Merkur, Nr. 800, Januar 2016

Trinken gehen, Bus fahren. E-Books und kleine Formen

von Holger Schulze

Ob in den Salons des 19. oder im Kulturbetrieb des 20. Jahrhunderts – Verbindlichkeit wird in ambitionierten Lebens- und Arbeitsumgebungen durch geteilten Rauschmittelkonsum besiegelt. Für unternehmerische wie akademische Arbeitsumgebungen gilt dies ebenso, auch wenn es hier eher diplomatisch-konspirativ oder als Ausgleichssport camoufliert wird. Der gemeinsame Rausch, die Ko-Ekstase schafft lustvolle Abhängigkeiten durch geheimes Wissen. Albernheitsexzesse und Omnipotenzfantasien helfen, die öden Tage unterm Joch der Besprechungen, Abgabetermine und Aufgabenlisten durchzustehen: »Der Alkohol macht die Menschen einander ähnlicher. Brüderschaft trinken ist kein sinnentleertes Symbol, sondern die Besiegelung eines Einverständnisses: Ich werde mich nun gehen lassen, und du kannst es auch. Hinterher werden wir einander nicht böse sein, auch wenn wir uns alles gesagt haben. Das ist eine Welt, in die Nüchterne nicht vordringen können: eine Welt der Beschimpfungen, aber vor allem der Aussöhnung. Man lässt sich gehen, um aufeinander zuzugehen.«1

Während aber mediale und literarische, gar kulinarische Konsumgewohnheiten und Referenzlandschaften gerne publizistisch nachgezeichnet, ausgestellt und charakterfestigend betont werden, stellt es einen ungehörigen Einbruch dar, sich dem Metabolismus, der Ernährung, den bevorzugten Rauschmitteln, Sexualpraktiken, Kleidungs- oder Möbelstücken einer Autorin oder eines Autors zuzuwenden. Einbruch in das tägliche Leben der Schreibenden, Denkenden, Regierenden und Unternehmenden – ein wenig degoutant, eindeutig übergriffig und sensationsgeil. Ist deren Werk nicht ganz abgelöst von solch profanen Tätigkeiten?

Wer will schon wissen, was ein Nobelpreisträger mittags entkorkt oder mit welchen Rauschmitteln eine Bundeskanzlerin die Sau rauslässt. »Es gehört zu den seltsamen Eigenheiten dieser Zeit, fortwährend Entwurzelung zu beklagen, aber gleichzeitig Abhängigkeit zu verdammen.« Diese Abhängigkeiten aber, sind sie es nicht, die eine Person – öffentlich oder nicht so öffentlich bekannt – am stärksten kennzeichnen? Die Hingabe an ein bestimmtes Rauschmittel, das den Moment betont, ihn ekstatisch akzentuiert, ist vielleicht bedeutsamer im Leben eines Menschen als das Sammelsurium von Theoriebegriffen oder Philosophenworten, die gerne wiedergegeben werden. Wodurch lassen Sie sich aus der Bahn werfen, um anders sich zu sammeln? Durch welche Chemikalien und in welchen täglichen Ritualen lasse ich mir mithilfe eines systematisch beigefügten Tunnelblicks, farbkorrigiert und begehrensbetont, die Welt enthemmt neu ordnen?

Frédéric Valin schreibt eine unverhohlene Apologie des Alkoholkonsums in Geschichte, Gegenwart und materieller Kultur. In seiner Variantologie rauscherzeugender Flüssigkeiten sowie seiner Betonung des Kontakthofnutzens des Trunks begegnet er einerseits dem stolzdilettantischen Sauflob von Thomas Kapielski2 und andererseits der Anthropologie des Drogenkonsums, wie sie Einar Schleef theaterästhetisch entfaltet hat. Für Schleef entspricht die Einnahme einer Droge faktisch der Begründung einer Gemeinschaft – vorgängig zu allen nachholend rechtsgültigen Verträgen: »Grob gesagt, wird die Droge notwendig, um eine gesellschaftliche Utopie zu entwickeln, ihren Einflußbereich aufrecht zu erhalten, folglich die Zahl ihrer Konsumenten zu erhöhen.«3

