentlicht, der italienische Theoretiker Furio Jesi und sein Konzept der »mythologischen Maschine« wird heute international wiederentdeckt.10 Bei all diesen Theorien geht es um den Mythos als Bild-Rede-Verschaltung, die gar nicht auf Überzeugung oder Überredung ausgelegt ist. Die Wirkung des Mythos besteht vielmehr darin, weitergetragen, benutzt und verändert zu werden, wodurch er sich aber gerade als imaginärer Hintergrund festsetzen kann, vor dem erst alle weitere Bedeutungszuweisung geschieht. Für die Verbreitung von Mythen – da muss man sich nicht erst auf die X-Seiten von Elon Musk verirren – sind heute vor allem Social-Media-Kanäle zuständig.

Wenn Zaoui die Faschisierung der Sprache und der Affektivität beschreibt, dann betont er, dass diese Prozesse sich langsam, unmerklich, wortwörtlich subkutan vollziehen, und zwar bei allen, also auch bei uns selbst. Man kann bei sich selbst beobachten, wie die faschistisch-exterminatorischen Signifikanten bereitliegen und man sie bewusst oder unbewusst jederzeit nutzen kann; man kann aber auch versuchen, sich diese Nutzung zu versagen. Mit dieser Sichtweise können wir auch vermeiden, diese oder jene Zeitgenossin in toto als Faschistin anprangern (und abstempeln) zu müssen. Die potenzielle Widersprüchlichkeit und Inkohärenz, die man bei Faschisierungsprozessen im Großen beobachten kann, findet sich umso mehr im Prozess faschisierender Subjektkonstitution. Ein prozessuales Verständnis faschisierter Subjektivierung steht auch bei einigen prominent gewordenen Analysen gegenwärtiger Mentalitäten und Gefühlslagen im Hintergrund. Diagnosen wie »gekränkte Freiheit« oder »geraubter Stolz« sind nur in der Verlaufsform zu verstehen, nie als Zustand.11

Diese Verlaufsform lässt sich vielleicht auf das Vorbild des »gestohlenen Genießens« zurückführen, mit dem Slavoj Žižek schon in den 1990er Jahren die damalige Konjunktur faschistischer Subjektivierung erklärt hat. Eine Faschisierung des Subjekts stellt sich demnach dann ein, wenn ein »heiler«, intakter Zustand zerstört wird, in dem das Subjekt sich aufgehoben fühlt, und dafür ein Anderer verantwortlich gemacht wird, der deshalb zerstört werden soll. Der Clou besteht natürlich darin, dass sowohl die Verantwortlichkeit des Anderen (und manchmal schon dieser Andere überhaupt) wie auch der heile Zustand, der der Zerstörung anheimfällt, bloße Imaginationen des Subjekts selbst sind: Phantasmen, in denen sich ganz andere Krisen und Erschütterungen kenntlich und unkenntlich zugleich machen.12

Bündelung

In allen aufgeführten Richtungen zielt der Begriff der Faschisierung auf eine Auffächerung der Perspektiven und Fragerichtungen: weg von der monolithischen Betrachtung des Faschismus, hin zur Untersuchung einzelner Sachgebiete und Institutionen, die im Prozess der Faschisierung strategisch zusammengeführt werden, die potenziell aber auch Widersprüche und Inkohärenzen entfalten können.

Faschisierung vollzieht sich auf unterschiedlichen Ebenen: im Bereich der großen, offiziellen Politik wie dem der öffentlichen Meinung; in den (ehemals) seriösen Medien wie in den ausgewilderten Sphären des Netzes und der sozialen Medien; und schließlich auch im Bereich des Persönlichen oder Privaten, der eben durch diese neuen Medien und Vernetzungsmöglichkeiten kaum noch klar abzugrenzen ist. All das ist nicht ganz neu, und all diese Phänomene müssen einzeln und gesondert untersucht werden und werden es vielerorts auch schon. Was heute zu einer neuen Debatte treibt – zur Debatte um einen »neuen Faschismus« etwa –, ist die Beobachtung (oder das Gefühl), dass die einzelnen Bereiche und Maßnahmen auf eine neue, andere und stärkere Weise zusammenwirken. Für genau diese neue Form des Zusammenwirkens schlage ich den Begriff der Faschisierung vor, und dabei möchte ich – das Latinum war vielleicht doch zu etwas gut – auf die Übersetzung des lateinischen fascis /fasces: das Bündel zurückgreifen. Faschisierung wäre dann eine Bündelung, und erst in der Bündelung entstehen die Faschisierungseffekte, mit denen wir es heute zu tun haben – durch Verzahnung, Ergänzung und gegenseitige Verstärkung.

