Merkur, Nr. 692, Dezember 2006

Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?

Jürgen Paul Schwindt

 

Philologie ist heute nichts, das man ohne weiteres mit der Moderne verbindet. Sie hat es ja in der Regel gerade nicht mit dem Heute, sondern dem Gestern zu tun. Das gilt nicht nur für die alten Philologien, die klassischen (also Latein und Griechisch) wie die orientalischen (also etwa Hebräisch, das Arabisch des Koran, das Altpersische und Altindische), sondern in gewisser Weise auch für die modernen Philologien, die sich ihrer traditionellen Würde und Solidität immer neu durch den archivierenden Rückgriff auf ältere Sprach- und Literaturstufen zu versichern suchen. Philologie hat es für gewöhnlich mit dem Bewahren zu tun. Sie sucht, sammelt und beschreibt die überkommenen schriftlichen Zeugnisse der Vergangenheit. Aber ist sie deshalb per definitionem eine konservative Wissenschaft? Erinnern wir uns, daß ihr moderner Begründer, der Zeitgenosse und Freund Goethes, Friedrich August Wolf, gewiß nicht aus Konservatismus den traditionellen Eintrag in die Immatrikulationsakten der Universität zu Göttingen verschmähte, als er, ein Student von knapp achtzehn Jahren, am 8. April 1777 mit kühner Geste schrieb: »Friedrich August Wolf, philologiae studiosus«. Student der Philologie, das meinte: nicht »theologiae«, nicht »iuris«, nicht »medicinae« und auch nicht »philosophiae«. Das war ein unerhörter, weil beispielloser Vorgang, daß ein Universitätsnovize mit seiner ersten Grußadresse ein neues Fach begründete. Die gut verbürgte Anekdote ist so etwas wie der Gründungsmythos des ältesten Faches unserer geisteswissenschaftlichen Fakultäten (nach Theologie und Philosophie) geworden. Nietzsche hat mehrfach an die Rebellion des alten jungen Wolf erinnert und sich selbst markant in die Tradition philologischer Neuerer eingeschrieben.

Unter der ironischen Überschrift »Wir Philologen« geißelt er in einer unvollendet gebliebenen »Unzeitgemäßen Betrachtung« die »unwahre Begeisterung« seiner Zeitgenossen für das Altertum, ein humanistisch verfälschtes Altertum, das aus den Trümmern jahrhundertelanger verzerrender Darstellung erst noch als das wiederhergestellt werden müsse, das es war: Zeugnis eines Menschlichen, das »mit dem Humanen nicht zu verwechseln ist«, sondern sich »in einer Unmaskiertheit und Inhumanität (zeigt), dass es zur Belehrung nicht zu entbehren ist«. Nicht der Philologie also suchte Nietzsche die Humanität auszutreiben, sondern dem von ihr entworfenen Zerrbild einer humanen Antike. Die zeitgenössische Philologie erscheint ihm zum größeren Teil als »Ameisenarbeit, einfach Unsinn und überflüssig«: »Was hat die griechische Partikellehremit dem Sinn des Lebens zu tun? «Wir werden sehen, daß Nietzsche irrte, wenn er die Philologie für die mancherlei Fehlbildungen seiner Zeit verantwortlich machte. Die griechische Partikellehre liegt in einem gewissen Sinne sogar am Grunde dessen, was wir seit Nietzsche als die urtümliche, spannungsvolle Vitalität des Altertums bewundern. Wo von Philologie die Rede ist, kommt das Gespräch – in bildungsbürgerlichen Kreisen, aber wohl nicht nur in diesen − rasch auf Bildung. Auch der Begriff der Bildung scheint mit allerlei Vorstellungen behaftet, die entschieden mehr mit dem Bewahren als dem kühnen Neuern und Experimentieren zu tun haben. Der Erwerb von Kenntnissen in den Alten Sprachen Griechisch und Latein schien lange Zeit der Königsweg zur bürgerlichen Bildung. Wenn er nur konsequent genug betrieben wurde, mochte er aus den bildungsgeneigten Jungen am Ende sogar aufrechte Humanisten machen. Philologie, Bildung und Humanismus verbanden sich zu einem Pakt, der beschädigt zu werden drohte, sobald man das eine oder andere Element auch nur für einen Augenblick abzuziehen gedachte: Philologie ohne Bildung und Humanismus, Bildung und Humanismus ohne Philologie?

Die konzeptionelle Nähe der Begriffe und Vorstellungen von Philologie, Bildung und Humanismus wird auch in den modernen Kommunikationswelten so selbstverständlich transportiert, daß es an der Zeit scheint, die Verbindung genauer zu betrachten. Denn offensichtlich zieht die Gefährdung oder vorübergehende Diskreditierung auch nur eines der Begriffe die Beschädigung der anderen unweigerlich nach sich. Die größte Gefahr ist zweifellos die jederzeit drohende Etikettierung der Philologie als rückwärtsgewandter, archivarischer Größe. Ein solches Urteil befreit den Philologen unversehens von der Verantwortung, auf moderne Fragen moderne Antworten geben zu sollen.

Gesetzt nun den Fall, Philologie könne auch heute noch modern gedacht werden, modern in jenem emphatischen, fast bilderstürmerischen Sinn Wolfs und Nietzsches: Welche Konsequenzen hätte dies für den Bildungsbegriff, welche für den Humanismus? Welches sind die eigentümlichen Bildungseffekte moderner Altphilologie, und was für ein Humanismus tritt dabei zutage? Fassen wir die Frage nicht zu eng und fragen wir nach der Bedeutung der Altertumswissenschaften für die heutige Bildung.

Diese Frage ist gewiß geeignet, bei manchem Erforscher des Altertums Unbehagen, zumindest Ratlosigkeit oder Verlegenheit hervorzurufen. Begriff und Vorstellung der Bildung sind in den heutigen Altertumswissenschaften problematisch geworden. Das schließt natürlich nicht aus, daß die Wissenschaften vom Altertum nicht nach wie vor ihren Beitrag zur heutigen Bildung zu leisten hätten. Ob und wie sie dies heute noch tun können, auf diese Frage wird man nur dann überzeugend antworten können, wenn in dieser Antwort selbst schon Sinn und Nutzen des altertumswissenschaftlichen Verfahrens zutage treten. Wir meinen also, daß Wissenschaft nur dann glaubhaft über Bildung sprechen könne, wenn sie es mit den Mitteln tut, die ihr charakteristischerweise gegeben sind: So wird der Historiker mit historischen, der Archäologe mit archäologischen, der Philologe mit philologischen Mitteln zu Werke gehen.