Zwischen den mannigfaltig versoffenen, wahlweise auch bekifften, druffen, trippigen Urgesellschaften an Tresen und Theke schlendert Valin umher, wagt sich gar an die Lounge-Geschwüre heran. Er stellt fest: »Ich mache mir nichts vor, natürlich bin ich abhängig … Meine Frage an mich ist nicht, ob ich alkoholabhängig bin oder nicht; meine Frage ist, ob der Alkohol in der Liste meiner Abhängigkeiten noch vor meiner Arbeit und ein paar zwischenmenschlichen Beziehungen firmiert.«

Nach dem Trinken steigen wir in den Bus. Fahruntüchtig, wie wir nun sind, wundern wir uns, why so serious? »Hier sitzt einer dieser Männer, die so streng über den Brillenrand gucken, und ich frage mich gerade, wo man das eigentlich lernt.«4 Dort treffen wir vielleicht die Autorin von Sitze im Bus – die uns trunkene Kreatur wie folgt beschreibt: »Ein Mann mit Bierdose versichert am Telefon, er trinke seit Tagen nicht. Wir wollen nicht petzen und nicken alle stumm.« Wir sinnieren mit Comic Sans Relief: »Wo sehen Sie sich in zweitausend Jahren?«5 Dann schauen wir Mitfahrende an und denken uns: »Die Umwickelung des menschlichen Skeletts mit Fleisch macht den Menschen haptisch ansprechender. Sie wirkt außerdem trittschalldämmend.«

Der Frohmann Verlag

Trinken gehen, Sitze im Bus und Comic Sans Relief erschienen im Berliner Frohmann Verlag. Den 26 Bänden der letzten Jahre ist eine Begeisterung am Buch-Erfinden und In-die-Welt-Setzen von neuen Texten anzulesen, die vermutlich das Verlegen generell vom Büchermachen unterscheidet. Die Länge dieser Bücher, auch die Menge der Seitenzahlen fällt dabei – entgegen der verlegerischen Gewohnheit der letzten Jahrhunderte – nicht mehr ins Gewicht. Ein Wälzer mit 800 Seiten wiegt genauso viel wie ein Heftchen von 50 Seiten: genauso viel wie das elektronische Lesegerät, auf dem die E-Books des Frohmann Verlags gelesen werden, ob Handy, Kindle oder iPad.

Die ersten Bände erschienen vor etwa fünf Jahren (anfangs unter dem Imprint eriginals berlin) und erkundeten deutlich euphorisiert die plötzlich möglichen Formen zeitgenössischen Schreibens:6 Wie wäre es wohl, aus Twitter-Nachrichten neue Bücher zu machen? – Wir machen das einfach! Seit den letzten Bänden aber wird deutlich, dass dieses Profil auch inhaltliche, stilistische und politische Ausrichtungen fördert. Die Bücher im Frohmann Verlag erzählen nicht nur formell in kurzen Zeichenzahlen. Die Liebe zu den gezielt profanen und oft selbsterniedrigenden Details des täglichen Lebens, die das Netzschreiben in kleinsten Formen anzieht, diese Liebe wird in den Bänden von Valin, Akkordeonistin oder Lanius zum poetischen Prinzip.

Das Prinzip des genauen Formulierens und Beobachtens des Kleinen und Nebensächlichen ist nicht solipsistisch und akzidentiell: Das vermeintlich Profane und Nebensächliche schützt vor übereilter Begriffsüberhebung, vor eitler Transzendenz. Der Vergleich des Tweets (und anderer »Kürzestschreibweisen«)7 mit dem Aphorismus, der wiederholt bemüht wurde, bestätigt sich einerseits – und wird andererseits widerlegt.8 Bestätigt wird die angespannte und pointenfreudige, die sprachspielerische Formulierungslust des Aphorismus, doch die Zuspitzung rhetorischer Mittel in wenigen Zeichen ist nur eine äußerst formalistische Hülle dieses Schreibens.