Faschisierung wäre demnach also kein neuer großer Singular, der den alten großen Singular Faschismus bloß ersetzt (und es geht auch nicht um eine einheitliche Faschisierungstheorie, die die alten Faschismustheorien ersetzen könnte). Faschisierung wäre vielmehr immer ein Effekt und eine Verkettung von Effekten; das Ergebnis von sehr verschiedenen und durchaus auch widersprüchlichen Maßnahmen, Phänomenen und Ereignissen. Faschisierungseffekte können strategisch geplant sein, sie können sich aber auch eher ungeplant ergeben und dann ausgenutzt werden: Faschismus ist, wie jede Politik, auch eine Kunst der Gelegenheiten. Wir können von elastischen und bisweilen auch überraschenden Kombinationsmöglichkeiten ausgehen, denn in faschisierende Verkettungen gehen vielfach auch Elemente ein, die einzeln und für sich genommen mit dem schweren Begriff des Faschismus überfrachtet wären oder die sogar dezidiert nichtfaschistisch »gemeint« sind, aber doch Teil einer faschisierenden Bündelung werden können.13

Aus der Theorie- und Begriffsgeschichte heraus können wir weiter festhalten, dass »Faschisierung« nur dann sinnvoll verwendet werden kann, wenn es die Faschisierung von etwas meint – von etwas, das einstweilen noch nicht faschistisch ist. Der Prozessbegriff der Faschisierung kann so helfen, die Kombinierbarkeit von Faschismus und Demokratie, auf die schon Lukács aufmerksam gemacht hatte, anders denn bloß adversativ zu denken. Es gibt demnach vielmehr eine funktionale Abhängigkeit oder Zusammengehörigkeit, die historisch und theoretisch noch weiter zu erhärten wäre, die hier aber erst einmal bloß begriffslogisch gemeint ist: Faschisierung kann sich nur in einem Milieu demokratischer Strukturen vollziehen, die dann, einzeln und in Bündelung, für nichtdemokratische Zwecke verwendet und neu ausgerichtet werden.14

Mit Kombinierbarkeit und funktionaler Abhängigkeit ist also explizit keine Gleichsetzung von Demokratie und Faschismus gemeint, wohl aber eine Wendung gegen die gängige liberale Externalisierung des Faschismus als des ganz Anderen der Demokratie. Der Begriff der Faschisierung erlaubt demgegenüber gerade die genauere Untersuchung einer »Innigkeit« beider (wie Hölderlin sagen würde), und auch dies ist ein lange liegengebliebenes Erbe historischer Faschismustheorien.15

Historische Perspektiven I: Kolonialismus

Der Begriff der Faschisierung hat eine eigene Theorie- und Begriffsgeschichte, die uns erlaubt, unsere Gegenwart besser beschreiben und analysieren zu können; er kann aber auch rückwirkend für historische Analysen und für eine Neulektüre historischer Theorien nutzbar gemacht werden, auch wenn der Begriff genau so, in der Form »-ierung«, in ihnen nicht auftaucht.

Mit dem Prozessbegriff der Faschisierung lassen sich große räumliche und zeitliche Dimensionen in den Blick nehmen. Faschisierung wird so als globales und als historisches longue durée-Phänomen greifbar, das sich in der Geschichte von Kolonialismus und Kapitalismus geltend macht. Damit löst sich der Begriff der Faschisierung aus der epistemologischen Privilegierung der europäischen Faschismen der 1930er und vierziger Jahre. Genauer: Diese müssen nun aus der langen Geschichte der Faschisierungen erklärt werden, und nicht umgekehrt alle Phänomene der Faschisierung im Hinblick auf diese lange zentral gesetzten historischen Formen. Theoriegeschichtlich geht damit die stärkere Berücksichtigung einer »Black radical tradition« einher, die seit hundert Jahren über Faschismus, Rassismus und Kolonialismus nachdenkt, die aber lange an den Katzentisch der europäischen Faschismustheorien verwiesen wurde.16