Der Historiker wird eine quellenanalytisch geschulte Rede über Sinn und Unsinn der Geschichte halten, der Archäologe wird seine Instrumente und seine − gewiß großartigen − Funde zeigen und über der staunenerregenden Evidenz des Faktischen um Überzeugungskraft nicht verlegen sein; der Philologe aber wird an den Texten selbst seine Kunst zum Sprechen bringen, und wo er nicht als bloßer Dolmetsch fremder Erkenntnis ganz hinter dieser zurücktreten will, den Punkt deutlich benennen müssen, wo Antike und Moderne noch unmittelbar aufeinander bezogen sind. Immer aufs neue wird er das Vorgefundene neu auf seine Zeit, in der er selbst voranschreitet, beziehen müssen, wie ein unendlich progredierender Reflektor, ein Spiegel, ein Medium, auf dessen Oberfläche die Zeiten einander erkennen, einander berühren können.

Auf die sprachliche Vermittlungsleistung sind sie freilich alle angewiesen, die Wissenschaften, die sich in der Kurzformel der Altertumswissenschaften zusammengefunden haben. Nur ein verwegener Kopf würde daraus heute noch einen gewissen Vorrang derWortwissenschaft gegenüber den Sachwissenschaften ableiten wollen. Aber problematisch geworden ist der Begriff der Altertumswissenschaften heute entschieden doch. Und man darf die Frage stellen, ob wenigstens die eigentümliche Arbeit und Leistung der Philologie durch einen solchen Obernamen noch hinreichend erkennbar ist. Nicht nur ist unsicher, wie eng oder wie weit ein solcher Begriff heute zu fassen wäre; er impliziert in jedem Falle ein bestimmtes historisches Konzept, das seine Blütezeit um dieWende vom 19. zum 20.Jahrhundert erlebte. Entwickelt haben sich die Altertumswissenschaften im Anfang des 19. Jahrhunderts durch jenen Prozeß der Ausdifferenzierung spezieller aus Generalwissenschaften, der auch in anderen Zweigen der Humanwissenschaft gleichzeitig zu beobachten ist. Leitwissenschaft war in der Anfangsphase die Klassische Philologie, aus der sich in der Mitte des Jahrhunderts die spezielleren Wissenschaften der Archäologie, der Alten Geschichte, der Papyrologie, Epigraphik und Numismatik entwickelten. Die Ausfaltung der Einzeldisziplinen hat rasch zur Profilierung eigenständiger Fachkulturen beigetragen, deren Kompatibilität sich zunehmend zur Gegenstandsgemeinschaft verengte. Im übrigen wurden die philologischen Altertumswissenschaften philologischer, die historischen historischer. Der gleichzeitige Aufschwung philologischer und historischer Methodologien verfestigte die Fachgrenzen. Als problematisch, ja verhängnisvoll erwies sich für die philologischen Altertumswissenschaften das überlange Festhalten an der für die Nachbardisziplinen geradezu konstitutiven Gegenstandsfixierung. Der vermeintlichen Sicherheit der Gegenstände einer musealisch verwalteten Antike konnte jedoch schon zum Ende des 19. Jahrhunderts keine entwickelte Interpretationsmethode mehr entsprechen. Die moderne Wissenschaft wuchs über eine Textwissenschaft hinaus, die ihre wissenschaftliche Dignität jahrhundertelang aus der inspirierenden Größe und Bedeutung ihrer Gegenstände bezogen hatte und sich jetzt selbst genug geworden war.

 

Vorgeschichte oder Wie die Altertumswissenschaft die Bildung verloren hat

Noch zu der Zeit, als die Klassische Philologie die Königsdisziplin der alten Philosophischen Fakultäten war, gerieten bestimmte Konzepte von Bildung in Mißkredit. Nicht nur plädierte auch Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der führende Klassische Philologe des Wilhelminischen Reiches, für die Einführung des »Realgymnasiums«, er wandte sich persönlich gegen die Herausforderungen, die erst Nietzsche, dann George für die in den Altertumswissenschaften transportierten Bildungskonzepte bereithielten: Mit dem jungen Nietzsche focht der noch etwas jüngere Wilamowitz erbittert um die methodische Ausrichtung der damals noch nicht gar so alten Altertumswissenschaften. Während Nietzsches Geburt der Tragödie die Maximalforderung einer intuitiv-schöpferisch agierenden Philologie zu formulieren schien, beharrte Wilamowitz auf der Unhintergehbarkeit des empirischpositivistisch aufbereiteten Materials und seiner Anschlußfähigkeit an reale Lebenswelten. Über Stefan George andererseits, den Kopf eines in platonisierendem Geiste verfaßten Kreises kosmopolitisch und zugleich elitär denkender Schöngeister, vergoß Wilamowitz den Spott des seiner künftigen Vormachtstellung gewissen, gutsherrnmäßig agierenden Staatsphilologen.

Und doch kannman nicht eigentlich sagen, daß sich die Klassische Philologie freiwillig von ihren Bildungsansprüchen verabschiedet hat. Zwei Weltkriege, die Ausmerzung der jüdischen und großbürgerlichen Intellektualität und Kosmopolitie und ein bald evolutionär, bald reformatorisch sich entwickelndes Bildungswesen haben die Alte Philologie auf die Dauer ihrer Ansprüche entwöhnt. Kurz gesagt: Philologische Bildungskonzepte haben Katastrophen nationalen und internationalen Ausmaßes weder verhindert noch auch nur vorhergesehen, sondern womöglich sogar befördert; es ist nur scheinbar ein Paradox, daß der Bildungsbegriff, soweit philologisch bestimmt, auf dem Höhepunkt seiner konzeptionellen Virulenz, mit Werner Jaegers »Drittem Humanismus«, unterging: Jaeger hatte in den zwanziger und dreißiger Jahren versucht, den Humanismus nach seiner Begründung im 16. und seiner Hochzeit um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert noch einmal ins Zentrum einer modernen Ansprüchen genügenden Bildungskonzeption zu rücken. Der »Dritte Humanismus« hat seine pervertierende Aushöhlung im nationalsozialistischen Erziehungsstaat nicht überlebt. Er ist heute hoffähig nur noch in der Sprache und Vorstellungswelt der Humanismusförderungsgesellschaften. Neue Impulse hat er von den Altertumswissenschaften nicht erhalten noch solche in ihnen ausgelöst.