In diesem Formalismus steckt eine Poetik der lakonischen Miniatur, des dichten Moments. »Wütend davonstürmen, in Flip Flops.«9 Es sind Zuspitzungen von Erzählungen, denen allein noch ihre Umschlagpunkte, die überraschenden Kippfiguren oder Enttäuschungsmomente geblieben sind. »Sie wollen mit drei Säcken Rindenmulch à fünfzig Litern von Würzburg nach Solingen fahren. Warum?«

Die Machart der einzelnen Bände zeigt das Anliegen der Verlegerin. Denn entgegen einer verbreiteten Annahme ist das Herstellen eines E-Books eine handwerklich anspruchsvolle Tätigkeit. Während konzernartige Verlage ihre Drucklegung in Massenproduktion routiniert outsourcen, ist die Aufbereitung eines Texts als E-Book samt Fußnoten, Kapitelmarken und individuellen Textauszeichnungen tatsächlich eine bibliophile Arbeit in der Datei. Das elektronische Buch entsteht in Handarbeit durch Lektorin, Designerin und Programmiererin; auch die Konvertierung geschieht bei Frohmann mithilfe selbstgeschriebener Software; im Gegensatz zu konfektionierter Software ermöglicht dies einen direkten Zugriff auf Änderungen und Erweiterungen.

 

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Der scheinbar kokette Slogan »Richtige E-Books« ist darum eine sachliche Beschreibung. Die Bücher erscheinen in einem Quellcode, der so klar und lesbar gestaltet sein will wie der Text, der angezeigt wird; eine Klarheit des Nichtkonfektionierten, die frühe Merve-Bändchen auf analogem Weg durch Letraset- und Grotesk-Schriften herzustellen suchten. Solch materiale Zeitmarkierungen in der Buchproduktion zeigen nicht nur einen Stand der Technik an, sie verkörpern auch eine Lebenswelt und ihre Weisen der Veröffentlichung.

Diese konkrete Machart verbindet den Verlag mit seinen Autorinnen, Lesern und Kritikern, ähnlich wie Verlage früherer Jahrzehnte. Die Historisierung West-Berliner Verlage und Kulturinstitutionen der 1980er und 1990er Jahre wird aktuell vorangetrieben und erzeugt neue Stilisierungen und Schubladisierungen, Geschichtsklittereien und Selbsterhöhungen. Am Frohmann Verlag kann die verlegerische Tätigkeit der 2010er Jahre beobachtet werden. Diese Bücher wollen schnell erworben und überallhin mitgenommen werden – qua Format und Preis allein. Das Lesen dieser Bücher hält in der Gegenwart, von 1985 oder eben von 2015.

Wie genau diese Gegenwart begleitet wird, zeigt ein Band von Michaela Maria Müller. Vor Lampedusa erzählt eine Reise zu der Insel, vor der fast vierhundert Menschen aus Eritrea und Somalia starben beim Versuch, mit einem Boot die Festung Europa zu erreichen.10 Müller erzählt ihre Reise in Einzelheiten, in punktuellen Momenten und Schritten, Umgebungen und Situationen: »Ich beobachte den Leiter des Flughafens im Gespräch mit Soldaten, die mit ihren gepackten Reisetaschen auf den Rückflug vom Dienst warten. Mein Italienisch reicht nicht aus, um die Frage, ob es noch Abschiebeflüge nach Tripolis gibt, zu stellen. Doch, vielleicht würde es genügen. Aber es reicht nicht aus, um eine mögliche Lüge in der Antwort zu enttarnen.«

Fast jeder Satz dieser Erzählung könnte als Kurznachricht gesendet werden. Die Sprache führt uns in die Einzelheiten einer Situation. »Eine Holzleiter führt in den Schiffsbauch. Ich steige hinab. Der dunkle Hohlraum ist ausgelegt mit dünnen gelben Schaumstoffmatratzen.« Eine Verknappung zum Konkreten prägt auch dieses Schreiben. »Ich lege mich in der Dunkelheit darauf. Es ist dumpf und stickig.« Autoren möblieren erzählte Welten gerne, besonders in Essays und Reportagen, mit ihren eigenen Begriffen. Müllers Erzählung bleibt dagegen wirklichkeitsroh. »Um zu erkennen, dass dies hier eine tödliche Falle ist, muss man nicht erst seinem Instinkt folgen.«

Instantanes Schreiben

Diese Schreibweisen, die sich im Netz gebildet haben, werden in einigen Bänden des Verlags auch begrifflich eingekreist.11 Christiane Frohmann versteht sie nicht an bestimmte technische Archivierungs-, Darstellungs- und Übertragungsweisen gebunden – ebenso wenig wie Texte, die nichtelektronisch entstanden sind: »Aus einer klassisch-hermeneutischen Perspektive wird dieses neue Schreiben, Lesen und Publizieren mitunter als defizitär, weil substanz-, kontext- und verantwortungslos beschrieben. Man glaubt, mit der Digitalisierung ginge etwas kulturell Wesentliches verloren.«12