Der skizzierte Zusammenhang wurde schlagend deutlich in der Ausstellung »Aber hier leben? Nein danke. Surrealismus + Antifaschismus«, die im Winter 2024/25 im Münchner Lenbachhaus gezeigt wurde.17 Die Surrealisten, so wurde hier deutlich, waren Gegner des Faschismus und des Kolonialismus, und als sie aus Europa vor dem einstweilig siegreichen Faschismus fliehen mussten, landeten einige von ihnen, etwa André Breton, Jacqueline Lamba, Wilfredo Lam und André Masson, ausgerechnet im kolonialen Martinique, wo sie von Suzanne und Aimé Césaire in Empfang genommen wurden.18 Diese waren zuvor lose mit der surrealistischen Gruppe in Paris verbandelt gewesen und kämpften ebenfalls gegen Kolonialismus und Faschismus – nur eben aus der Perspektive der Kolonisierten. Diese Blickumkehr ist in Aimé Césaires berühmtem Discours sur le colonialisme von 1950 dokumentiert: Während die europäischen Menschen denken, mit dem Faschismus sei der absolute Tiefpunkt der gesamten menschlichen Zivilisation erreicht, wissen die Kolonisierten, dass mit dem Faschismus eigentlich nur eine entfesselte, exterminatorische Gewalt nach Europa zurückkehrt ist, die von dort im Prozess der Kolonisierung zuvor in alle Welt gebracht worden war.19

Césaire spricht von einem »choc en retour«, was in der englischen und deutschen Übersetzung seltsamer-, aber durchaus passenderweise mit »Bumerangeffekt« umschrieben wird. Mit dem Begriff der Faschisierung kann man nun nicht nur den »choc« des faschistischen Einschlags, sondern die ganze, wenn man so will, Wurf- oder Flugbahn nachvollziehen: als koloniale Geschichte eines »Faschismus vor dem Faschismus«.20 Und man kann auch das Danach besser begreifen. Mit der Fehlwahrnehmung, dass die faschistische Gewalt plötzlich aus dem Nichts gekommen sei, ist, so wusste Césaire schon 1950, auch die Fehleinschätzung verbunden, dass sie mit dem »offiziellen« Sieg über den europäischen Faschismus (»Tag der Befreiung«) genauso plötzlich wieder verschwinden könne. Auch das, so wissen die Kolonisierten, deren Kämpfe nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgeflammt sind und die mit erneuerter brutaler Gewalt niedergehalten wurden, war eine Illusion. Mit dem Prozessbegriff der Faschisierung können wir auch die Kontinuität eines »Faschismus nach dem Faschismus« besser fassen, als dies mit dem Systembegriff des Faschismus möglich ist.

Historische Perspektiven II: Der Ursprung in Permanenz

Von Karl Polanyi ist aus den frühen 1940er Jahren ein im Exil verfasstes Fragment mit dem Titel Der faschistische Virus überliefert.21 In diesem führt er die Anfänge der Faschisierung bis in die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus und bis zur »sogenannten ursprünglichen Akkumulation des Kapitals« (so Marx im 24. Kapitel von Das Kapital) zurück.

Die aktuelle »faschistische Attacke auf die […] Rechte der Arbeiterklasse«, so erkennt der Theoretiker und Historiker von The Great Transformation, ist demnach nur der »letzte und ansteckendste Ausbruch des anti-demokratischen Virus, der von Beginn an dem industriellen Kapitalismus inhärent war«. Das kapitalistische System konnte in der frühen Neuzeit nur durch »brachiale Gewalt« eingesetzt werden, diese bleibt latent hinter jedem »stummen Zwang« des Marktes wirksam, und in ihrer rohen Form kann die Gewalt jederzeit wieder hervorgeholt werden, wenn das System angegriffen wird, in eine Krise gerät oder auf neuer technologischer Basis umgebaut werden muss.22