Die Klassische Philologie glaubte ihren Beitrag zur Bildung die längste Zeit darin erblicken zu können, daß sie auf die für zeitlos erachtetenWerte, Gehalte und Inhalte der griechisch-römischenWelt verwies. Seltener sprach sie von der noch Goethe und Humboldt selbstverständlichen formalen Bildung, die die Arbeit an Formproblemen mit sich bringen kann. So gut wie nie erinnerte sie an die Voraussetzungen, die notwendig sind, das kulturelle »Erbe« auf der Höhe seines je historisch-zeitgenossenschaftlich durchgesetzten und behaupteten künstlerischen Bewußtseins zu adaptieren: Wer avancierte Kunst eines vorchristlichen Jahrhunderts verstehen will, muß eine Vorstellung von dem bald heftigen, bald kaummerklichen Bruch haben, den sie als fortschrittliche unweigerlich an ihrer künstlerischen wie sozialenMitund Umwelt markiert.

 

Gegenwart oder Die Leerstelle

Wenn die Altertumswissenschaften auch heute noch bildend wirken können, so tun sie dies für gewöhnlich en passant, ihre Bildungseffekte sind kontingent. Die schulische Stellung der Alten Sprachen, lange gefährdet, hat sich leidlich gefestigt. Die Nachfrage an den Universitäten hat sich deutlich erhöht. Die Universitäten dagegen beeilen sich, im Zuge der Umgestaltung ihrer Studiengänge, nach Griechisch jetzt auch Latein aus den Curricula zu verabschieden. Das Festhalten am Lateinischen wird mancherorts als Hemmschuh von Internationalisierung und Globalisierung verstanden. Was in Bologna, Edinburgh und Uppsala nicht gewußt werden muß, soll auch in München, Göttingen und Heidelberg nicht als Voraussetzung für die höheren Studien gelten müssen. Die professionelle Gleichgültigkeit gegen Humboldts Bildungselitengedanken bekommt vor allem das Kernfach der alten Universität, das Griechische, zu spüren. Jahrelange Vakanzen einst glanzvoller Lehrstühle selbst an sogenannten Eliteuniversitäten bestimmen das erschütternde Bild des gegenwärtigen Zustandes der Universitätsphilologie. Aber auch andere kosmopolitisch disponierte Diziplinen wie die Mittellateinische Philologie, Inbegriff der grenzüberschreitenden, philosophische, theologische, medizin und rechtshistorische, natur- und kulturwissenschaftliche Diskurse zusammenbindenden »disciplina magica«, werden engmaschigen Denkmustern geopfert. Es ist wichtig darauf zu verweisen, daß längst nicht immer die vielbeschworenen höheren Gegebenheiten, sei es in Ministerien, sei es in Schulbehörden, für die überrasche Abschmelzung des Bildungsberges verantwortlich sind. Die altertumswissenschaftlichen Fächer selbst sind auf den institutionellen Ruin schlecht vorbereitet. In Zeiten des hochschulpolitischen Furors wird es wenig hilfreich sein, auf Konzepte zu verweisen, die schon in günstigeren Zeiten als obsolet denunziert werden konnten. So ist die aufdringliche Programmatik früherer Blütephasen vielerorts nüchterner Skepsis gegenüber allen Formationsansprüchen gewichen. Das Selbstverständnis der aktuellen Wissenschaften vom Altertum ist szientifisch, das Bestreben der Altertumswissenschaft auf Erfassung, Beschreibung und Auswertung der materialen Grundlagen gerichtet.

 

Zukunft oder Wie die Altertumswissenschaft die Bildung zurückerlangen kann

Wie kann Altertumswissenschaft bildend wirken, ohne atavistischen Bildungsvorstellungen nachzuhängen? Hierzu fünf Thesen; dahinter stehen Konzepte, die sich im philologischen Elementarunterricht bewährt haben. Selbstverständlich können sie weder Vollständigkeit noch allgemeine Gültigkeit beanspruchen.

Erstens: Die Wissenschaft vom Altertum hört auf, ihr Arbeitsgebiet nach der fortschreitenden Verfestigung solider Gegenwartsbestimmungen einzuteilen und zu benennen. So gewiß »Altertumswissenschaft« im engeren Sinne der Erforschung eines bestimmten Kulturkreises während einer bestimmten Phase seiner Entwicklung, also im hier interessierenden Falle der griechischen und römischen Kultur in den eineinhalb Jahrtausenden zwische Mykenes Untergang und der Eroberung Westroms, gewidmet ist, so gewiß schließt diese zeitliche Gegenstandsfixierung ihre unmittelbare Relevanz für das Selbstverständnis der Moderne als Moderne gerade nicht aus: Als Archäologie der Moderne sollte die Bedeutung der Altertumswissenschaften unstrittig sein. Sie zeigt uns die ungebrochene Präsenz antiker Vorentscheidungen in so gut wie allem, was unser modernes Denken, Planen, Handeln in Staat und Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst und Religion bestimmt.

Zweitens: Die Wissenschaft vom Altertum ist modern nicht so sehr als Wissenschaft, die ihren Gegenstand up to date bringt, ihr Wissen über denselben nach allen Seiten vervollständigt und dokumentiert. Genau dies ist aber der Trend, der sich in der aktuellen Altertumswissenschaft immer stärker durchgesetzt hat. Unter dem Diktat der von der Bildungspolitik der Ministerien und Hochschulleitungen durchgesetzten sogenannten Drittmitteleinwerbung haben sich Heerscharen von Forschern von der Deutung des vorhandenen, noch weitgehend unerschlossenen Materials auf den Zugewinn immer neuen Materials verlegt, zu dessen Erschließung und Auswertung vermutlich so wenig Zeit bleibt wie für die Pflege des schon vorhandenen Materials. Zugleich werden immer neue Schwerpunkte und Zentren forscherischer Arbeit begründet: Bald sind es die schriftlosen Phasen der materiellen Kultur, bald Übergangs- und Umbruchsphasen. Besonders die Spätzeiten haben es den Materialforschern sichtlich angetan. Die moderne Altertumswissenschaft vermeidet die hektische Ausweichbewegung weg von den Zentren der Traditionsbildung und bringt in den wirkungsmächtigen Überlieferungsbestandteilen das Relief der Moderne zum Vorschein.