Als isoliertes Geschäft der Textdistribution ist für Frohmann ein Verlag aber nicht denkbar. Die verlegerische Arbeit ist verankert in der Kohlenstoffwelt, sei’s im »Katersalon« oder in der Radiosendung »Generator« (über ASMR-Videos, Selfie-Culture oder Food-Blogging),13 einem »Electric Book Fair«, in »An einem Tisch« (einer Gesprächsreihe von Geflüchteten in Berlin) oder in dem Festival »Orbanism«,14 gewidmet der Liebe im digitalen Erdkreis: »Falling in Love«. Als Verlag mit Wirkung ist auch Frohmann eher Knotenpunkt sich überlagernder und einander ergänzender Aktivitäten und Interessen vieler Beteiligter – und nicht zuallererst eine buchhalterisch durchgerechnete Institution zur Abarbeitung von Publikationsprojekten.

Literatur- und Theoriegeschichte deutscher Sprache wird geprägt von solchen Verlagen wie März, Elefanten Press, Matthes & Seitz oder Merve, die ökonomisch teils winzig, kulturell aber entscheidend sind – eine nur vermeintliche Paradoxie. Das elektrische Buch und das Netz als Entstehungsraum steigern diese verlegerische Agilität: »Das Netz ist, anders als ein Buch oder Sterbebett, kein passender Ort für letzte Worte, es ist der Raum für ständig zu aktualisierende Statusmeldungen.«

Frohmann nennt dieses Schreiben »instantanes Schreiben«, in ferner, aber eindeutiger Anspielung auf Instagram oder Instapaper, die das Netzpublizieren und Netzlesen mitorganisieren. »Im Netz erscheinen Menschen als Lesende, Schreibende und Publizierende. Das Schreiben, Lesen und Publizieren im Netz ist weniger vorsätzlich, es geschieht weniger bewusst und es ist weniger von ästhetischen und sozialen Regeln determiniert.« Frohmann erkennt weniger weltbeglückungswilligen Autorenwahn – »Originalgenies müssen draußen bleiben« – und mehr ein gegenwartsbezogenes Mitschreiben der notierenswerten Beobachtungen und Meldungen: »Eine geschriebene Facebookstatusmeldung oder ein Worttweet haben aufgrund ihres kontextlosen performativen Gestus mehr Ähnlichkeit mit einem geposteten Foto als mit einem gedruckten Buch.«

Der Band Sitze im Bus ist dementsprechend eine Anthropologie des Busfahrens in 122 solcher Kürzestgeschichten. Die Akkordeonistin, so das Alias der Autorin, erzählt tägliches Leben durch Abhängigkeiten und Verschwurbelungen der Kreaturen, die sich im fahrenden Terrarium des öffentlichen Nahverkehrs aufhalten, reich an Bildern und verschenkten oder aufgenötigten Pointen: »Und dann telefoniert eine Frau neben dir dreimal hintereinander und erzählt dieselbe Geschichte jedesmal anders.«15

»Beim instantanen Schreiben«, so Christiane Frohmann, »stellt man nicht dar, wer man ist oder gesellschaftlich determiniert sein sollte, eher schon performt man eine ständig aktualisierte Version seines Ideal-Ichs, unendliches ›Selfie-Publishing‹.« Instantanes Schreiben ist dumb writing im Sinne von Kenneth Goldsmith: »I am a dumb writer, perhaps one of the dumbest that’s ever lived. Whenever I have an idea, I question myself whether it is sufficiently dumb.«16 Instantanes Schreiben nach Frohmann sollte ebenfalls nie zu gewitzt und zu gefinkelt sein. Im besten Fall notiert es das Dümmstmögliche.

»Dummes Schreiben« schreibt vor allem ab – im Moment. Wie Lanius, wenn sie in Comic Sans Relief notiert: »Ich wurde mit einem Gehirn geboren, aber meist bemerke ich es kaum und im Alltag beeinträchtigt es mich eigentlich nicht.« – »Ich poste Ich poste Ich poste. Ich twittere Ich twittere Ich twittere.«17 Trinken gehen, Bus fahren, Erleichterung durch komische Schrifttypen.