Die Durchsetzung kapitalistischer Verkehrsformen beschreibt Polanyi als »Umerziehung«: Den Menschen musste buchstäblich eingebläut werden, dass es außerhalb des Systems von Lohnarbeit und Privateigentum keine andere Lebens- und Überlebensmöglichkeit gibt und geben kann – Marx schreibt davon, dass die frisch Proletarisierten »durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert« werden mussten. In den Gewaltexzessen, die mit dieser Konditionierung verbunden waren, sieht Polanyi die Gewalt präfiguriert, die auch seine eigene Gegenwart prägt. Dies wird am Schluss des Fragments besonders eindringlich, wo auch die Sprache immer fragmentarischer wird und der Text plötzlich in abgehackter Rollenprosa aus der Perspektive der kapitalistischen Gewaltherrscher zu sprechen scheint: »Solch eine Umerziehung schloss diktatorische Methoden ein. Eine der Voraussetzungen war: letztendliche Unterordnung der Leute. Sie sind allesamt Untermenschen. Sie sind ignorant und verdienen es so, zu sein. Sie sind machtlos, und das ist richtig so. Verachtung in institutionalisierter Form war die einzige angemessene Antwort. Es mag oft verdient gewesen sein – das ist in der Tat unser Anliegen. Aber die unmenschliche Situation musste beibehalten werden, ob verdient oder nicht. Die Entrechtung der Pauper folgte dem Fehlen seines bürgerlichen Status [sic!] […] Das gegen die Arbeiterklasse gerichtete Gefühl verhärtete sich zu einer metaphysischen Überzeugung moralischer Überlegenheit der besitzenden Klasse gegenüber der Klasse der Eigentumslosen – und die entsprechende menschliche Unterlegenheit der letzteren gegenüber ersterer.«

Die Einführung, Durchsetzung und Aufrechterhaltung des kapitalistischen Eigentumssystems geht mit einer quasimetaphysischen Unterscheidung zwischen Menschen und Nichtmenschen (»Untermenschen«) einher; die entmenschlichende Gewalt wird bei Polanyi ähnlich gravierend geschildert wie die koloniale Gewalt bei Césaire ein paar Jahre später, wo der Kolonisator den Kolonisierten »wie ein Tier« behandelt und nicht merkt, wie er dadurch »sich selbst in ein Tier zu verwandeln« beginnt. Jede Faschisierung scheint im Letzten wenigstens als Drohung auf solche Formen einer radikalen Dehumanisierung hinauszulaufen.

Hier wäre auch der Ort, an die systematische Entmenschlichung behinderter Menschen in faschistischen Ideologien und Bewegungen zu erinnern, von der Dagmar Herzog in ihrem letzten Buch zeigt, dass es sich dabei keineswegs um einen bloßen Nebenaspekt handelt.23 Den historischen und aktuellen Schlachtruf des Faschismus seit der »ursprünglichen Akkumulation« bis heute fasst eine Kapitelüberschrift bei Douglas Rushkoff prägnant zusammen: »Pedal to the Metal: Dehumanize, Dominate, and Extract!«, in der deutschen Übersetzung: »Mit Vollgas voraus: Entmenschlichen, beherrschen, ausbeuten«.24

Was soll »Faschisierung«?

Die letzten Thesen haben uns weit weg von aktuellen Phänomenen geführt, für deren Beschreibung und Analyse der Begriff der Faschisierung wohl noch am ehesten spontan plausibel erscheint. Der Begriff droht damit so weit zu werden, dass er kaum noch etwas genau zu fassen vermag.

Vielleicht sollten wir aber ernst nehmen, dass gerade in der Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Bedrohungen immer wieder und bei durchaus verschiedenen Aktivisten und Theoretikerinnen das Bedürfnis entsteht, Begriffe zu finden, mit denen man weiträumige Zusammenhänge herstellen und tiefe historische Bezüge stiften kann; das Bedürfnis nach Begriffen, die einem helfen, den eigenen politischen Kampf aus der oft bedrückenden und Ausschließlichkeit beanspruchenden Präsenz der schieren Faktizität – »From a fascism perspective, this has been a really great year« (Jimmy Kimmel) – herauszuholen.

Der Begriff der Faschisierung kommt diesem Bedürfnis entgegen, indem er es zunächst einmal als ein solches artikuliert; der Begriff kann das Bedürfnis aber noch nicht selbst befriedigen. Die Zusammenhänge müssen erst und immer weiter begrifflich entfaltet, theoretisch plausibilisiert und historisch-empirisch erhärtet werden. Der Begriff der Faschisierung, so wie er in den vergangenen Monaten immer häufiger in den Debatten aufgetaucht ist, gibt selbst keine Antwort, er eröffnet aber (hoffentlich) neue Fragen.25 In seiner Brauchbarkeit wird der Begriff irgendwann einmal danach bewertet werden, ob die Fragen, die er provoziert, der Dringlichkeit unserer Situation gerecht geworden sein werden.