Drittens: Die Altertumswissenschaft revidiert ihr seit langem gestörtes Verhältnis zum Ästhetischen, indem sie sich bereit und in der Lage zeigt, dem Ästhetischen auf der Höhe seiner gegenwärtigen Verfassung zu begegnen. Genau dies tut sie heute in der Regel nicht. Vielmehr scheut sie – außerhalb humanistisch sanktionierter Kontaktzonen, also den Museen und Theatern − die Konfrontation mit der ästhetischen Moderne. Dabei ist Ästhetik als Wissenschaft von der Form − zur Schulung unseres Unterscheidungs- und Urteilsvermögens − nicht zugleich mit der Mehrzahl der gängigen Bildungskonzepte obsolet geworden.

Viertens: Eine inhaltsfixierte Altertumswissenschaft wird sich schwertun, dem Teufelskreis von blöder Spannung und kultivierter Langeweile zu entrinnen; vitale Wissenschaft vom Altertum bringt die Dinge bildend auf ihren reflexiven Begriff, weist ihnen ihre systematische Stelle im kulturellen Traditionszusammenhang zu. Sie ist unausweichlich nicht in ihren Themen, sondern als Erschließerin und Deuterin des Alten als eines Ferments moderner Form.

Fünftens: Noch weniger kann sie es sich leisten, auf Gehalte fixiert zu sein. Das berufsmäßige Schwadronieren über Gehalte, sei es die Seelentiefe griechischer Kunstwerke, sei es die Welthaltigkeit römischer Geschichtsexempel, verabsäumt leicht die genaue Beschreibung der Dinge. Die Altertumswissenschaft bildet, indem sie über Bildung nicht redet, sondern die Bildung der Moderne in der genealogischen Vertiefung auf ihre elementaren Konditionen hin durchsichtig macht − als Radikalphilologie.Weil, wie die Erfahrung lehrt, Konzepte eben nicht zeitlos sind, müssen sie radikalisiert, das heißt ihrerseits zum Gegenstand philologischer Subversion werden.

Wenn Altertumswissenschaft als nicht inhalts- noch gehaltsfixierte, ästhetisch aufgeklärte, moderne Archäologie der Moderne von Bildung nicht reden, sondern Bildung zeigen soll, dann kann ihr kein schöneres Demonstrationsobjekt zufallen als jener Text, den nicht nur Laien oft genug für den Inbegriff einer konservativ abgeschmackten Altertumswissenschaft genommen haben. Und wirklich: Wann haben wir zuletzt etwas Gutes über den Anfang des Bellum Gallicum gehört oder gelesen? Es wäre eine lohnende Aufgabe, eine Phraseologie der negativen Beurteilungen des Caesar-Textes zu erstellen.

 

Eine Philologie, die immer schon weiß, was in ihren Texten verhandelt wird, läuft Gefahr, Lektüren auszugeben, die Common-sense-Bildungen erhärten, statt selbst bildend zu wirken. Vergessen wir, was wir uns über diese vielleicht berühmteste Exposition der Literaturgeschichte zu hören gewöhnt haben und fragen wir noch einmal: Worum geht es? Es geht, soviel sei im Vorgriff zu sagen gestattet, um Bildung, genauer um den Auf- und Abbau kultureller Einheiten durch Trennung. Schon das lateinische Wort für Bildung, »eruditio«, legt wie seine französischen, spanischen und italienischen Nachfahren einen Trennungsprozeß nahe: »e-rudire« heißt nichts anderes als »jemanden aus dem Zustande der Roheit, der Unkultiviertheit herausführen«. »Gallien ist in seiner Gesamtheit geteilt in drei Teile; deren einen bewohnen die Belger, einen zweiten die Aquitaner, einen dritten, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in der unseren Gallier genannt werden. Diese alle unterscheiden sich voneinander nach Sprache, Einrichtungen, Gesetzen. Die Gallier trennt von den Aquitanern der Garonne-Fluß, von den Belgern Marne und Seine. Von diesen allen die tapfersten sind die Belger, deshalb weil sie von Bildung und Gesittung der Provinz am weitesten entfernt leben und höchst selten Kaufleute zu ihnen kommen und Dinge importieren, die sie verweichlichen könnten; auch weil sie den Germanen am nächsten wohnen, die jenseits des Rheines siedeln, mit denen sie fortwährend Krieg führen. Aus diesem Grunde übertreffen auch die Helvetier die übrigen Gallier an Tapferkeit, weil sie in fast täglichen Gefechten mit den Germanen kämpfen, wenn sie sie entweder von ihrem Gebiet fernhalten oder selbst in deren Gebiet Krieg führen.«

So also beginnt der berühmte Bericht vom Gallischen Krieg. Es ist von vorne herein bemerkenswert, daß, noch bevor das, was Rom von den Galliern trennt, deutlich wird, die Gallier selbst voneinander unterschieden werden − durch die Dreiteilung in Belger, Aquitaner und Kelten oder Gallier. Erst dann tritt die Unterscheidung Rom−Gallien in den Blick, wenn es heißt: »Selbst nennen sie sich Kelten, in unserer Sprache aber heißen sie Gallier«. Die Feststellung des sprachlichen Unterschieds führt sogleich auf die sprachlich-gesellschaftliche Differenz der gallischen Völker untereinander: »Diese alle unterscheiden sich voneinander nach Sprache, Einrichtungen, Gesetzen«. Es folgen die geographischen Teilungsleistungen: »Die Gallier trennt von den Aquitanern der Garonne-Fluß, von den Belgern Marne und Seine«. In einer Art Neuansatzwird die Teilungsbewegung vom Ganzen zum Einzelnen wiederholt: »Von diesen allen die tapfersten sind die Belger«. Das Alleinstellungsmerkmal der Tapferkeit kann nur in einem Kriegstatenbericht nicht verwundern; erstaunlich ist die Begründung, die wiederum über ein Trennungs- und Alleinstellungsverfahren verläuft. Als die Tapfersten gelten sie, »weil sie von Bildung und Gesittung (a cultu atque humanitate) der Provinz am weitesten entfernt leben und höchst selten Kaufleute zu ihnen kommen und Dinge importieren, die sie verweichlichen könnten«. Das ist eine Einschätzung, die in einem Bericht über die Neuordnung Zentraleuropas durch Romanisierung überraschen muß. Für die Einschätzung der Tapferkeit des fremden Volkes wird die Herabsetzung vertrauter Cultus- und Humanitas-Begriffe in Kauf genommen. Die Tapferkeit, so scheint es, steht außerhalb derselben und wird als Größe eigenen Rechts gefaßt. Um der Faszination fremder Größe gerecht zu werden, darf sogar der Cultus-Begriff gebrochen erscheinen. Möglicherweise muß sich der Kämpfer auf römischer Seite von den »provinziellen« Werten entfernen, um auf der Höhe des Gegners zu sein. Der räumlichen Ferne entspricht die Seltenheit merkantiler Kontakte, des Imports von Software: von Waren, die sie »verweichlichen könnten«.