Fiktion, 0x0a und #1000Tode

Diese Dynamik des Gegenwartsbezugs
findet sich auch bei den Projekten Fiktion von Mathias Gatza und Ingo Niermann oder bei 0x0a von Hannes Bajohr und
Gregor Weichbrodt. Beide Unternehmungen geben ebenfalls Bücher in Auftrag, sie erkunden deren Distribution im Netz, in Lesungen und Buchvorstellungen – beide sind allerdings nicht im engeren Sinne verlegerisch tätig, sondern als Versuchsanordnungen gezielt finanziell unabhängig vom Buchverkauf.

Die Ästhetiken von Fiktion und 0x0a sind aber kaum miteinander vergleichbar: Fiktion ermöglicht Autoren die Erkundung von dynamischen Schreibweisen mit Nähe zur Popliteratur,18 in der Faust, Hans Magnus Enzensberger, Björk, Mike Tyson oder David Beckham zu Protagonisten eines Romans werden können (etwa bei Momus oder Rajeev Balasubramanyam);19 0x0a dagegen publiziert kombinatorische Texte und Korpusanalysen als automatisiertes »dumb writing«.20

Wenn Goldsmith per Hand die New York Times, Newsweek oder Vogue abschreibt,21 wenn er alle seine Sätze einer Woche oder alle seine Körperbewegungen eines Tages aufschreibt und als gelernter Bildhauer die neuen Texte räumlich aufbereitet,22 dann reinszeniert er sehr überzeugend und wirksam die avantgardistische Geste. Bajohr und Weichbrodt dagegen unternehmen ein »distant reading« von Wort-, Satzbau- und Zeichenrekurrenzen, das in Nachfolge von Oulipo oder früher computerlinguistisch inspirierter Konkreter Literatur tatsächlich in der Gegenwart operiert: »Die aus 3,23 Millionen Einträgen bestehenden Wendekorpora West+Ost des Deutschen Referenzkorpus (DeReKo-2013-II) mit Cosmas II 3.11 nach mit ›wir‹ beginnenden Sätzen von exakt sechs Wörtern Länge durchsucht; Fragmente entfernt, alphabetisch sortiert.«23 »An algorithm combs through the universe of knowledge known as Wikipedia, beloved by plagiarizers of all ages, and saves its entries. A text is generated in which a narrator denies knowing anything about any of these entries.«24 Was vierzig oder sechzig Jahre zuvor noch als vorsätzlich destruktive Lyrik gelesen worden wäre, bereitet in Zeiten von Spampoetry, Listicles und Chatbots dagegen fast schon ein wohltuendes Schmökervergnügen. Instantanes Schreiben durch instantanes Lesen. »Hermeneutik ist heilbar.«25

»Denken Sie an das schlimmste Ereignis in Ihrem Leben. Denken Sie an das schönste Ereignis in Ihrem Leben. Beide interessieren niemanden« (Sitze im Bus). Einem solcherart mutmaßlich Schlimmsten wendet sich Christiane Frohmann seit über einem Jahr in Tausend Tode schreiben zu, ihrem bislang ausladendsten Buchprojekt. Im Vorwort erläutert sie: »Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist.«26

Zur letzten Buchmesse in Frankfurt erschien Fassung 3.2 mit mittlerweile 535 Beiträgen. Als Datei ist der Band vergleichsweise winzig; doch aufgrund der ungewöhnlich vielen Autoren scheitern weniger ausgearbeitete Lesegeräte mitunter an der Navigation der Einzeltextflut. Eine Herausforderung für Software und Programmierung. Frédéric Valin schreibt: »Der Tod ist keine lustige Angelegenheit, jahrtausendelang wusste die Branche das. Nur der Kapitalismus hat sie vom Gegenteil überzeugen können, und das ist bedauerlicherweise noch nicht einmal sein größtes Verbrechen.«

Ein Monument des instantanen Schreibens über Grenzen der Lebenszeit und der Seitenzahl hinaus. »Es gibt genügend Online-Listen mit 1000 Dingen, die du tun musst, ehe du stirbst. (Bürokratie!) Es gibt genügend Online-Listen mit 1000 things to see before you die. (Tourismus!)« Nach dem Text mit der fortlaufenden Nummer 1000 wird dieses Buch im Netz weitergeschrieben – dabei ist es nicht das einzige Frohmann-Buch, das in Hashtags, Kommentaren und Artikeln weiterlebt:

»Manchmal bin ich bei der Arbeit derart in Buchstaben vertieft, dass ich am Mittag erstaunt feststelle: Es gibt ja auch Bäume, Himmel, Licht!«27 Wir fahren Bus: »Eine Frau spricht mit dem Fenster, ein Mann klopft mit den Fingern irgendeinen Takt und auf der Wiese steht eine traurige Kuh.«28

Wir springen Trampolin: »Was wurde eigentlich aus … diesem Tweet?«29 Wir trinken: »Man ist nicht fröhlich, man ist sich all der Zumutungen durchaus bewusst; aber es legt sich ein sanfter Schleier darüber, der alles auf absurde Art komisch wirken lässt.«30 Eine Poetik des kunstvoll beherrschten Sarkasmus: »Prost, in diesem Sinne.« – »Zeitlicher Abstand zur Buchmesse wird in Anzahl offener Chatfenster gemessen.«31

Weitere Beiträge aus der Reihe Zweite Lesung


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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Frédéric Valin, Trinken gehen. Ausschweifungen. Berlin: Frohmann 2014.
  2. Thomas Kapielski, Davor kommt noch. Gottesbeweise IX–XIII. Berlin: Merve 1998; Danach war schon. Gottesbeweise I–VIII. Berlin: Merve 1999; Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen. Berlin: Suhrkamp 2012.
  3. Einar Schleef, Droge Faust Parsifal. Frankfurt: Suhrkamp 1997.
  4. Akkordeonistin, Sitze im Bus. Berlin: Frohmann 2015.
  5. Birte Lanius, Comic Sans Relief. Berlin: Frohmann 2015.
  6. Vgl. Ute Weber, Unfug; Anousch, Bescheiden, aber auch ein bisschen göttlich. Beflügelte Worte; Wondergirl, Unkritische Theorie. Alle 2012 bei Frohmann in Berlin erschienen.
  7. Jan Drees / Sandra Annika Meyer, Twitteratur. Digitale Kürzestschreibweisen. Berlin: Frohmann 2013.
  8. Stephan Porombka (Hrsg.), Über 140 Zeichen. Autoren geben Einblick in ihre Twitterwerkstatt. Berlin: Frohmann 2014.
  9. Lanius, Comic Sans Relief.
  10. Michaela Maria Müller, Vor Lampedusa. Eine Reise. Berlin: Frohmann 2015.
  11. So in Porombka (Hrsg.), Über 140 Zeichen oder Drees / Meyer, Twitteratur.
  12. Christiane Frohmann, Instantanes Schreiben (http://frohmannverlag.tumblr.com/post/120199165416).
  13. http://radiogenerator.tumblr.com
  14. http://orbanism.com
  15. Akkordeonistin, Sitze im Bus.
  16. Kenneth Goldsmith, Being Dumb. In: The Awl vom 23. Juli 2013 (http://www.theawl.com/2013/07/being-dumb); Dumm. In: Merkur, Nr. 776, Januar 2014.
  17. Christiane Frohmann, Instantanes Schreiben.
  18. http://fiktion.cc
  19. Momus, Herr F (Was ewig lebt, schreit ewig). Aus dem Englischen von Andreas L. Hofbauer. Berlin: Fiktion 2015; Rajeev Balasubramanyam, Starstruck. Aus dem Englischen von Thomas Melle. Berlin: Fiktion 2014.
  20. http://0x0a.li
  21. Kenneth Goldsmith, Day. Great Barrington / Mass.: Figures 2003.
  22. Kenneth Goldsmith, Soliloquy. New York: Granary 2001.
  23. Hannes Bajohr, Wendekorpus. 0x0a. Berlin: Frohmann 2014.
  24. Gregor Weichbrodt, I Don’t Know. 0x0a. Berlin: Frohmann 2015.
  25. Christiane Frohmann, @FrauFrohmann. Tweet vom 8. April 2014, 21:20.
  26. Christiane Frohmann (Hrsg.), Tausend Tode schreiben. Berlin: Frohmann 2015.
  27. Claudia Vamvas, @akkordeonistin. Tweet vom 24. September 2015, 11:45.
  28. Claudia Vamvas, @akkordeonistin. Tweet vom 23. September 2015, 18:17.
  29. Birte Lanius, @nichtschubsen. Tweet vom 24. September 2015, 11:31.
  30. Frédéric Valin, Trinken gehen.
  31. Christiane Frohmann, @FrauFrohmann. Tweet vom 28. September 2015, 13:24.