1

Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den ich im Rahmen der dezentralen Vorlesungsreihe »Faschisierung – analytische Perspektiven, Schauplätze, Gegenstrategien« auf Einladung von Felix Axster im Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung gehalten habe. Die Reihe wurde von der AG Faschisierung der Allianz für kritische und solidarische Wissenschaft organisiert (krisol-wissenschaft.org/fascisation/).

2

»If we cannot talk of fascism as such, we can at least talk of fascization and being fascisized, as we do of racialization and being racialized.« Pierre Zaoui, On fascization. In: Eurozine vom 24. Februar 2024 (www.eurozine.com/on-fascization/).

3

Vgl. Alberto Toscano, Spätfaschismus. Rassismus, Kapitalismus und autoritäre Krisenpolitik. Aus dem Englischen von Jonathan Rößler. Münster: Unrast 2025; Morten Paul, Verstehen /Verhindern. Vier Theorieszenen der Faschismustheorie. I: 1969, 1923. II: 1937, 1977. In: Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen vom 25. und 27. November 2024 (blog.kulturwissenschaften.de/autor/morten-paul/). Für 2026 sind angekündigt ein Band mit aktuellen Interventionen: Morten Paul (Hrsg.), Was war Faschismustheorie? Epistemologie, Poetik und Medialität einer heterodoxen Gattung. Berlin: Verbrecher 2026 sowie eine Anthologie mit klassischen Texten von Fernando Esposito /Morten Paul (Hrsg.) Faschismus. Ein Reader. Berlin: Suhrkamp 2026.

4

Georg Lukács, Thesenentwurf über die politische und wirtschaftliche Lage in Ungarn und über die Aufgaben der KMP (Blum-Thesen). In: Ders., Demokratische Diktatur. Politische Aufsätze V (1925–1929). Darmstadt: Luchterhand 1979; Wie ist die faschistische Philosophie in Deutschland entstanden? In: Ders., Zur Kritik der faschistischen Ideologie. Berlin: Aufbau 1989.

5

Wer sich nicht selbst in die Bewegungsarchive begeben will, findet eine sehr gute Übersicht und kritisch-solidarische Analyse des Wirkens des KB in der trefflich betitelten Marburger Dissertation von Michael Steffen, Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971–1991. Berlin: Assoziation A 2002.

6

Glucksmanns Artikel trägt den bezeichnenden Titel Fascismes: l’ancien et le nouveau. Der Beitrag entstammt dem Dossier Nouveau fascisme, nouvelle démocratie, das im gleichen Jahr noch in deutscher Übersetzung erschien: Foucault /Geismar /Glucksmann u.a., Neuer Faschismus, Neue Demokratie. Über die Legalität des Faschismus im Rechtsstaat. Berlin: Wagenbach 1972. Für den Hinweis auf die französische Theoriegeschichte der Faschisierung danke ich Tom Holert.

7

Vgl. Morten Paul, Faschismus als Lustgewinn. In: Berlin Review, Nr. 9, März 2025 (blnreview.de/ausgaben/2025-03/morten-paul-faschismus-als-lustgewinn#). Neben Reich wäre als weiterer Gewährsmann dieser Denkrichtung in den 1930er Jahren noch Georges Bataille zu nennen, dessen Psychologische Struktur des Faschismus von 1933 demnächst bezeichnenderweise wieder neu aufgelegt wird: Georges Bataille, Die psychologische Struktur des Faschismus. Aus dem Französischen von Rita Bischof, Elisabeth Lenk u. Tim Trzaskalik. Berlin: Matthes & Seitz 2026. Der französische Diskurs über Faschismus fand in den späteren 1970er Jahren über Deleuze /Guattari-Fußnoten bei Klaus Theweleit seinen Eingang in die deutsche Debatte, wobei die geschlechterpolitischen Facetten der Theorie neu ausgeleuchtet wurden. Auch Theweleits Männerphantasien wurde, vielbeachtet, neu aufgelegt (Berlin: Matthes & Seitz 2019).

8

Vgl. Simon Strick, Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus. Bielefeld: transcript 2021; demnächst ders., Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen. Berlin: Suhrkamp 2026. Reichhaltiges Material und theoretische Durchdringungen bot die Ringvorlesung Prompting Fascism. Medien /Theorien des neuen Faschismus, die Katrin Köppert im Wintersemester 2025/26 am Institut für Medienwissenschaft der HU Berlin organisiert hat (medienwissenschaft-berlin.org/prompting-fascism-medien-theorien-des-neuen-faschismus/).