Im lateinischen Ausdruck für Verweichlichen »ef-feminare« steckt wiederum eine Abgrenzungsbewegung: Männliches wird verweiblicht, effeminiert. In starkem Kontrast zu den Entfernungsargumenten steht nun die Nachbarschaft zu den jenseits des Rheins siedelnden Germanen, mit denen die Gallier »fortwährend Krieg führen«. Man darf das Beieinander von Nähe und kriegerischer Auseinandersetzung in einem Text, der so auf den Austrag bindender und trennender Verlaufslinien im Raum bedacht ist, mit der Stilfigur der zusammengebundenen Gegensätze oxymoral nennen. Unausgesetzter Kampf steht weit ab von Cultus und Humanitas der Provinz.

In einem dritten Anlauf werden nun dieHelvetier qua Alleinstellungsverfahren exponiert: »Aus diesem Grunde übertreffen auch die Helvetier die übrigen Gallier an Tapferkeit« − mit Wiederholung des zuletzt genannten Grundes, des tagtäglichen Kampfs mit den Germanen, »wenn sie sie entweder von ihrem Gebiet fernhalten oder selbst in deren Gebiet Krieg führen«. Die Bedachtnahme auf Grenzziehung und -wahrung und ihre regelmäßige Überschreitung treten als kapitale Antriebskräfte des Krieges hervor. In den Blick tritt zugleich die raumpolitische Fundierung des gallischen Konflikts. Es geht um die Besetzung und vor allem Behauptung von Räumen, deren Abgrenzung durch mehrere Komponenten gewährleistet wird: geographische Trennlinien; sprachlich-institutionelle Verschiedenheit; Distanz vom römischen Einflußgebiet; Nähe zu germanischen Völkern. Alle genannten Faktoren sind kontingent. Tapferkeit und Qualität der gallischen Völker ergeben sich nach »Lage« der Dinge und werden nach Romferne und Germaniennähe bemessen.

Wir stehen vor einem erstaunlichen Zeugnis: Implizit eingestanden wird, daß die in jener Zeit leidlich entwickelte Humanitas-Idee gerade nicht dazu taugt, universalisiert zu werden. In der Konfrontation mit fremden Kulturen zerfällt sie womöglich in ihr genaues Gegenteil: Bildung mißrät zur »effeminatio«. Grenzüberschreitung ist natürlicher Kriegsgrund; wir dürfen vereinfachen: Krieg ist, wenn die Falschen zur falschen Zeit den falschen Ort besetzen. Der Helvetische Krieg ist ein treffliches Beispiel für die raumlogische Kriegsbegründung.

Es ist wichtig zu sehen, daß unter- oder oberhalb der dürren Mitteilungen das Koordinatensystem der raumlogischen Operationen verläuft. Das ganze Bellum Gallicum ist ein Bewegungsspiel, in dem sich Kräfte mehr oder weniger geordnet im Raum bewegen. Differenzen sind nicht notwendig systemgefährdend, in der Exposition des Gallischen Krieges erscheinen sie sogar systemstabilisierend. Roms Eingriff, übrigens, in das Fremdsystem der gallischen Verhältnisse wird legitimiert durch den berühmten Zug der Helvetier in Richtung auf Römisch-Gallien, eine Art Eingriff in das Außen des innergallischen Systems.

Es ist noch nicht bemerkt worden, wie sehr Caesars Einleitung in den Gallischen Krieg an die subtilen Einteilungs- und Ordnungsstrategien der römischen Fachwissenschaften erinnert. Die hellenistisch-römische Fachwissenschaft hat ein überlegenes System präziser Einteilungen und Untereinteilungen entwickelt. Ihre definitorische Energie ist legendär. Ob Mathematik oder Logik, Astronomie oder Musik, Rechtswissenschaft oder Agrikultur, Zoologie oder Botanik, die neuen Wissenschaften vom Menschen und seinen umweltlichen Bezugssystemen glänzen durch Überblick, Detailgenauigkeit und Ordnung. Die Einteilungskunst zählt zu den prominenten Bezirken namentlich der Redekunst. Die Rhetoren lieben es, ihren Gegenstand, die menschliche Rede, nach allen irgend denkbaren Gesichtspunkten zu untergliedern und nach allen irgend denkbaren Untergesichtspunkten zu analysieren. Aber auch im Gegenstand der Unterweisung selbst, nämlich bei der Frage, wie man eine Rede schreiben müsse, unterscheiden sie eine bestimmte Phase, in welcher sich der Redner Rechenschaft geben soll von Aufbau und Gliederung der zu verfertigenden Rede.

Es ist dies der zweite, gleich auf die Stoffindungsphase folgende Abschnitt. Die Redelehrer nennen ihn »dispositio« oder »partitio«, also »Einteilung« oder »Gliederung« und definieren ihn wie folgt: »Die Anordnung des Stoffes ist das Ordnen und Verteilen der Einzelpunkte; sie macht kenntlich, was an welchem Platze anzuordnen ist« (Rhetorica ad Herennium in der Übersetzung von Theodor Nüßlein). So weit, so gut. Doch was hat die Anordnungsobsession des Kriegsberichterstatters mit Bildung, was mit Humanität und gar Humanismus zu tun? Das Faszinierende am Seitenblick auf die Rhetorik ist, daß wir nun ein Werk gewahr werden, das in einem tieferen, grundlegenden Sinne den Zusammenhang von Teilung und Bildung behauptet: In der Mitte der fünfziger Jahre, also genau jener Jahre, da Caesar in Gallien Krieg führt, entsteht in Rom ein Werk von bis dahin nicht gekannten Ausmaßen: Ciceros rede- und Bildungstheoretisches Hauptwerk Vom Redner. In drei umfänglichen Büchern entwickelt Roms begnadetster Redner seine Auffassung vom »orator perfectus«, dem »vollendeten Redner«: Wie Sprache, als Inbegriff des Menschlichen gefaßt, immer schon über den je spezifischen Anwendungsfall banallinguistischer Kommunikation hinausstrebe, so müsse auch der Redner im Zuge seiner allmählichen Vervollkommnung über die primären Geschäfte sprachlich-rhetorischer Prägung hinauswachsen und seinerseits die Wendung vom bloß Rhetorischen aufs Humane verkörpern: als umfassend gebildeter, in Recht, Geschichte und Philosophie gleichermaßen unterrichteter Mensch.

Nähern wir uns diesem Gegenstande in zwei Schritten: Zunächst müssen wir sicherstellen, daß es überhaupt Sinn mache, einen militärisch-historischen Geschäftsbericht auf der Folie rhetorischer Unterweisungen zu lesen. Nun, in einem zentralen Passus des zweiten Buches Vom Redner handelt Cicero von den technisch-poetischen Prinzipien der Geschichtsschreibung. Und er läßt keinen Zweifel daran, daß er die Anwendung rhetorischer Grundsätze auf historiographische Darstellung − auch von der Art der Caesarianischen Geschichtsbücher − für selbstverständlich ansieht: »Seht ihr nicht, was für eine schwierige Aufgabe die Geschichtsschreibung für einen Redner ist? Vielleicht die schwerste, was den Fluß der Rede und die Mannigfaltigkeit des Ausdrucks angeht. Und die finde ich bei den Rhetoren nirgends mit besonderenm Vorschriften ausgestattet; sie liegen ja auch auf der Hand« (Übersetzung von Harald Merklin).

Es folgt die erste erhaltene rhetorische Poetik der Geschichtsschreibung aus römischer Feder. Wenn es aber Rhetorik ist, die jede künstlerisch versierte Geschichtsdarstellung fundiert, sollte ein neuer Blick auf den berühmten Anfang des Bellum Gallicum mehr als gerechtfertigt sein. Denn, nach den Regeln der Rhetorik gelesen, ist ein Anfang immer etwas mehr als ein Anfang. Was man dem nüchternen Kriegsberichterstatter bisher als Attitüde des Tatmenschen, der ohne lange Umschweife »in medias res« schreitet, durchgehen lassen mochte, wird jetzt vielleicht in anderem Lichte erscheinen. Auch die geflügelte Rede selbst, das »in medias res« des Tatmenschen, wird womöglich eine neue Färbung annehmen. Wir werden sehen, daß die meisten Regeln rhetorischer Darstellungskunst, ohne daß dies bisher bemerkt worden wäre, schon in Caesars Einleitungssätzen beobachtet sind. Gleich der Anfang der geordneten Rede, so Cicero, soll die luziden Ordnungsprinzipien erkennen lassen: »Beim Reden müssen aber die einleitenden Partien stets nicht nur präzise, treffend, reich an Gedanken und angemessen in der Formulierung sein, sie müssen auch besonders zu der Eigenart der Fälle passen.

Die Einleitung ist es ja, in der sich die Rede zuerst empfiehlt und zu erkennen gibt, und das muß den Zuhörer sogleich einnehmen und gewinnen.« Wir dürfen davon absehen, daß sich diese Bestimmungen in den Bemerkungen über Gerichtsreden finden; sie gelten auch für die politischen und Lobreden. Fest steht auch, daß sich Caesars Kriegsberichterstattung nicht auf ein tradiertes Gefüge literarischer Regeln berufen konnte. Aber Fälle sind die Feldzugsberichte in aller Regel doch. Es hat nun den Anschein, daß sich die ersten Sätze des Bellum Gallicum nicht in einen bestimmten Bereich des rhetorischen Regelsystems integrieren lassen. Es fehlen Anrede des Lesers wie überhaupt jede Form der Geneigtmachung desselben, es fehlt der Versuch, den schriftstellerischen Hintergrund des Autors in ein wie immer geartetes Verhältnis zu setzen. Wenigstens wollen sich die geostrategischen Überlegungen nicht ohne weiteres in ein rhetorisches Schema fügen. Stattdessen wird das Objekt der militärisch-strategischen Annäherungsversuche umrissen, indem es nach geographischen und kulturell-gesellschaftlichen Gesichtspunkten eingeteilt wird. Die Teilungsapparatur schafft Grenzziehung, bildet Körperschaften und Räume unterschiedlicher Disposition. Wer wollte bestreiten, daß ein solcher Anfang, ein solcher Aufriß zum Anfang eines Werkes über Teilungen, Zerlegungen, Bildungen paßte? Und auch folgender Grundsatz aus Ciceros Unterweisungen ist beherzigt: »So wie dort, wo es um den Redner geht, jeweils der beste an der Spitze stehen soll, so soll auch in der Rede jeweils das stärkste Argument am Anfang stehen.«

In Caesars Darstellung stehen die Macht des Raumes, die Naturgesetzlichkeit der Spaltungsvorgänge und die Indifferenz vorhandener Formationen gegen exteriore Bildungskonzepte am Anfang. Es versteht sich, daß auch jene Regel beherzigt ist, wonach ein rechter Anfang erst am Schluß geschrieben wird: »Erst wenn ich alles das erwogen habe, überlege ich zuletzt gewöhnlich das, was ich an erster Stelle sagen muß, womit ich beginnen soll. Denn wenn ich das einmal zuerst ausfindigmachen wollte, fiel mir nichts ein als dürftiges, nichtssagendes, gewöhnliches oder banales Zeug.« All dies ist der Caesar-Anfang selbstredend nicht.DieVergegenwärtigung des ganzen Falles ist die unerläßliche Voraussetzung für das Konzentrat des Anfangs: »Das aber darf man sich beim Reden nicht von irgendwoher außerhalb besorgen, man muß es vielmehr aus dem eigentlichen Kern des Falles selbst entnehmen. Deswegen gilt es, wenn der ganze Fall geprüft und untersucht ist, wenn sämtliche Gesichtspunkte aufgefunden und eingeordnet sind, zu überlegen, welcher Einleitung man sich bedienen muß.«