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Dagmar Herzog, Der postmoderne Faschismus. Das faschistische Zusammenspiel von Rassismus und Behindertenfeindlichkeit. In: The Diasporist vom 15. September 2025 (thediasporist.de/de/der-postmoderne-faschismus/).

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Philippe Lacoue-Labarthe /Jean-Luc Nancy, Der Nazi-Mythos. Übersetzt von Stephan Gregory. Freising: tentare 2024; Furio Jesi, Spartakus. Symbologie der Revolte. Übersetzt von Frank Engster u. Cinzia Rivieri. Berlin: Matthes & Seitz 2025; dazu Frank Engster /Cinzia Rivieri, Wer ist Furio Jesi? Der italienische Theoretiker und Aktivist arbeitete zu Mythos, Marxismus und dem Konzept der mythologischen Maschine. In: nd vom 2. April 2024 (www.nd-aktuell.de/artikel/1181146.furi-jesi-wer-ist-furio-jesi.html).

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Vgl. Carolin Amlinger /Oliver Nachtwey, Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus (2022); dies., Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus (2025), beide in Berlin bei Suhrkamp; Arlie Russell Hochschild, Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Hamburger Edition 2025.

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Vielleicht darf ich hier auf ein Frühwerk verweisen: den Beitrag Die innere Sicherheit des Staates ist die reale Ökonomie des Subjekts, den ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert zusammen mit »j.« und »m.« geschrieben habe und den wir im vierten Heft der von uns und anderen herausgegebenen Zeitschrift karoshi. Zeitschrift für den plötzlichen Arbeitstod publiziert haben (www.studienbibliothek.org/webarchiv/karoshi/k4/1is.html). – Faschisierung ist ganz offenbar, wie Alberto Toscano festhält, »a matter of returns and repetitions«.

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Hier wäre, zum Beispiel, der gegenwärtige »autoritäre« oder »karzerale Anti-Antisemitismus« zu nennen, der vielerorts und auch in Deutschland als Treibmittel von Faschisierung angesehen werden muss – etwa wenn es darum geht, Universitäten und Wissenschaftlerinnen an die Kandare zu nehmen. Vgl. Yael Attia u.a., Für einen nicht-karzeralen Anti-Antisemitismus. Warum repressive Maßnahmen im Kampf gegen Antisemitismus versagen – und welche Strategien besser funktionieren. In: The Diasporist vom 6. März 2025 (thediasporist.de/de/fur-einen-nicht-karzeralen-anti-antisemitismus/). Außerdem Peter Ullrich, Wird ausgerechnet Anti-Antisemitismus zu einem Katalysator der autoritären Wende? In: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, Dezember 2024 (zeitschrift-luxemburg.de/artikel/anti-antisemitismus/); ders., Hochschulproteste zum Gaza-Krieg, autoritärer Anti-Antisemitismus und das Ende der Kritik. In: Marcus Hawel u.a. (Hrsg.), Wozu noch kritische Wissenschaft. Hamburg: VSA Verlag 2025 (www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studienwerk/VSA_Hawel_Kalmring_Schlosser_Wozu_noch_kritische_Wissenschaft_Netz_RLS.pdf).

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Das heißt im Übrigen auch, dass der Begriff der Faschisierung nur sinnvoll bei der Untersuchung (noch) irgendwie demokratischer Staaten und Gesellschaften eingesetzt werden kann. Es wäre wohl unsinnig, von Faschisierungsprozessen in Nordkorea zu sprechen, und auch in Bezug auf den Iran oder Russland wäre die Rede von einer Faschisierung wohl wenigstens ungenau.

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Heute wäre, neben den kaum noch gelesenen Romanen, auch die Faschismus- und Massenwahntheorie Hermann Brochs wiederzuentdecken. Vgl. Sarah McGaughey u.a. (Hrsg.), Massenwahntheorie und Friedenspoetik. Hermann Broch und die bedrohte Demokratie des 20. Jahrhunderts. Berlin: de Guyter 2023; Patrick Eiden-Offe, Das Reich der Demokratie. Hermann Brochs »Der Tod des Vergil«. Paderborn: Fink 2011.