Es ist, als schriebe Cicero an gegen die Versuchung des offenen, zufälligen, kontingenten Anfangs; dagegen stellt er die Architektur des idealen, aus einem logischen Zentrum bis an die Ränder, besonders den Anfang ausströmenden Falles. »Die in der Einleitung exponierten Hauptpunkte der Argumentation werden … einerseits einen bedeutungsvollen Beitrag leisten, wenn sie gewissermaßen dem Kern der Verteidigung entnommen sind, andererseits wird deutlich werden, daß sie nicht nur keine Banalitäten sind und sich auf keine anderen Fälle übertragen lassen, sondern daß sie vielmehr zutiefst aus dem Fall, der gerade zur Verhandlung steht, erwachsen sind.« Konzentration auf das Wesentliche eines Anliegens sichert Bedeutung; nicht Gemeinplätze, sondern Charakteristika, wie sie nur dem Innersten der Beweisführung entnommen sein können, sind gefragt. Das führt auf die semiotischen Weiterungen: »Jeder Anfang muß aber entweder die Bedeutung des gesamten Gegenstandes der Verhandlung in sich tragen oder einen bequemen Zugang zu dem Fall eröffnen oder ein gewisses Maß von Glanz und Würde mit sich bringen.«

Die Beachtung dieser und der vorgenannten rhetorischen Regeln geht bei Caesar sogar noch über ihre schematische Anwendung hinaus. Seine Einleitung in den Gallischen Krieg führt uns an und für sich vor, was es bedeute, einen Text zu exponieren. Die Anwendung des rhetorischen Regelwerks wird sichtbar in den elementaren textlichen Ordnungsleistungen, die sich mimetisch zum Ordnungswillen des Schreibers und rhetorischen Historikers verhalten. Oder ist es umgekehrt? Macht das schreibende Ordnen, daß sein Gegenstand, die Provinzialisierung Zentraleuropas, allererst deutlich werde? Es geht um das Verhältnis von Kommentar − »commentarii« heißen Caesars Rechenschaftsberichte − und zu kommentierender Sache: In jedem Falle erhält der Rechenschaftsbericht seine tiefere Beglaubigung − als schreibender Nachvollzug einer vorgängigen Ordnungsleistung wie als zugleich retrospektiv und vorausschauend agierende Ordnungsmacht, die die Ratio des Verhandelten überhaupt zu Bewußtsein bringt. Es dürfte deutlich geworden sein, daß in Caesars Exposition mehr als nur die Einführungsleistung erbracht ist. Sie läßt sich als verschlüsselte Deutung des ganzen Werkes lesen. Eines Werkes über Bildung. Eines Werkes über Stil. Es scheint, daß Caesars Exposition changiere zwischen handfester geohistoriographischer Information, impliziter Mitteilung theoretischer Einteilungsprinzipien und formativer Ambition.

In dieser Annahme bestärkt uns die hier in Anschlag gebrachte Folie der Bestimmungen des Ciceronischen Hauptwerkes Vom Redner: nur daß die dort ausgegebenen Maximen bei Caesar, wie für den Anwendungsfall natürlich, weitab von humanistisch gearteter Voreinstellung verhandelt werden. Im Gegenteil: Den Menschen und sein historisches Handeln zu beschreiben, braucht es Techniken, die nicht per se auf Humanitas gegründet sind. Die Rechenschaftslegung − als »Wissenschaft« − dehumanisiert den Menschen, um ihn distant betrachten zu können. Als das virtuelle Ergebnis diverser Abgrenzungsverfahren kommt Bildung zunächst nur als das Abfallprodukt eines Beschreibungs-, also Dehumanisierungsprozesses in Betracht. Der Mensch wird auf seine Intentionen hin durchsichtig gemacht. Reduziert wird er auf die Summe seines Wollens, sofern es sich im Durchschreiten von Räumen und Abstecken wie Überschreiten von Grenzen zu erkennen gibt.

Die semantische Problematik, die sich schon dem Sextaner in der unsicheren Handhabung des lateinischenWortes für Raum und Grenze (»finis«, »fines«) entdeckt, mag hier ihren Ursprung haben. In Caesars Bildungstext vermischen sich dehumanisierte Perspektive und Beschreibung der geohistorischen Dinge. Das mag die eigenartige, halb illusorisch-theatralische, halb »wissenschaftliche« Ausstrahlung des Werkeingangs und wohl auch die Katastrophe seiner Rezeption erklären, die genau das beanstanden zu müssen meinte, was den Reichtum des Textes ausmacht: das Sinnfälligwerden der Theorie, das heißt nüchterner militärisch-politischer wie basal-literarischer Strategie, als Stil.

Der Konflikt von ahumaner Deskription und humanem Gehalt bleibt auch in Ciceros Generalversuch der humanistischen Rednerverfassung unaufgelöst, wenn die Bildungsgehalte in die Architektur eines rednerischen Systems überführt werden. Die häufigen Bezugnahmen auf Raummetaphorik in Ciceros Bildungsbau werden aufmerksamen Lesern schwerlich verborgen geblieben sein. Besonders die eigentlichen Bestimmungen über die Bildung der Geschichte nehmen von tektonischen Bildern, sei es den »Fundamenten«, sei es dem »Aufbau« (»fundamenta«, »exaedificatio«), ihren Ausgang. Klar geworden sein dürfte auch, daß sich der ganze Bau nur dem erschließt, der sein Entschlüsselungswerk nicht erst bei den Zinnen beginnt, sondern schon an den Fundamenten ansetzt. Es wird noch immer ein Bild sein, das er sich von der Bildung macht, ein Sprachbild zumal, aber das Bild schützt ihn vor der Illusion, er könne anders als in Bildern der Sprache im Bilde sein.

Zwei Dinge vor allem sind es, die so befremdlich wie erstaunlich anmuten können: Es ist erstaunlich, daß Ciceros großer Menschenbildungsversuch seine Probe auch an einem Text bestehen kann, den man gerade nicht zu den Manifesten humanistischen Denkens gerechnet hätte. Die elementare Codierung der Caesarianischen Kriegsprosa entspricht jedoch in allen wesentlichen Punkten dem Bau der Rede, zu dem Cicero die Adepten der lateinischen Redekunst anleiten will. Radikalphilologisch betrachtet, unterscheidet sich die Rede vom Kriege nicht von jeder anderen auf Entscheidung, Überzeugung, Lob oder Tadel gerichteten Rede. Sie verbirgt ihre rhetorische Struktur nur besser, indem sie das, was menschliche Ordnungsleistungen begleitet, grundsätzlicher faßt und in seinen Fundamenten zur Darstellung bringt. Über dieser vergrundsätzlichenden Geste kann das, was am Ende doch ausgedrückt wird, leicht mißdeutet werden. »Menschliches, allzu Menschliches« erscheint inhuman, Leidenschaft als Kälte, Stil alsMangel an Formwillen und Kontur. Caesars Humanismus ist ein Humanismus der passionierten und in der Leidenschaft erfrorenen Form. Er kommt nicht inhaltlich daher, sondern ist formal als Bildung vor aller Bildung, als formale Prägung gedacht.

Noch erstaunlicher ist, wenn wir den hier ausgebreiteten Befund ernst nehmen, daß Philologie und Bildung gleichwohl über Jahrhunderte, von Erasmus bis heute, ein so enges Bündnis eingehen konnten. Philologie ist ja zunächst nur eine Abbaubewegung, die den Menschen in den Texten zum Verschwinden bringt, indem sie die Fassade menschengemachter Kommunikation und Überzeugungsrituale umstürzt und die so skelettierten Aussagen nach ihren basalen Bewegungsrichtungen befragt. Als Wissenschaft ignoriert sie den ideologischen Überbau, den die Autoren und ihre Leser durch die Zeiten über ihnen errichtet haben. Wenn sie die Wurzeln freigelegt hat, notiert sie unerschrocken die generische Formel und gibt das Gerüst alsdann − in umgekehrter Bewegung − dem Gehäuse zurück. Wenn etwas an der Philologie human ist, dann der Respekt vor dem Unverstandenen, dessen Erschließung nie um den Preis der abschließenden Veräußerung geschehen darf.

Jetzt wird auch klarer, warum Nietzsches Kritik der Philologie ein denkbar schlechter Ausgangspunkt für jede Kritik an zeitgenössischer Unkultur ist. Die Philologie selbst ist das berufene kritische Organon, das einer überheblichen Moderne die abgrundtiefen Risse, die als die verdrängte Antike jederzeit an ihr hervorbrechen können, zu Bewußtsein bringen mag. Ihr Pakt mit dem Menschlichen, allzu Menschlichen gilt nur soweit, wie dieses sich bereit zeigt, den Blick in seine schwindelerregenden zeit-räumlichen Tiefen freizugeben. Sie ist nicht Apologetik des »Heute«, allenfalls das stumme »memento mori« einer geschichtsvergessenen Kultur. Was aber nun ist die praktische Aufgabe der Philologie? Nur Größenwahnsinn oder Naivität könnten zu der Annahme verführen, es sei Aufgabe der Philologie, die Gedanken der Verfasser, Autoren, Schreiber unserer Texte noch einmal zu denken. Legionen von braven Universitäts- und Schulmännern müßten über dem Nachvollzug solcher Gedanken, als Nachdenker, vom Genius der Vordenker berührt, von der Muse geküßt worden sein. Der Niedergang der Klassischen Philologie in der öffentlichen Reputation spricht eine andere Sprache.

Der Philologe sieht nur, was der Text mit der konzeptionell aufgeladenen Rede gemacht hat. Und beschreibt die Operationen, deren Ineinandergreifen diesen Text zustande gebracht hat. Er sucht ihn an den Wurzeln zu fassen und kann ein Stück weit verfolgen, wie das Radikalmaterial über den angestammten Bereich hinausschießt und sich mit anderem Wurzelwerk verbindet. Er sucht Zugang zum Getriebe des Textes, sucht in sein Gehäuse zu kommen und womöglich den generischen Code zu erschließen, der die Ratio des Textes bestimmt. Solches Handwerk ist notwendig subversiv, weil es den Schnelldenkern ins Gehege kommt, die schon wissen, was Sache ist, noch bevor sie gelesen haben. Die Bildungsleistung der Philologie ist so elementar, daß sie leicht übersehen wird; sie legt die Bildungsleistung der Texte offen, indem sie durchsichtig zumachen sucht, was der Text wie woraus gebildet hat und was andere Texte wie mit diesem Text gemacht haben. Im Gehäuse des Textes darf der Philologe am ehesten hoffen, jenen Punkt der Textverfertigung zu erhaschen, der am widerständigsten ist gegen zeitliche Unbilden wie Umbildungen durch Zeit. Im Gehäuse des alten Textes sitzt er also zugleich im Räderwerk der Moderne, deren zeiträumliche Bildeverfahren, soweit wir sehen, über die aus der Antike vertrauten nie hinausgekommen sind. Radikalphilologie hätte die Texte durchsichtig zu machen hin auf ihr elementares Ordnungssystem, ihre raumzeitliche Fixierung zumal. Diese liefert die Matrix oder Wurzel für ein Geschehen, das sich dann, um noch einmal auf Caesar zurückzukommen, in konzeptionellen Begriffen als Konzept der Geschwindigkeit, der Besetzung und Entleerung von Räumen, der Kontrolle, der Organisation, der Verständigung oder eben auch des Krieges fassen läßt. Anders gesagt: Radikalphilologie ist Konzeptarbeit unterhalb der Stoff- und Motivebene, die den pathetischen Apologien der Beschäftigung mit dem Altertum die Bildungsleistung elementarer textlicher Operationen entgegenstellen und so das Räderwerk der Moderne in der Antike zum Hören bringen soll.

Was Philologie, ohne selbst ihrem Wesen nach human, humanitär oder gar humanistisch zu sein, offenlegt, ist die negative Utopie eines Humanismus nach oder vor allen Humanismen: Nennen wir ihn nicht den ersten, zweiten oder dritten, sondern den »Schwarzen Humanismus«. Schwarzer Humanismus, weil er durch die bewußte Ausschaltung aller in konstruktiven Bildern operierenden Verständnisinnigkeit »ex negativo« aus dem Fundament sprachlicher Einteilungs- und Ordnungsleistungen entwickelt wird. Er ist der bloße Effekt philologischer Unterwanderungsarbeit und wird zuweilen als die schwarze Sonne im Abgrund unserer Ideen sichtbar. Altertumswissenschaft könnte für die heutige Bildung deshalb von Nutzen sein, weil sie gerade heute imstande sein sollte, die zeitlose Modernität des Altertums auf einem Niveau zu vermitteln, das den zeitgenössischen Diskurskontexten adäquat ist. Wenn sie erkannt hat, daß das »nostra res agitur« der antiken Welt keine Sache der sporadischen Vergegenwärtigung, sprich Aktualisierung, sondern ein Konstituens unseres Weltverhaltens ist. Der Bildungsprozeß der Antikelektüre bildet in der Lektüre des alten Textes den modernen Menschen in uns.