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Vgl. Vanessa E. Thompson, Schwarze Kritik des Faschismus. Warum abolitionistische Perspektiven für sozialen Antifaschismus unverzichtbar sind. In: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, Dezember 2025 (zeitschrift-luxemburg.de/artikel/schwarze-faschismuskritik/).

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Von der materialreichen, großartig kuratierten Ausstellung bleibt ein tonnenschwerer und lohnender Katalog: Surrealismus + Antifaschismus. Anthologie. Hrsg. v. Städtische Galerie im Lenbachhaus u. Kunstbau München, Karin Althaus, Adrian Djukić, Ara H. Merjian, Matthias Mühling, Stephanie Weber. Berlin: Hatje Cantz 2025.

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Die Flucht gelang auf dem von Varian Frys Emergency Rescue Committee angemieteten Frachtschiff »Capitaine Paul Lemerle«; andere Passagiere waren Anna Seghers, Claude Lévi-Strauss und Victor Serge. Aus der Geschichte des ERC ist mittlerweile Netflix-Stoff geworden.

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Aimé Césaire [1950], Über den Kolonialismus. Übersetzt von Heribert Becker. Berlin: Alexander Verlag 2017. Suzanne Césaire beginnt ihren Beitrag 1943: der Surrealismus und wir, der in ihrer Zeitschrift Tropiques publiziert wurde, mit einer Fanfare, die klar macht, dass es gerade sein globales antikoloniales Engagement war, das den Surrealismus vor dem Schicksal anderer alternder Avantgarde-Bewegungen bewahrt hat: »Viele haben den Surrealismus für tot erklärt. Und viele haben Nachrufe geschrieben. Albern: Seine Aktivitäten umfassen heute die ganze Welt, und der Surrealismus ist lebendiger und kühner denn je.« Suzanne Césaire, Die große Maskerade. Schriften zur Dissidenz (1941 – 1945). Zürich: Elster Verlag 2023 – der großartige Band muss unbedingt empfohlen werden! Zum Kampf der Césaires und besonders zu ihrem Verhältnis zum Surrealismus vgl. Robin D. G. Kelley, A Poetics of Anticolonialism. In: Monthly Review, Nr. 51/6, November 1999 (monthlyreview.org/articles/a-poetics-of-anticolonialism/).

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Im Sommer 2024 habe ich zum ersten Mal Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow (1973) gelesen, und ich konnte nur darüber staunen, wie klar Pynchon hier Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vor der Geschichtswissenschaft zeigt, wie viele der Täterinnen und Täter des Holocaust ihr genozidales Handwerk in den Kolonien gelernt haben, im deutschen Völkermord an den Nama und Herero.

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In: Karl Polanyi, Chronik der großen Transformation. Artikel und Aufsätze (1920–1945). Marburg: Metropolis 2005.

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Das Verhältnis von Systemzwang und Gewalt wird analysiert bei Søren Mau, Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Übersetzt von Christian Frings. Berlin: Dietz 2023. Dass die »ursprüngliche Akkumulation« keine abgeschlossene historische Phase ist, sondern in einer kontinuierlichen Latenz gedacht werden muss, die sich jeweils in neuen Akkumulationsschüben aktualisiert, ist in den letzten Jahren immer wieder theoretisiert worden. Eine historische Parallele der »ursprünglichen Akkumulation« zu aktuellen Phänomenen wie data mining, virtuellen enclosures und digitalem Extraktivismus – einschließlich der damit verbundenen sozialen Kämpfe: wir erinnerten uns 2025 auch an 500 Jahre Niederschlagung des deutschen Bauernkriegs – wird ebenfalls gezogen bei Enis Maci, Gentle Lands, oder: Landnahme 1525/2025. In: Berlin Review, Nr. 12, Juni 2025 (blnreview.de/ausgaben/2025-06/enis-maci-gentle-lands-oder-landnahme-1525-2025).

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Dagmar Herzog, Der neue faschistische Körper. Mit einem Nachwort von Alberto Toscano. Berlin: Wirklichkeit Books 2025.

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Douglas Rushkoff, Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Berlin: Suhrkamp 2025.

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Reichhaltiges Material, das hier nicht einmal annäherungsweise angespielt werden kann, bieten die Seiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Gehen Sie einfach mit viel Zeit auf www.rosalux.de und geben Sie den Suchbegriff »Faschisierung« ein.

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